Debatte

Tagungsberichte

Tagungsbericht: Bürger*innenschaft im Spannungsfeld von Rückbesinnung, Ausweitung und Vertiefung

Die diesjährige Frühjahrstagung der DVPW Sektion „Politische Theorie und Ideengeschichte“ fand  vom 18. bis 20. März  in Marburg statt. Mit der Bürger*innenschaft rückten die Veranstalter*innen – Oliver Eberl, Julian Nicolai Hofmann, Eva-Maria Schäfferle und Sandra Seubert – einen klassischen Begriff der politischen Theorie ins Zentrum, der spätestens seit der schwindenden Überzeugungskraft des alten Klassenbegriffs, neuerdings aber auch mit dem Schwinden (bzw. der Zurücknahme) staatlicher Leistungen bzw. Leistungsfähigkeit wieder Aufmerksamkeit erlangt. So steckte sich die Tagung das Ziel, „aktuelle Entwicklungspfade“ nachzuzeichnen und „konzeptionelle Neubestimmungen“ des Begriffs zu diskutieren. …

Debatte

Karl Jaspers und „Die Schuldfrage“ – Fragmente produktiver Schuld

Karl Jaspers’ Werk Die Schuldfrage ist achtzig Jahre alt. Sein jüngeres Hofiert-Werden als Gründungstext der Bundesrepublik oder Initialzündung einer Auseinandersetzung mit der deutschen Schuld böte genug Material für eine zelebrierende Jubiläumsrede. Die öffentlichen Anfänge der Schuldfrage sind bei genauerem Blick jedoch von zweifelhafterer Natur: Mangelnder Absatz einer enttäuschenden Erstauflage und geringe Resonanz in Zuschriften legen keine derartig fundamentale Wirkung nahe. Eine aufmerksame Leserin, die sich seine Gedanken zur (deutschen) Schuld „wieder und wieder durch den Kopf“ gehen ließ, hat Jaspers jedoch in seiner ehemaligen Promovendin Hannah Arendt jenseits des Atlantiks gefunden (Arendt/Jaspers: 17. August 1946).

Lesenotiz

Lesenotiz zu Ben Tarnoff und Quinn Slobodian: Muskismus

Der neue Leviathan

Auf dem Cover thront er: Elon Musk im Gewand des Leviathans! Einst zierte der Stich des allherrschenden Souveräns mit Zepter, Krone und zusammengesetzt aus seinen Untertanen Thomas Hobbes’ Buch aus dem Jahr 1651. Nun wollen also der Journalist Ben Tarnoff und der Historiker Quinn Slobodian den Stich in seine gegenwärtige Form überführen. Nicht nur das Cover, auch der Inhalt zeigt: Für die Politische Theorie ist es unerlässlich, sich auch diesem Thema zu widmen und die politische Wirksamkeit der technizistischen Unternehmen und deren Macht zu betrachten.

Hobbes’ Leviathan sollte die Souveränität an sich binden und den (Natur-)Zustand des permanenten Krieges beenden und damit den Staat begründen, unter dessen neutraler politischer Herrschaft sich die Bürger im legitimatorischen Rahmen eines Vertrags freiwillig unterordnen sollten. Musk als Leviathan unserer Gegenwart verdeutlicht, dass die Souveränität im Zeitalter des Muskismus, wie die Autoren schließlich das Buch benannt haben, nicht von der politischen Staatsgewalt ausgeht, sondern von Unternehmen (Musks Unternehmen im Besonderen). Doch diese „neue selektive Souveränität“ ist selbstverständlich nicht neutral und deren legitimatorischer Anspruch bleibt aus. …

Debatte, In eigener Sache, Service

Update: Unser Newsletter funktioniert wieder!

Nach einem längeren Aufenthalt im Krankenhaus und in der Reha-Klinik kehrt der Eisbär wieder zurück nach Hause: Unsere Website wird technisch auf den neuesten Stand gebracht und der Newsletter wird wieder versendet! Und wie es nach längerer Krankheit manchmal ist: (Noch) nicht alles sieht aus wie früher und manches wird anders bleiben. Wir arbeiten daran, nach und nach wieder alle früheren Funktionen zu ermöglichen und die Website wieder richtig schick zu machen.

