„2050“ – 30 Jahre Wandel und doch kein Neuanfang

Aus dem Jahr 2050 zurückblickend sehen wir, dass viele Chancen und Weichenstellungen verpasst wurden, das Zusammenleben auf der Erde friedlich, gerecht und im Rahmen der planetaren Grenzen ökologisch zu gestalten. Ein echter Neuanfang fand nicht statt, und doch können wir einen starken sozialen Wandel voller Widersprüchlichkeiten, abrupter Kipppunkte und harscher Konflikte konstatieren. Während das 20. Jahrhundert (trotz disruptiver humanitärer Katastrophen in Form von Weltkriegen und Holocaust) noch im Modus stetigen sozialen Wandels ablief, deutete sich bereits zu Beginn des neuen Jahrhunderts an, dass Disruption den sozialen Wandel fortan kennzeichnen sollte: Die historischen Einschnitte des Terrorangriffs vom 11. September 2001, der Wirtschafts- und Finanzkrise des Jahres 2008 oder der Covid 19-Pandemie des Jahres 2020 sind hier chiffrenartig zu nennen. Insbesondere mit dem Corona-Jahr 2020/21 entstand weltweit in Teilen der Bevölkerung der Eindruck, dass das bisher hegemoniale Projekt der westlichen Moderne mit seiner Fortschrittserzählung an sein Ende gekommen war.

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Soziale Revolution als radikale und umfassende Gesellschaftstransformation

Neuanfänge gleich welcher Art zu initiieren, bedeutet einen Dreischritt im Umgang mit den vorhandenen Ordnungen zu gehen. Zunächst setzten sie eine Ent-Identifizierung von Subjekten mit einer verfestigten, bestehenden Ordnungsstruktur voraus, in welcher sie keinen Anteil finden können. Zweitens ist zu verstehen, dass Ausbeutung, Ausgrenzung, Unterdrückung und Entfremdung in unterschiedlichen Ausprägungen Folgen jeder historisch-spezifischen Herrschaftsformation sind. Ein gesellschaftlicher Neuanfang, welcher diese Bezeichnung verdient, kann nur glaubwürdig von jenen sozialen Gruppen ausgehend gedacht werden, welche aus der dominanten Gesellschaftsordnung aus verschiedenen Gründen herausfallen, die sich jedoch organisieren und nicht mehr mit dem Alten identifizieren wollen. Als dritter Schritt folgt die Neu-Identifizierung mit einer Alternative, welche aus der Erfahrung von Kontingenz möglich wird. Das anarchistische Konzept der sozialen Revolution ist motiviert von der Sehnsucht nach einem radikalen gesellschaftlichen Neuanfang als solidarische, egalitäre und libertäre alternative Moderne. Zu jener Motivation tritt die Überzeugung hinzu, dies sei nicht nur aus ethischen Gründen erstrebenswert, sondern auch vernünftig und machbar. Wie gesamtgesellschaftliche Neuanfänge im anarchistischen Denken durch die soziale Revolution gedacht werden, soll im folgenden Beitrag umrissen werden. (mehr …)

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Neuanfang!?

„Ein (politischer) Nauanfang ist immer möglich!“ – haben wir mit Hannah Arendt in unserem diesjährigen Call for Blogposts behauptet und damit zu Beiträgen zu einem Thema eingeladen, das sich im Jahr 2020 besonders aufdrängt. Braucht es nach der globalen Pandemie einen politischen, gesellschaftlichen und/oder ökonomischen Neuanfang? Müssen wir die Art, wie wir gesellschaftliches Zusammenleben organisieren, neu überdenken?

Vor allem zu Beginn der Krise wurde mit ihr auch die Hoffnung auf einen Neuanfang verbunden: Nach Corona, so die Hoffnung vieler Kommentator*innen, würde sich die Art, wie wir gesellschaftliches Miteinander organisieren, grundsätzlich ändern. Von einem solidarischeren Umgang untereinander und einem Überdenken unseres Verhältnisses zur Natur war die Rede; von der Neustrukturierung des Arbeits- und Soziallebens und manchmal gar der gesamten Wirtschaftsweise. Die Pandemie und die mit ihr verbundenen Einschränkungen offenbarten, so eine verbreitete These, was wirklich wichtig ist. Einige Monate später wird einiges nüchterner diskutiert, doch Fragen danach, ob es einen Neuanfang braucht und worin er bestehen könnte, sind nicht weniger dringend. Einigen von ihnen widmen sich die Beiträge zu unserem Call.

