„Geisteswissenschaft im Dialog“-Interview-Reihe: „Hannah Arendt heute“

Die „Max Weber Stiftung“ in Kooperation mit der Bundeskunsthalle und der „Union der deutschen Akademien der Wissenschaften“ veranstaltet derzeit eine vierteilige Interview-Reihe „Hannah Arendt heute“. Die Interviews werden vorab aufgezeichnet und als Video auf dem Blog „Geisteswissenschaften im Dialog“ der „Max Weber Stiftung“ veröffentlicht.

Die erste Folge ist bereits am 7. Mai 2021 erschienen. Die nächste Folge folgt zum Thema Antisemitismus erscheint am Freitag, dem 21. Mai 2021; die übrigen Folgen werden in vierzehntägigen Abständen zu den Themen Rassismus und Totale Herrschaft veröffentlicht.

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Die vielen Gesichter der Menschenrechte. Ein Resümee der (einen) Frühjahrstagung der DVPW-Theoriesektion

Die Grundlage der Menschenrechte ist philosophisch notorisch schwer zu bestimmen. Aus welcher Quelle entspringen unantastbare Rechte? Welche Fähigkeiten oder Sensibilitäten, obwohl sie faktisch ungleich verteilt oder ausgebildet sein können, konstituieren moralische Gleichheit? Knifflige Fragen, die einem Skeptiker wie Raymond Geuss zufolge nicht weit führen, weil die Gründe, aus denen sich heute innerhalb einer politischen Kultur auf eine bestimmte moralische Kategorie gestützt wird, meist kontingente sind: Der Versuch, eine politische Theorie auf einer ahistorischen Idee subjektiver Rechte zu gründen (wie etwa Robert Nozick), ende, schreibt er in Philosophy and Real Politics, in einer „philosophischen Sackgasse“. In eine solche verrannte sich die virtuelle DVPW-Sektionstagung Die Grundlagen der Menschenrechte (11./12. März) jedoch keineswegs: Sie versuchte, die moralische, politische und soziale Dimension der Menschenrechte kohärent zusammenzuführen, ohne Spannungsverhältnisse zu verdecken, und das Potenzial relationaler Ansätze zu erkunden. Im Folgenden bespreche ich schlaglichtartig jene Vorträge, bei denen grundlegende theoretische Herausforderungen, denen Begründungsversuche der Menschenrechte gegenüberstehen, auf besonders erhellende und unterschiedliche Weisen zutage traten.

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Unjust Inequality under Law. Nicolas Lipperts ZPTh-Beitrag in der Diskussion

Vor Kurzem ist die neue Ausgabe der Zeitschrift für Politische Theorie erschienen – ein Themenheft zur Dialektik des Liberalismus, herausgegeben von Michael Reder, Karsten Fischer, Dominik Finkelde SJ. Wir freuen uns, dass wir im Rahmen unserer bewährten  Zusammenarbeit mit der ZPTh den Beitrag „Equal Justice Under Law? Historisches Unrecht als Herausforderung des Liberalismus“ von Nicolas Lippert bei uns zum Download zur Verfügung stellen können – und dass Johannes Schulz ihn im Folgenden diskutieren und kommentieren wird. Das facettenreiche Themenheft umfasst darüber hinaus Beiträge zu Liberalismus und dem Zusammenhang von Herrschaftskritik und Theoriestruktur von Andreas Niederberger und Philipp Schink, zu Judith Shklars konfliktivem und Hans Kelsens kritischem Liberalismus von Katharina Kaufmann respektive Stefan Matern, sowie zu aktuellen Debatten um Religionsfreiheit und Steuervermeidung von Marco Schendel bzw. Alexander Leipold. Wir wünschen allen eine gute Lektüre und übergeben das Wort nun an Johannes Schulz. Im Anschluss laden wir wie immer alle herzlich ein, in den Kommentarspalten mit in die Diskussion einzusteigen.

