Von der Politischen Ökologie zu Wirtschaftsdemokratie und demokratischem Eigentum

„Ecology and a radicalization of democracy are indissociable“

Cornelius Castoriadis (1991, 114)

Cornelius Castoriadis war zeit seines Lebens ein homo politicus. Dazu gehört auch die, für einen marxistisch geprägten politischen Philosophen frühe, Beschäftigung mit der ökologischen Frage, die er explizit auch und vor allem als eine politische Frage verstanden wissen wollte, und seine Auseinandersetzung mit der aufkommenden Ökologiebewegung ab Ende der 1970er. Angesichts der sich verschärfenden Biosphärenkrise, die mit Fridays for Future, Extinction Rebellion oder Ende Gelände auch neue Akteure auf die Bühne des politischen Geschehens brachte, könnte es sich anlässlich seines 100. Geburtstags der Frage nachzugehen lohnen, ob Castoriadis den heutigen Debatten und Kämpfen etwas zu bieten hat. Wenn auch der monumentale Charakter seiner in einer eigenwilligen ‚Privatsprache‘ verfassten Sozialphilosophie Adaptionen nicht unbedingt erleichtern dürfte, so tendiere ich dazu, diese Frage vorsichtig zu bejahen.

Dabei stellt sich zunächst die grundsätzliche Frage, ob Castoriadis dafür überhaupt ein geeigneter Gewährsmann ist, wohnt seinen sozialtheoretischen Annahmen doch scheinbar ein starker Anthropozentrismus inne, der seinerseits häufig als epistemischer Kern der ökologischen Krise verstanden wird. Gleichwohl ist die Sache etwas komplizierter gelagert: Plakativ formuliert ist die Menschheit für Castoriadis nicht die Krone der Schöpfung, aber sie hat die Krone der Schöpfung auf, insofern sie sich und Gesellschaft – ob bewusst oder unbewusst – selbst schöpft bzw. imaginär instituiert (Castoriadis 1984). Obwohl Castoriadis diese Position in seinem Spätwerk etwas aufweicht, so dominiert die Annahme, dass allein die menschliche Spezies zu einer derartigen Sinngebung befähigt ist. Insofern sind Castoriadis’ Überlegungen zweifelsohne anthropozentristisch und sie sind es auch insofern, als seine gesamte politische Philosophie in normativer Hinsicht letztlich auf die Ermöglichungsbedingungen menschlicher Autonomie zielt und insofern der Natur und ihrem Erhalt nur einen mittelbaren Wert beimisst. Der Umstand, dass die Menschheit die Krone der Schöpfung aufhat, impliziert jedoch nicht, dass je historisch-konkrete Lebensformen in ihrer je spezifischen Weltdeutung – die immer auch eine Deutung von Natur und des gesellschaftlichen Naturverhältnisses beinhaltet – zwangsläufig auf ein anthropozentrisches Paradigma festgelegt sind. Aber auch wenn wir unsere Existenzweise nicht-anthropozentrisch – sondern bspw. sympoiesistischen oder planetarischen – begreifen und damit den Menschen radikal dezentrieren, so sind es Ausdrucksformen gesellschaftlicher imaginärer Instituierungen.

Wenngleich Castoriadis quer zur dichotomen Gegenüberstellung von Anthropozentrismus und Nicht-Anthropozentrismus steht, so hindert ihn das nicht, in politischer Hinsicht Partei zu ergreifen. Seine Sympathie gilt Bewegungen, die auf eine Dezentrierung und Depotenzierung der Menschheit als überlegener, vermeintlich omnipotenter und legitimerweise die umgebende Natur beherrschende und nach Belieben ausbeutende Spezies zielen. Denn hinter dieser Vorstellung stehe das die westliche Moderne dominant strukturierende soziale Imaginäre der ‚Pseudo-Rationalität’, welches gerade nicht Autonomie befördere, sondern einen verselbstständigten Beherrschungszwang gegenüber der Natur wie auch den Menschen selbst etabliere (z.B. Castoriadis 2014a). Dementgegen plädiert Castoriadis immer wieder für ein grundlegend anderes, der Autonomie Raum gebendes Imaginäres, das auch in den gesellschaftlichen Institutionen und den mentalen und affektiven Strukturen der Menschen Niederschlag finden müsse.

