Kongresssplitter: Solidarität und Widerstand. Ein kleines Wörterbuch 

— Panel 5.A: Shelters for Democracy: Care, Hope, and Solidarity —  

Im Mittelpunkt dieses Panels standen feministische und dekoloniale Formen von Solidarität, die in Abwesenheit von Schutzräumen oder dort, wo Schutzräume in Demokratien unzulänglich sind, Zuflucht bieten sollen: widerständige, solidarische (Aus‑)Übungen einer anderen Demokratie, die Antworten auf sexualisierte und koloniale Gewalt in bestehenden Demokratien hat. 

Zwei Vorträge bezogen sich auf gender-basierte Gewalt, Femizide im Besonderen.
Stephanie Deig (Universität Luzern) beschrieb anhand der argentinischen Bewegung „Ni una Menos“ (nicht eine weniger) die Praxis des „Defiant Rights-Claiming“ als Gegenmodell zu rechtlichen Anerkennungsforderungen. Statt auf institutioneller Ebene fehlende Rechte und Schutz für Betroffene und Bedrohte sexualisierter Gewalt einzufordern, klagt Ni una Menos Justiz, Staat und Polizei als Teil des Problems an.  

Mariana Teixeira (FU Berlin) besprach Rita Segatos Begriff der „Pädagogik der Grausamkeit“, die Menschen, zum Beispiel durch patriarchale Gewalt, objektifiziert und zu Marktware im marxistischen Sinne macht. Segato erinnert an die Funktion sexualisierter Gewalt, Macht auszuüben und eine patriarchale Geschlechterordnung aufrechtzuerhalten, statt etwa sexuelle Lust zu befriedigen.  

Der dritte Vortrag „Solidary power in communitarian democracy“ von Phillip Wolfesberger (Universität Bielefeld) widmete sich der „nicht-hierarchischen, aber verpflichtenden und kollektiven Herrschaft“ der Volksversammlungen, die die Basis der zapatistischen Selbstverwaltung ausmachen (Wolfesberger 2019, 43). 

Alle drei Vorträge demonstrierten, wie bisher bekannte Begriffe angeeignet und neu interpretiert werden können; eine Praxis, die im Besonderen emanzipativen Kämpfen zu eigen ist.  

So kommt etwa dem Begriff Territorium im zapatistischen Kommunitarismus eine dekoloniale Bedeutung zu: indigene Gruppen bestehen gegen die kolonialistische Vereinnahmung auf den eigenen Lebensraum. Das Territorium wird zum grundlegenden Wesenszug ihrer Basisdemokratie. 

Das Konzept des „Rights-Claiming“ bezeichnet die demokratische Praxis, gegebene Strukturen und Institutionen kritisch zu hinterfragen. Das Hinzufügen von „Defiant“ eskaliert das alleinige Hinterfragen des Status Quo zu einer Auflehnung gegen ihn (vgl. Eristavi 2020: 13). Die gesellschaftliche Ordnung, die Frauen, queere und trans Personen Gewalt aussetzt, lehnt Ni una Menos mitsamt ihrer Justiz ab und ruft zum Widerstand gegen sie auf. An dieser Stelle wird der Begriff „Rights-Claiming“ also durch eine Abwandlung zur Beschreibung der Widerstandsform von Ni una Menos nutzbar gemacht. 

Weniger klar wird aus dem Panel, wie eine kritische Begriffspraxis sich zu Ausdrücken verhält, die dem eigentlichen Phänomen nicht gerecht werden. Mehr als einmal erinnern Leitmotive der Vorträge daran, dass der Begriff der sexualisierten Gewalt ein Behelf ist.  

Feministische Theoretiker*innen weisen bereits lange auf diesen Makel hin, ohne den Begriff an sich zwingend zu verwerfen. Eine patriarchale Hierarchie, die Macht durch Sexualisierung ausübt, macht es unmöglich, einander derart bedingende Sphären voneinander zu trennen (vgl. MacKinnon 1989, 315). Diese Verstrickung bildet der Begriff der sexualisierten Gewalt nicht ab, der besser darin ist, durch die Unterscheidung von Sex und Gewalt das Praktizieren von Consent ins Zentrum zu stellen. 

Dennoch verstetigt sich das Verständnis von sexualisierter Gewalt als Machtinstrument, zumindest in feministischen Kontexten. So inspirierte Segatos Machtanalyse die Performance des chilenischen Künstler*innenkollektivs Las Tesis. „Un violador en tu camino“ (ein Vergewaltiger auf deinem Weg) ging 2020 um die Welt und wurde vielerorts von Feminist*innen aufgeführt, mit Sätzen wie „Es sind die Bullen. Die Richter. Der Staat. Der Präsident“ und „Es war nicht meine Schuld, egal, wo ich war oder was ich trug“. 

Vielleicht braucht es also nicht immer Abwandlungen oder Neubesetzungen und Begriffe müssen trotz ihrer Ungenauigkeiten nicht verworfen werden. Das Formulieren feministischer und emanzipatorischer Begriffe für die Shelters for Democracy bleibt ein strategisches Abwägen zwischen Exaktheit, Nutzbarkeit und Irritation. 

Iman Al Nassre ist Doktorandin am Exzellenzcluster „Religion & Politik“ der Universität Münster. Sie promoviert zur normativen Diskussion über strategische Prozessführung in der Religionspolitik.  

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