Der Umgang mit historischem Unrecht spielt im Liberalismus spätestens seit den Debatten um „black reparations“ und „indigenous land claims“ in den 1970er Jahren eine wichtige Rolle, doch erst seit Kurzem erfahren diese Debatten eine kritische Wende: vom Versuch, liberale Gerechtigkeitsmodelle für das Problem historischen Unrechts nutzbar zu machen, zur Frage, ob historisches Unrecht nicht das liberale Gerechtigkeitsverständnis als solches in Frage stellt. Es ist genau diese Wende die Nicolas Lippert, im Stile eines „literature reviews“, gekonnt in den Blick nimmt. Im Folgenden fasse ich den Argumentationsgang seines Beitrags kurz zusammen, um dann aufzuzeigen, dass dieser dem radikal-kritischen Potential der Debatte um historisches Unrecht, im Sinne eines den Liberalismus als Lebensform herausfordernden Gegennarrativs, nicht gerecht wird. (mehr …)

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Interview mit John P. McCormick, Teil 2

Das folgende Interview mit John P. McCormick wurde ursprünglich in „L’Espresso“ veröffentlicht und erscheint hier, in gekürzter Fassung und übersetzt von Mike Hiegemann, in zwei Teilen. Teil 1 erschien bereits, hier folgt Teil 2:

Gabriele Pedullà (L’Espresso):Welche Rolle spielt die französische Philosophie für Sie im Kontext der Politischen Theorie?

 John P. McCormick: Ich finde Alain Badious Texte zu den Themen Religion und Philosophie äußerst erhellend. Und in der französischen Machiavelli-Forschung stechen vor allem die Arbeiten von Jérémie Barthas hervor. Die Form „französischen“ Denkens, die für mich jedoch am entscheidendsten war, wird durch die „Pariser Gruppe“ vertreten, die sich seit den späten 1980er Jahren mit Politischer Theorie befasste. Zu ihr zählen Bernhard Manin, Jan Elster, Stephen Holmes, Pasquale Pasquino und Adam Przeworski. Sie haben abwechselnd in Paris und zunächst Chicago und dann in New York gearbeitet. Ich bewunderte sehr, wie vorsichtig sie die Geschichte des antiken und modernen Konstitutionalismus aufarbeiteten, um daran anknüpfend mögliche institutionelle Strategien auszuloten, mit deren Hilfe sich politische Macht sowohl erweitern als auch beschränken ließe. Ihre Arbeit ist und bleibt außerordentlich hilfreich, wenn man heute darüber nachdenkt, wie sich demokratische Maßstäbe voranbringen und oligarchische Macht aufheben ließen.

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Was würde Machiavelli sagen? Interview mit John P. McCormick

Das folgende Interview mit John P. McCormick wurde ursprünglich in „L’Espresso“ veröffentlicht und erscheint hier, in gekürzter Fassung und übersetzt von Mike Hiegemann, in zwei Teilen. Einleitende Bemerkungen stammen von Dirk Jörke:

 

Der an der University of Chicago lehrende politische Theoretiker John P. McCormick hat spätestens mit seinem Buch „Machiavellian Democracy“ (2011) auch in Deutschland für Aufsehen gesorgt. In diesem Buch entwickelt er eine dezidiert republikanische und institutionentheoretische Deutung Machiavellis, die sich ebenso von neo-römischen Interpretationen wie diejenigen von Quentin Skinner und Philip Pettit als auch von radikaldemokratischen Anlehnungen unterscheidet, wie sie sich beispielsweise bei Claude Lefort oder Etienne Balibar finden lassen. Gegenüber der neo-römischen Interpretationslinie insistiert McCormick auf die demokratischen Motive des Florentiners, die sich eben nicht allein in der Garantie von Herrschaftsfreiheit für alle Bürger erschöpfen, sondern klassentheoretisch zu lesen sind. Und entgegen der radikaldemokratischen Lesart verweist McCormick auf die stark institutionentheoretischen Überlegungen in Machiavellis Werk, zu denen nicht zuletzt das Volkstribunat und Versammlungen gehören, zu denen nur der popolo Zugang hat. Die Pointe seiner Ausführungen besteht schließlich darin, dass ein republikanisches Denken im Rahmen der Mischverfassung in der Konsequenz demokratischer ist als der liberaldemokratische Universalismus. Doch bleibt McCormick nicht bei dieser ideengeschichtlichen Neulektüre stehen, sondern skizziert am Ende seines Buches mit der Tribunatsversammlung einen Vorschlag zur Aktualisierung der demokratietheoretischen Einsichten Machiavellis.

