Debatte

Was bedeutet eigentlich politische Unabhängigkeit?  

Heute schließt unser Themenschwerpunkt anlässlich des 250. Jahrestages der Unabhängigkeitserklärung von 1776 nach Beiträgen von Manfred Brocker und Eva Marlene Hausteiner mit einem Text von Anna Meine. 

In der politischen Debatte ist das Ziel der Unabhängigkeit heute wie in der Vergangenheit relevant. Das zeigen nicht nur die sich zwar wandelnden, aber andauernden Debatten um die Zukunft Kataloniens und Schottlands, sondern auch die Auseinandersetzungen um den Status Grönlands, Neukaledoniens, oder Bougainvilles, des womöglich nächsten Staates der Erde. Im Kontext grenzüberschreitender ökonomischer, sozialer, ökologischer, vor allem aber auch politisch-institutioneller Interdependenzen, die Kontexte von Globalisierung und Europäisierung prägen und die – im Sinne der gegenseitigen Abhängigkeit – der Idee der Unabhängigkeit zu widersprechen scheinen, ist dem Begriff nicht nur seine Motivationskraft nicht abhandengekommen. Die empirische politikwissenschaftliche Forschung, nicht zuletzt zu oft integrationswilligen Unabhängigkeitsbewegungen in Europa, konstatiert zugleich: Die Bedeutung von Unabhängigkeit habe sich gewandelt, beinhalte nicht mehr die strikte Trennung und umfassende Eigenständigkeit politischer Ordnungen (beispielsweise Keating 2017). Was Unabhängigkeit nun bedeutet, bleibt jedoch in aller Regel unklar. 

Blickt man auf der Suche nach Antworten in die politiktheoretische Literatur, fällt vor allem auf, dass dem Begriff bisher kaum systematisch Aufmerksamkeit geschenkt wird. In der politisch-philosophischen Debatte um ein Recht auf Sezession wird das Ziel staatlicher Unabhängigkeit meist unhinterfragt gesetzt und nicht weiter thematisiert. Parallel wird Unabhängigkeit in unterschiedlichen theoretischen Kontexten genutzt, um andere Grundbegriffe zu erläutern oder zu präzisieren – sei es als Synonym für staatliche Souveränität oder als Variante von Freiheit. Aber das ist systematisch unbefriedigend und erklärt weder die Bedeutung noch die bleibende politische Relevanz dieser Idee. Was also bedeutet Unabhängigkeit?

Debatte

Föderimperialismus? Über die (anti-)kolonialen Anfänge der USA 

Nach dem gestrigen Auftakt steuert Eva Marlene Hausteiner heute den zweiten Beitrag zu unserem Schwerpunkt anlässlich des 250. Jahrestages des US-amerikanischen Unabhängigkeitserklärung bei. 

In Selbst- und Fremdbeschreibungen werden die USA seit ihrer Gründung immer wieder als exzeptionell dargestellt – als Erschließung einer „neuen Welt“, als antiimperiale Befreiung von Großbritannien, als „Erfindung“ des modernen Föderalismus. Der exzeptionalistische Mythos der von Gott auserwählten „city on a hill“ (so der Puritaner John Winthrop in Anlehnung an die Bergpredigt) ist der nordamerikanischen Ideengeschichte seit der Siedlungsphase im 17. Jahrhundert eingeschrieben. Mit dem Krieg gegen Großbritannien und der sich zum 250. Mal jährenden Unabhängigkeitserklärung wurde dieser politische Exzeptionalismus revolutionär aufgeladen: gegen ein unterdrückerisches Empire und seinen tyrannischen König.  Die in der Folge geschaffene Verfassung gilt vielen bis heute als Geniestreich der Verbindung von Repräsentationsprinzip, checks and balances und Föderalismus. Eine politische Norm prangt über all diesen Zuschreibungen, nämlich die der Freiheit: Das „land of the free“ lebe von Institutionen, die die Freiheit des Individuums, die „life, liberty, and the pursuit of happiness“ ermöglichen, und es wurde geschaffen durch eine freiheitsorientierte Revolution gegen die imperialen Feinde der – ja, genau – Freiheit.  

