Alles, was zählt? Über Statistik und Politik

Zum ersten Mal seit über zehn Jahren findet dieses Jahr in Deutschland wieder eine Volkszählung statt. Der Begriff mag heute altmodisch anmuten: In einer Zeit, in der Kühlschränke IP-Adressen haben, lässt der ‚Zensus‘ eher an das vierte Buch Mose denken, in dem die Stämme Israels gezählt werden. Doch sind Volkszählungen, so der Historiker Jürgen Osterhammel, die „Urform“ eines „kontinuierlichen self-monitoring von Gesellschaft“. Von dieser Feststellung ausgehend, möchte ich im Folgenden das Verhältnis von Politik und Statistik unter drei Aspekten näher diskutieren. Erstens ist die Statistik eine wesentliche Form einer Regierungskunst, die mittels Freiheitsgraden, Objektivität und Nähe funktioniert. Dem entsprechen zweitens spezifische Pathologien, die in Gestalt von ‚Gegenstatistik‘ und Datenschutz unterschiedliche demokratische Antworten hervorgerufen haben. Zuletzt argumentiere ich, dass es heute jedoch vor allem die Kategorisierungsleistung von Statistik ist, die auf Widerspruch trifft – ein Vorwurf, der politiktheoretisch ambivalent bleibt. (mehr …)

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CfP „Zur Zukunft der Demokratie in der Europäischen Union“ (Frankfurt/Main)

Das Wilhelm Merton-Zentrum für Europäische Integration und Internationale Wirtschaftsordnung an der Goethe-Universität Frankfurt veranstaltet am 4. November 2022 eine digitale Tagung zum Thema „Zur Zukunft der Demokratie in der Europäischen Union“. Diese Tagung richtet sich insbesondere an Nachwuchswissenschaftler*innen und soll einen Austausch mit Praktiker*innen ermöglichen. Bewerbungen, bestehend aus einem anonymisierten Abstract mit maximal 500 Wörtern und einem Lebenslauf, sind bis zum bis zum 10. Juli 2022 an tagung.demokratie@jur.uni-frankfurt.de zu richten. Der ausführliche Call for Papers findet sich hier.

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CfP: Wissenschaftliche Erkenntnis und demokratische Staatlichkeit

Am 8. Juni 2022 findet in der Akademie für Politische Bildung Tutzing die Nachwuchstagung der Deutschen Gesellschaft für Politikwissenschaft (DGfP) statt. Die Organisator*innen Simon Rothers und Lea Konrad freuen sich über Beitragsvorschläge zum Wechselverhältnis von wissenschaftlicher Erkenntnis und demokratischer Staatlichkeit. Einsendeschluss ist der 20.05.2022. Fahrtkosten und Unterkunft in Tutzing (Starnberger See) werden übernommen. Den ausführlichen Call for Papers findet Ihr hier.

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CfP: „Strengthening and Preserving Democracy in the Digital Age“ (Bonn)

Der Forschungsverbund NRW Digitale Gesellschaft lädt zu Vortrags- und Panelvorschlägen für die Tagung „Quo vadis Digital Democracy? Strengthening and Preserving Democracy in the Digital Age“ ein, die vom 29. September bis 1. Oktober hybrid an der Universität Bonn stattfinden soll. Auch (politik)theoretische Vorschläge zu Fragen der Digitalisierung von Demokratie und Öffentlichkeit sind willkommen. Einreichungsfrist für Abstracts ist der 30. Juni. Alle weiteren Infos könnt ihr dem PDF entnehmen.

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Schwerpunkt: Cornelius Castoriadis zum 100. Geburtstag

Am heutigen 11. März hätte Cornelius Castoriadis seinen hundertsten Geburtstag gefeiert. Damit ist ein Anlass für den vorliegenden Schwerpunkt gegeben. Das anhaltende und ausdifferenzierte (wenn auch nicht immer weithin sichtbare) Rezeptionsinteresse an Castoriadis‘ Werk und Denken liefern zudem auch einen mehr als überzeugenden Grund dafür, sich mit dessen unterschiedlichen Facetten und Anschlussmöglichkeiten auseinanderzusetzen.