In dem nachfolgend in deutscher Übersetzung veröffentlichten Interview, das anlässlich der italienischen Übersetzung von „Machiavellian Democracy“ entstanden ist, gibt McCormick entsprechend Auskunft über die vorwiegend ideenpolitischen Motive seiner Auseinandersetzung mit Machiavelli und plädiert für einen institutionentheoretisch informierten Linkspopulismus, um den in den westlichen Demokratien zu beobachtenden oligarchischen Tendenzen zu begegnen. Dabei scheut er sich auch nicht vor Vorschlägen, die hierzulande sicherlich befremdlich anmuten. Ein weiterer Schwerpunkt des Interviews besteht in der erwähnten Kritik an vermeintlich radikaldemokratischen Autoren, namentlich an Jacques Rancière. Darüber hinaus gewährt McCormick Einblicke in seine intellektuelle Biographie, bei der auch ein Forschungsaufenthalt an der Universität Bremen sowie der Kontakt zu Axel Honneth und Rainer Forst sowie Arbeiten zu Carl Schmitt und Leo Strauss eine entscheidende Rolle spielten. Und nicht zuletzt geht es um McCormicks Einschätzung der aktuellen politischen Entwicklungen in den USA und in Europa.  (Dirk Jörke)

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Öffentlichkeit und Ungleichheit

Öffentlichkeit ist ein schillernder Begriff, der analytisch allerdings oft unscharf bleibt. Vor allem ist er normativ hoch aufgeladen und untrennbar mit dem der liberalen Demokratie verbunden. Im Anschluss an Jürgen Habermas wird er nach Manfred G. Schmidt zumeist als Ort, Diskurs und Prozess „der argumentativen Abwägung, der gemeinsamen Beratschlagung und Verständigung über öffentliche Angelegenheiten“ verstanden. Ich möchte im Folgenden den Fokus verschieben und stattdessen dafür plädieren, dass ein Begriff von Öffentlichkeit vor allem auf Aspekte von Ungleichheit abstellen sollte. Ausschluss und Marginalisierung – im öffentlichen Raum, im Diskurs und im öffentlichen Leben – und die Folgen dieses Ausschlusses scheinen mir zentral für einen Öffentlichkeitsbegriff, der dem gesellschaftstheoretischen Anspruch  gerecht werden will, die durch Widersprüche, Macht und Herrschaft geprägte gesellschaftliche Ordnung der Moderne zu verstehen. (mehr …)

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theorieblog.de-Colloquium „Naturzustand und Barbarei“ mit Oliver Eberl und Philip Manow

Der theorieblog und der Arbeitsbereich Politische Theorie und Ideengeschichte der Leibniz-Universität laden zum 21. Juni 2021 ab 16 Uhr c.t. zu einem weiteren digitalen theorieblog.de-Colloquium, diesmal zum Thema „Naturzustand und Barbarei“ gemeinsam mit Oliver Eberl und Philip Manow sowie mit freundlicher Unterstützung der Hamburger Edition, des Verlags des Hamburger Instituts für Sozialforschung.

Im Zentrum der von Sebastian Huhnholz moderierten Diskussion steht Oliver Eberls Monographie Naturzustand und Barbarei. Begründung und Kritik staatlicher Ordnung im Zeichen des Kolonialismus. Anlässlich der sich dieser Jahre häufenden Denkmalstürze und der anhaltenden Forderung, westliche Konzepte auf ihren Beitrag zu Rassismus und Unterdrückung hin zu untersuchen, erforscht Oliver Eberl die Theoriegeschichte des Begriffs „Barbarei“. Denn seine Studie hat die Dekolonisierung der Politischen Theorie zum Ziel, die ihr Denken mit Blick auf den Staat und seine Kritik vielfach von dem Begriffspaar „Naturzustand und Barbarei“ anleiten lässt. Der fest im europäischen Denken verankerte Begriff „Barbarei“ nämlich war jener zentrale Begriff für die Beschreibung anderer Völker, der seit der Antike die Abwertung anderer Kulturen markierte und in der europäischen Geschichte auf das Engste mit dem Kolonialismus verbunden ist. So gilt es, die Motive des bis heute auch in der Politischen Theorie gebrauchten Konzepts des „Naturzustands“ und des „Rückfalls in Barbarei“ als Komplizen und Erben asymmetrischer Herrschaft und Wertkonstruktionen zu verstehen.