Ob die US-amerikanische Ordnung und insbesondere ein als anti-kolonial stilisierter Föderalismus diesen verwegenen (Selbst-)Zuschreibungen und Erwartungen auch nur ansatzweise genügt, ist natürlich höchst umstritten. Aus ideengeschichtlicher und politiktheoretischer Perspektive interessanter ist die Frage, ob entsprechende normverletzende Tendenzen dem US-Projekt von Anfang an gewissermaßen „einprogrammiert“ waren oder ob es sich um spätere Pfadabweichungen handelt. Was ist dran am Lob des Geistes der US-amerikanischen Revolution und Unabhängigkeit, wie ihn etwa Hannah Arendt beschworen hat?  

Debatte

Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776, wiedergelesen. Zum 250. Jahrestag der Declaration of Independence

Wir freuen uns zum 250. Jubiliäum der US-amerikanischen Unabhängigkeitserklärung den ersten von drei Beiträgen zu präsentieren, die sich aus ihrer Perspektive mit dem Thema Unabhängigkeit auseinandersetzen. Den Einstieg macht Prof. em. Manfred Brocker, der für uns die Declaration of Independence wiedergelesen und kommentiert hat. 

Am 4. Juli 1776 nahm der Zweite Kontinentalkongress in Philadelphia die Unabhängigkeitserklärung der dreizehn vereinigten nordamerikanischen Kolonien an. Mit ihrer Abfassung war ein fünfköpfiger Ausschuss betraut, doch die eigentliche Feder führte Thomas Jefferson, der den Entwurf binnen weniger Wochen niederschrieb; Benjamin Franklin und John Adams steuerten nur kleinere Korrekturen bei, der Kongress strich und schärfte nach. Jefferson schöpfte unverkennbar aus dem Denken John Lockes, dessen Zweite Abhandlung über die Regierung (1689) die Lehre von den natürlichen Rechten der Menschen, vom Gesellschaftsvertrag und vom Widerstandsrecht bereitgestellt hatte. …

Service

CfP: Anger, Rage, Resentment as Drivers of Political Identity, Universität Passau

Wie prägen Wut, Zorn und Ressentiment politische Identitäten? Dieser Frage widmet sich der internationale Workshop Anger, Rage, Resentment as Drivers of Political Identity, der am 4.–5. März 2027 an der Universität Passau stattfindet.

Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass aktuelle Krisen liberaler Demokratien nicht allein durch institutionelle oder rationale Erklärungen verstanden werden können. Vielmehr rücken politische Emotionen und Affekte zunehmend in den Mittelpunkt der Politischen Theorie. Der Workshop diskutiert unter anderem, wie Wut zur Herausbildung politischer Identitäten beiträgt, demokratische Resilienz stärken oder gefährden kann und welche Rolle Anerkennung, Marginalisierung, Künstliche Intelligenz sowie gesellschaftliche und ökonomische Transformationsprozesse dabei spielen.

Jobs & Stipendien, Service

CfA: 5 Promotionsstellen im Graduiertenkolleg „Politik der Aufklärung“, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

An der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg sind im Rahmen des DFG-Graduiertenkollegs „Politik der Aufklärung“ (GRK 2999), das am Interdisziplinären Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung (IZEA) angesiedelt ist, fünf Promotionsstellen (WiMi) ausgeschrieben.

Bewerben können sich Kandidat*innen aus allen am Graduiertenkolleg beteiligten Fachrichtungen (Anglistik, Amerikanistik, Germanistik, Romanistik, Komparatistik, Geschichte, Kulturgeschichte, Philosophie, Politikwissenschaft).

Die Stellen haben einen Umfang von 65 % (E 13 TV-L) und sind vom 01.04.2027 bis max. zum 31.03.2031 befristet (mehr Infos in deutscher und englischer Sprache). Bewerbungsschluss ist der 25.10.2026.

Service, Veranstaltungen & CfP

Workshop: Szenen der Kritik. Zwischen postkolonialer, medienästhetischer und politischer Philosophie, Berlin

Am 24. Juli 2026 findet ab 18.15h am Centre Marc Bloch (Friedrichstr. 191, Berlin) der Workshop Szenen der Kritik. Zwischen postkolonialer, medienästhetischer und politischer Philosophie statt. Im Mittelpunkt der Veranstaltung steht C.L.R. James’ Klassiker Die schwarzen Jakobiner (1938) und die Frage nach politischer Handlungsmacht zwischen flüchtiger Widerständigkeit und weltgeschichtlicher Subjektivität. …

Service, Veranstaltungen & CfP

CfP: Unruly Climates, Contested Futures II

Die Klimakrise ist längst nicht mehr nur Gegenstand umweltpolitischer Debatten, sondern wirft grundlegende Fragen nach Zukunft, Transformation und politischem Handeln auf. Der Sammelband Unruly Climates, Contested Futures II: Imaginaries, Framings, and Politics of Resistance in the Majority World widmet sich dieser Thematik und lädt zu Beiträgen ein.

