Sorge an den Grenzen Europas

Nach vielfältigen Beiträgen unserer Debatte um den Begriff der Sorge diskutiert Jasmin Behrends zum Abschluss Sorge als universelle zwischenmenschliche Praxis und rückt dabei die Situation an den EU-Außengrenzen ins Blickfeld.

Vielen ist das Thema Sorge, Fürsorge oder Care in deutschsprachigen, sozialwissenschaftlichen Debatten als eine Kernfrage feministischer Politik bekannt, welche häufig entlang vergeschlechtlichter Ungleichheitsverhältnisse in klassisch feminisierten und gesellschaftlich abgewerteten Arbeitsbereichen der Kinderbetreuung, der Pflege, der Bildung und der Hausarbeit diskutiert wird. Neben diesen etablierten Care-Debatten zeigen aktuelle Werke wie das Care Manifesto des The Care Collective wie der Strang der Care-Ethik aus der feministischen Moralphilosophie einen anderen, universellen Sorgebegriff prägt. Die Autor:innen Joan C. Tronto und Berenice Fisher betrachten Sorge auf diese Weise als ubiquitäre Handlung, die sich in einer Vielzahl unserer alltäglichen Praktiken wiederfinden lässt und eine essenzielle Grundlage menschlichen Lebens in einer interdependenten Welt ist. Ausgehend von einem Begriff der Sorge, der diese als universelle zwischenmenschliche Praxis versteht und das Aufeinander-angewiesen-sein als lebensnotwendig in den Vordergrund theoretischer Überlegungen stellt, lässt sich aus einer machtkritischen Perspektive die Frage diskutieren: wer kümmert sich in einer bestimmten Situation / Konstellation um wen und wer wird von Sorge ausgeschlossen?

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Pflicht, Verantwortung, Genuss!? Appell für ein lustvolles Sorgen in der politischen Philosophie

Der zweite Text in Teil 3 unserer Debatte um den Begriff der Sorge behandelt das politische Sorgeverständnis des spanischen Kollektivs Precarias a la deriva und bringt es in Dialog mit der Philosophie von Emmanuel Lévinas.

 

„Wollen wir wirklich die Wirtschaft zerstören, nur um den Planeten zu retten?“ fragte ein Bundestagswahlplakat der Partei Die Partei im September 2021 und zeigt damit auf sarkastische Art, dass es verschiedene Perspektiven darauf geben kann, was einem Sorge bereitet. Die Sorge um den reibungslosen Ablauf der Wirtschaft und die Sorge um eine zukünftige Lebensfähigkeit auf dem Planeten Erde scheinen in Zeiten der Klimakrise nicht unbedingt Hand in Hand zu gehen. Mit dem Spannungsverhältnis von der Sorge um wirtschaftlichen Profit und der Sorge um Mensch und Planet beschäftigte sich das spanische Kollektiv Precarias a la deriva bereits vor einigen Jahren. Die Precarias bezeichnen sich als heterogenen Zusammenschluss von Frauen, die im Zuge des spanischen Generalstreiks 2002 ihre eigenen Handlungsmöglichkeiten in prekären Sorge-Verhältnissen erforschten. Ihrer Meinung nach ist „die Sorge […] jene durchgehende und unsichtbare Linie, deren Unterbrechung verheerend wäre.“ Das heißt, ohne die vielfach unsichtbar geleisteten und in endloser Abfolge zu wiederholenden Sorgetätigkeiten wie Kinder zeugen und gebären, Lebensmittel anbauen, Mahlzeiten zubereiten, Häuser errichten, Windeln wechseln, Klos putzen, Kranke pflegen und Trauernden zuhören, gibt es kein menschliches Leben. Die Precarias sezieren in ihrem kollektiv verfassten Essay Globalisierte Sorge die leidvollen Verflechtungen von Wirtschaft und sorgenden Tätigkeiten, die in der Spannung zwischen der Profitlogik des Marktes und der Lebenslogik der Sorge zu finden sind. Diese leidvollen Verflechtungen sind für die Precarias beispielsweise ein falsches Verständnis von Liebe in der patriarchalen Form der Kleinfamilie oder die globalen Affekt- und Sorgeketten, bei denen oftmals Frauen* weit entfernt von ihren Liebsten in anderen Regionen der Welt sorgend tätig sind.