Seine dezidiert anthropogene Auffassung von Signifikationszusammenhängen bietet zudem in politischer Hinsicht den Vorteil, den Aspekt menschlicher Verantwortlichkeit im Umgang mit der Biosphärenkrise hervorzuheben. Geteilte Wahrnehmungen mehr oder weniger anthropozentrischer Existenzweisen (und die ihnen entsprechenden Institutionen und Subjektivitäten) sind nicht einfach da oder ereignen sich, sondern sie sind menschengemacht – was impliziert, dass sie anders gemacht werden können. Man darf sich die imaginären Signifikationsprozesse freilich nicht als rein intentionale, umfassend transparente Vorgänge vorstellen, sie vollziehen sich oft sogar als eine Art Emergenzgeschehen hinter dem Rücken der Akteure. Und doch sieht Castoriadis’ Sozialontologie durchaus eine aktive Rolle menschlichen Handelns vor. Diese ‚Arbeit am Imaginären‘ erfolgt dabei stets in einem vorgefundenen und bereits von Machtverhältnissen durchzogenen und strukturierten Raum, was in Castoriadis’ Verständnis heißt, dass politisch – d.h. auch gegen Widerstände und konkurrierende Signifikationsprojekte – für die Etablierung eines anderen Imaginären gestritten und dessen institutionelle und subjektive Materialisation erkämpft werden muss. 

Hierbei kommt die Ökologiebewegung ins Spiel, der Castoriadis – zumindest Anfang der 1980er noch – zutraut, eine revolutionäre Transformation des gesellschaftlichen Imaginären und der korrespondierenden Institutionen und psychosozialen Strukturen der Menschen einzuleiten (vgl. Castoriadis 2014b; 2021). Dem Topos der Ökologie, als Anerkennung der unhintergehbaren menschlichen Einbettung in und Angewiesenheit auf eine intakte Umwelt, wohne ein subversives Potenzial inne, anders als es bei der – insbesondere auch der marxistisch geprägten – Arbeiter*innenbewegung aufgrund ihrer Verhaftung im Paradigma des Produktivismus und der Naturbeherrschung der Fall war. Die Ökologiebewegung sei dementgegen „subversive in that it calls into question the capitalist imaginary […]. It rejects the central leitmotif according to which we are fated to constantly increase production and consumption“ (Castoriadis 1992, 194).

Zu Beginn der 1990er zeigt sich Castoriadis jedoch enttäuscht von den Ökobewegungen und grünen Parteien, da sie diesem umfassenden, grundstürzenden Anspruch nicht gerecht geworden seien, sich nur kleinteiligen und halbherzigen umweltpolitischen Maßnahmen hingegeben hätten. Statt den großen politischen Wurf zu wagen, d.h. auf das überwölbende gesellschaftliche Imaginäre zu zielen, hätten sie oftmals gar ihren Frieden mit dem Produktionsparadigma gemacht. In der Annahme, so müssten weder Lebensstil noch Wirtschaftsweise geändert werden, habe man sich technischen Machbarkeitsphantasien verschrieben (z.B. Castoriadis 2021). Da sie somit innerhalb des vorherrschenden gesellschaftlichen Paradigmas verblieben, zeiht Castoriadis sie einer politischen Blindheit bzw. der Apolitizität (z.B. Castoriadis 1990, 104; 1991, 114) und stellt dem die Auffassung entgegen, dass „Ökologie wesentlich politisch ist [und] die Antwort [auf die ökologische Krise; PS], in letzter Instanz, nur eine politische sein“ (Castoriadis 2021, 22) kann. Und das impliziert letztlich einen bis in die imaginären Grundfeste reichenden Umbau der Gesellschaft: „[To] say that the environment must be saved is to say that the way of life of society must be changed radically“ (Castoriadis 1991, 92).

Trotz seiner Ernüchterung zeigt Castoriadis auch in seinen letzten Lebensjahren keine Zeichen von Resignation, sondern agitiert weiterhin für ein politisches Verständnis von Ökologie und ökologischer Transformation, für deren radikaldemokratische Ausgestaltung er wirbt. Gegen technizistische Transformationsstrategien, die auf top-down-Maßnahmen setzen, der ‚one and only‘ Wissenschaft bedingungslos zu folgen bereit sind und denen zumindest eine latente öko-diktatorische Formierungstendenz innewohnt (vgl. Castoriadis 2021, 27). Dementgegen betont Castoriadis den substantiellen Eigenwert (aber auch den funktionalen Mehrwert) des Demokratischen als Mittel und Ziel des Transformationsgeschehens.

