Mut zur Skepsis. Judith Shklar über Rechte im liberalen politischen Denken

Lesenotiz zu Judith Shklar, Der Liberalismus der Rechte, übersetzt und eingeleitet von Hannes Bajohr, Matthes & Seitz 2017.

 

Judith Shklar ist dem deutschsprachigen Lesepublikum vor allem für ihren Liberalismus der Furcht bekannt; bisher lagen auf Deutsch mit einem gleichnamigen Band, mit Ganz normale Laster und mit Über Ungerechtigkeit lediglich Texte aus dieser Phase von Shklars facettenreichem Werk vor. Mit dem nun erschienen Büchlein Der Liberalismus der Rechte schaffen Hannes Bajohr als Übersetzer und der Berliner Verlag Matthes & Seitz Aufmerksamkeit dafür, dass es in Shklars politischer Theorie auch darüber hinaus viel zu entdecken gibt. (mehr …)

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Ideengeschichte 2.0? Warum ein Mehr an Ansätzen und Methoden nicht auch schon ein Mehr an Methoden-Reflexion bedeuten muss

Andreas Busen startet seine Mitarbeit in unserem Theorieblog-Team mit einer Lesenotiz zu Timothy Goerings Band Ideengeschichte heute. Traditionen und Perspektiven (Bielefeld: transcript 2017). Willkommen in Team, Andreas!

Während man in der jüngeren Vergangenheit über ein Mangel an ideengeschichtlichen Arbeiten (auch im deutschsprachigen Raum) eigentlich nicht klagen konnte, erscheinen gleichzeitig nach wie vor nur sehr wenige Arbeiten über Ideengeschichte. Zugegebenermaßen: Gerade zu einzelnen ‚etablierten‘ Ansätzen wie der Cambridge School (Mulsow/Mahler 2010) oder der Begriffsgeschichte (Joas/Vogt 2010; Müller/Schmieder 2016) ist in den letzten Jahren im deutschsprachigen Raum einiges veröffentlicht worden. Darüber hinaus sind inzwischen hilfreiche Textsammlungen (Mahler/Mulsow 2014; Stollberg-Rilinger 2010) verfügbar, die den Zugang zu den einzelnen Ansätzen erleichtern und damit außerdem den herrschenden Methoden-Pluralismus in der Ideengeschichte sichtbar machen. Letzteres leisten schließlich auch zwei neuere Forschungsbände (Busen/Weiß 2013; Reinalter 2015) sowie eine sehr zu empfehlende und in dieser Form bisher einzigartige Einführung speziell in Methoden der Ideengeschichte (Weber/Beckstein 2014). Ein Desiderat bleibt allerdings immer noch eine systematische Bestandsaufnahme des angesprochenen Pluralismus ideengeschichtlicher Ansätze und Methoden, die diese hinsichtlich ihrer jeweiligen Ziele, Voraussetzungen und Anforderungen (sowie nicht zuletzt auch ihrer Entstehung und Geschichte) aufarbeitet und so auch eine vergleichende Perspektive eröffnet – aus der heraus Stärken und Schwächen einzelner Ansätze gegeneinander abgewogen werden können oder auch mögliche Kombinationen verschiedener Methoden sichtbar werden.

Umso vielversprechender ist es, dass nun mit Ideengeschichte heute eine Sammlung von neuen Beiträgen vorliegt, deren Anspruch in eben diese Richtung deutet. Konkret will sich der Band als „pointierte Diskussionsanregung“ verstanden wissen, die „unterschiedliche Impulse geben soll und über Ansätze (hauptsächlich aus dem anglo-amerikanischen Raum) informieren soll, die heute diskutiert werden und die für das Fach der Ideen- und Geistesgeschichte in Deutschland eine hohe Relevanz besitzen können und sollen“ (8). Als Ausgangspunkt fungiert dabei die zuletzt verschiedentlich artikulierte Beobachtung (etwa bei McMahon/Moyn 2014) eines allgemeinen Wiederauflebens der Ideengeschichte, die den Herausgeber Timothy Goering hier gar von einer „Ideengeschichte 2.0“ sprechen lässt. Dass ideengeschichtliche Forschung höchst lebendig ist und dabei eine beispiellose Auswahl an Ansätzen und Methoden aufzubieten hat, unterstreichen die in Ideengeschichte heute versammelten Beiträge nachdrücklich. Einen Beleg dafür, dass damit gleichzeitig auch schon ein neues methodologisches Reflexionsniveau erreicht ist, angesichts dessen tatsächlich einen Versionssprung gerechtfertigt sein könnte, bleibt der Band letztlich allerdings schuldig.