Auch in diesem Jahr haben wir eine große Vielfalt an Beitragsvorschlägen erhalten. Wir danken allen, die sich beteiligt haben, recht herzlich. In den nächsten drei Wochen veröffentlichen wir nun unsere Auswahl der Texte hier auf dem Blog. Sie reichen von Begriffsanalysen über Reflektionen zur Rolle der Theoretiker*innen selbst bis zur Diskussion konkreter Politikfelder und Problemstellungen. Die Reihe der Beiträge endet mit einem Blick zurück aus dem Jahr 2050.

Alle Texte werden wir im Laufe der Zeit – nach dem Klick – in diesem Post vermerken, um die Navigation zu vereinfachen.

Wir laden euch an dieser Stelle zudem noch einmal besonders ein, aktiv mitzudiskutieren und die Debatte auch über die Texte hinaus weiterzuführen, um die Lebendigkeit und Relevanz der Politischen Theorie weit(er)hin deutlich zu machen. (mehr …)

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Auf konzeptionelles Wissen vertrauen! Perspektiven einer pandemiesensiblen Sozialpolitik – Kommentar zu Frank Nullmeiers „Covid-19-Pandemie und soziale Freiheit“

Was macht diese Pandemie mit uns? Zunächst verändert sie unser Wissen und unsere Praxis. Wir kennen seit dem Frühjahr 2020 nun allerlei Virologinnen und Virologen, die – oh Wunder – nicht immer einer Meinung sind. Wir nutzen bisweilen Podcasts, um unser medizinisches Halbwissen aufzurüsten. Dabei haben wir von einem Inzidenzwert erfahren, der unser aller Leben beeinflusst. Deswegen schauen wir nun jeden Morgen aufs Smartphone und werden von einem Institut, das nach Robert Koch benannt ist, über fallende und steigende Infektionszahlen informiert. Wir haben uns schließlich für jeden Anlass eine Kollektion an Nase-Mundschutz-Masken zugelegt. Aber verändert sich nach dieser allmählichen Neujustierung der Gewohnheiten des Alltags auch unser Blick auf Gesellschaft – abgesehen davon, dass wir alle im Einkaufsmarkt, im Büroflur oder beim Treffen mit Freundinnen und Freunden zum Teil skurrile Choreographien des Abstandnehmens einüben? Ja, wir teilen die Erfahrung, dass sich Vorhandenes und Bekanntes vergrößert und verstärkt. Dort, wo Ungleichheit vor der Pandemie war, nimmt sie nun noch zu; dort wo Solidarität vor Corona funktionierte, bestätigt sie sich. (mehr …)

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ZPTh-Debatte: „Covid-19-Pandemie und soziale Freiheit“

Das nächste Heft (1/2020) der Zeitschrift für Politische Theorie erscheint bald. Wir freuen uns, vorab und aus selbstverständlichem – aktuellen – Anlass den hiesigen Beitrag Frank Nullmeiers veröffentlichen zu dürfen. Der Volltext steht hier kostenfrei als PDF zur Verfügung – ein Abstract findet sich unterm Strich. Ein Kommentar zum Beitrag wurde von Berthold Vogel erstellt, wofür wir sehr danken! – Aber, wie immer, sind alle zur Diskussion aufgefordert und eingeladen! – red.

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CfA: Mitarbeiterstelle im SFB „Strukturwandel des Eigentums“ (Oldenburg)

Im Rahmen des interdisziplinären DFG-Sonderforschungsbereichs „Strukturwandel des Eigentums“ ist am Institut für Philosophie der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg (Tilo Wesche) zum nächstmöglichen Zeitpunkt die Stelle eines/r Wissenschaftlichen Mitarbeiter:in (TVL 13, 65%, befristet bis 31.12.2024) ausgeschrieben. Neben einem Philosophiestudium sind Kenntnisse im Bereich von Eigentumstheorien und Bereitschaft zur interdisziplinären Kooperation erforderlich. Achtung: Die Bewerbungsfrist endet am 15.12.2020. Alle weiteren Informationen und Kontaktdaten finden sich unter diesem Link.