Er positioniert sich als entschiedener Verfechter einer wechselweisen Verschränkung von engagiertem Ökologismus und radikaler Demokratisierung: Ebenso wie die „Einfügung der ökologischen Komponente in einen radikaldemokratischen politischen Entwurf unerlässlich ist“ (Castoriadis 2021, 27), so sei umgekehrt auch der Einbau einer radikaldemokratischen Komponente in das Projekt einer politischen Ökologie unerlässlich. In Castoriadis Augen besteht ohnehin eine Art Wahlverwandtschaft. Über seine Analyse und Kritik des – auch umweltzerstörenden – kapitalistischen Imaginären, als dessen Kern er einen inhärenten und unvermeidlichen Steigerungs- und Wachstumsimperativ identifiziert, folgert er die Erfordernis einer umfassenden Beschränkung (der Bedürfnisse, der Naturbeherrschung, des Ressourcenverbrauchs usw.). Die Demokratie biete in diesem Zusammenhang zwei Vorzüge:

a) sie sorge verlässlicher für Beschränkung: Der auch sonst um starke anthroplogische Annahmen nicht verlegene Castoriadis geht davon aus, dass den Menschen ursprünglich „ein ›naives‹ aber richtiges Bewusstsein ihrer existenziellen Abhängigkeit von der Natur“ (Castoriadis 2021, 21) eigne. Anders als wenn man das Feld der rein wissenschaftlichen Expertise und/oder einer expertokratischen Zentralinstanz überlasse, sei der Ökologie besser gedient, wenn man diesem Bewusstsein im Rahmen einer „true democracy, establishing the broadest possible procedures for thought and debate, with the participation of the citizenry as a whole“ (Castoriadis 1992, 196) Raum gebe.

b) sie sorge freiheitlich(er) für Beschränkung: Castoriadis zweites Argument ist normativ angelegt und unmittelbar einleuchtend. Zwar könne auch das top-down-Modell für Beschränkung sorgen, so Castoriadis, aber nur die demokratische Lebensform sei zu einer freiheitlichen Beschränkung in Form der Selbstbeschränkung – auch gegenüber der natürlichen Umwelt – in der Lage. Das in Castoriadis demokratietheoretischen Denken immer wiederkehrende Motiv der Selbstbeschränkung als vornehmster Form von Freiheit wird in diesem Zuge auch ökologisch ausbuchstabiert.

Demokratie bietet an sich keine Gewähr, weder für einen schonenden Umgang mit der Natur noch mit Minderheit oder dem Individuum, dessen ist Castoriadis sich bewusst. Sie ist ein tragisches, oder wie man mit seinem früheren Mitstreiter Claude Lefort sagen könnte: abenteuerliches Unterfangen. Wenn aber in normativer Hinsicht nicht zur Debatte steht, nicht am Wert menschlicher Autonomie und Selbstbestimmung festzuhalten, dann bleibt keine andere Wahl, als sich diesem Abenteuer beherzt und mit institutioneller Phantasie zu stellen. Es zeichnet Castoriadis’ Denken aus, dass er schon früh eine hohe Sensibilität für die demokratietheoretischen Herausforderungen im Umgang mit der ökologischen Krise aufwies und die Vermittlung individueller und kollektiver Autonomie auch und gerade in ökologischer und intergenerationaler Hinsicht zum Imperativ politischen Denkens erhob (z.B. 2014b).

Anders als andere Protagonist*innen des radikaldemokratischen Diskurses, die erst allmählich und nur in Teilen Interesse an Institutionen finden, zeichnet sich Castoriadis’ politisches Denken seit jeher durch eine ideengeschichtlich informierte Bereitschaft zu institutioneller Phantasie aus. Wenngleich er mit Blick auf die ökologische Transformation – vor seinem Tod 1997 durch Krankheit gehemmt – vage bleibt, so lassen sich einige Umrisse erkennen und mithilfe früherer Überlegungen rekonstruktiv konturieren. 

