Ideengeschichte 2.0? Warum ein Mehr an Ansätzen und Methoden nicht auch schon ein Mehr an Methoden-Reflexion bedeuten muss

Andreas Busen startet seine Mitarbeit in unserem Theorieblog-Team mit einer Lesenotiz zu Timothy Goerings Band Ideengeschichte heute. Traditionen und Perspektiven (Bielefeld: transcript 2017). Willkommen in Team, Andreas!

Während man in der jüngeren Vergangenheit über ein Mangel an ideengeschichtlichen Arbeiten (auch im deutschsprachigen Raum) eigentlich nicht klagen konnte, erscheinen gleichzeitig nach wie vor nur sehr wenige Arbeiten über Ideengeschichte. Zugegebenermaßen: Gerade zu einzelnen ‚etablierten‘ Ansätzen wie der Cambridge School (Mulsow/Mahler 2010) oder der Begriffsgeschichte (Joas/Vogt 2010; Müller/Schmieder 2016) ist in den letzten Jahren im deutschsprachigen Raum einiges veröffentlicht worden. Darüber hinaus sind inzwischen hilfreiche Textsammlungen (Mahler/Mulsow 2014; Stollberg-Rilinger 2010) verfügbar, die den Zugang zu den einzelnen Ansätzen erleichtern und damit außerdem den herrschenden Methoden-Pluralismus in der Ideengeschichte sichtbar machen. Letzteres leisten schließlich auch zwei neuere Forschungsbände (Busen/Weiß 2013; Reinalter 2015) sowie eine sehr zu empfehlende und in dieser Form bisher einzigartige Einführung speziell in Methoden der Ideengeschichte (Weber/Beckstein 2014). Ein Desiderat bleibt allerdings immer noch eine systematische Bestandsaufnahme des angesprochenen Pluralismus ideengeschichtlicher Ansätze und Methoden, die diese hinsichtlich ihrer jeweiligen Ziele, Voraussetzungen und Anforderungen (sowie nicht zuletzt auch ihrer Entstehung und Geschichte) aufarbeitet und so auch eine vergleichende Perspektive eröffnet – aus der heraus Stärken und Schwächen einzelner Ansätze gegeneinander abgewogen werden können oder auch mögliche Kombinationen verschiedener Methoden sichtbar werden.

Umso vielversprechender ist es, dass nun mit Ideengeschichte heute eine Sammlung von neuen Beiträgen vorliegt, deren Anspruch in eben diese Richtung deutet. Konkret will sich der Band als „pointierte Diskussionsanregung“ verstanden wissen, die „unterschiedliche Impulse geben soll und über Ansätze (hauptsächlich aus dem anglo-amerikanischen Raum) informieren soll, die heute diskutiert werden und die für das Fach der Ideen- und Geistesgeschichte in Deutschland eine hohe Relevanz besitzen können und sollen“ (8). Als Ausgangspunkt fungiert dabei die zuletzt verschiedentlich artikulierte Beobachtung (etwa bei McMahon/Moyn 2014) eines allgemeinen Wiederauflebens der Ideengeschichte, die den Herausgeber Timothy Goering hier gar von einer „Ideengeschichte 2.0“ sprechen lässt. Dass ideengeschichtliche Forschung höchst lebendig ist und dabei eine beispiellose Auswahl an Ansätzen und Methoden aufzubieten hat, unterstreichen die in Ideengeschichte heute versammelten Beiträge nachdrücklich. Einen Beleg dafür, dass damit gleichzeitig auch schon ein neues methodologisches Reflexionsniveau erreicht ist, angesichts dessen tatsächlich einen Versionssprung gerechtfertigt sein könnte, bleibt der Band letztlich allerdings schuldig.

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CfA: Promotionsstelle zu Republikanismus

Am Deutschen Historischen Institut in Paris ist eine Promotionsstelle zu Republiken/Republikanismus ausgeschrieben. Das Projekt ist eher geschichtswissenschaftlich angelegt, aber sicher auch für die Ideengeschichtler unter den Theoretikern interessant. Bewerbungsschluss ist der 9. Juli, die Gespräch finden voraussichtlich am 18. Juli statt. Die Ausschreibung findet ihr hier als PDF.

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Lesenotiz zu Philipp Erbentrauts „Theorie und Soziologie der politischen Parteien im deutschen Vormärz 1815-1848″

Foto: Mohr Siebeck

Langsam, doch spürbar rücken Parteien wieder in den Fokus der politischen Theorie. Die Auseinandersetzung reicht vom Phänomen der populistischen Parteien (Müller 2016, Jörke/Selk 2015) über Fragen des Parteienverbots (Rosenblum 2007, Niesen 2012) und der innerparteilichen Demokratie (Wolkenstein 2016) bis hin zu Versuchen der grundsätzlichen Neubestimmung des normativen Status von Parteien (Muirhead 2014, White/Ypi 2016). Philipp Erbentraut bereichert diese Debatte, indem er an ganz ähnlich gelagerte Auseinandersetzungen im deutschen Vormärz erinnert. Sein zweifacher Anspruch ist es, unser Bild vom politischen Denken des Vormärz zu revidieren und zugleich neue Impulse für die heutige Debatte zu gewinnen. Einer dieser Impulse, so möchte ich in Zuspitzung einiger Überlegungen von Erbentraut zeigen, entsteht, wenn man die vormärzliche Parteientheorie als Beitrag zum Verständnis demokratischer Transformationen deutet. (mehr …)

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CfP: Sammelband „Der Transparenz-Imperativ“

Die Forderung nach Transparenz ist allgegenwärtig. Der Sammelband will die Normen, Praktiken und Strukturen von Transparenz untersuchen und ihre Beziehungen analysieren. Dabei sind Beiträge aus der politischen Theorie und Ideengeschichte sehr willkommen. Einen ausführlichen Call von den Herausgebern Fran Osrecki und Vincent Rzepka mit allen Informationen gibt es hier in Deutsch oder Englisch. Ein Abstract kann bis 1. März 2017 eingesendet werden.