Im Mittelpunkt stehen Zukunftsimaginationen (future imaginaries) als analytischer Zugang zu sozial-ökologischen Konflikten und kollektiven Widerstandsformen. Gefragt wird etwa danach, wie klimagerechte Zukünfte entworfen und praktisch erprobt werden, welche Naturverständnisse soziale Bewegungen prägen und wie Klimaaktivismus zwischen unterschiedlichen globalen Regionen verflochten ist. Der Call gliedert sich in drei Themenfelder: 1. Theoretische Perspektiven auf Zukunft und Widerstand, 2. Empirische Analysen von Klimabewegungen und Transformationskonflikten, 3. Globale Verflechtungen, Solidaritäten und Machtasymmetrien des Klimaaktivismus.

Interessierte sind eingeladen, bis zum 9. August 2026 einen Extended Abstract (2–3 Seiten) sowie eine Kurzbiografie (max. 150 Wörter) einzureichen. Ausführliche Informationen finden sich hier.

In eigener Sache, Service

In eigener Sache: Herzlich Willkommen, Sebastian!

Juhu, das Blogteam bekommt wieder Zuwachs! Wir freuen uns sehr, Sebastian Dute als neues Redaktionsmitglied begrüßen zu dürfen! 

Sebastian ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arbeitsbereich Politische Theorie und Ideengeschichte an der TU Darmstadt und arbeitet an einem Dissertationsprojekt zur Widerstandsproblematik in politischen Theorien der frühen Neuzeit, mit Fokus auf Spinoza. Er hat Politikwissenschaft und Geschichte in Leipzig sowie Politische Theorie in Frankfurt am Main und Darmstadt studiert. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der politischen Theorie der frühen Neuzeit und neuerer französischer Philosophie. Sebastian ist Mitherausgeber der Schriften Louis Althussers im Verlag Neue Deutsch-Französische Jahrbücher. Für den Theorieblog schrieb er zuletzt zum Verhältnis von Politischer Theorie und Ideengeschichte. 

Lieber Sebastian, herzlich willkommen im Team! Wir freuen uns sehr, dich an Bord zu haben und auf die zukünftige Zusammenarbeit! 

Zugleich müssen wir uns von zwei Redaktionsmitgliedern schweren Herzens verabschieden: Oliver Weber ist seit Ende letzten Jahres Redakteur im Ressort Neue Sachbücher der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Auch unser langjähriges Redaktionsmitglied Verena Frick verlässt die aktive Redaktion. Verena Frick wechselt im September an die Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt und übernimmt dort die Professur für Politische Theorie.

Lieber Oliver, liebe Verena, wir möchten uns bei euch an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich für eure großartige Mitarbeit in den letzten Jahren in der Redaktion bedanken! Wir freuen uns, dass Oliver und Verena uns als Mitglieder des Ehemaligen-Beirats verbunden bleiben.

Eine Übersicht über alle Mitglieder der Redaktion und des Ehemaligen-Beirats findet ihr übrigens hier.

Euer Theorieblog-Team

 

Jobs & Stipendien, Service

Stellenausschreibung: W2-Professur „Philosophie der Menschenrechte“, Universität Nürnberg-Erlangen (FAU)

Die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) besetzt zum nächstmöglichen Zeitpunkt eine W2-Professur (mit Tenure-Track) für Philosophie der Menschenrechte am Institut für Philosophie.

Die Ausschreibung ist ebenfalls für Forschende der Politischen Theorie interessant: Gesucht wird eine Forscher*in mit einem Schwerpunkt in der Philosophie der Menschenrechte sowie einer ausgewiesenen Expertise in der Politischen Philosophie oder der Angewandten Ethik. Die Professur ist eng in das Exzellenzcluster Transforming Human Rights eingebunden, in dessen Rahmen eine eigene Forschungsgruppe geleitet werden soll. Die Forschung der Professur soll grundlegende Fragen der Theorie der Menschenrechte im Kontext aktueller gesellschaftlicher Herausforderungen – etwa Autokratisierung, Migration, Digitalisierung oder Umweltkrisen – bearbeiten und an die interdisziplinäre Forschungsagenda des Clusters anknüpfen.

