Die Kontroverse um die gescheiterte Wahl von Frauke Brosius-Gersdorf zur Bundesverfassungsrichterin hat das Verhältnis von Recht und Politik schlagartig ins Zentrum öffentlicher Aufmerksamkeit gerückt. In kritisch-polemischen Darstellungen erscheint ihre Kandidatur oft als Versuch, über den „Karlsruher Umweg“ eine weltanschaulich (polemisch als linksliberal umschriebene) Agenda – von reproduktiven Fragen bis hin zu Regulierungsthemen wie Impfquoten – in der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zu verankern. In Anlehnung an Clausewitz ließe sich dieser Vorwurf pointiert so formulieren: Verfassungsrecht sei linksliberale Politik mit anderen Mitteln. Oder, in den Worten der ehemaligen Bundesverfassungsrichterin Gertrude Lübbe-Wolffs, Ausdruck einer tiefgreifenden „Demophobie”. (mehr …)
Debatte
Tagungsbericht: Von widerständigen Verweigerungen und vom (Über-)Leben in feindlichen Umgebungen. Politische Theorie zwischen (Un)Sichtbarkeiten
Wie feindlich ist die Umgebung, in der wir leben und uns bewegen? Denken wir beispielweise an trans- oder queerfeindliche Übergriffe oder Femizide, deren Ereignung durch bestimmte Atmosphären mit erzeugt wird, ausbeuterische Arbeitsverhältnisse oder an Wohnungslose in Großstädten. Feindlich bedeutet hier in einem symbolischen, aber auch materialistischen Sinne, dass diese Umgebungen bestimmte Lebens- und Subjektivierungsweisen verunmöglichen und Ausschlüsse produzieren, die verschleiert oder unsichtbar gemacht werden. Wie schafft man in diesen unlebbaren Umgebungen lebbare Räume durch (vermeintlich) kleine, alltägliche Überschreitungen, Infragestellungen oder Verweigerungen? Und wie entfalten solche widerständigen Praktiken wiederum Transformationspotenziale, die auch auf diese unlebbaren Umgebungen wirken?
Diesen Fragen wendete sich die am 13. und 14. November veranstaltete internationale Konferenz „Resistance, Refusal, Survival. Contesting Hostile Environments“, organisiert von Christine Abbt, Michaela Bstieler und Leire Urricelqui zu. Die Beiträge reichten von kritischen Theorien (mit kleinem und großem k), materialistischen, feministischen, post- und dekolonialen Ansätzen und Black Theories bis hin zu phänomenologischen Perspektiven. (mehr …)
Über Grenzgänge und -kämpfe an und in der Öffentlichkeit: Tagungsbericht „Politische Öffentlichkeiten Teil II – Akteure und Strategien“
Vom 30.09. bis zum 02.10.2025 fand in Erlangen der zweite Teil der DVPW-Doppeltagung „Politische Öffentlichkeiten“ statt. Widmete sich der erste Teil der Tagung dem Anliegen, „Öffentlichkeit“ vor dem Hintergrund struktureller Transformation(en) begrifflich und theoretisch greifbar zu machen, was beinahe unweigerlich zuvorderst zu einem Rekurs auf habermasiansche Ansätze führen musste (Campbell MacGillivray berichtete für den Theorieblog), trat der zweite Teil mit dem Anspruch an, die um und in der Öffentlichkeit ringenden Akteure, ihre Zielsetzungen und ihr strategisches Handeln genauer zu betrachten. Besondere Aufmerksamkeit sollte dabei jenen „vermachteten Öffentlichkeitszusammenhängen“ gelten, die über die durch den liberal-demokratischen Konsens normierte Sphäre der Öffentlichkeit hinausreichen – sei dies der aus normativer, (radikal-)demokratietheoretischer Perspektive problematisierte Ausschluss marginalisierter Gruppen oder das Problem eines (vermeintlichen) Zersetzungsprozesses demokratischer Öffentlichkeit.
