Von Korrektur bis Verwerfung. Lesenotiz zu „The New Politics of Materialism”

Wenn eine Theorieströmung für sich eine titelgebende Neuheit reklamiert, wie im Falle des ‚Neuen Materialismus‘, drängen sich ad hoc mindestens drei Fragen auf: 1.) Was ist/kann/soll neu am Neuen Materialismus (NM) sein? 2.) Was will der NM/ wogegen wendet er sich? 3.) Woran schließt er an/ was setzt er als ‚alten‘ Materialismus? Der von Sarah Ellenzweig und John H. Zammito herausgegebene Sammelband „The New Politics of Materialism. History, Philosophy, Science“ unternimmt eine überaus kritische Befragung des sogenannten ‚Neo‘- oder Neuen Materialismus entlang der Kritikachsen der Novität, Politizität und der philosophiegeschichtlichen Verortung. (mehr …)

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Politik, ‚wie sie ist‘: Status Quo und Desiderata der realistischen politischen Theorie

Politische Theorie sollte realistisch sein. So allgemein formuliert wird diese These wohl kaum auf Widerspruch stoßen. Was nützt schon eine politische Theorie, die unrealistisch ist, weil sie Konzepte und Argumente entwirft, die mit der Realität wenig zu tun haben – dem werden vermutlich viele politische Theoretiker*innen zustimmen. Jenen Theoretiker*innen aber, die in jüngerer Zeit die Forderung nach einer realistischen politischen Theorie stark machen, geht es um eine grundsätzlichere Debatte über Agenda und Selbstverständnis der politischen Theorie. Ich möchte im Folgenden einige Eckpunkte dieser Debatte beschreiben und zwei Thesen vertreten. Erstens: Das Spannende an der realistischen politischen Theorie ist, dass sie versucht, einen Platz zwischen politischen Moralkonzeptionen und der bloßen Deskription von Politik zu besetzen. ‚Realistische‘ Legitimitätstheorien zeigen, wie sich normative Kriterien im Rahmen einer stärker politischen als moralischen Logik begründen lassen. Zweitens: Realistische politische Theoretiker*innen haben bisher zu wenig geliefert, um dem Verdacht entgegenzutreten, dass die Distanz zum ‚politischen Moralismus‘ mit einer unkritischen Haltung gegenüber Machtasymmetrien und Herrschaftsverhältnissen erkauft wird. Das ist ein Defizit der Debatte, das mehr Aufmerksamkeit finden sollte. Denn der Impuls, den realistische politische Theorien der politiktheoretischen Debatte geben können, verspricht umso wertvoller zu sein, je deutlicher wird, dass sie normative politische Theorie auf eine neue Weise denken, anstatt die normativen Ansprüche politischer Theorie bloß zu reduzieren. (mehr …)

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Die Grenzen der Demokratie und die Frage nach demokratischen Grenzen

Nele Kortendiek und Marina Martinez Mateo (Hrsg.), 2017: Grenze und Demokratie. Ein Spannungsverhältnis. Frankfurt a.M.: Campus. ISBN 978-3-593-50725-5, 39,95€.

Der DVPW-Kongress 2018 wird die Frage der Grenzen der Demokratie / Frontiers of Democracy im Kontext ihrer aktuellen Krisen stellen. Tenor des Call for Papers ist, dass Demokratie auf vielfältige Weise an ihre Grenzen stößt und dass zugleich diese Krisendiagnosen politikwissenschaftlich genauer betrachtet werden sollten, um in den Grenzgebieten der Demokratie vielleicht auch neue Entwicklungsmöglichkeiten auszuloten. (mehr …)

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Lesenotiz: Weder gerecht noch realistisch – David Millers Plädoyer für das staatliche Recht auf Ausschluss

