Für relativ Kurzentschlossene: Kommende Woche (am 26. und 27. Januar 2026) findet an der Universität Freiburg eine Tagung statt, die nach der Bedeutung der Cambridge School für die zeitgenössische Politische Theorie(bildung) fragt. Da die Tagung im Livestream übertragen wird, ist die Teilnahme auch digital möglich. Zur Anmeldung dazu und zum vollständigen Programm geht’s hier.
Ideengeschichte
Über Grenzgänge und -kämpfe an und in der Öffentlichkeit: Tagungsbericht „Politische Öffentlichkeiten Teil II – Akteure und Strategien“
Vom 30.09. bis zum 02.10.2025 fand in Erlangen der zweite Teil der DVPW-Doppeltagung „Politische Öffentlichkeiten“ statt. Widmete sich der erste Teil der Tagung dem Anliegen, „Öffentlichkeit“ vor dem Hintergrund struktureller Transformation(en) begrifflich und theoretisch greifbar zu machen, was beinahe unweigerlich zuvorderst zu einem Rekurs auf habermasiansche Ansätze führen musste (Campbell MacGillivray berichtete für den Theorieblog), trat der zweite Teil mit dem Anspruch an, die um und in der Öffentlichkeit ringenden Akteure, ihre Zielsetzungen und ihr strategisches Handeln genauer zu betrachten. Besondere Aufmerksamkeit sollte dabei jenen „vermachteten Öffentlichkeitszusammenhängen“ gelten, die über die durch den liberal-demokratischen Konsens normierte Sphäre der Öffentlichkeit hinausreichen – sei dies der aus normativer, (radikal-)demokratietheoretischer Perspektive problematisierte Ausschluss marginalisierter Gruppen oder das Problem eines (vermeintlichen) Zersetzungsprozesses demokratischer Öffentlichkeit.
Wie im Grußwort der Veranstalter*innen herausgestellt wurde, galt es dabei insbesondere auch, neue methodologische Wege jenseits der für die Politische Theorie und Ideengeschichte üblichen schriftsprachlichen Quellen zu bestreiten. Hiervon wurde sich auch eine Wendung von den abstrakten Höhenflügen der Demokratietheorie zu mehr „hermeneutischem Bottom-up“ (Eva Marlene Hausteiner) erhofft.
CfA: Workshop „Kämpfe um den Liberalismus“ (Hamburg, 19./20.02.26)
Patrick Samtlebe, Lennart Riebe und Jonas von Bockel veranstalten am 19. und 20. Februar in Hamburg den Workshop „Kämpfe um den Liberalismus: Zur Theorie, Geschichte und Kritik liberalen Denkens“ und laden vor allem Promovierende und (frühe) PostDocs zur Bewerbung mit Beitragsvorschlägen ein. Ziel ist, vor dem Hintergrund der komplexen Debatten um liberales und post-liberales Denken insbesondere jüngere Forschende miteinander ins Gespräch zu bringen
- über Begriff und theoretische Bestimmungen des Liberalismus sowie Beziehungen zu benachbarten oder entgegengesetzten Formen politischen Denkens,
- über die historische Konstitution und Entwicklung liberaler Theorie(n) und Praktiken,
- über Liberalismus im Spannungsfeld von demokratischer Selbstregierung und autoritärer Politik und schließlich
- über Probleme, Kritiken und Krise(n), aber auch unausgeschöpfte Potentiale des Liberalismus.
Abstracts für Beitragsvorschläge (max. 300 Wörter + Kurz-CV) dürfen bis 8. Dezember 2025 gesendet werden an patrick.samtlebe[at]uni-hamburg.de. Weitere Informationen zu Inhalt und Organisation finden sich im vollständigen Call online.
CfA: Promotionsstelle „Antidemokratische Regression“ (Frankfurt)
Am Forschungszentrum Normative Ordnungen in Frankfurt ist eine Promotionsstelle (65%) ausgeschrieben. Die Stelle ist im Work Package „Begriff und Theorien der Regression“ des Hessischen Forschungsverbunds DemoReg „Herausforderungen der Demokratie in Zeiten ihrer Regression“ angesiedelt. Gesucht wird ein/e Stelleninhaber:in die Lust hat mit Rainer Forst und Vera King an der Schnittstelle von politischer Theorie/Philosophie und Soziologie/psychoanalytische Sozialpsychologie zum Thema „Antidemokratische Regression“ zu arbeiten. Bewerbungen können bis zum 09.09.2025 an sekretariat.forst@soz.uni-frankfurt.de geschickt werden. Zur ganzen Ausschreibung geht es zudem hier.
