CfA für Spring School „Own Data. Systems Medicine between Sovereignty and Solidarity (30.3.-2.4.2020; FAU Erlangen-Nürnberg)

Der Lehrstuhl für Systematische Theologie II (Ethik) der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg veranstaltet vom 30. März bis zum 02. April 2020 eine Spring School zum Thema „Own Data. Systems Medicine between Sovereignty and Solidarity“. Das Ziel dieser Konferenz ist es, mit (Nachwuchs-)WissenschaftlerInnen über die rechtliche Handhabung personenbezogener, medizinisch relevanter Daten im klinischen und Forschungskontext zu diskutieren und die Ergebnisse in einen Sammelbank zu publizieren. Hierfür laden wir 15 WissenschaftlerInnen herzlich dazu ein, sich mit einem Abstract für die Teilnahme zu bewerben. Detailiertere Informationen finden sich hier. Bewerbungen sind bis zum 30. November 2019 möglich.

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Nur das Ganze ist das Wahre? Metaphysik als politisches Denken. Lesenotiz zu Armen Avanessians „Metaphysik zur Zeit“

Metaphysik ist, das gemahnte Kant, und vor ihm schon Thomas Hobbes, ein „Kampfplatz“. Für Kant ist Metaphysik ein Kampfplatz, weil es ihr um Dinge und Grundsätze geht, die jenseits der Erfahrung liegen (die Welt im Ganzen, Gott) und dadurch immer nur Gegenstand des argumentativen Widerstreits sein können (KdV, 1. Aufl., Vorrede). Für Hobbes eignet der Metaphysik eine brisante politische Wirksamkeit: Metaphysik stützt Herrschaft und Autorität. Metaphysischen Lehren und Programmen sei daher immer mit der Frage cui bono? zu begegnen (Leviathan XLVI–VII). Auch Armen Avanessian weist in seiner neuen Publikation „Metaphysik zur Zeit“ auf den politischen Charakter von Metaphysik hin: „Schlechte Metaphysik dient stets einer ebensolchen Politik“ (S. 48). Metaphysik steht traditionell für das Ziel, die Welt in ihrer Totalität erfassen und verstehen zu wollen. Wer sich dem hehren Denkformat der Metaphysik verschreibt, will also aufs Ganze gehen, die großen Kategorien bearbeiten, im Kampf um das Gute und Böse mitmischen – genau das macht Armen Avanessian, und nimmt einige Spannungen in seinem Unterfangen in Kauf.  (mehr …)

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Call for Blogposts: Solidarität!?

Im letzten Jahr ist unser erster Call for Blogposts zum Thema „Heimat“ auf so großes Interesse gestoßen, dass wir schließlich über mehrere Wochen hinweg eine vielfältige und angeregte Debatte veröffentlichen konnten. Von diesem Erfolg motiviert haben wir uns entschlossen, das Format fortzusetzen. Und auch diesmal haben wir uns ganz offenkundig wieder im oberen Regal der politischen (Grund-)Begriffe bedient – denn der Begriff, um den es in diesem Jahr gehen soll (und der hier auf dem Theorieblog in der Vergangenheit auch schon das ein oder andere Mal thematisiert wurde), ist: Solidarität. (mehr …)

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Programmiert auf freie Zeit: Lesenotiz zu Antonio Negris „Über das Kapital hinaus“

Negri, Antonio: Über das Kapital hinaus
Abb.: Dietz Verlag

Antonio Negri: Über das Kapital hinaus, Karl Dietz Verlag, Berlin 2019, 263 Seiten.

Ist Marx ein Denker der Industrialisierung, oder hat er uns auch heute in Zeiten von Überwachungskapitalismus, Big Data und Industrie 4.0 noch etwas zu sagen? Die Arbeitswelt ist seit Ende der 1970er nicht länger eine der Hochöfen und des Fließbandes. Der sogenannte Postfordismus ist vielmehr zunehmend automatisiert, global diversifiziert und flexibilisiert. Insbesondere ist es nun auch das allgemeine Wissen und die darauf aufbauende Kreativität der Lohnarbeitenden, derer sich die kapitalgetriebene Produktion heute bemächtigt.