Castoriadis Zielperspektive ist ein „steady and sustainable state“, der durch „einen schonenden Umgang mit den Ressourcen des Planeten, eine radikale Begrenzung der Technologie und der Produktion und ein einfaches Leben“ (Castoriadis 2011, 255) gekennzeichnet ist. Angesichts dessen ist nicht weiter verwunderlich, dass Castoriadis im Postwachstumsdiskurs der Gegenwart z.B. bei Serge Latouche oder Paoli Cacciari eine relevante Bezugsgröße darstellt und ihn seine Charakterisierungen des anzustrebenden menschlichen Naturverhältnisses als das einer loving cohabitation sowie des Menschen als ›Gärtnerin eines Englischen Gartens‹ (vgl. Castoriadis 1991, 113f.) anschlussfähig für zeitgenössische Debatten über ein Planetary Stewardship machen. Als spezifischer Markenkern muss aber das Insistieren auf einer Verknüpfung der bis in die imaginäre Grundimprägnierung reichenden Transformation mit einem Projekt radikaler, gesamtgesellschaftlicher Demokratisierung gelten, die alle Lebensbereiche zu erfassen habe (vgl. Castoriadis 1994, 143 ).

Eine vordringliche Aufgabe ist dabei die radikale Umgestaltung der Ökonomie und der Eigentumsverhältnisse. Für Castoriadis besteht diese auch im Kontext der ökologischen Transformation in einer umfassenden Demokratisierung der Produktionsverhältnisse, womit er an seine früheren Schriften zu Wirtschaftsdemokratie, Arbeiter*innenselbstverwaltung und einem demokratischen Sozialismus anknüpfen kann (z.B. Castoriadis 2007). Gewiss vermögen Castoriadis’ Modellierungen nicht in allen Details zu überzeugen. Aber sie können auch heute noch als Impulsgeber für die Theoretisierung einer radikaldemokratischen ökologisch-sozialen Transformation dienen, wie sie zuletzt etwa mit Arbeiten zu einer ökologischen Wirtschaftsdemokratie (z.B. Cumbers et al. 2020) oder einem erneuerten Ökosozialismus erfreulicherweise auch in den Sozialwissenschaften wieder angestellt wird (z.B. Zeller 2020).

Castoriadis’ Denken radikaler Demokratie als zu freiheitlicher Selbstbeschränkung zumindest potenziell fähigen Lebensform eröffnet zudem auch interessante Perspektiven auf Alternativen zum Privateigentum, dieser für das westlich-moderne, kapitalistische Imaginäre so paradigmatischen Institution. Auf der berühmt-berüchtigten ›Blackstone-Formel‹ beruhend, verbürgt es die unbegrenzte Verfügung bis hin zur willentlichen Zerstörung einer Sache – und erzwingt sie im Rahmen einer kapitalistischen Profit- und Verwertungslogik geradezu. Ein auf demokratischer Selbstbeschränkung basierendes demokratisches Eigentum könnte dementgegen gerade darin bestehen, dass eine aufgeklärte Gesellschaft sich selbst kollektiv und bindend von der Nutzung und dem Ertrag von bestimmten Gütern ausschließt. Auch der ›despotischen Herrschaft‹ über die Natur, ihrem eigentümlichen Missbrauch, könnte so freiheitlich ein Riegel vorgeschoben werden.

Castoriadis, so lässt sich mein vorsichtiges Ja auf die eingangs formulierte Frage zusammenfassend begründen, kann den aktuellen Auseinandersetzungen um eine sozial-ökologische Transformationen in dreifacher Weise dienen: er unterstreicht den grundstürzenden und mithin antikapitalistischen Charakter der erforderlichen Transformation, er reklamiert deren unbedingt demokratischen Charakter und adressiert neben dem Aktivismus der Straße auch die Institutionenebene. Und nicht zuletzt verweist Castoriadis auf die dringend erforderliche Organisation von Durchsetzungsmacht: Denn die ‘Rezepte für die Garküchen der Zukunft’ (Marx) müssen eben auch gekocht werden.

Paul Sörensen ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Universität Augsburg. Unlängst hat er sich mit einer Arbeit über präfigurative Politik habilitiert und forscht derzeit u.a. zu demokratietheoretischen Fragen im Kontext von Gemeineigentum.

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