Wie im Grußwort der Veranstalter*innen herausgestellt wurde, galt es dabei insbesondere auch, neue methodologische Wege jenseits der für die Politische Theorie und Ideengeschichte üblichen schriftsprachlichen Quellen zu bestreiten. Hiervon wurde sich auch eine Wendung von den abstrakten Höhenflügen der Demokratietheorie zu mehr „hermeneutischem Bottom-up“ (Eva Marlene Hausteiner) erhofft.
„Sorgende Städte“ im Kontext der Care-Debatte
Unter dem Label „Caring Cities“ oder auch „Sorgende Städte“ haben Städte weltweit – vor allem im spanischsprachigen Raum – angefangen, Pflege- und Sorgetätigkeiten stadtpolitisch zu stärken und ihnen mehr Sichtbarkeit zu verleihen. Städte reagieren damit auf die sogenannte „Krise der Reproduktion“ und die neoliberale Vernachlässigung öffentlicher Infrastrukturen. Im Folgenden möchte ich die „Caring Cities“ in den sozialwissenschaftlichen Debattenkontext um Pflege- und Sorgearbeit bzw. deren Krise einordnen (ausführlich dazu siehe Knierbein et al 2025; siehe auch Isselstein 2024sowie Saltiel und Strüver 2024). Dabei soll es zum einen darum gehen, die Relevanz der Care-Debatte für den städtischen Kontext herauszuarbeiten. Zum anderen soll das Spannungsfeld zwischen unterschiedlichen Care-Begriffen und den damit einhergehenden theoretischen Problemstellungen deutlich werden. Denn während sich der durch Joan Tronto geprägte „weite Care-Begriff“ besonders für die Auseinandersetzung mit Alltagsorten des städtischen Zusammenlebens anbietet, scheint er im Gegensatz zu einem materialistischen Care-Begriff, der auf Arbeit und Reproduktion fokussiert, weniger gut geeignet für das Verständnis spezifisch kapitalistischer Widersprüche. (mehr …)
Ist Hannah Arendt eine überzeugte Demokratin? Eine Replik auf Tobias Albrecht
Ich danke der Theorieblog-Redaktion für die Auswahl meines Beitrages und ganz besonders Tobias Albrecht für seine anregend-wohlwollende Auseinandersetzung mit meinem kleinen Text über Motive der Demokratiekritik bei Nietzsche und Arendt. Bevor ich mich mit Albrechts klugen Einwänden beschäftige, möchte ich mit einer kurzen Vorbemerkung über die Arendt-Rezeption in Deutschland starten. Sie soll zeigen, dass hierzulande eine „Verklärung und Glorifizierung“ (S. 467) Arendts erfolgt, die den Blick auf ihr tatsächliches politisches Denken immer mehr verstellt. (mehr …)
Demokratiekritische Motive bei Hannah Arendt – Dirk Jörkes ZPTh-Artikel in der Diskussion
Vor Kurzem ist die neue Ausgabe der Zeitschrift für Politische Theorie erschienen! Das von Grit Straßenberger und Harald Bluhm herausgegebene „Jubiläumsheft zum 50. Todestag von Hannah Arendt: Nietzsche im politischen Denken von Arendt“ versammelt eine ganze Reihe an Beiträgen rund um Arendts Auseinandersetzungen mit Nietzsche: Reinhard Mehring untersucht Arendts Bezüge auf Nietzsche vor dem Hintergrund der Nietzsche-Rezeption von Karl Jaspers, und Marcus Llanque beleuchtet in seinem Artikel Arendts Perspektive auf Nietzsche „mit und gegen Martin Heidegger“. Hans-Peter Müller liest Nietzsches und Arendts Konzepte der Massengesellschaft mit Simmel und Weber. An der Umgangsweise mit dem Traditionsbruch zeigt Jürgen Förster grundlegende Gegensätze im politischen Denken von Arendt und Nietzsche auf, und Matthias Bohlender diskutiert in seinem Beitrag das Verhältnis von Freiheit, Befreiung und Herrschaft bei Nietzsche und Arendt. Dass Judith N. Shklars kritische Auseinandersetzung mit Arendt maßgeblich von ihrem Blick auf Nietzsche geprägt ist, zeigt schließlich Rieke Trimcev in ihrem Beitrag zum Themenschwerpunkt.