Im öffentlichen Diskurs fungiert das Recht von Staaten, ihre Grenzen zu kontrollieren, also sowohl die Einwanderung als auch den Zugang zu Rechtspositionen und insbesondere die Einbürgerung zu regulieren, noch immer als weitgehend unhinterfragte Prämisse aller weiteren Diskussionen etwa über Einwanderungs- und Einbürgerungspolitik oder die Aufnahme von Flüchtlingen. In seinem neuen Buch, das soeben unter dem Titel Fremde in unserer Mitte in deutscher Übersetzung erschienen ist, versucht David Miller, dieses staatliche ‚Recht auf Ausschluss’ philosophisch zu untermauern. Offensichtlich kommt dieser Debatte im Zuge der sogenannten „Flüchtlingskrise“ (für Miller sind die scare quotes unnötig) und dem politischen backlash in Form des Erfolgs rechtsextremer und fremdenfeindlicher Parteien quer durch Europa zusätzliche politische Brisanz zu – umso größer die intellektuelle und politische Verantwortung der politischen Philosophie und Theorie, könnte man denken, sich mit den entsprechenden Fragen umsichtig, selbstreflexiv und kritisch auseinanderzusetzen. Um es vorwegzunehmen: Millers Buch enttäuscht diese Erwartung, denn es ist nicht nur argumentativ schwach und fällt hinter den Stand der philosophischen Diskussion zurück, sondern auch von einem politischen Hautgout durchzogen, der schon im finsteren Titel anklingt und regelmäßig Stereotypen aufruft, die man eher in UKIP- (oder AfD-)Pamphleten als in philosophischen Traktaten erwarten würde.

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Chantal Mouffe – Gezähmte Radikale oder überschätzte Reformerin? Stefan Wallascheks ZPTh-Artikel in der Diskussion

Für Freund_innen der theoretischen Debatte bietet das Heft 1/2017 der Zeitschrift für Politische Theorie nicht nur inhaltlich Lesestoff, sondern in Form der Diskussion zur „Kritischen Theorie heute“ – gerahmt von einem Editorial der Herausgeber und einem abschließenden Beitrag zur Aktualität der Kritischen Theorie von Marc Grimm –  auch ein neues Debattenformat. Zwei Aufsätze stehen diesen Auseinandersetzungen voran: Christian Dries‚ Aufsatz zu Hannah Arendts Blick auf das Andere der Ordnung und Stefan Wallascheks Diskussion zu Chantal Mouffes Umgang mit der Frage nach den politischen Institutionen. Und auch Christian E. W. Kremsers anschließende Rezension zu Star Trek und der Politischen Theorie scheint einen Blick wert. Wir freuen uns, dass wir im Rahmen unserer Zusammenarbeit mit der ZPTh Stefan Wallascheks Aufsatz kostenlos zum Download zur Verfügung stellen können. Wir freuen uns auch, dass Astrid Séville den passenden Kommentar dazu geschrieben hat. Herzliche Einladung an dieser Stelle an alle, in die Diskussion einzusteigen. Die Kommentarspalten sind hiermit eröffnet. Stefan Wallaschek wird in den nächsten Wochen antworten.

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Wie Weber uns verzauberte. Lesenotiz zu Hans Joas‘ „Die Macht des Heiligen“

Wer nach der Zukunft der Religionen fragt, wird sich auch um ihre Gestalten in Vergangenheit und Gegenwart Gedanken machen müssen. Das im Oktober erschienene Buch des Soziologen Hans Joas über „Die Macht des Heiligen. Eine Alternative zur Geschichte von der Entzauberung“ führt die LeserInnen in einer intellektuellen tour de force durch die Geschichte des modernen Nachdenkens über Religion und wartet mit einer fulminanten These auf: Max Webers durch sämtliche Proseminare geisternde These von der „Entzauberung der Welt“ habe den Blick auf eine auch in der Gegenwart präsente „Macht des Heiligen“ verstellt. Diese Macht sei durch Webers suggestives Entzauberungsnarrativ weder historisch noch sozialtheoretisch richtig begriffen worden. Das zweite Ziel des Buches ist es dann auch gleich, eine solche historisch informierte Sozialtheorie des Heiligen zu entwickeln. (mehr …)