Am Beginn dieses Flexibilisierungs- und Automatisierungsprozesses, der auch das Ende der Arbeit (Jeremy Rifkin, 1995) erahnen ließ, machte sich Antonio Negri erneut an das marxsche Werk, indem er sich auf Einladung Louis Althussers in einer Vorlesung in Paris den Grundrissen widmete. Die Erstveröffentlichung dieser neun Teile erfolgte 1979 unter dem italienischen Titel Marx oltre Marx. Vierzig Jahre später ist der Vorlesungszyklus nun auch auf Deutsch erschienen. (mehr …)

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„Solange eine Universität lebt, lebt sie von ihrem Geist“

Akademischer Philosoph und öffentlicher Intellektueller – im Vortrag anlässlich seines 90. Geburtstages an der Goethe-Universität Frankfurt hat Jürgen Habermas eindrücklich unter Beweis gestellt, dass er beides wie kein anderer in einer Person verkörpert. In der ersten Rolle hielt er einen luziden Vortrag zum Verhältnis von Moralität und Sittlichkeit mit Blick auf die drei Geistesgrößen Kant, Hegel und Marx, um dann in der zweiten Rolle wissenschaftspolitisch klar Stellung zu beziehen: das philosophische Denken sei dann bedroht, wenn Zweckrationalität und Systemzwänge zu den bestimmenden Prämissen der Institution Universität werden.

Zu Beginn seines Vortrags entschuldigte sich Habermas bei all jenen, die gekommen seien, um einen feuilletonistischen Intellektuellen zu erleben – es erwarte sie stattdessen ein fachphilosophischer Vortrag und tagesaktuell werde es allenfalls in den letzten fünf Minuten. Die hatten es dafür umso mehr in sich: direkt an die Präsidentin der Goethe-Universität Frankfurt Prof. Brigitta Wolff gewandt, warnte Habermas davor, das Erbe der Frankfurter Schule zu verspielen. Nur unter entgegenkommenden Bedingungen könne das kritische interdisziplinäre Denken, wie es in Frankfurt eine einzigartige Tradition hat, gedeihen. Pointiert formulierter er: „Eine Universität ist mehr als eine vom Wissenschaftsrat evaluierte Anstalt für Forschung. Solange eine Universität lebt, lebt sie von ihrem Geist.“ (mehr …)

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Die Zukunft der Solidarität – (keine) zwei Meinungen

„Solidarität“ ist, nicht zuletzt im Kontext der diversen ‚Krisen‘ der jüngeren Vergangenheit, in aller Munde und erfährt auch aus politik- bzw. sozialwissenschaftlicher Perspektive (wieder) zunehmend Aufmerksamkeit. Deshalb kann es nicht überraschen, dass auch Heinz Budes jüngst unter dem Titel „Solidarität. Die Zukunft einer großen Idee“ (Hanser 2019, 176 Seiten) veröffentliche Überlegungen eine rasche Rezeption erfahren haben. Hier auf dem Theorieblog schlägt sich dies darin nieder, dass wir mit einer ‚doppelten‘ Lesenotiz von Stefan Wallaschek und Marie Wachinger gleich zwei Perspektiven auf Budes Buch bekommen. Wie immer dürfen natürlich aber auch hier weitere Eindrücke gerne im Kommentarbereich ergänzt werden.

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„An unexpected source of power“: Nicole Doerrs Entdeckung politischer Übersetzung für deliberative Theorie und Praxis

Nicole Doerr (2018). Political Translation. How Social Movement Democracies Survive. Cambridge University Press.

Nicole Doerrs Buch Political Translation analysiert nicht nur Machtverhältnisse in basisdemokratischen, mehrsprachigen Gruppen. Es erforscht auch ein Handlungsmodell, das solidarische Verständigung über Subjektpositionen hinweg ermöglicht: Politische Übersetzung. Als empirisch verankertes Konzept zeigt politische Übersetzung, dass gemeinsames Erwägen und Entscheiden (lat. deliberare) weder eine „realpolitisch nicht umsetzbare Utopie“ bleiben muss, noch eine bloße Inszenierung demokratischer Abläufe bei gleichzeitiger Durchsetzung harter Interessen. Political Translation ist ein bedeutsames Plädoyer für deliberative Verfahren – und steht im Kontrast zu den zunehmend fatalistischen, zynischen und autoritären Antworten auf die Probleme demokratischer Repräsentation und Entscheidungsfindung. (mehr …)

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Europawahl 2019: Entscheidungen über die institutionelle Architektur der EU?!

Diesmal genügt es nicht, nur auf eine bessere Zukunft zu hoffen.
Diesmal müssen wir alle Verantwortung übernehmen.