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Normative Ordnungen des Digitalen – Ein Konferenzbericht

Digitale Technologien und ihre vielfältige Nutzung verändern normative Ordnungen auf politischer, rechtlicher und gesellschaftlicher Ebene. Das Internet bietet neue gesellschaftliche Räume, die soziale Interaktion strukturieren. Diese sind jedoch nur halb-öffentliche Räume, in denen die Dienstleistungsanbieter mit Verweis auf ihre AGBs die Möglichkeit haben, etwa politische Äußerungen zu zensieren oder gar zu löschen. Darüber hinaus kooperieren manche private Unternehmen auch mit Staaten in der Strafverfolgung, und treffen Entscheidungen darüber welche Daten sie weitergeben. Welche Normen stoßen im Rahmen der Digitalisierung aufeinander und inwieweit sollten und könnten diese per Gesetz reguliert werden? Können die Grundrechte der Nutzer/innen noch umfassend gewährleistet werden? Mit diesen hochaktuellen Fragen befasste sich am 06. und 07. Juli die interdisziplinäre Konferenz “Normative Orders of the Digital“ am Exzellenzcluster Normative Ordnungen der Goethe-Universität Frankfurt. (mehr …)

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Philosophie und Sonderpädagogik im Gespräch mit Martha Nussbaum. Bericht über den Würzburger Workshop „Menschliche Fähigkeiten & Komplexe Behinderungen“

Auch wenn Interdisziplinarität in der wissenschaftlichen Welt derzeit hoch im Kurs steht, ist ein Austausch von Philosophie und Sonderpädagogik selten. Zwei Lehrstühle der Universität Würzburg (Jörn Müller, Philosophie und Reinhard Lelgemann, Sonderpädagogik) haben auf dieses Desiderat reagiert und die beiden Disziplinen über den capabilities approach von Martha Nussbaum in einen inhaltlichen Austausch gebracht. (mehr …)

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Praxistheoretische Politikwissenschaften

Während in den Nachbardisziplinen schon seit einigen Jahren der Begriff der Praxis diskutiert wird, ist die Anzahl der Arbeiten in der Politikwissenschaft, die sich explizit und detailliert mit den praxeologischen Sozialtheorien beschäftigen, weiterhin übersichtlich. Dies ist bedauerlich, denn die praxistheoretischen Perspektiven würden es der Politikwissenschaft ermöglichen, über den Begriff der Praxis deutlich mehr der Vielfalt, Vielschichtigkeit und komplexen Dynamiken politischer Phänomene zu erfassen. Wie sehr eine derartige inhaltliche und methodische Neuausrichtung in der Politikwissenschaft notwendig ist, hat unter anderem Yascha Mounk in seinem theorieblog-Beitrag illustriert. Entsprechend versteht sich dieser Beitrag als Teil der von Mounk geforderten Neuausrichtung und soll dazu beitragen, über den Begriff der Praxis neue inhaltliche und methodische Impulse für die Politikwissenschaft zu eröffnen. (mehr …)

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Lesenotiz zu Grit Straßenbergers “Hannah Arendt zur Einführung”

Noch eine Einführung?

Kaum einer politischen Theoretikerin wird so viel Aufmerksamkeit zuteil wie Hannah Arendt. Spätestens seit der Verfilmung von Arendts Verarbeitung des Eichmann-Prozesses durch Margarethe von Trotta aus dem Jahr 2013 ist sie auch außerhalb des akademischen Betriebs bekannt. Im Kontext dieses, ja fast schon Arendt-Hypes, hat Grit Straßenberger 2015 eine neue Einführung in Arendts Denken vorgelegt; noch dazu im Junius-Verlag, der mit Karl-Heinz Breiers älterem aber bisher stets wieder neu aufgelegten Band schon eine Einführung im Programm hatte. Angesichts der ohnehin schon inflationär anmutenden Arendt-Publikationen stellt sich die Frage: noch eine Einführung? Macht das Sinn? Um das Ergebnis dieser Lesenotiz vorwegzunehmen: Ja, das tut es! Die Gründe dafür liegen sowohl in der Rezeptionsgeschichte Arendts, die einer ständigen Revision unterliegt, als auch in der Qualität von Straßenbergers Buch.