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Das Politische: CfP zur Herbsttagung 2017

Die Herbsttagung der DVPW-Sektion „Politische Theorie und Ideengeschichte“ findet vom 20.-22. 9. 2017 in Hannover statt – und gerade eben erreicht uns der Call for Papers zum Thema „Das Politische (in) der Politischen Theorie“. Die Organisator_innen Franziska Martinsen, Oliver Flügel-Martinsen und Martin Saar bitten bis zum 5. Februar um ideengeschichtliche, systematische und interdisziplinäre Beitragsvorschläge. Der vollständige Call findet sich hier.

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CfA: Doktorandenstelle in Hamburg

An der Professur für Politische Theorie an der Universität Hamburg von Peter Niesen ist ab dem 01.11. 2016 eine DoktorandInnnenstelle zu besetzen (50%, TV-L). Der Schwerpunkt liegt auf Internationaler Politischer Theorie und Demorkatietheorie, Auslandserfahrung und ein Studienschwerpunkt auf Politischer Theorie, Philosophie oder Ideengeschichte sind erwünscht. Bewerbungsfrist ist der 30.09. Alle Infos zur Stelle finden sich hier in deutsch und hier in englisch.

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Tagung »Am Puls der Zeit!« zum Verhältnis von politischer Theorie und Geschichte

Das Bayerische Promotionskolleg Politische Theorie veranstaltet aus Anlass seines zehnjäh­rigen Bestehens in Kooperation mit der Aka­demie für Politische Bildung eine öffentliche Tagung zum Thema »Am Puls der Zeit! Politische Theorie als Herausforderung der Geschichte«. Die Tagung findet vom 14.-16. September 2016 in der Akademie für Politische Bildung in Tutzing statt. Graduierte der Politischen Wis­senschaft, der Geschichte und der Philosophie präsentieren ihre Standpunkte zum Verhältnis von Politischer Theorie und Geschichte und diskutieren sie mit dem Promotionskolleg, dem Philosophen Jean-François Kervégan (Paris), dem Historiker Frank-Lothar Kroll (Chemnitz) und der anwesenden Öffentlichkeit. Weitere Informationen gibt es hier.

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Strandschmöker oder Bleiwüste? Lesenotiz zu Philipp Felschs “Der lange Sommer der Theorie”

Philipp Felschs Monographie „Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960-1990“ hat bei seinem Erscheinen im Frühjahr viel Aufmerksamkeit im deutschen Feuilleton erregt und wurde meist positiv besprochen. Als ‚Ideenreportage‘, also Zeitporträt und Ideengeschichte in einem, verspricht das Buch die deutsche Begeisterung für theoretisches Denken nachzuzeichnen. Da die vorlesungsfreie Zeit vor der Tür steht, also die Frage: Ist dies der Schmöker, den auch ‚professionelle‘ Politische TheoretikerInnen mit an den Strand nehmen sollten? (mehr …)

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Tagungsbericht: E pluribus unum? Modelle des Föderalen

Der Versuch, sich über die Rolle des Föderalismus in der aktuellen Entwicklung und Beschreibung staatlich verfasster politischer Räume Klarheit zu verschaffen, ergibt kein konsistentes Bild. Die Europäische Union als suprastaatlich verfasstes wirtschaftspolitisches Gebilde hat die Bundesstaatlichkeit als Fernziel ihrer Entwicklung ausdrücklich dementiert. Dennoch wurde sie von deutscher Seite seit ihren Anfängen in den föderalen Kategorien von Staatenbund und Bundesstaat beschrieben. Während einerseits ein europäischer Bundesstaat als zu erreichendes Ziel galt, wollte man andererseits die europäische Einigung auf einen Staatenbund begrenzt wissen. Inzwischen bezieht sich die Forschung auf diese Dichotomie zumeist in Abgrenzung. Gerade weil die Europäische Union weder das eine noch das andere sei, lasse sie sich als etwas Neues, als ein Gebilde sui generis verstehen. Andere verweisen auf die Kontingenz föderaler Systeme, indem sie die föderale Praxis in den Mittelpunkt stellen. Anstatt einen reinen, objektiven oder gar transhistorischen Föderalismus zu beschreiben, dessen reale Föderalismusformen nur mehr oder weniger gut gelungene Abbilder eines Ideals seien können, konzentrieren sie sich auf die innere Dynamik und Kompromisshaftigkeit föderale Gebilde. Historische Föderalismusformen dienen dabei der geschichtlichen Vergegenwärtigung unterschiedlicher Strukturen und historischer Konstellationen, die politisch freie Handlungsräume mit rechtlichen Absicherungen hervorgebracht haben. Föderalismus, so könnte man den Grundtenor der interdisziplinären Tagung E pluribus unum. Modelle und Präzedenzen des Föderalen, die am 10. und 11. Dezember an der Humboldt-Universität zu Berlin im Rahmen des Sonderforschungsbereiches Transformationen der Antike stattfand, zusammenfassen, ist ein unbestimmter Rechtsbegriff, der der konkreten Auslegung bedarf. (mehr …)

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