„Nutze den Tag!“ – Zeitempfinden und Arbeitsdisziplin im Kapitalismus

In dieser Woche setzen wir unsere Blogpost-Reihe zum Thema Zeit fort und starten mit einem Beitrag von Vanessa Ossino. Sie diskutiert die Zeitlogik des Kapitalismus und argumentiert für das politische Potenzial von Passivität.

Wir alle wissen: Zeit ist Geld. In einer Kultur, in der Zeit als Wert und Ware gehandelt wird, wiederholt sich jenes Motto als Mantra in unzähligen Köpfen von fleißigen und effektiven Menschen oder wird zum Zukunftshorizont für diejenigen Personen, die es allererst werden wollen. Dass Zeit Geld ist, wusste schon derjenige Mann, dessen Gesicht heute den 100 Dollarschein schmückt: Benjamin Franklin. Im Glanze der puritanischen Disziplin bürgerlicher Zeiteffektivität kritisierte der amerikanische Staatsmann, der sich zeit seines Lebens für Uhren interessierte und mit dem Erfinder der Kontrolluhr befreundet war, diejenigen Personen, die ihre Zeit „sorglos vertändeln“, da sie „in Wahrheit Geldverschwender“ seien. Die Verbreitung dieses Mantras ist ein historisch spannender Effekt puritanischer Arbeitsdisziplin, die sich als ein wesentliches Element der industriellen Revolution und dem daraus resultierenden Industriekapitalismus auszeichnet. Schon Karl Marx wusste, dass Arbeitskampf immer auch Kampf um Zeit und die Verfügung über Zeit eine wesentliche Modalität der ursprünglichen Akkumulation ist. Die lineare Zeit der kapitalistischen Produktionsweise hat einen erheblichen Beitrag dazu geleistet, so Marx, dass sich eine Arbeiterklasse entwickelt hat, „die aus Erziehung, Tradition [und] Gewohnheit die Anforderungen der Produktionsweise als selbstverständliche Naturgesetze anerkennt“. Es gilt also danach zu fragen, welche Denkfiguren und Praktiken Räume eröffnen können, die eine Potentialität für ein Jenseits kapitalistischer Zeitlogiken bereithalten. (mehr …)

Weiterlesen

Wie Adam Smith den Kapitalismus erfand – oder so ähnlich

Im zweiten Beitrag unseres mit dem Politik & Ökonomie Blog veranstalteten Adam-Smith-Schwerpunkts widmet sich Christian E. W. Kremser den häufig übersehenen utopischen und geschichtsphilosophischen Elementen in Smiths Denken.

Adam Smith gilt in der ökonomischen Theoriegeschichte – ja, richtig gelesen, so etwas gibt es wirklich, auch wenn sie unter den Disziplinen der Volkswirtschaftslehre heute allenfalls noch ein trauriges Randdasein fristet – als Begründer der ‚Klassik‘. Mit dieser Epochenbezeichnung geben die meisten Darstellungen der Geschichte des ökonomischen Denkens wiederum den Entstehungszeitpunkt der Volkswirtschaftslehre an. Smith wird auf diese Weise zum Ahnvater einer ganzen Wissenschaft stilisiert. Um dieses – zugegebenermaßen nicht unbegründete – historische Urteil zu rechtfertigen, wird für gewöhnlich vorgebracht, dass sich mit der Klassik eine Entwicklung Bahn gebrochen habe, in der sich die Ökonomik schrittweise von einer normativen hin zu einer positiven Disziplin wandelte. Dieser Prozess habe mit dem allmählichen Auseinanderbrechen der klassischen Trias der praktischen Philosophie begonnen und sei schließlich in der Konstitution der Ökonomik als einer eigenständigen Wissenschaft gegipfelt. Die seinerzeit neu aufgekommene Vorstellung, dass es Gesetzmäßigkeiten im menschlichen Handeln geben könnte, die sich unabhängig von ihren Intentionen erklären ließen, markiere dabei den Startschuss für die Emanzipation der Ökonomik von der Philosophie.