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Der halbe Marx und sein ganzes Jahrhundert. Lesenotiz zu Gareth Stedman Jones‘ „Karl Marx. Die Biographie“

In seiner intellektuellen Biographie Karl Marx möchte Gareth Stedman Jones, Historiker und jahrelanger Mitherausgeber der New Left Review, wie ein „Restaurator“ (S. 721) verfahren und all die dicken Schichten aus Marx-Bildern abtragen (d.h. ignorieren), um darunter den wahren „Karl“ zu entdecken. Dazu will er den damaligen Debatten genauso viel Beachtung wie dem Marx’schen Werk selbst schenken, um letzteres konsequent in seinen ideengeschichtlichen Entstehungskontext einbetten zu können. Da neben der Geschichte des Marx’schen Denkens auch die seines Lebens erzählt werden soll, ist das ein gewaltiges Unterfangen, das zu vielen Verkürzungen führen muss. So fokussiert sich Stedman Jones, ohne es mitzuteilen, eher auf den jungen Marx: 380 von 720 Seiten des Haupttexts behandeln den Zeitraum bis 1848/49, also die ersten sieben bis acht Jahre des Marx’schen Wirkens. Auch wenn sich hier ausgezeichnete Abschnitte etwa zur Doktorarbeit, zum Disput der Hegel-Interpreten Gans und Savigny, zur Bedeutung Ludwig Feuerbachs und zum von Marx in der 1848er Revolution empfohlenen Steuerboykott finden, sind die verbleibenden rund 35 Jahre und der Groß- und wahrscheinlich wichtigste Teil des Marx’schen Schaffens – darunter Das Kapital – relativ vernachlässigt. Von den fünfzehn Bänden, welche die ökonomische Abteilung der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) umfasst, war zu diesem Zeitpunkt keine Zeile geschrieben; von den 32 MEGA-Bänden mit Exzerpten und Notizen (mehr als die Hälfte davon noch nicht erschienen) nur die ersten sechs. Wie gelungen kann eine Restauration sein, wenn sie das magnum opus des ‚wiederhergestellten‘ Autors nicht zum Vorschein bringt? (mehr …)

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Mut zur Skepsis. Judith Shklar über Rechte im liberalen politischen Denken

Lesenotiz zu Judith Shklar, Der Liberalismus der Rechte, übersetzt und eingeleitet von Hannes Bajohr, Matthes & Seitz 2017.

 

Judith Shklar ist dem deutschsprachigen Lesepublikum vor allem für ihren Liberalismus der Furcht bekannt; bisher lagen auf Deutsch mit einem gleichnamigen Band, mit Ganz normale Laster und mit Über Ungerechtigkeit lediglich Texte aus dieser Phase von Shklars facettenreichem Werk vor. Mit dem nun erschienen Büchlein Der Liberalismus der Rechte schaffen Hannes Bajohr als Übersetzer und der Berliner Verlag Matthes & Seitz Aufmerksamkeit dafür, dass es in Shklars politischer Theorie auch darüber hinaus viel zu entdecken gibt. (mehr …)

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Ideengeschichte 2.0? Warum ein Mehr an Ansätzen und Methoden nicht auch schon ein Mehr an Methoden-Reflexion bedeuten muss

Andreas Busen startet seine Mitarbeit in unserem Theorieblog-Team mit einer Lesenotiz zu Timothy Goerings Band Ideengeschichte heute. Traditionen und Perspektiven (Bielefeld: transcript 2017). Willkommen in Team, Andreas!