Die Precarias sprachen über diese Verflechtungen lange vor dem Frühjahr 2020 oder dem Sommer 2021, in denen der Sorge-Begriff mit Beginn der Covid19-Pandemie sowie den verheerenden Überflutungen auch im scheinbar sicheren Europa eine neue Welle der Aufmerksamkeit und damit der Sichtbarkeit erhielt. Diese Aufmerksamkeit ist entscheidend, denn die bislang meist unsichtbare Linie der Sorge in den Mittelpunkt gesellschaftlichen Handelns zu stellen, ist eine der drängendsten Aufgaben dieser Zeit, wenn nicht weitere Pandemien und die Klimakrise ein gutes Leben auf dem Planeten Erde in absehbarer Zeit verunmöglichen, also die Linie der Sorge unterbrechen sollen. Mit der Frage danach, wie und warum der Erhalt dieser Linie der Sorge als eine lustvolle Praxis begriffen werden kann, beschäftigt sich dieser Beitrag. (mehr …)

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Jenseits von Identität und Arbeit. Impulse der Kampagne Lohn für Hausarbeit für eine politische Theorie und Praxis der Sorge

Teil 3 unserer Debatte um den Begriff der Sorge widmet sich praktischen Fragen rund um Sorge(tätigkeiten). Der erste von drei Texten wirft einen Blick auf den Zusammenhang von Care-Arbeit und Aktivismus und leitet daraus Möglichkeiten und Fallstricke einer politischen Theorie der Sorge heraus.

 

Mit der Gruppe Hausfriedensbruch, die in Hamburg einen Lesekreis zu materialistischen und queeren Traditionen des Feminismus organisiert, habe ich zum diesjährigen 8. März ein Radiofeature über die Kampagne Lohn für Hausarbeit produziert. Nach der Ausstrahlung erreichte uns eine wohlbekannte, identitätspolitische Kritik: Die cis Männer unserer all-gender Gruppe machten Frauen, Lesben, inter*, nicht-binären, trans* und agender Personen (FLINTA*) den Raum streitig. Cis Männer hätten in Fragen des Feminismus nichts beizutragen und könnten, insbesondere an diesem Tag, allenfalls als allies im Hintergrund Unterstützung leisten. Obwohl ich mich selbst oft für Räume ausgesprochen habe, die frei von cis männlichen Stimmen und Blicken bleiben, erschien mir die Kritik angesichts des Themas unserer Sendung verfehlt. Denn die Kampagne Lohn für Hausarbeit, die in den 1970er-Jahren weltweit die Sorgearbeit auf die politische Agenda setzte, fokussierte gerade nicht auf geschlechtliche Identität, sondern auf vergeschlechtlichte Arbeitsteilung. Sie wollte „ausgehend von den Frauen, aber im Sinne der gesamten Arbeiter_innenklasse“, eine neue politische Perspektive und ein neues politisches Terrain eröffnen: die Sphäre der Reproduktion. Weil sie ausgehend von Sorgearbeit eine politische Perspektive jenseits von Identität anvisiert, hält die Kampagne Impulse für eine politische Theorie und Praxis der Sorge bereit, die ich im Folgenden skizzieren möchte.

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Was in der Zwischenzeit geschah

Unser E-Mail-Newsletter ist wieder da. Nach fast einem Monat ohne E-Mail-Verteiler werden Service- und Debatten-Posts wieder per Mail angekündigt. Wir hoffen somit, alle Leser*innen in nächster Zeit wieder in gewohnte Weise und ohne technische Probleme zu erreichen und mit Informationen und Inhalten aus der Welt der politischen Theorie und Ideengeschichte zu versorgen.