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„Politische Kulturforschung reloaded“. Bericht zur Tagung des AK „Politik und Kultur“ der DVPW (Wuppertal)

Wenn in der politischen Theorie über den „Formwandel der Demokratie diskutiert wird, gehen damit zwangsläufig auch Prozesse der kulturellen Transformation einher. Westlich-liberale Demokratien sehen sich hinsichtlich ihrer kulturellen Verankerung grundlegenden strukturellen Veränderungen gegenüber. So beschränkt sich die Digitalisierung von Kommunikation nicht länger auf die soziale Vernetzung und Selbstinszenierung, sondern greift sowohl in Krisen- als auch in Alltagsituationen auf das Politische über. Zudem prägt das Erstarken (rechts-)populistischer Strömungen die gegenwärtige politische Auseinandersetzung, während zeitgleich neue Formen des Protests, sozialer Bewegungen und politischer Partizipation zu beobachten sind. Vor diesen aktuellen Hintergründen fragte die Tagung des Arbeitskreises nach neueren Befunden zum Zusammenhang von Politik und Kultur, den sich verändernden kulturellen Dispositionen der Wahrnehmung und Beurteilung des Politischen sowie nach innovativen theoretischen, programmatischen und methodischen Ansätzen der politischen Kulturforschung. (mehr …)

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Das kosmopolitische Europa wartet. Lesenotiz zu Dieter Gosewinkels „Schutz und Freiheit?“ (Suhrkamp 2016).

Dieter Gosewinkel: Schutz und Freiheit? Staatsbürgerschaft in Europa im 20. und 21. Jahrhundert, Berlin: Suhrkamp 2016.

 

Buch der Stunde?

„Staatsbürgerschaft in Europa im 20. und 21. Jahrhundert“ ist ein präziser Untertitel für ein Werk, dessen Haupttitel etwas ratlos machen mag. Denn unter einem mit Fragezeichen versehenen Titel wie Schutz und Freiheit? das Konzept der Staatsbürgerschaft zu erörtern, wird erst verständlich, wenn man die Ausgangsthese des Berliner Historikers Dieter Gosewinkel teilt, dass es diese zwei Begriffe mit ideenhistorisch spannungsreicher Vorgeschichte waren, auf deren Verschmelzung mittels Staatsbürgerschaftskonzept zu Beginn des europäischen 20. Jahrhunderts allgemein gehofft wurde. (mehr …)

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„Formwandel der Demokratie“. Bericht zur DVPW-Sektionstagung in Trier

Die „Krise der repräsentativen Demokratie“ ist kein neuer Topos des Fachs. Doch hat das bereits vor zwei Jahren auserkorene Thema „Formwandel der Demokratie“ der Frühjahrstagung der DVPW-Sektion „Politische Theorie und Ideengeschichte“, zu der Winfried Thaa (Universität Trier) und Christian Volk (FU Berlin) vom 29. bis zum 31. März 2017 nach Trier einluden, vor dem Hintergrund jüngster Entwicklungen neue Brisanz erhalten: In Zeiten eines Erstarkens des Rechtspopulismus sowie autoritärer und antipluralistischer Tendenzen in vielen europäischen Ländern, des „Brexit“ oder der polarisierenden Wahl Donald Trumps in den USA gilt es, die aktuellen Entwicklungen politik- und demokratietheoretisch einzuordnen sowie konzeptionelle Antworten auf diese Herausforderungen zu entwickeln. Der für Ambivalenzen offene Begriff des „Formwandels“ – von den Gastgebern als bewusste Abgrenzung zum Terminus der „Postdemokratie“ gewählt – erscheine angesichts der aktuellen Entwicklungen beinahe als Euphemismus, so Winfried Thaa in seiner Eingangsrede. Zugleich macht der Begriff auf den zentralen Ausgangspunkt der Tagung aufmerksam: Potentiell demokratiegefährdenden Entwicklungen stehen gegenläufige Tendenzen wie die Ausweitung individueller Rechte und die Institutionalisierung neuer Partizipationsformen gegenüber. Zentrale Themen und Fragen der Tagung waren daher neben der demokratietheoretischen Analyse des Formwandels auch normative Bestimmungs- und Selbstvergewisserungsversuche: Wie manifestiert sich der Formwandel der Demokratie und wieviel Formwandel verträgt sie? (mehr …)

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