Heimat als normativer Anker?

— Nach Cornelius Moriz‘ Argument für Heimat als Gebot der Solidarität, macht Christian Aldenhoff nun die Liberalismus-Kommunitarismus-Debatte für einen skeptischen Blick auf Heimat!? im politischen Bereich fruchtbar. —

Muss Heimat als Begriff in der entsprechenden gegenwärtigen Debatte von den Akteuren der „politischen Mitte“ zurückerobert werden? Der Versuch, die Herkunft einer Person als bedeutsam für die Konstitution von Werten zu statuieren, ist nicht neu. Sowohl auf lokaler, regionaler als auch auf nationaler Ebene dürfte es Anknüpfungspunkte für etwas geben, was viele im jeweiligen Kontext mit Heimat verbinden können. In individueller Hinsicht kann eine solche Vorstellung möglicherweise eine sinnvolle Funktion bei der eigenen Konstruktion von Identität haben. Als politischer Begriff ist Heimat jedoch für die Begründung normativer Werte prinzipiell ungeeignet. Im Folgenden wird argumentiert, dass der Begriff politisch verwendet zwangsläufig zu einer Form der Ausgrenzung führt, die es zu vermeiden gilt. Im Hinblick auf die Verwendung des Begriffs etwa durch Rechtspopulisten erscheint dies evident. Aber auch anspruchsvollere Ansätze wie der von Alasdair MacIntyre entgehen dieser Problematik nicht. In einer pluralen Gesellschaft sollte die vornehmliche Aufgabe der Politik darin bestehen, zwischen unterschiedlichen Auffassungen keine unüberbrückbaren Hürden zu schaffen, sondern zwischen ihnen zu vermitteln. Es ist daher für politische Akteure aller Couleur nicht ratsam, Heimat als Begriff in normativer Hinsicht zu gebrauchen.

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Heimat? Ein Gebot der Solidarität!

Nachdem Stefan Vennmann und Michel Dormal in der zweiten Woche Perspektiven der Kritischen Theorie diskutiert haben, geht unsere „Heimat!?“-Reihe heute mit einem Einwurf zur Notwendigkeit verstärkter empirischer Forschung auch für die theoretische und politische Debatte um Heimat in eine neue Runde. —

Heimat ist wieder gefragt. Während sie vor nicht allzu langer Zeit noch bei vielen unter starkem Konservatismusverdacht stand und so ziemlich alles, was mit ihr verbunden wurde – z. B. Kuckucksuhren, Dirndl, Schwarzwälder Kirschtorte, Volksmusik usw. – mindestens als bieder, angestaubt und auf keinen Fall als „hip“ erschien, kann man seit kurzem beobachten, dass immer neue Heimattage, Heimatfeste, Heimatausstellungen, Heimatmärkte wie Pilze aus dem Boden schießen und teils Zehntausende von Besuchern anzulocken imstande sind, dass traditionelle Trachten ein Revival erleben und beileibe nicht mehr nur von älteren Landbewohnern, sondern auch von jungen Städtern zu Tattoo und Piercing getragen werden und dass bayrische Blaskapellen wie LaBrassBanda sogar jenseits des Weißwurstäquators noch beachtliche Publikumserfolge feiern können. Auch politisch lässt sich offenkundig Kapital aus dieser neuerlichen Heimatliebe schlagen, wie, unter anderem, der Aufstieg der AfD belegt. Doch wie ist das alles zu erklären? Hat sich Heimat in der globalisierten, dynamischen und hochmobilen Gesellschaft von heute denn nicht längst überlebt? Warum sehnen sich die Menschen dann immer noch danach? Und was genau ist das eigentlich, was wir im Deutschen Heimat nennen? (mehr …)

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Heimat?!

Liebe Leser*innen!

Der große Rücklauf zu unserem Call for Blogposts hat uns sehr gefreut und wir freuen uns zugleich, in den nächsten vier Wochen eine vielfältige Auswahl kontroverser Beiträge zu veröffentlichen, die Begriff und Idee der Heimat aus ganz unterschiedlichen politiktheoretischen Perspektive beleuchten, wertschätzen oder kritisieren bzw. Potentiale und Grenzen ausleuchten.