(mehr …)

Weiterlesen

Schwerpunkt: Die vielen Gesichter des Adam Smith

Adam Smiths Geburtstag jährt sich in diesem Jahr zum 300. Mal. – Der Politik & Ökonomie Blog und der Theorieblog nehmen das diesjährige Smith-Jubiläum zum Anlass, sich in einem auf beiden Seiten veröffentlichten Schwerpunkt dem schottischen Moralphilosophen und politischen Ökonomen zu widmen. Für dieses Kooperationsprojekt konnten Forscherinnen und Forscher aus der Wirtschaftswissenschaft, der Philosophie und der Politikwissenschaft gewonnen werden, die Smith auf Fragen unserer Zeit beziehen, ihn in seiner Zeit verorten, seiner theoriegeschichtlichen Bedeutung nachspüren und Einblicke in die Wirkungsgeschichte seines Werkes geben.  (mehr …)

Weiterlesen

CfP PROKLA 214: Feministische Ökonomiekritik

Ausgehend von der Diagnose, dass sich die feministische Diskussion rund um den Zusammenhang von Vergeschlechtlichung, Patriarchat und Kapitalismus in den vergangenen Jahren deutlich verschoben hat, will die PROKLA 214 zur Klärung des Ökonomieverständnisses und der Ökonomiekritik innerhalb des feministischen Denkens beitragen. Diese Bemühungen stehen nicht zuletzt im Horizont der Corona-Pandemie. Die Redaktion schreibt, dass „die krisenhafte gesellschaftliche Ungleichverteilung der Reproduktions- und Care-Arbeit als integraler Bestandteil von gesellschaftlichen Krisendynamiken gelesen werden muss. […] Auf der theoretischen Ebene verbinden materialistisch-feministische Theorien eine Kritik an patriarchalen Strukturen und Geschlechterverhältnissen in der Regel mit einer spezifischen Analyse der mit ihnen vermittelten ökonomischen Verhältnisse und der Strukturlogik des Kapitals. […] Zuletzt sind etwa im Zuge der Debatten um soziale Reproduktion, Care und feministische Kapitalismuskritiken auch im deutschsprachigen Raum vermehrt Arbeiten in Anschluss an die Social Reproduction Theory entstanden, die wiederum zu postkolonialen, ökologischen und intersektionalen Zugängen produktive Bezüge herstellen.“
Wer sich mit einem Aufsatz an der hiermit angestoßenen Debatte beteiligen möchte, ist eingeladen, bis zum 7. August 2023 ein Exposé (1-2 Seiten) an die PROKLA-Redaktion zu senden. Weitere inhaltliche Anregungen sowie die vollständigen organisatorischen Informationen zum Call finden sich auch noch einmal im hier verfügbaren Dokument.

Weiterlesen

CfP: Workshop „Artistic Realism and Social Abstraction“ (Fribourg, 23./24.11.)

Für einen Workshop mit dem Titel „Artistic Realism and Social Abstraction: Constructing Reality in Contemporary Art and Theory“, der am 23./24. November 2023 in Fribourg stattfinden wird, lädt Tobias Ertl zu Einreichung von Beitragsvorschlägen aus Perspektive unter anderem der Geschichtswissenschaft, Philosophie, Soziologie, Gender Studies und Medienwissenschaft ein. Interessierten bleibt hierfür noch bis zum 30. Juni Zeit. Ausführlichere Informationen zur Veranstaltung finden sich hier.

Weiterlesen

Konferenz „Democracy in Uncertain Times“ (12./13. Juni, Gießen)

Am 12. und 13. Juni findet in Gießen eine internationale Konferenz mit dem Titel „Democracy in Uncertain Times“ statt. Neben Panels zu den Themen „Insecure Societies“, „The Rise of Autocracy“, „Securitization of Borders“, „Disasters and Protests“, „Securitization of Climate Politics“, „Racialized Democracy“, „Democratic Regression“ und „Struggles and Change“ wartet die Konferenz mit Keynotes von Humeira Iqtidar über „Justice from the Global South“ und Gargi Bhattacharyya zu „Racial capitalism is a question about solidarity and survival: the urgency of antiracism in an imploding Europe“ auf. Das auch ansonsten prominent bestückte Programm sowie alle weiteren Hinweise zur Konferenz findet sich hier.

