Es könnte alles anders sein: Lesenotiz zu Thomas Pikettys „Kapital und Ideologie“

Thomas Pikettys neues Buch Kapital und Ideologie bietet eine Globalgeschichte der Ungleichheit. Grundlage bilden die Ergebnisse eines jahrzehntelangen Forschungsprojekts, in dessen Rahmen über 100 Forscher*innen Daten zur weltweiten Ungleichheitsentwicklung zusammengetragen haben. Dass hier, wie schon in der früheren Studie Das Kapital im 21. Jahrhundert, gegenüber dem eher statischen Konzept der Ungleichheit eine Vorstellung von Klassenkampf kaum vorkommt, hat Piketty scharfe Kritik von links eingebracht. Gleichwohl schlägt er im letzten Teil des Buchs einen „partizipativen Sozialismus“ vor. Im Licht dieses Anspruchs auf Veränderung lässt sich seine Analyse historischer Transformationen diskutieren.

Kontingente Geschichte

Pikettys Geschichtsverständnis ließe sich mit dem Motto „There is always an alternative“ beschreiben. In der Entwicklung von Gesellschaften sieht er vor allem ein Geflecht von Weggabelungen und alternativen Pfadverläufen – verstellt durch Machtansprüche, aber auch durch die Dimension der Ideologie, auf die wir noch zurückkommen. Dieser Beobachtungsmodus steht sowohl im Gegensatz zu den meisten Ansätzen der Mainstream-Volkswirtschaftslehre, in denen technologische Entwicklung oft als quasi-natürliche Ursache von Ungleichheit gesehen wird, als auch zu deterministischen Ansätzen marxistischer Couleur.

Ungleichheitsregime – der konzeptionelle Rahmen der Analyse – geben laut Piketty unterschiedliche Antworten auf zwei zentrale Fragen: die des Eigentums (wieviel sollen Einzelne besitzen dürfen, und warum?) und die der Grenzen (wie unterscheiden sich soziale Gruppen, wer gehört dazu?). Für das 20. Jahrhundert diagnostiziert Piketty dabei drei große Ungleichheitsregime: erstens das proprietaristische Regime – eine Bezeichnung, durch die Piketty den schillernden Begriff „Wirtschaftsliberalismus” ersetzt –, zweitens das sozialdemokratische Zeitalter und drittens den Hyperkapitalismus der Gegenwart. In der Analyse der Übergänge zwischen diesen Regimen hebt Piketty vor allem die Rolle von Krisen hervor, die ihrerseits mit Legitimitätsdefiziten einhergehen. So spielten in den Krisen und Kriegen von 1914 bis 1945 die zunehmenden sozialistischen Proteste gegen die Ungleichheit innerhalb der Nationalstaaten und der Widerstand in den Kolonien gegen die globale Unterdrückung eine ausschlaggebende Rolle (Kapitel 10).

Mit dem Blick auf gewaltsame Ausschlüsse, unabgegoltene Möglichkeiten und ideologische Verstellungen hebt Piketty den grundsätzlich instabilen Charakter sozialer Realität hervor. Daraus motiviert sich vielleicht sein Interesse für den literarischen Realismus des 19. Jahrhunderts, das er mit so vielen kritischen Sozialwissenschaftler*innen teilt: von Georg Lukács über Lucien Goldmann bis zu Pierre Bourdieu und Eva Illouz. Romane von Jane Austen und Honoré de Balzac werden als Zeugen der Ungleichheitsentwicklung vorgeladen. Damit zollt Piketty einer Erzählweise Tribut, die es wie keine andere verstanden hat, die Illusion eines gesellschaftlichen Raums zu erzeugen und gleichzeitig die instabilen gesellschaftlichen Codes im Blick zu behalten, die diese Realität konstituieren. Während es bei Balzac die erzählten Geld- und Kreditverhältnisse sind, die den Erzähler von Figur zu Figur und von Milieu zu Milieu gleiten lassen, ist es bei Piketty die Verhältnisbestimmung der Ungleichheit, die dem Erzähler von Kapital und Ideologie seinen komparativen Durchgang durch die Weltgeschichte erlaubt.

Entstaubung eines Begriffs

Der Ideologiebegriff stellt die zentrale Innovation der Studie im Verhältnis zu Das Kapital im 21. Jahrhundert von 2013 dar – und nicht nur zu dieser Studie: Seit den 1980er Jahren haben marxistische Ansätze und Grundbegriffe in den Sozial- und Kulturwissenschaften rapide an Einfluss und Plausibilität verloren. Ähnlich wie “Klasse” oder “Produktionsweise” ist “Ideologie”  ein zumindest angestaubter Begriff. Abgesehen von Intellektuellen wie Slavoj Zizek wurde spätestens seit der Jahrtausendwende überhaupt nicht mehr mit dem Ideologiebegriff gearbeitet, der aus der Sicht von Diskurs-, System- oder Medienanalyse selbst unter Ideologieverdacht geriet: Wer von Ideologie spreche, stelle seine eigenen Wahrheitsansprüche nicht mehr infrage.