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CfP: Körperlichkeit und Theorien der Anerkennung (Aachen)

Vom 25.03.2021-26.03.2021 findet in Aachen ein Workshop zum Thema „Körperlichkeit und Theorien der Anerkennung“ statt, der sich ausdrücklich an Nachwuchswissenschaftler*innen der Politischen Theorie und Sozialphilosophie richtet. Abstracts für Vorträge oder Inputs im Umfang von ca. 500 Wörtern können bis 24.01.2021 an Edgar.Hirschmann@ipw.rwth-aachen.de gesendet werden. Den ausführlichen Call und alle weiteren Details findet ihr im PDF.

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CfA: Professur „Political Theory and Philosophy“ (München)

An der Hochschule für Politik an der TU München ist aktuell eine Professur für „Political Theory and Philosophy“ ausgeschrieben. Die Ausschreibung richtet sich an Bewerber:innen, die allgemein im Bereich der politischen Theorie und Philosophie arbeiten, artikuliert aber darüber hinaus ein besonderes Interesse an Kandidat:innen mit Forschungsschwerpunkten im Bereich der Technikphilosophie und/oder ethischer Fragen im Zusammenhang mit neuen Technologien. Offen hält man sich, ob die Professur als W2-Professur mit tenure-track oder als W3-Professur besetzt wird. Die Bewerbungsfrist endet bereits am 15. Januar 2015. Die vollständige Ausschreibung findet sich hier.

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Vortrag von Hartmut Rosa am 3.12.

Das DFG-geförderte Verbundprojekt der CAU Kiel und der Universität Göttingen „Politik und Ethik der
Endlichkeit“ lädt am Donnerstag, den 3.12.2020 um 18 Uhr zu einem öffentlichen Vortrag von Hartmut Rosa ein.  Das Thema des Vortrags lautet: „Die Krise dynamischer Stabilisierung und die Konturen einer Postwachstumsgesellschaft“. Im Anschluss an den Vortag wird es eine offene Diskussionsrunde geben, bei der alle Teilnehmenden die Gelegenheit haben, Fragen zu stellen. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen, die Veranstaltung findet online statt, zur Teilnahme bitte den folgenden Link nutzen: https://uni-kiel.zoom.us/j/88464595724?pwd=dWRvbEdJMUdoL0xjTGtvWU4wT0ZwUT09

 

 

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Online-Konferenz „Solidarity in Times of Crisis“ (Gießen, 3./4. Dezember)

Zum Thema „Solidarity in Times of Crisis“ findet am 3. und 4. Dezember 2020 die Jahrestagung des Gießener Graduiertenzentrums für Sozial-, Wirtschafts- und Rechtswissenschaften (online) statt. Mit Schwerpunktsetzungen von antirassistischen Kämpfen über performative und politische Aspekte der Solidarität bis hin zu Fragen transnationaler Vernetzung und den Kehrseiten selektiver Solidarität wird der vielseitige Komplex von einer internationalen und interdisziplinär aufgestellten Gruppe von Vortragenden beleuchtet. Eine Keynote Lecture von José Medina (Northwestern University, Evanston) zum Thema „Protest, Silencing, and Solidarity“ komplettiert das Programm ebenso wie eine abschließende Roundtable Discussion zur „Solidarität in Zeiten der Pandemie“. Weitere Informationen wie auch das komplette Programm gibt es auf der Tagungswebsite. Die Anmeldung zur Online-Teilnahme ist noch bis zum 02.12.2020 per Mail an Hannes Kaufmann (hannes.s.kaufmann@sowi.uni-giessen.de) möglich.