CfA Generative KI & die Gesichter der Macht – Workshop in Berlin
Am 20.–21. November 2025 findet am Weizenbaum-Institut in Berlin ein Workshop zum Thema „Generative AI & The Faces of Power“ statt. Der Workshop zielt darauf ab, die vielschichtigen Machtverhältnisse im Zusammenhang mit generativer KI in sozialen, politischen und kulturellen Kontexten zu untersuchen und kritisch zu reflektieren. Gesucht werden vorrangig theoriebildende, konzeptionelle oder vergleichende Beiträge, die sich mit dem Thema Macht im Kontext generativer KI sowie damit verbundenen Fragestellungen auseinandersetzen. Schlagworte in diesem Kontext wären etwa ökonomische (Macht-)Konzentration, algorithmische Steuerung, epistemische Autorität oder digitale Subjektivierung.
Wer einen Vortrag halten möchte, ist eingeladen, sich bis zum 15. August 2025 mit einem Abstract (max. 500 Wörter) und einer Kurzbiographie (max. 150 Wörter) zu bewerben. Beiträge können auf deutsch und englisch unter folgender Adresse eingereicht werden: workshop-generative-ai@wzb.eu. Angestrebt wird eine Diskussion in englischer Sprache.
Alle Infos zum Workshop finden sich im ausführlichen Call for Abstracts.
CfP: Politische Philosophie der Bauernkriege (Oldenburg)
Zum 500. Jubiläum der Bauernkriege planen Philipp Schink (Oldenburg) und Kolja Möller (Dresden) am 12. und 13. Dezember an der Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg eine Tagung mit dem Titel „Freyheit und Aufstand“, die sich mit der politischen Philosophie der Bauernkriege befasst. Beiträge sollen sich mit den namensgebenden Ideen der „Freyheit“ und des Aufstands beschäftigen und dabei Fragen zum Freiheitsverständnis der Akteure, das Verhältnis zur Natur oder den Dynamiken der Bewegung beantworten. Dabei freuen sich die Organisatoren insbesonere über explorative Ansätze. Abstracts sind bis zum 15. Junin an kolja.moeller ((at)) tu-dresden.de und philipp.schink ((at)) uni-oldenburg.de einzureichen. Mehr Informationen und den ausführlichen Call gibt es hier.
PS: Für den besten Vorschlag gibt es ein Eis zu gewinnen.
Marx im umkämpften Erbe des Republikanismus: Ein Interview mit Bruno Leipold
Mit Citizen Marx: Republicanism and the Formation of Karl Marx’s Social and Political Thought (Princeton University Press) legte der Politische Theoretiker Bruno Leipold kürzlich eine Monographie über Karl Marx und sein komplexes Verhältnis zur Tradition des Republikanismus vor. Jochen Schmon hat darüber mit dem Autor gesprochen, das Interview erschien zuerst auf dem Blog des Journal of the History of Ideas im November 2024. Wir veröffentlichen es hier in gekürzter Form in deutscher Übersetzung.
Jochen Schmon (JS): Der Großteil der Marx-Forschung stützt sich bis heute auf die Annahme eines „epistemologischen Bruchs“, der Marx‘ Schriften in eine „junge“ humanistisch-philosophisch geprägte Frühphase und eine „reife“ historisch-materialistische Wissenschaft der politischen Ökonomie unterteilt. Ihr neues Buch charakterisiert stattdessen die intellektuelle Entwicklung von Marx anhand bestimmter politischer Brüche, die allen voran durch seine sich stetig verändernde Haltung zum Republikanismus zu erklären sei. Ihr Anliegen scheint es zu sein, theoretische Veränderungen in Marx‘ Werk weniger durch seine persönliche Forschung und wissenschaftliche Lektüre zu verstehen als anhand politischer Ereignisse – eine, wie ich finde, geradezu mustergültige historisch-materialistische Ideengeschichte. Wie Sie mit Rückgriff auf Autoren der Cambridge School wie J.G.A Pocock oder Quentin Skinner betonen, stieg der Republikanismus im Laufe des 19. Jahrhunderts in Europa, Nord- und Lateinamerika zum vorherrschenden Gedankengut der Massenpolitik auf. Was sind für Sie die zentralen theoretischen Besonderheiten des republikanischen politischen Denkens?
Bruno Leipold (BL): Was mir in diesem Buch sehr wichtig war, (mehr …)
Blogdebatte: Für eine „Artikulation“ der politischen Theorie mit der Ideengeschichte
Im Rahmen unserer Blogpost-Reihe zum Verhältnis von Politischer Theorie und Ideengeschichte plädiert Matthias Lorenz dafür, das Verhältnis zwischen Politischer Theorie und Ideengeschichte als „Artikulation“ zu verstehen, insofern kein notwendiges Verhältnis zwischen beiden besteht.