Es werden in den folgenden Wochen jeweils zwei Texte erscheinen. Los geht es mit zwei grundlegenden Beiträgen von Tine Stein und Samuel Salzborn. In der Folge werden spezifischere Beiträge ideengeschichtliche und gegenwärtige theoretische Perspektiven auf unterschiedliche Aspekte des Heimatbegriffs eröffnen bzw. politische Dimensionen und Aspekte der Idee der Heimat reflektieren.

Alle Texte werden wir im Laufe der Zeit – nach dem Klick – in diesem Post vermerken, nicht zuletzt um die Navigation zu vereinfachen.

Wir laden euch an dieser Stelle zudem noch einmal besonders ein, aktiv mitzudiskutieren und die Debatte auch über die Texte hinaus weiterzuführen, um die Lebendigkeit und Relevanz der Politischen Theorie weit(er)hin deutlich zu machen.

Über Rückmeldungen zum Format freuen wir uns – nicht zuletzt, weil wir uns aufgrund der bisher positiven Rückmeldungen überlegen, es auch in Zukunft immer einmal wieder zu nutzen und zugleich weiterzuentwickeln.

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Beerbt der Linkspopulismus die Sozialdemokratie? Lesenotiz zu Chantal Mouffes „For a Left Populism“

Chantal Mouffe tritt immer wieder als Fürsprecherin eines „linken Populismus“ und als Stichwortgeberin linker Parteien und Bewegungen wie Podemos, Momentum und La France Insoumise in Erscheinung. In Interviews und Texten bietet sie ebenso griffige wie radikal anmutende Erklärungen, die aktuelle Reizthemen vor allem der linken politischen Diskussion verbinden: Neoliberalismus, Postdemokratie, Aufstieg der Rechten, Krise der Sozialdemokratie und linke Strategie. In ihrem jüngsten Buch For a Left Populism, das soeben auch auf Deutsch bei Suhrkamp erschienen ist, wiederholt sie nun ihr Plädoyer für einen populistischen Ausweg aus der gegenwärtigen Misere. (mehr …)

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Tagung „Im Namen des Volkes“ in Leipzig

Am 8. und 9. November findet an der Universität Leipzig eine interdisziplinäre Tagung zum Thema ‚Im Namen des Volkes. Zur Kritik eines politischen Anspruchs‘ statt. Die Tagung geht auf eine studentische Initiative zurück und wird von Marvin Neubauer, Max Stange, Charlott Resske und Frederik Doktor organisiert. Ziel der Tagung ist, anhand des politischen Anspruchs „Im Namen des Volkes“ Ambivalenzen im Konzept der politischen Repräsentation zu beleuchten. Vortragende aus den Disziplinen Rechtswissenschaft, Politikwissenschaft, Geschichtswissenschaft und Philosophie legen ihre jeweilige Sichtweise auf Repräsentation dar und diskutieren miteinander und mit dem Publikum.

Die Teilnahme ist kostenfrei. Das vollständige Programm findet sich hier auf der Tagungshomepage.

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Veranstaltung: Hannah Arendt Tage Hannover

Vom 23. bis 27. Oktober 2018 finden die 21. Hannah Arendt Tage Hannover an verschiedenen Orten in Hannover statt. Zum diesjährigen Thema „Protest!“ sind unter anderem Beiträge von Milo Rau, Daniel Cohn-Bendit, PD Dr. Annette Vowinckel, Prof. Dr. Sabrina Zajak, dem Peng!Kollektiv und dem Institut für Widerstand im Postfordismus geplant. Weitere Informationen finden sich hier auf dem Flyer, der Website oder auf Facebook.