Zweifellos sind Castoriadis‘ umfangreiche Schriften im Vergleich zu anderen Denker:innen, mit denen sich seine Wege etwa im Kontext von Socialisme ou Barbarie (wie Claude Lefort und Jean-François Lyotard, siehe Poirier 2019), seiner Tätigkeit an der EHESS (wie Jacques Derrida) oder im Umfeld der radikalen Demokratietheorie (wie Chantal Mouffe) kreuzten, bislang weniger umfangreich rezipiert worden. In der Tat ist Castoriadis’ Werk, aus einer links-libertären Strömung der französischen Linken kommend, in der deutschen Theorielandschaft nur spät und dann zögerlich zur Kenntnis genommen worden. Am fehlenden Zugang zu englischsprachigen Ausgaben seiner Schriften kann es allerdings nicht gelegen haben: So liegen schon seit 1988 drei umfangreiche Bände seiner Political and Social Writings bei University of Minnesota Press in englischer Übersetzung vor. Die deutsche Übersetzung seines Hauptwerks, Gesellschaft als imaginäre Institution, 1990 bei Suhrkamp erschienen, hat im deutschsprachigen Raum ebenfalls kaum dazu geführt, Castoriadis als jene wichtige Stimme in Debatten um kritische Theorie und radikale Demokratie zu etablieren, als die er auf internationaler Ebene seit mindestens den 70er Jahren weithin bekannt geworden ist.

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Das unabgeschlossene Projekt demokratischer Autonomie: Zum 100. Geburtstag von Cornelius Castoriadis

Als Cornelius Castoriadis in den späten 70er Jahren nach New York City kam, habe ich ihn im Rahmen einer Vortragsreihe an der New School for Social Research, in Stonybrook und an anderen Universitäten im Umkreis kennengelernt. Auf die Bitte unseres gemeinsamen Freundes und eines Mitherausgebers von Telos, Dick Howard, haben mein Partner, Andrew Arato, und ich Castoriadis für ungefähr eine Woche bei uns in der Wohnung aufgenommen. Ich war damals Doktorandin in Soziologie an der New School und, was entscheidender war, an der bereits erwähnten Zeitschrift Telos beteiligt – einem Journal der internationalen Neuen Linken, das auch Arbeiten von Castoriadis sowie persönliche Interviews mit ihm herausgab. Die Arbeit für die Zeitschrift verband junge Doktorand:innen und Akademiker:innen mit praktischer Erfahrung in verschiedenen Bewegungen der neuen Linken sowie mit einem radikal-demokratischen, sozialistischen und/oder marxistischen Hintergrund. Telos veröffentlichte die Arbeiten kritischer Theoretiker:innen auf der Linken und stand in Kontakt mit herausragenden Denker:innen auf dem europäischen Kontinent, die an einer Abkehr von orthodoxen und trotzkistischen Spielarten des Marxismus hin zum Neo- und post-Marxismus beteiligt waren. Diese Denker:innen stimmten in ihrer Kritik an Gesellschaften des sowjetischen Typus überein, aber zugleich nahmen sie auch zentrale Elemente der Marx’schen Kritik am Kapitalismus weiterhin ernst. Ihr Anliegen war es, die Fehler der westlichen Demokratie offenzulegen und dabei zugleich ein größeres demokratisches Projekt zu verteidigen. Es ging ihnen um weitere Demokratisierung, bürgerliche Rechte und soziale Gerechtigkeit, zuhause und im Ausland, im Osten wie im Westen, im Norden wie im Süden.

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Von der Politischen Ökologie zu Wirtschaftsdemokratie und demokratischem Eigentum

„Ecology and a radicalization of democracy are indissociable“

Cornelius Castoriadis (1991, 114)

Cornelius Castoriadis war zeit seines Lebens ein homo politicus. Dazu gehört auch die, für einen marxistisch geprägten politischen Philosophen frühe, Beschäftigung mit der ökologischen Frage, die er explizit auch und vor allem als eine politische Frage verstanden wissen wollte, und seine Auseinandersetzung mit der aufkommenden Ökologiebewegung ab Ende der 1970er. Angesichts der sich verschärfenden Biosphärenkrise, die mit Fridays for Future, Extinction Rebellion oder Ende Gelände auch neue Akteure auf die Bühne des politischen Geschehens brachte, könnte es sich anlässlich seines 100. Geburtstags der Frage nachzugehen lohnen, ob Castoriadis den heutigen Debatten und Kämpfen etwas zu bieten hat. Wenn auch der monumentale Charakter seiner in einer eigenwilligen ‚Privatsprache‘ verfassten Sozialphilosophie Adaptionen nicht unbedingt erleichtern dürfte, so tendiere ich dazu, diese Frage vorsichtig zu bejahen.