Wie steht es heute um das Verhältnis von politischer Ideengeschichte und politischer Theorie? Handelt es sich um zwei Momente einer Wissenschaft, um zwei distinkt voneinander geschiedene Forschungsfelder oder eröffnet sich zwischen beiden ein Graubereich ungeklärter Zuständig- und undifferenzierter Verantwortlichkeiten? Wenn wir die Frage nach dem heutigen Verhältnis von Theorie und Ideengeschichte aufwerfen, liegt dem bereits eine implizite Annahme zugrunde: der theoretische Bezug aufs Historische ist selbst historisch. Ihr heutiges Verhältnis unterscheidet sich von vergangenen und womöglich auch von kommenden. Aus Perspektive der Theorie bearbeitet die Ideengeschichte das Historische des politischen Denkens, mithin die eigene Geschichte. Die Ideengeschichte scheint der Theorie bei- oder nachgeordnet. Doch wenn das Verhältnis zwischen beiden selbst historisch ist, bleibt ihre Relation nicht immer dieselbe. In der Geschichte des politischen Denkens stoßen wir daher auf höchst unterschiedliche Artikulationsweisen zwischen den beiden. Ich möchte an dieser Stelle vorschlagen, das Verhältnis von politischer Theorie und Ideengeschichte als Artikulation zu verstehen. Ihre Relation als Artikulation zu fassen, hat zwei entscheidende Vorteile: Einerseits ermöglicht sie es, die wesentliche Kontingenz der Relation von Theorie und Ideengeschichte in den Blick zu nehmen wie andererseits ein starkes Argument zugunsten ihrer Verbindung zu formulieren.
Blogdebatte: Kämpfe ihrer Zeit, Kämpfe unserer Zeit
Im Rahmen unserer Blogpost-Reihe zum Verhältnis von Politischer Theorie und Ideengeschichte fragt Sebastian Dute danach, ob Ideengeschichte ihre kritische, gegenwartsbezogene Funktion nicht gerade dadurch erfüllen kann, dass sie konsequent historisiert.
Einer der im Call für diese Blogdebatte vorgeschlagenen Diskussionspunkte wirft die Frage auf, wie ideengeschichtliche Forschung aussehe, „die ‚offen‘ genug ist für politiktheoretische Fragen“. Mir scheint, dass diese Frage eine in der aktuellen politiktheoretischen Diskussion geläufige Intuition abbildet, nach der der Nutzen ideengeschichtlicher Forschung für die Theoriebildung daran gemessen wird, inwiefern sie das von ihr aufgearbeitete und angeordnete Material an bestimmte Rezeptionsbedürfnisse anpasst. Eine derart auf ihre „Arsenalfunktion“ (Llanque 2008: 2) reduzierte Ideengeschichte geht häufig auf Kosten eines ihrer Kerngeschäfte, das in der Historisierung politischer Ideen liegt, mittels derer sie die Genese dieser Ideen aus sowie ihre Geltung in bestimmten historischen Kontexten erklären will. Im Folgenden geht es mir keineswegs darum, aktualisierende und kreative Aneignungen des ideengeschichtlichen Fundus zu diskreditieren. Stattdessen möchte ich zwei kritische Funktionen hervorheben, die ideengeschichtliche Ansätze für die politiktheoretische Forschung gerade durch eine konsequente Historisierung erfüllen können. Zum einen konfrontieren sie einschränkende Denkhorizonte der Gegenwart mit der Alterität vergangener Ideen und leisten damit einen Beitrag zu ihrer potenziellen Ausweitung, zum anderen können sie über die Modalitäten aufklären, unter denen sich theoretische Interventionen – auch in der Gegenwart – als zeitbezogene Praxisformen vollziehen.
Blogdebatte: Warum die Frage nach der Aktualität der Ideengeschichte nicht hilfreich ist
Im Rahmen unserer Blogpost-Reihe zum Verhältnis von Politischer Theorie und Ideengeschichte plädiert Ieva Höhne dafür, Theoriebildung und historische Quellenforschung weitgehend getrennt zu betreiben – Ideengeschichte also keinem Aktualisierungsimperativ zu unterwerfen.
Die Ermutigung des Redaktionsteams aufnehmend, die Überlegungen zum Verhältnis von politischer Theorie und Ideengeschichte „streitlustig“ zu präsentieren, möchte ich diesen Beitrag einem Vorbehalt gegen das „Und“ widmen. Mein Fokus gilt also der Frage, inwiefern sich die beiden „im Wege stehen“, und ich möchte diese Frage noch weiter präzisieren, indem ich im Folgenden skizziere, wie eine ungünstige Verknüpfung beider Forschungsperspektiven oder -anliegen aussieht. Diese ungünstige Verknüpfung, gegen die sich die von mir im Weiteren aufzugreifenden Wissenschaftler/-innen (Kurt Flasch, Quentin Skinner, Bernard Williams, Xinzhi Zhao) aussprechen, heißt Aktualisierung; daher unternehme ich im Folgenden Aktualisierungskritik. Es ist eine Kritik, die das Verhältnis der politischen Theorie und Ideengeschichte von der Warte der letzteren aus betrachtet; allerdings lässt sich argumentieren, dass ein geschichtswissenschaftlich nicht vertretbarer Umgang mit ideengeschichtlichem Material auch systematisch keinen Vorteil verschafft.
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