Alle Interessierten sind herzlich zum Mitdiskutieren eingeladen. Die Veranstaltung wird für den theorieblog aufgezeichnet. Weitere technische Informationen folgen rechtzeitig an dieser Stelle; ausgewählte Diskussionsgrundlagen aus dem Buch werden vor dem Termin vom Verlag bereitgestellt. (mehr …)

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Das Schicksal der deutschen Geistesgeschichte – Interview mit Dina Gusejnova und Richard Bourke (Teil II)

[Fortsetzung von Teil I]

 

Jonas Knatz (JK) & Anne Schult (AS): Ab den 1930er Jahren führten Deportationen und Zwangsmigrationen zu einem raschen Niedergang der Geistesgeschichte und ihrer Methoden innerhalb der deutschen Wissenschaft. Teile dieser intellektuellen Tradition fanden jedoch schnell eine neue Heimat im Ausland, insbesondere in den USA. Einige von Meineckes Schülern, wie beispielsweise Felix Gilbert, aber auch andere Gelehrte wie Werner Jaeger, Erwin Panofsky und George Mosse waren entscheidend für die Etablierung der amerikanischen history of ideas. In diesem Sinne ist die Geschichte der Geistesgeschichte keine rein deutsche, sondern eben eine transatlantische. Inwieweit sind die amerikanische history of ideas und ihre Entwicklung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf eine spezifische deutschen Tradition zurückzuführen?

Richard Bourke (RB): Der Einfluss deutscher Traditionen auf die Geschichtswissenschaft in den USA ist enorm. Das hat zum Teil mit Meineckes Schülern zu tun, ergab sich aber auch aus der Bedeutung der deutschen Wissenschaft insgesamt. Sie führen die Beispiele von Gilbert, Panofsky und Mosse an. Man könnte auch Lovejoy, Hughes, Schorske, Krieger, Gay, Iggers, Jay und Toews erwähnen. Die Frage ist, inwieweit diese Tradition durch eine Reihe von intellektuellen „Wendungen“ vorangetrieben wurde, ob linguistisch, postmodern oder postkolonial. (mehr …)

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Das Schicksal der deutschen Geistesgeschichte – Interview mit Dina Gusejnova und Richard Bourke (Teil I)

Mit Rosenöl und deutscher Geist/The fortunes of German intellectual history haben Dina Gusejnova (LSE) und Richard Bourke (Cambridge) einen schon vielbeachteten Film über die deutsche Geistesgeschichte, Ideengeschichte und Intellectual History hergestellt. Eine Vielzahl von Zusatzmaterialien stellt das Wissenschaftskolleg Berlin bereit. Der Film verfolgt die Spuren einer deutschen Tradition in der europäischen Geschichtsschreibung und ihres Nachlebens in der angelsächsischen Forschung und Lehre. Ausgehend von der Frage, wie die Ideengeschichte nach ihrer Blütezeit im neunzehnten Jahrhundert aus Deutschland verdrängt wurde, lassen Bourke und Gusejnova einschlägige deutsche und internationale Forscherinnen und Forscher aus drei Generationen zu Wort kommen und gehen dem Phänomen nach, dass die Intellectual History heute weltweit eine größere Präsenz hat als im deutschen Sprachraum. Jonas Knatz und Anne Schult haben Gusejnova und Bourke ausführlich zum Film befragt – der theorieblog bringt das Gespräch in zwei Teilen. Das Originalgespräch erschien auf dem blog des Journal of the History of Ideas (JHI). – red. (mehr …)

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Lesenotiz zu Hannah Arendts „Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin“

Lesenotiz zu Hannah Arendt: Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin / The Life of a Jewish Woman (= Kritische Gesamtausgabe/Complete Works. Critical Edition, Bd. 2, Göttingen 2021).

Eine der ungewöhnlichsten biographischen Erzählungen und das intimste Buch Hannah Arendts: Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin ist soeben als Band 2 der Kritischen Gesamtausgabe erschienen. Es ist ein schöner Zufall, dass das Buch von Arendt – einer deutsch-jüdischen politischen Theoretikerin – über das Leben von Rahel Varnhagen – einer deutsch-jüdischen Salonnière und Schriftstellerin – in dem Jahr neu erscheint, in dem 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland begangen werden. Nach The Modern Challenge to Tradition: Fragmente eines Buchs (2018) und Sechs Essays. Die verborgene Tradition (2019) ist der Rahel-Band – unter der Leitung von Barbara Hahn – die dritte Buchveröffentlichung des Projekts.  (mehr …)

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