Auch in der Zeit ohne E-Mail-Benachrichtigungen hat sich auf dem Blog einiges getan. Damit niemandem spannende Debattenbeiträge durch die Lappen gehen, möchten wir an dieser Stelle noch einmal auf die inhaltlichen Beiträge der letzten Wochen hinweisen. Die Service-Beiträge, Calls wie Veranstaltungsinformationen, sind wie gewohnt auf dem Blog einsehbar.

Unter dem Titel „Der realistische Utopist – John Rawls und die Theorie der Gerechtigkeit“ haben wir gemeinsam mit Soziopolis zum Rawls-Doppeljubiläum einen inhaltlichen Schwerpunkt organisiert:
Im ersten Teil widmet sich Mirjam Müller der feministischen Wirkungsgeschichte der Theorie der Gerechtigkeit, Wolfgang Eßbach kommentiert das in diesem Jahr in Neuauflage erschienene Über Sünde, Glaube und Religion von John Rawls und Christoph Möllers spricht im Interview mit Jens Bisky über Rawls’ Denken und die „Anmaßung der Gerechtigkeit“.
Teil II versammelt Beiträge von Jürgen Unger-Sirsch zu Rawls‘ Konzeption idealer und nicht-idealer Theorie und Bernd Ladwig zu den Implikationen seines Ansatzes für eine gerechte Regelung des Mensch-Tier-Verhältnisses. Darüber hinaus gibt es eine Kompilation von kurzen Texten, in denen unterschiedliche Autor*innen, darunter Jürgen Habermas, Beate Rössler und Hubertus Buchstein, drei Fragen zu John Rawls und ihrem persönlichen Bezug zu seinem Werk beantworten.

Gerne weisen wir auch an dieser Stelle noch einmal auf Simon Clemens‘ Lesenotiz zu Axel Honneths und Jacques Rancières „Unvernehmen oder Anerkennung“ hin.

Schließlich ist im November die Debatte um den Begriff der Sorge gestartet, zu der wir im Sommer in unserem vierten Call for Blogposts aufgerufen haben. Bisher sind vier Beiträge erschienen.

Ab morgen geht es hier mit Beiträgen Liza Mattutat, Feline Tecklenburg und Jasmin Behrends nahtlos weiter.

Wir wünschen weiterhin gute Lektüre.

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Debatte: Sorge

Liebe Leser*innen!

in unserem vierten Call for Blogposts haben wir – nach Calls zu den Begriffen „Heimat“ (2018), „Solidarität“ (2019) und „Neuanfang“ (2020) – zu Beiträgen zum Thema „Sorge“ aufgerufen und dabei nach politischen bzw. politiktheoretischen oder politikphilosophischen Bedeutungen dieses Begriffs gefragt.

Auch in diesem Jahr war das Interesse groß und uns haben viele spannende Texte erreicht. Ein erster Dank geht deshalb zunächst an alle, die einen Text eingereicht haben.

In den nächsten drei Wochen veröffentlichen wir nun eine facettenreiche Auswahl von Beiträgen, die Begriff und Idee der Sorge aus ganz unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. Dabei werden unterschiedliche Dimensionen der Sorge und des Sorgens herausgearbeitet und hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Politik bzw. das Politische diskutiert.

Pro Woche erscheinen zwischen Dienstag und Donnerstag zwei bzw. drei Texte. Los geht es diese Woche mit zwei grundlegenden, aber doch ganz unterschiedlichen Beiträgen von Regina Schidel zu einer Politik der Sorge und Benjamin Ewert zu Für-, Nach- und Vorsorge im Sozialstaat. Woche Zwei rückt die Idee der „Sorge um die Seele“ (Leonhard Riep) bzw. der Selbstsorge (Manuel Schulz) in den Fokus. Woche Drei schließlich wendet sich praktischen Fragen rund um Sorge und Sorgen zu – mit Beiträgen zu Sorge und Aktivismus (Liza Mattutat), Sorge als lustvoller Praxis (Feline Tecklenburg) und Sorge und Widerstand (Jasmin Behrends).

Alle Beiträge werden wir bei Erscheinen hier – nach dem Klick – verlinken, so dass dieser Post auch als Übersicht über die Debatte dient.