Während man in der jüngeren Vergangenheit über ein Mangel an ideengeschichtlichen Arbeiten (auch im deutschsprachigen Raum) eigentlich nicht klagen konnte, erscheinen gleichzeitig nach wie vor nur sehr wenige Arbeiten über Ideengeschichte. Zugegebenermaßen: Gerade zu einzelnen ‚etablierten‘ Ansätzen wie der Cambridge School (Mulsow/Mahler 2010) oder der Begriffsgeschichte (Joas/Vogt 2010; Müller/Schmieder 2016) ist in den letzten Jahren im deutschsprachigen Raum einiges veröffentlicht worden. Darüber hinaus sind inzwischen hilfreiche Textsammlungen (Mahler/Mulsow 2014; Stollberg-Rilinger 2010) verfügbar, die den Zugang zu den einzelnen Ansätzen erleichtern und damit außerdem den herrschenden Methoden-Pluralismus in der Ideengeschichte sichtbar machen. Letzteres leisten schließlich auch zwei neuere Forschungsbände (Busen/Weiß 2013; Reinalter 2015) sowie eine sehr zu empfehlende und in dieser Form bisher einzigartige Einführung speziell in Methoden der Ideengeschichte (Weber/Beckstein 2014). Ein Desiderat bleibt allerdings immer noch eine systematische Bestandsaufnahme des angesprochenen Pluralismus ideengeschichtlicher Ansätze und Methoden, die diese hinsichtlich ihrer jeweiligen Ziele, Voraussetzungen und Anforderungen (sowie nicht zuletzt auch ihrer Entstehung und Geschichte) aufarbeitet und so auch eine vergleichende Perspektive eröffnet – aus der heraus Stärken und Schwächen einzelner Ansätze gegeneinander abgewogen werden können oder auch mögliche Kombinationen verschiedener Methoden sichtbar werden.

Umso vielversprechender ist es, dass nun mit Ideengeschichte heute eine Sammlung von neuen Beiträgen vorliegt, deren Anspruch in eben diese Richtung deutet. Konkret will sich der Band als „pointierte Diskussionsanregung“ verstanden wissen, die „unterschiedliche Impulse geben soll und über Ansätze (hauptsächlich aus dem anglo-amerikanischen Raum) informieren soll, die heute diskutiert werden und die für das Fach der Ideen- und Geistesgeschichte in Deutschland eine hohe Relevanz besitzen können und sollen“ (8). Als Ausgangspunkt fungiert dabei die zuletzt verschiedentlich artikulierte Beobachtung (etwa bei McMahon/Moyn 2014) eines allgemeinen Wiederauflebens der Ideengeschichte, die den Herausgeber Timothy Goering hier gar von einer „Ideengeschichte 2.0“ sprechen lässt. Dass ideengeschichtliche Forschung höchst lebendig ist und dabei eine beispiellose Auswahl an Ansätzen und Methoden aufzubieten hat, unterstreichen die in Ideengeschichte heute versammelten Beiträge nachdrücklich. Einen Beleg dafür, dass damit gleichzeitig auch schon ein neues methodologisches Reflexionsniveau erreicht ist, angesichts dessen tatsächlich einen Versionssprung gerechtfertigt sein könnte, bleibt der Band letztlich allerdings schuldig.

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Normative Ordnungen des Digitalen – Ein Konferenzbericht

Digitale Technologien und ihre vielfältige Nutzung verändern normative Ordnungen auf politischer, rechtlicher und gesellschaftlicher Ebene. Das Internet bietet neue gesellschaftliche Räume, die soziale Interaktion strukturieren. Diese sind jedoch nur halb-öffentliche Räume, in denen die Dienstleistungsanbieter mit Verweis auf ihre AGBs die Möglichkeit haben, etwa politische Äußerungen zu zensieren oder gar zu löschen. Darüber hinaus kooperieren manche private Unternehmen auch mit Staaten in der Strafverfolgung, und treffen Entscheidungen darüber welche Daten sie weitergeben. Welche Normen stoßen im Rahmen der Digitalisierung aufeinander und inwieweit sollten und könnten diese per Gesetz reguliert werden? Können die Grundrechte der Nutzer/innen noch umfassend gewährleistet werden? Mit diesen hochaktuellen Fragen befasste sich am 06. und 07. Juli die interdisziplinäre Konferenz “Normative Orders of the Digital“ am Exzellenzcluster Normative Ordnungen der Goethe-Universität Frankfurt. (mehr …)

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