So lautet die Einleitung zur Kampagne „Diesmal wähle ich“, mit der das Europäische Parlament zur Europawahl vom 23. bis zum 26. Mai 2019 aufruft. Das Video der Kampagne, in der Neugeborene die Hauptrollen spielen, endet mit der Aufforderung: „Choose the Europe you want me to grow up in.” Die Europawahl 2019 wird hier und auch in der weiteren Diskussion als Schicksalswahl für die EU präsentiert.

Dem entspricht einerseits der Eindruck, dass inhaltliche Entscheidungen auf europäischer Ebene – von Klimaschutz über Steuergesetzgebung bis Außenpolitik – aktuell stärker im Fokus stehen als bei früheren Europawahlen. Andererseits ist das grundsätzliche Bekenntnis für oder gegen die EU prominent in den Europawahlprogrammen präsent. Fragen und Antworten zur institutionellen Architektur der EU, die über ein einfaches Ja oder Nein zur europäischen Integration hinausgehen, nehmen allerdings in der Diskussion oft eine nachgeordnete Position ein. Wie die unterschiedlichen Elemente der europäischen Mehrebenenordnung voneinander abhängen und zusammenspielen (sollen), bleibt meist vage

Die Europawahl ist ein Anlass und Schauplatz für Auseinandersetzungen über europäische Politik und die EU. In der Wahl selbst kulminieren aber auch eine Reihe von Spannungslinien zwischen zwischenstaatlichen, transnationalen und supranationalen Ordnungslogiken. Sie beruhen auf unterschiedlichen Verständnissen demokratischer Legitimation, insbesondere der Unionsbürgerschaft, und prägen die Rollen sowie die Verhältnisse der europäischen Institutionen zueinander. Die damit verbundenen Fragen der institutionellen Architektur stellen sich vor allem bei Änderungen der EU-Verträge. Gerade weil die unterschiedlichen Ordnungslogiken der EU bei der Europawahl aufeinandertreffen, wird ihre Balance aber auch durch die anstehenden Entscheidungen beeinflusst. (mehr …)

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Hannah Arendts Aufklärung: die Hamburger Lessingrede vom 28. September 1959

Die Universität Hamburg begeht derzeit ihren 100sten Geburtstag und die Hamburger Politologie feiert kräftig mit: Sie hat den politik100x100-blog ins Leben gerufen. Präsentiert werden dort nach und nach 100 Einträge zur Geschichte der Hamburger Politikwissenschaft samt Vorgeschichten und Informationen zum intellektuellen Kontext. Bisher erschienen sind u.a. Beiträge zu Wilhelm Hennis, Joachim Raschke, Carl Schmitt, Ernst Cassirer, Winfried Steffani, Christine Landfried, Andreas Anter und zur Hamburger Kriegsursachenforschung.  Noch erscheinen werden u.a. Beiträge zu Michel Foucault, Leo Strauß, Jürgen Habermas, Siegfried Landshut, Jan Philipp Reemtsma, Helmut Schelsky, Ernst Forsthoff und Vladimir Putin.

Der theorieblog freut sich, etwas mitfeiern zu dürfen: Gemeinsam mit dem politik100x100-blog präsentieren wir Clara Maiers für die Hamburger Politologie verfassten Beitrag über Hannah Arendts Lessing-Rede aus dem Herbst 1959. Los geht’s! – Red. (mehr …)

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Wer entscheidet, was redlich ist? Zur Untersuchung von Fällen wissenschaftlichen Fehlverhaltens in Deutschland

Infolge prominenter und weniger prominenter Fälle wissenschaftlichen Fehlverhaltens, z.B. in Form von Plagiaten oder Datenmanipulationen, wurden an deutschen Hochschulen seit Ende der 1990er Jahre Institutionen und Strukturen aufgebaut, die der Untersuchung und Ahndung wissenschaftlichen Fehlverhaltens dienen. Doch ist es aus wissenschaftstheoretischer Sicht überhaupt sinnvoll, dass über das, was in der Wissenschaft statthaft ist und was nicht, durch amtliche Organe und Kommissionen entschieden wird. Ist es richtig, über gute wissenschaftliche Praxis und wissenschaftliches Fehlverhalten sozusagen auf dem Amtsweg zu befinden? Muss nicht vielmehr im wissenschaftlichen Diskurs selbst darüber entschieden werden, was gut ist und was nicht? Zensieren Untersuchungsgremien letztlich die Wissenschaftsfreiheit?

Zur Legitimation und Rechtfertigung der in Deutschland bestehenden Strukturen zur Untersuchung von Fällen wissenschaftlichen Fehlverhaltens seien vier Argumente angeführt: (mehr …)

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