Alle Leser*innen und Beiträger*innen laden wir an dieser Stelle herzlich ein, in den Kommentarspalten aktiv mitzudiskutieren. Wie immer sind alle Meinungen, Kritik, Ergänzungen und Perspektiven willkommen, damit wir gemeinsam eine möglichst lebendige und vielfältige Debatte erleben.

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CfP „Past Futures of Work“ am Wissenschaftskolleg Berlin

Am Wissenschaftskolleg zu Berlin findet vom 12. bis 13. Mai 2022 eine internationale Konferenz zum Thema „Past Futures of Work“ statt; Einreichungen mit Themenvorschlägen sind bis zum 22. Januar möglich. Organisiert wird die Konferenz vom ForschungsnetzwerkWorking Futures1″ um Andreas Eckert, Lisa Herzog und
Bénédicte Zimmermann. Alle weiteren Infos sind hier zu finden.

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KI als wissenschaftlicher Begriff: Tagung 1.-3. Dezember

Von 1. bis 3. Dezember veranstaltet das „Schaufler Lab“ der TU Dresden eine digitale Tagung zum Thema „Künstliche Intelligenz als geistes- und sozialwissenschaftlicher Begriff“. Die Veranstalter*innen schreiben: „In acht Panels werden unter anderem die folgenden Fragen behandelt: Welche Konzepte eignen sich besonders für ein differenziertes Verständnis von KI-Verfahren, insbesondere in ihrer komplexen Einbettung in gesellschaftliche und kulturelle Wirklichkeiten? Wie kann an einer Sprache zu einem gemeinsamen Verständnis von KI gearbeitet werden? Welche Wissensbestände können als Inspiration übernommen, welche Vorstellungen sollten verworfen werden?“ Die beiden Keynotes werden von Elena Esposito und Matteo Pasquinelli gehalten.

Eine Anmeldung ist bis zum 30.11. möglich; alle Infos finden sich hier.

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„Unbedingte Solidarität“ – Zoom-Buchpräsentation in Koblenz

Am 30. November um 18:30 Uhr veranstaltet der Lehrbereich Politische Wissenschaft am Institut für Kulturwissenschaft der Universität Koblenz-Landau eine digitale Buchpräsentation zur „Unbedingten Solidarität“ – insbesondere zur Frage der Möglichkeit der Solidarität unter Bedingungen der Unterschiedlichkeit — mit den Autor*innen Lea Susemichel und Jens Kastner. Eine Anmeldung ist über möglich; weitere Infos finden sich hier.

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Misstrauen in Zeiten der Ungewissheit (Frankfurt)

Die neue Frankfurter Forschungsinitiative „ConTrust: Vertrauen im Konflikt – Politisches Zusammenleben unter Bedingungen der Ungewissheit“ lädt am 09. Dezember 2021 zu einem Panel zu „Misstrauen in Zeiten der Ungewissheit“ ein. Ab 17:00 diskutieren Christian Budnik, Eva Marlene Hausteiner und Vera King über neue autoritäre Bewegungen und Gruppierungen, die sich gegen Infektionsschutzmaßnahmen wenden. Die Veranstaltung findet online via Zoom statt. Den Link gibt es nach der Anmeldung; alle weiteren Infos hier.

 

 

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Twitter-Rückschau

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„Konfliktuelle Kulturpolitik“ im Januar 2022 in Wien

Am 28. und 29. Januar findet an der Universität Wien eine (bilinguale) Tagung zum Thema „Konfliktuelle Kulturpolitik: Räume und Akteur*innen (radikal)demokratischer Auseinandersetzung“ statt – ob in Präsenz/hybrid/online ist aktuell noch nicht klar. Inhaltlich geht es um „Konflikte im kulturpolitischen Spannungsfeld
zwischen Öffentlichkeit, Markt und Staat“, wobei Demokratie und Ungleichheit eine besondere Rolle spielen.
Veranstalter*innen sind Oliver Marchart, Anke Schad-Spindler, Stefanie Fridrik und Friederike Landau-Donnelly. Vortragsvorschläge sind bis zum 6. Dezember willkommen; alle weiteren Infos dazu hier.

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