 

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Twitter-Rückschau

  • RT @thothiel: Nachtrag noch zu #Departmentstruktur: A. Schenk, F. Vogelmann und A. Wonkas Artikel „Jenseits der Infantilisierung. Plädoyer… ->
  • CfA: Unbefristete Senior Lecturer Stelle an der Universität Lund (Schweden). Die Ausschreibung ist in schwedisch, k… https://t.co/eBkfX8UGuG ->
  • RT @EconSociology: James March, a distinguished sociologist, a great master of organisational & institutional theory, passed away. But only… ->
  • CfA: 5 Assistant Professorship an der Universität Leiden. Political Philosophy wird als möglich erwähnt, wenn auch… https://t.co/sMhzMTOUGv ->

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Tagung ‚Legitimität in einer multidimensionalen Welt‘ (HSU Hamburg)

Am 26. und 27. Oktober findet an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg eine interdisziplinäre Tagung zum Thema ‚Legitimität in einer multidimensionalen Welt‘ statt. Ziel der von Sabrina Zucca-Soest und Tobias Herbst organisierten Tagung ist eine Annäherung an den Legitimitätsbegriff aus verschiedenen Richtungen. Vortragende aus den Disziplinen Rechtswissenschaft, Politikwissenschaft, Ethnologie, Soziologie und Philosophie legen ihre jeweilige Sichtweise auf Legitimität dar und diskutieren miteinander und mit dem Publikum. Der interdisziplinäre Austausch soll zu einem besseren Verständnis der Bedeutung und der Funktion von Legitimität führen und aufzeigen, unter welchen Bedingungen sie hergestellt und bewahrt werden kann.

Die Teilnahme ist kostenfrei. Anmeldungen sind unter legitimitaetstagung@arkana.info möglich. Das vollständige Programm findet sich hier auf der Tagungshomepage oder im Flyer.

 

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Heimat als Kritik?

– Nachdem Tine Stein und Samuel Salzborn die Debatte kontrovers eröffnet haben und nachdem Michel Dormal am Dienstag bereits den Blick auf „Heimat!?“ in der Kritischen Theorie gelenkt hat , plädiert Stefan Vennmann heute ebenfalls aus Perspektive der Kritischen Theorie dafür, den Begriff in seiner Ambivalenz zu verstehen. –

Der Begriff ‚Heimat‘ dient gegenwärtig rechtspopulistischen, völkischen und neonazistischen Akteuren. Diese versuchen den politischen Raum mittels rassistischer und ontologischer Kategorien, die vermeintlich unterschiedlichen ‚Ethnien‘ ein wie auch immer geartetes naturgegebenes ‚Sein‘ und somit bestimmte Eigenschaften attestieren, einer Rebiologisierung zu unterziehen. Eine Kritik an diesem Verständnis ist aus emanzipatorischer Perspektive notwendig. Dennoch verkommt diese Kritik häufig zum Beißreflex, der den philosophischen Gehalt des Begriffs Heimat unzureichend reflektiert. Vom Begriff soll sich verabschiedet, stattdessen auf Termini wie Solidarität rekurriert werden und ‚Heimat‘ ‚ganz einfach‘ den Rechten überlassen werden. Die biologisierte Dominanz eines auf Exklusivität und Ausgrenzung konzentrierten Heimatbegriffs ist zwar gegenwärtig wie historisch wirkmächtig, es sollte aber nicht vorschnell geurteilt werden, einem kritisch-philosophischen Begriff von Heimat komme eine solche Komponente sui generis zu. Insbesondere mit Bezug auf Theodor W. Adorno soll im Folgenden dafür plädiert werden, den Begriff in seiner Ambivalenz zu verstehen.

Der Ablehnung des völkischen Verständnisses ist aus politischen Gründen definitiv zuzustimmen, begriffsanalytisch scheint hier aber das philosophisch komplexe Phänomen der Heimat der Pauschalisierung geopfert zu werden. Es muss keine vollständige Etymologie geleistet werden, um festzustellen, dass dem Begriff auch andere Attribute zugeschrieben werden können. Während Oswald Spengler den völkischen „Drang nach Geltung und Macht, der pflanzenhaft und rassenhaft mit der Erde, der ‚Heimat‘, verbunden bleibt“ illustrierte, wird Heimat mit anderer Akzentuierung auch von progressiven Denker*innen verwendet.