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Online neuanfangen? Hannah Arendts Handlungstheorie während der Quarantäne

Hannah Arendts Konzept von Natalität bezieht sich nicht nur auf die natürliche Geburt, sondern auch auf ein Neuanfangen, das ihrer Handlungstheorie entsprechend einen öffentlichen Raum voraussetzt. Da dieser Raum während der aktuellen Corona-Krise zumindest physisch eingeschränkt wird, lohnt es sich, Arendts Handlungstheorie erneut zu betrachten. In vielen Ländern gilt über Monate hinweg das Gebot, zu Hause zu bleiben und den öffentlichen Raum nur dann zu betreten, wenn dies unbedingt notwendig ist. Da viele Tätigkeiten und Aspekte des menschlichen Lebens pausiert wurden, gilt es neue Handlungsweisen zu erkunden. Während viele Alltagsaktivitäten eingeschränkt wurden, bleiben Online-Aktivitäten bestehen, wurden gar notwendiger denn je. Daher erscheint es plausibel, die aktuelle Situation anhand von Arendts Handlungstheorie zu verstehen und den digitalen Raum als möglichen öffentlichen Raum für Neuanfänge zu erkennen. Mein Vorschlag lautet, dass Neuanfänge während der Quarantäne möglicherweise in einem digitalen Raum stattfinden könnten, sofern Arendts Faktum der Pluralität in diesem voll zum Ausdruck kommen kann. Allerdings droht die Vielfältigkeit im digitalen Raum durch Isolierung verschiedener Gruppen von Gleichgesinnten zerstört zu werden. (mehr …)

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Wie Sicherheit organisieren? Neuanfang zwischen Reform und Revolution

Zwar prägt besonders die Covid-19-Pandemie das Jahr 2020, jedoch erlangte ein weiteres Thema in den vergangenen Monaten viel Aufmerksamkeit: Nachdem am 25. Mai in Minneapolis George Floyd von Polizisten getötet und ein Video des Tathergangs weltweit verbreitet wurde, entfachten nicht nur in den USA Proteste und Debatten über Polizeigewalt und institutionellen Rassismus. Seitdem reißen die Proteste nicht ab und auch hierzulande sind Aktivist*innen und zivilgesellschaftliche Akteure bemüht, das Bewusstsein für institutionelle Erklärungen rassistischer Polizeigewalt zu stärken. Zahlreiche Befunde zu rechtsextremen Strukturen in Teilen der deutschen Sicherheitsarchitektur unterstreichen die Notwendigkeit, sich eines zu vergegenwärtigen: In den Institutionen, die für Sicherheit sorgen sollen, stimmt etwas nicht, wenn man sich fragen muss, für wen das Sicherheitsversprechen gilt und für wen die Polizei eine Bedrohung darstellt. Hier muss etwas neu gedacht und neu gemacht werden – wir brauchen einen Neuanfang. Wie also kann Sicherheit neu organisiert werden? Die Antwortsuche eröffnet das Diskussionsspektrum zwischen Reform (als planmäßiger Umgestaltung des Bestehenden) und Revolution (als radikalem strukturellen Wandel). Dieser Beitrag kommt zu dem Schluss, dass die Polizei nicht reformiert werden kann, sondern abgeschafft werden muss, um ein neues Sicherheitsverständnis zu etablieren. Damit wird an die Forderung des Police Abolition Movements angeknüpft, der Polizei finanzielle Mittel zu entziehen und in andere Strukturen öffentlicher Sicherheit umzuverteilen (‚defund the police‘). (mehr …)

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Interdisziplinäre Diskussionsreihe: Kant – Ein Rassist?

Immer wieder Thema, selten aber so unverblümt auf den Punkt gebracht: „Kant – Ein Rassist?“ lautet der Titel einer interdisziplinären Diskussionsreihe, die Andrea Esser, Michael Hackl, Dietmar Heidemann, Dieter Schönecker und Marcus Willaschek für das aktuelle Wintersemester organisiert haben. An insgesamt sechs Terminen werden jeweils in Form eines Impuls-Beitrags und zweier Repliken, die gemeinsam die Diskussion eröffnen sollen, unterschiedliche Facetten des Themas beleuchtet. Alle sechs Diskussionsrunden werden aufgezeichnet und sind anschließend asynchron abrufbar. Weitere Informationen dazu sowie die entsprechenden Zugangsdaten gibt’s per Interessenbekundung an kant-rassismus@bbaw.de .

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