Weiterlesen

Workshop: Politics and Memory of Transitional Time (Frankfurt/Oder)

Am 4. Mai 2023 findet ab 14:00 Uhr ein Workshop an der Europa-Universität Viadrina (Frankfurt/Oder) zum Thema „Politics and Memory of Transitional Time“ mit Beiträgen von Gal Kirn (Ljubljana), Katja Diefenbach (Frankfurt/Oder), Lea Kuhar (Berlin), José Maria Durán Medrano (Berlin), Ksenia Robbe (Amsterdam) und Özgün Eylül İşcen (Berlin) statt. […]

(mehr …)

Weiterlesen

Buchworkshop: „Wirtschaft, Demokratie und liberaler Sozialismus“ (Dortmund)

Am 16. und 17. März 2023 findet an der TU Dortmund ein Workshop zu dem neu erschienenen Buch „Wirtschaft, Demokratie und liberaler Sozialismus“ (Campus) von Hannes Kuch statt. Der Workshop widmet sich der Diskussion dieses Buches, das unterschiedliche Alternativen zum Kapitalismus analyisiert. Der kapitalistische Markt unterwandere das, was G.W.F. Hegel ‚Sittlichkeit‘ nannte: ein lebendiges, wirksames Ethos demokratischer Gerechtigkeit. Daraus ergibt sich für Kuch die Forderung, dass demokratische Fähigkeiten bereits in der Wirtschaft eingeübt und wachgehalten werden müssen. Der Workshop findet hybrid statt. Anmeldungen sind bis zum 9. März 2023 an christian.neuhaeuser@udo.edu möglich. Das Programm kann hier eingesehen werden.

Weiterlesen

Buchvorstellung & Diskussion: „Der erschöpfte Staat. Eine andere Geschichte des Neoliberalismus“

Mit Diskussionsbeiträgen von Thomas Biebricher, Bernhard Rieger, Uwe Schimank und Wolfgang Streeck stellt die Historikerin Ariane Leendertz ihr Buch „Der erschöpfte Staat: Eine andere Geschichte des Neoliberalismus“ (Hamburger Edition) vor.  Die Veranstaltung wird am 23. Februar 2023 am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln stattfinden. Anmeldungen sind bis zum 15. Februar an info@mpifg.de erbeten.

Weiterlesen

Philosophie für das Silicon Valley: Longtermism

Wenn es in der Philosophie so etwas wie populäre Trends gibt, dann gehört der Longtermism gegenwärtig sicher zu den einflussreichsten. Longtermism beschäftigt die Frage nach der moralischen Verantwortung auf lange Sicht. Es ist ein Trend der weniger in Academia als in Podcasts, populären Büchern und privaten Stiftungen stattfindet. Im Silicon Valley erfreut er sich großer Popularität. Zuletzt ist ihm größere Aufmerksamkeit zugekommen, weil einer seiner prominentesten Förderer, der inzwischen bankrotte Krypto-Unternehmer Sam Bankman-Fried, sich als Betrüger herausgestellt hat. Einer der wichtigsten theoretischen Vertreter des Longtermism ist der Shooting Star William MacAskill, junger Assistenzprofessor für Philosophie in Oxford, zeitweise jüngster Philosophieprofessor weltweit. In seinem neuen Buch „What We Owe the Future“ möchte er die zentralen Thesen des Longtermism einer breiteren Öffentlichkeit präsentieren. Elon Musk sieht das Buch nah an seiner eigenen Philosophie. Bill Gates nennt MacAskill einen „Data nerd after my own heart”.

(mehr …)

Weiterlesen