Bewerbungsschluss ist der 17. August 2026. Bewerbungen sind online über das Berufungsportal der FAU einzureichen. Weitere Informationen finden sich unter folgendem Link.

Service

CfA: Stelle als Forschungsleiter:in (Postdoc) am Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft (HIIG) Berlin

Das Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft (HIIG) sucht ein:e Forschungsleiter:in (Postdoc) für den Forschungsschwerpunkt „Demokratischer Wandel und Wissen“. Es handelt sich um eine bis September 2029 befristete Vollzeitstelle (mind. 75 %, Verlängerung möglich) in Berlin. Gesucht werden Personen mit einer abgeschlossenen Promotion in Politik-, Medien-, Kommunikations- oder Rechtswissenschaften, Soziologie, Philosophie oder einem verwandten Fach, die Forschungserfahrungen in mindestens einem der folgenden Felder mitbringen: epistemische Grundlagen der Demokratie, Wissenschaftsvertrauen und -feindlichkeit, Desinformation und Informationsökosysteme, KI und demokratische Öffentlichkeit, digitale Wissensordnungen. Zu den Aufgaben gehören die Leitung und strategische Weiterentwicklung des Schwerpunkts, Forschung und die Einwerbung von Drittmitteln. Bewerbungsschluss ist vorläufig der 24.08.2026. Mehr Informationen zur Stelle gibt es hier.

Service, Veranstaltungen & CfP

Workshop: trans* – Perspectives, Experiences, Spaces (Universität Koblenz), 9.-10.07.26

An der Universität Koblenz findet am 9. und 10. Juli 2026 ein internationaler Workshop unter dem Titel „trans* – Perspectives, Experiences, Spaces“ statt. Im Mittelpunkt stehen trans* Lebensrealitäten im Spannungsfeld von Körper, gesellschaftlicher Ausgrenzung, Gewalt und Repräsentation. Der Workshop beleuchtet, wie medizinische, rechtliche und kulturelle Institutionen Selbstbestimmung ermöglichen oder begrenzen und welche Formen von Widerstand und Solidarität trans*Communities entwickeln.

Im Rahmen des Workshops findet am 9. Juli 2026 um 18 Uhr ein öffentlicher Vortrag von Ligia Fabris Campos (Brasilien) mit dem Titel „Transgender Identity and the Broken Promise of Freedom in Right-Wing Liberalism“ statt.

Ein ausführliches Plakat mit allen Informationen findet sich hier. Für die Teilnahme am zweiten Tag wird um Anmeldung gebeten: polwiss-fb2[at|]uni-koblenz.de.

Service, Veranstaltungen & CfP

Workshop: Verschränkungen (neu) denken. Öko-/feministische Perspektiven auf Natur, Mensch und Politik (Fankfurt an der Oder)

Am 16. Juli 2026 findet an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) ein Workshop statt, der sich mit aktuellen öko-/feministischen, post-dualistischen und neuen materialistischen Ansätzen beschäftigt. Im Zentrum steht die Frage, welche theoretische und politische Relevanz feministische Philosophien, politische Ökologien und neuere materialistische Ansätze angesichts gegenwärtiger sozial-ökologischer Krisen besitzen. Der Workshop versteht sich als Versuch, die grundlegenden Verschränkungen von Natur, Körper, Wissen und Politik neu zu denken. …

Service, Veranstaltungen & CfP

CfP: On Displacement

Die Fachzeitschrift Metodo. International Studies in Phenomenology and Philosophy lädt Beiträge für das Sonderheft „On Displacement“ ein, welches von Michaela Bstieler und Marco Cavallaro betreut und herausgegeben wird.

Im Zentrum steht die Frage, wie Erfahrungen von Vertreibung, Entwurzelung und Desorientierung angesichts von Krieg, Flucht, Klimawandel oder sozialer Verdrängung das Verhältnis von Subjekt, Ort und politischer Ordnung verändern. Gefragt wird, wie sich Displacement phänomenologisch beschreiben lässt und welche Konsequenzen dies für Konzepte wie Zugehörigkeit, Staatsbürgerschaft, Demokratie, Grenzen, Macht und Klimagerechtigkeit hat. Der Call dürfte somit auch für Wissenschaftler*innen aus der Politischen Theorie und politischen Phänomenologie interessant sein. …

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