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Heimat: Mit Adorno an der Trinkhalle

– Nachdem Tine Stein und Samuel Salzborn die Debatte zu Begriff und Idee der Heimat in der letzten Woche kontrovers eröffnet haben, nimmt Michel Dormal „Heimat!?“ heute aus Perspektive der Kritischen Theorie in den Blick. –

Keineswegs geht es darum, den Heimatbegriff affirmativ zu rehabilitieren. Aber ihn einfach zu verwerfen, wäre ebenso billig. Unausgesprochen weist er auf Brüche und Ambivalenzen unserer Erfahrung hin. Hier sollte Politisches Denken ansetzen. Das Heimweh und die Sehnsucht nach dem vielleicht nur eingebildeten, jedenfalls aber meist verlorenen Glück, das wir mit Heimat und Kindheit verbinden, ist keineswegs politisch bedeutungslos. Es ist auch nicht so, dass Heimat primär eine Sache der radikalen Rechten wäre. Für letztere ist die Welt kein heimeliger Ort, sondern Schauplatz eines Kampfes, in dem man sich behaupten und zum Opfer bereit sein muss. Hingegen können wir bei einem ins Exil geflohenen Antifaschisten wie Jean Améry lesen, dass es „nicht gut ist, keine Heimat zu haben“.

Wie schon Tine Stein im Eröffnungsbeitrag anmerkt, lässt sich der deutsche Begriff Heimat nicht übersetzen. Jean Améry umschreibt ihn in Jenseits von Schuld und Sühne als „Dialektik von Kennen-Erkennen, von Trauen-Vertrauen“. Wir erkennen Heimat, weil wir immer schon mit ihr vertraut sind. Und wir trauen uns zu sprechen und zu handeln, weil wir dieser „Kenntnis-Erkenntnis“ vertrauen. Ich deute das so, dass Heimat da ist, wo eine unmittelbare Passung und glückliche Beziehung zwischen dem Menschen und seiner Umwelt besteht. Darüber wo dieser Ort zu finden ist, gehen die Ansichten auseinander. Stadtviertel, Region und Nation sind nur einige Kandidaten. Für andere mag es der Dialekt oder, wie die WAZ anlässlich des „Tages der Trinkhalle“ im Ruhrgebiet meinte, der Kiosk um die Ecke sein. Manch hartgesottener linker Kritiker des Nationalismus lässt zugleich kein Heimspiel seines seit Jugendtagen geliebten Fußballvereins aus. Was Heimat ist, lässt sich schwer positiv definieren. Jeder verbindet damit andere Erfahrungen. Trotzdem dürfte die Vorstellung von Heimatlosigkeit intuitiv bei den meisten Menschen wohl ähnliche Assoziationen von Verlust, Unbehagen und Orientierungslosigkeit hervorrufen.

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CfA: 6 Stipendien für praxisbasierte Forschungsphase nach der Promotion

Die VolkswagenStiftung fördert ein Pilotprojekt zur engeren Verzahnung von Wissenschaft und Praxis in den Sozialwissenschaften. Postdoktorandinnen und Postdoktoranden sollen in der Frühphase ihrer Habilitation an praxisrelevante Forschung herangeführt werden, um ihnen dadurch bessere Möglichkeiten des Zugangs zum nicht-universitären Arbeitsmarkt zu eröffnen und sie gleichzeitig für ihre wissenschaftlichen Tätigkeiten weiter zu qualifizieren. Dazu werden sechs Stipendien vergeben, die es jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern erlauben, für bis zu sieben Monate in folgenden, an der Schnittstelle zwischen akademischer und allgemeiner Öffentlichkeit angesiedelten Institutionen im Hamburger Raum mitzuarbeiten: DIE ZEIT, Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien (GIGA), Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS)/Redaktion „Soziopolis“, Landeszentrale für politische Bildung in Hamburg, Norddeutscher Rundfunk (NDR), Rowohlt/Sachbuch.

Die Stipendiatinnen und Stipendiaten sollen in einer dieser Institutionen an wissenschaftsnahe Tätigkeiten bzw. an solche der Wissenschaftskommunikation herangeführt werden. Von den Bewerberinnen und Bewerbern werden deshalb Teamfähigkeit, Recherche-, Dokumentations- und Schreiberfahrung erwartet. Die Stipendien sind mit monatlich 2.100 Euro dotiert. Geplanter Förderungsbeginn ist Februar 2019. Bewerbungen sind bis 21. Oktober möglich. Alle Informationen finden sich hier in der Ausschreibung.

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