Neben diesen Beiträgen zum Schwerpunkt enthält das Heft außerdem noch eine Abhandlung von Lucas von Ramin zum Thema Ostdeutschland und dem Streit um Identitätspolitik sowie ein Interview von Manuel Kautz mit Christina Lafont und Nadia Urbinati über ihre Kritik an lottokratischen Demokratietheorien. Zudem beschäftigt sich Wilfried Heise unter der Rubrik „Wiedergelesen“ mit Helmuth Plessners „Grenzen der Gemeinschaft“. Das Heft schließt mit einem Nachruf auf Ingeborg Maus von Oliver Eberl.
Dirk Jörkes Aufsatz zu Nietzscheanischen Argumentationsfiguren in der Demokratiekritik Arendts gehört ebenfalls zum aktuellen ZPTh-Themenschwerpunkt. Wir freuen uns, dass wir ihn im Rahmen unserer bewährten Zusammenarbeit mit der ZPTh kostenlos zum Download zur Verfügung stellen können – und dass unser Redaktionsmitglied Tobias Albrecht die ZPTh-Debatte auf dem Theorieblog mit seinem Kommentar eröffnet. Dirk Jörke wird später in Form einer Replik darauf antworten. Los geht’s heute mit dem Kommentar von Tobias Albrecht:
Politische Theorie dekolonisieren? Eine Lesenotiz zur Junius-Einführung „Dekoloniale Theorien“ von Frederik Schulze und Philipp Wolfesberger
Vor kurzem wurde die Junius Einführungsreihe durch einen weiteren Band bereichert: „Dekoloniale Theorien“ von Frederik Schulze und Philipp Wolfesberger. Ist der Begriff der postkolonialen Theorien nun schon seit längerer Zeit Bestandteil der Diskussionen in der politischen Theorie – einschlägige Einführungen wurden bereits 2015 durch María do Mar Castro Varela/Nikita Dhawan oder 2021 durch Ina Kerner vorgelegt –, so geistert der Begriff der Dekolonialität wohl erst seit kurzem umher. Einführungsliteratur war zu dem Thema bisher eher dünn gesät. Ausnahmen bilden dabei der Sammelband Kolonialität der Macht (2013), herausgegeben von Pablo Quintero und Sebastian Garbe sowie die Monografie Dekolonialistische Theorie aus Lateinamerika (2022) von Jens Kastner. Mit der Einführung bei Junius liegt nun ein handlicher Überblick vor, der Ausgangspunkt für ein erstes Kennenlernen, aber auch für eine tiefergehende Beschäftigung mit dekolonialen Theorien sein kann. (mehr …)
Call for Blogposts: Verfassungsgerichtsbarkeit
Die gescheiterte Wahl von Frauke Brosius-Gersdorf zur Bundesverfassungsrichterin und deren Folgen werfen neues Licht auf politiktheoretisch scheinbar altvertraute Fragen der Gewaltenteilung. Das nehmen wir im diesjährigen Sommercall zum Anlass, um nicht wie in den vergangenen Jahren einen Begriff, sondern eine Institution aus politiktheoretischer und ideengeschichtlicher Perspektive in den Mittelpunkt zu rücken: Die Verfassungsgerichtsbarkeit.
In der breiteren politik- und rechtswissenschaftlichen Debatte ist angesichts populistischer und autoritärer Angriffe auf die Verfassungsgerichtsbarkeit einerseits und einer Kritik an der zunehmenden Judizialisierung der (insbesondere europäischen) Politik andererseits schon länger eine neue Grundsätzlichkeit in der Diskussion um die Institution der Verfassungsgerichtsbarkeit zu verzeichnen. Bei aller Unterschiedlichkeit der Problem- und Fragestellungen haben die beiden Perspektiven gemeinsam, dass sie die Autorität der Verfassungsgerichtsbarkeit verstärkt in Frage stellen.