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Zwei Jahre Pandemie – Stresstest oder Krise der Demokratie?

Mit Ende des zweiten Pandemiejahres lassen sich langsam, aber sicher die sozioökonomischen, psychischen und politischen Kosten bemessen, die im Schatten des Jahrhundertereignisses anfallen. Es mehren sich Studien – Aufsehen erregte jüngst etwa eine Oxfam-Analyse –, die über Folgeprobleme in sämtlichen Sphären des Zusammenlebens aufklären und Beanspruchungen skizzieren, die im Bereich von Arbeit, Familie oder Gesundheit für Unruhe sorgen. Eine Untersuchung der Körber-Stiftung widmet sich der Politik, genauer: dem heutigen Zustand westlicher Demokratien und bilanziert, dass die „mehr oder weniger rigiden Maßnahmen“ der Staaten „das ökonomische, soziale und kulturelle Leben einem massiven Stress aussetzen“. Interessant ist darin nicht zuletzt die Rede von „Stress“ als deskriptiver Kategorie zur Kennzeichnung besonderer Belastungssituationen. Hierin ähnelt das Stresskonzept dem gängigeren Topos der „Krise“, wie er zur Beschreibung der aktuellen Lage westlicher Demokratien regelmäßig in den Mund genommen wird.

Doch was unterscheidet eigentlich Stress- von Krisensituationen? Und welche Beschreibung passt besser zur pandemischen Lage, in der sich, neben den erwähnten Lebensbereichen, auch unsere liberale Demokratie zurzeit befindet? Mit beiden Fragen möchte ich mich im Folgenden auseinandersetzen. Zunächst unterbreite ich ein Deutungsangebot, mittels dessen es gelingen kann, zwischen Stress- und Krisenzuständen zu differenzieren. Darauf aufbauend werde ich mich mit jenen Belastungssymptomen auseinandersetzen, die meine These plausibilisieren, dass wir es mit keiner umfassenden Erosion der bundesrepublikanischen Demokratie zu tun haben, sondern spezifische Störungen bezeugen können, die mittelfristig einem Legitimationsverlust Vorschub leisten könnten. Im Zuge dessen sollte klar werden, in welcher Beziehung die titelgebenden Konzepte zueinanderstehen und wo im Lichte jener Begriffsbestimmungen die Gefahren lauern, auf die sich unser politisches System im dritten Jahr der Pandemie einzustellen hat.

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CfA: Promotionsstipendium im Projekt „Zivile Seenotrettung als Kristallisationspunkt des Streits um Demokratie“

In der von Mareike Gebhardt (Münster) und Lena Laube (Bonn) geleiteten Gerda Henkel Stiftung-Forschungsgruppe „Zivile Seenotrettung als Kristallisationspunkt des Streits um Demokratie“ (ZivDem) ist ab dem 01.07.22 ein Promotionsstipendium für drei Jahre zu vergeben. Die Stelle ist an der Schnittstelle von Kritischer Grenzregimeforschung und politischer Theorie angesiedelt. Die Bewerbungsfrist ist der 14.03.22. Den vollständigen Ausschreibungstext mit genaueren Infos zum Projekt und Bewerbungsmodalitäten gibt es hier

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CfP: ZPTh-Themenheft „Demokratien in der Auszeit?“

Für ein Themenheft der Zeitschrift für Politische Theorie erbitten die Herausgeber*innen Jan Christoph Suntrup, André Brodocz und Hagen Schölzel Beiträge zum Thema „Demokratien in der Auszeit? Ideenhistorisch-konzeptuelle und theoretisch-analytische Perspektiven auf die temporalen Dimensionen von Ausnahmezuständen“.

Abstracts im Umfang von max. 1.000 Wörtern sind bitte bis zum 15. März 2022 an Jan Christoph Suntrup (jan.suntrup@unibw.de), André Brodocz (andre.brodocz@uni-erfurt.de) und Hagen Schölzel (hagen.schoelzel@uni-erfurt.de) zu senden. Geplant ist, dass erste Fassungen der Manuskripte zunächst auf einem Autor*innen-Workshop in Erfurt diskutiert und dann noch einmal überarbeitet werden, bevor sie dann bei der ZPTh ins anonymisierte peer-review Verfahren gegeben werden. Der ausführliche Call mit allen weiteren Informationen findet sich hier.

 

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