Wir danken euch für Eure Geduld und die Genesungswünsche und freuen uns, bald wieder in alter Frische zurück zu sein.

Euer Theorieblog-Team

Debatte

Polizeigewalt im Kontext der Proteste gegen die AfD-Jugend in Gießen – strukturelle oder interaktionale Ungerechtigkeit?

Am 29.11.2025 kam es dem Bündnis „Widersetzen“ zufolge zu der größten antifaschistischen Mobilisierung in der Geschichte der Bundesrepublik. Anlass war die Gründung der neuen Jugendorganisation der AfD. Berichte von Augenzeug:innen sowie von parlamentarischen Beobachter:innen und Videoaufnahmen zeigen, dass es im Zuge der Räumungen der Sitz- und Stehblockaden um den Veranstaltungsort zu Polizeigewalt kam. Folgender Blogbeitrag diskutiert im Anschluss an Iris Marion Young, ob es sich hierbei um eine interaktionale oder strukturelle Ungerechtigkeit handelt. …

Debatte

William E. Connolly (1938–2026): Theoretiker des Konfliktiven in einer „Welt des Werdens“

Am 25. Februar 2026 ist William E. Connolly gestorben. Er war nicht nur ein brillanter und origineller Denker, sondern vor allem auch ein Demokratietheoretiker, der es wie kein anderer verstanden hat, philosophische Untersuchungen zum „Sein“ des Demokratischen mit einem kritischen diagnostischen Blick auf aktuelle Herausforderungen für Demokratien zu verbinden. Gegenwärtig ist besonders deutlich, wie fragil demokratische Ordnungen und wie gefährdet Formen des politischen Umgangs sind, die eine Offenheit gegenüber Pluralität und Differenz zum Ausdruck bringen. In dieser Situation ist die große Bedeutung von Connollys Werk deutlicher denn je. Eine analytische Sensibilität für die Fragilität von demokratischen Ordnungen und ein Plädoyer dafür, Demokratie als eine stets neu zu belebende Praxis zu verstehen, sind die roten Fäden, die sein Werk durchziehen.

Debatte

Falsche Freunde? Verfassungsgerichtsbarkeit und Liberalismus

Die Kontroverse um die gescheiterte Wahl von Frauke Brosius-Gersdorf zur Bundesverfassungsrichterin hat das Verhältnis von Recht und Politik schlagartig ins Zentrum öffentlicher Aufmerksamkeit gerückt. In kritisch-polemischen Darstellungen erscheint ihre Kandidatur oft als Versuch, über den „Karlsruher Umweg“ eine weltanschaulich (polemisch als linksliberal umschriebene) Agenda – von reproduktiven Fragen bis hin zu Regulierungsthemen wie Impfquoten – in der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zu verankern. In Anlehnung an Clausewitz ließe sich dieser Vorwurf pointiert so formulieren: Verfassungsrecht sei linksliberale Politik mit anderen Mitteln. Oder, in den Worten der ehemaligen Bundesverfassungsrichterin Gertrude Lübbe-Wolffs, Ausdruck einer tiefgreifendenDemophobie”.  

Debatte, Tagungsberichte

Tagungsbericht: Von widerständigen Verweigerungen und vom (Über-)Leben in feindlichen Umgebungen. Politische Theorie zwischen (Un)Sichtbarkeiten

Wie feindlich ist die Umgebung, in der wir leben und uns bewegen? Denken wir beispielweise an trans- oder queerfeindliche Übergriffe oder Femizide, deren Ereignung durch bestimmte Atmosphären mit erzeugt wird, ausbeuterische Arbeitsverhältnisse oder an Wohnungslose in Großstädten. Feindlich bedeutet hier in einem symbolischen, aber auch materialistischen Sinne, dass diese Umgebungen bestimmte Lebens- und Subjektivierungsweisen verunmöglichen und Ausschlüsse produzieren, die verschleiert oder unsichtbar gemacht werden. Wie schafft man in diesen unlebbaren Umgebungen lebbare Räume durch (vermeintlich) kleine, alltägliche Überschreitungen, Infragestellungen oder Verweigerungen? Und wie entfalten solche widerständigen Praktiken wiederum Transformationspotenziale, die auch auf diese unlebbaren Umgebungen wirken?