Grund genug also, um nicht nur den jüngsten Eklat zum Anlass für grundlegende Erörterungen über den Status quo und politisch-juristische Perspektiven auf Verfassungsgerichtsbarkeit zu nehmen und aus ideengeschichtlicher sowie politiktheoretischer Perspektive nach der “Lage” der Verfassungsgerichtsbarkeit zu fragen.
Fanon Schwerpunkt: Zur Aktualität Fanons in Zeiten faschistischer Konjunkturen
Mit Fanon wird in diesem Jahr einer der bekanntesten und schillerndsten anti-kolonialen Revolutionäre und Theoretiker 100 Jahre alt. Obwohl der Psychiater, der 1956 von seinem Posten als Chefarzt der Klinik Blida-Joinville zurücktrat, um sich der algerischen Befreiungsbewegung gegen die Kolonialmacht Frankreich anzuschließen, aufgrund einer Leukämie-Erkrankung nur 36 Jahre alt wurde, hinterlässt er ein beachtliches Werk: drei Monographien, einen Band mit Texten und Briefen zur Afrikanischen Revolution sowie mehrere Theaterstücke und psychologische Betrachtungen.
Fanons Arbeiten, die sich nur schwer in ein „Früh“- und „Spätwerk“ unterteilen lassen, obwohl sie doch für unterschiedliche Phasen, politische Prozesse und damit auch theoretische Prämissen in Fanons Leben stehen, sind vor allem durch seinen radikal-universalistischen Anspruch, seinen Anti-Kolonialismus, seine affirmativ-kritischen Revisionen des Marxismus, den phänomenologischen Ansatz und eine stete Auseinandersetzung mit den psychologischen Dimensionen kolonialer Ausbeutung, Unterdrückung und Herrschaft charakterisiert.
Fanon Schwerpunkt: „Wacht auf, Verdammte dieser Erde.“ Frantz Fanon zur radikalen Imagination in Gewalt und Tanz
„Es schien mir nur furchtbar viel auf dem Spiel zu stehen.“ Diese Worte schreibt Fanon in einem Brief an seinen Verleger im Mai 1961 – Anfang Dezember erscheint Die Verdammten dieser Erde, nur wenige Tage später stirbt Fanon (Cherki 2011, 246). Das Buch ist ein letzter Appell, ein Warnruf, den Fanon an seine Weggefährt:innen im algerischen Befreiungskampf richtet. Er fürchtet die Machtlust einer neu entstehenden nationalen Bourgeoisie, die die kolonialen Herrschaftsstrukturen lediglich neu besetzen und die manichäische Welt weiterführen würde (Cedric Robinson (2019)betont dies in seiner Kritik an der frühen Fanon-Rezension in den Kulturwissenschaften und post-kolonialen Studien). Fanon pocht auf die Notwendigkeit einer zukunftsgerichteten Imagination einer freien Nation (im Sinne einer ‚radikalen Imagination‘ in Cornelius Castoriadis‘ parlé), die er mehr und mehr hinter politischen Intrigen und der naiven Sehnsucht nach einem ursprünglichen, authentischen Algerien verblassen sieht. Während Fanon besonders im europäischen Kontext herangezogen wird, um gewaltsamen Widerstand zu verstehen, gar zu rechtfertigen, darf nicht außer Acht gelassen werden, dass für Fanon die (gewaltsame) Befreiung aus kolonialer Herrschaft nicht mit der Emanzipation eines Volkes gleichzusetzen ist. Im Folgenden möchte ich daher den Fokus auf die Rolle radikaler Imagination in Fanons politischen Schriften legen, denn damit lässt sich das politische Potential beurteilen von gewaltsamem Widerstand und von kulturellen Praktiken, besonders der des Tanzes. Nur in Form einer Erfahrung kollektiver Subjektivität stellen diese den Moment des Erwachens aus der Verdammung dar.
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