Diesen Fragen wendete sich die am 13. und 14. November veranstaltete internationale Konferenz „Resistance, Refusal, Survival. Contesting Hostile Environments“, organisiert von Christine AbbtMichaela Bstieler und Leire Urricelqui zu. Die Beiträge reichten von kritischen Theorien (mit kleinem und großem k), materialistischen, feministischen, post- und dekolonialen Ansätzen und Black Theories bis hin zu phänomenologischen Perspektiven. …

Debatte, Tagungsberichte

Über Grenzgänge und -kämpfe an und in der Öffentlichkeit: Tagungsbericht „Politische Öffentlichkeiten Teil II – Akteure und Strategien“

Vom 30.09. bis zum 02.10.2025 fand in Erlangen der zweite Teil der DVPW-Doppeltagung „Politische Öffentlichkeiten“ statt. Widmete sich der erste Teil der Tagung dem Anliegen, „Öffentlichkeit“ vor dem Hintergrund struktureller Transformation(en) begrifflich und theoretisch greifbar zu machen, was beinahe unweigerlich zuvorderst zu einem Rekurs auf habermasiansche Ansätze führen musste (Campbell MacGillivray berichtete für den Theorieblog), trat der zweite Teil mit dem Anspruch an, die um und in der Öffentlichkeit ringenden Akteure, ihre Zielsetzungen und ihr strategisches Handeln genauer zu betrachten. Besondere Aufmerksamkeit sollte dabei jenen „vermachteten Öffentlichkeitszusammenhängen“ gelten, die über die durch den liberal-demokratischen Konsens normierte Sphäre der Öffentlichkeit hinausreichen sei dies der aus normativer, (radikal-)demokratietheoretischer Perspektive problematisierte Ausschluss marginalisierter Gruppen oder das Problem eines (vermeintlichen) Zersetzungsprozesses demokratischer Öffentlichkeit.

Wie im Grußwort der Veranstalter*innen herausgestellt wurde, galt es dabei insbesondere auch, neue methodologische Wege jenseits der für die Politische Theorie und Ideengeschichte üblichen schriftsprachlichen Quellen zu bestreiten. Hiervon wurde sich auch eine Wendung von den abstrakten Höhenflügen der Demokratietheorie zu mehr „hermeneutischem Bottom-up“ (Eva Marlene Hausteiner) erhofft.

Debatte

„Sorgende Städte“ im Kontext der Care-Debatte

Unter dem Label „Caring Cities“ oder auch „Sorgende Städte“ haben Städte weltweit – vor allem im spanischsprachigen Raum – angefangen, Pflege- und Sorgetätigkeiten stadtpolitisch zu stärken und ihnen mehr Sichtbarkeit zu verleihen. Städte reagieren damit auf die sogenannte „Krise der Reproduktion“ und die neoliberale Vernachlässigung öffentlicher Infrastrukturen. Im Folgenden möchte ich die „Caring Cities“ in den sozialwissenschaftlichen Debattenkontext um Pflege- und Sorgearbeit bzw. deren Krise einordnen (ausführlich dazu siehe Knierbein et al 2025; siehe auch Isselstein 2024sowie Saltiel und Strüver 2024). Dabei soll es zum einen darum gehen, die Relevanz der Care-Debatte für den städtischen Kontext herauszuarbeiten. Zum anderen soll das Spannungsfeld zwischen unterschiedlichen Care-Begriffen und den damit einhergehenden theoretischen Problemstellungen deutlich werden. Denn während sich der durch Joan Tronto geprägte „weite Care-Begriff“ besonders für die Auseinandersetzung mit Alltagsorten des städtischen Zusammenlebens anbietet, scheint er im Gegensatz zu einem materialistischen Care-Begriff, der auf Arbeit und Reproduktion fokussiert, weniger gut geeignet für das Verständnis spezifisch kapitalistischer Widersprüche. …

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