Das Kapital im 21. Jahrhundert klammert das Ideologische noch aus, um die statistischen Ergebnisse selbst sprechen zu lassen: In kapitalistischen Wirtschaften stelle sich, so konnte Piketty 2013 zeigen, mittelfristig ein Ungleichgewicht von Kapitalrendite (r) und Wirtschaftswachstum (g) ein, das in der Formel r > g darstellbar sei (siehe dazu das Buchforum auf dem Theorieblog). Die neue Studie weitet die Fragestellung aus: Ungleichheitsregime wären ohne ihre ideologischen Rechtfertigungen nicht denkbar. Es geht um die “Gefüge von Ideen und Diskursen”, die die bestehenden Ungleichheiten als sinnvoll erscheinen lassen. Dabei beharrt Piketty gegen den Marxismus “auf einer genuinen Autonomie der Ideen, das heißt der ideologisch-politischen Sphäre” (Einleitung).

Abgesehen von dieser Ablehnung deterministischer Ansätze gewinnt der Ideologiebegriff allerdings kaum an Profil, wie auch insgesamt das Feld der modernen Ideologiediskussion merkwürdig unsichtbar bleibt. Der Zusammenhang von Denkweise und sozialer Gruppe bleibt so im Dunkeln. Aus dieser theoretischen Abstinenz ergibt sich nicht nur das Bild einer Autonomie der Ideologien, sondern auch Pikettys ostentativ versöhnliche Perspektive: Bei allen frappierenden Widersprüchen – so macht er eingangs deutlich – seien Ideologien ernst zu nehmen, denn jede habe „eine gewisse Wahrheit und Wahrhaftigkeit”. Aber worin liegt diese Wahrheit beispielsweise im Falle der “äußerst großzügigen Entschädigung” der Sklavenbesitzer nach der Selbstbefreiung der Sklaven auf Saint-Domingue, die den Inselstaat Haiti bis ins Jahr 1950 in einen erniedrigenden Schuldendienst zwangen (Kapitel 6)? Oder in der bürokratischen Zurichtung der indischen Gesellschaften unter der britischen Kolonialherrschaft seit Mitte des 19. Jahrhunderts, in deren Rahmen die Briten das Kastenwesen missverstanden und absurde Zählungen und Zuordnungen durchführten (Kapitel 8)?

Tatsächlich laufen die minutiösen und reichhaltigen Kapitel des Teils II, in dem Piketty die gewaltsame Begegnung zwischen Europäern und außereuropäischen Gesellschaften ins Bild setzt, seinem eigenen Ideologiemodell ein Stück weit zuwider. Zudem deutet der Gang der Untersuchung darauf hin, dass die Veränderung ideologischer Strukturen faktisch stets auf Krisen und Kämpfe angewiesen war, nicht umgekehrt. Am Beispiel der Haitianischen Revolution wird Piketty recht deutlich. Sie erinnere daran, „welcher Faktor wohl in erster Linie zur Beendigung der Sklaverei geführt hat: nicht die Seelengröße der euroamerikanischen Abolitionisten oder die detaillierten Berechnungen der Plantagenbesitzer, sondern die von den Sklaven selbst organisierten Aufstände und die Furcht vor erneuten Revolten“ (Kapitel 6).

Versäumnisse der Sozialdemokratie

Ein Kernstück der Studie ist die Auseinandersetzung mit der Frage, warum Umverteilung bei steigender Ungleichheit in den westlichen Gesellschaften gemessen an den Wahlergebnissen nicht populärer ist. (Kapitel 14-16). Piketty stützt sich hier auf die Ergebnisse von Wählerbefragungen, die umfangreiche Analysen von Wahlentscheidungen über die Zeit für die USA, Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Indien und zahlreiche andere Staaten erlauben. Während in den 1950er Jahren ein niedrigeres Bildungsniveau stark mit der Wahlpräferenz für linke Parteien korrelierte, gilt heute eher: Je höher die Bildung, desto höher die Wahrscheinlichkeit, links zu wählen. In der Gegenwart gibt es deshalb zwei Eliten: eine Bildungselite und eine Wirtschaftselite. Beide eint, dass sie größtenteils gegen mehr Umverteilung sind (und teilweise erfolgreiche Koalitionen bilden, wie die Wahl Macrons zeigt). Diese Umkehrung erklärt Piketty mit den programmatischen Fehlern sozialdemokratischer Parteien, allen voran: zu wenig Einsatz für ein egalitäres Bildungssystem und für eine gerechte Besteuerung von Vermögen. Weniger Raum finden solche Erklärungsansätze, die eine Akkumulationskrise in den 1970er Jahren diagnostizieren oder die Rolle neo-konservativer und ökonomisch-liberaler Parteien und Strategien hervorheben.

Die Wahlanalysen seit den 1950er Jahren erlauben nicht zuletzt einen spannenden Blick auf die gegenwärtige Popularität nationalistischer Parteien. Piketty lehnt den Begriff „Populismus“ dezidiert ab, da dieser keine analytische Trennschärfe zwischen unterschiedlichen politischen Lagern erlaube und vor allem versuche, politische Gegner gegenwärtiger Verhältnisse zu diffamieren und Diskussionen zu unterbinden. Für Piketty – hier kommt er mit Autoren wie Didier Eribon überein – sind das Nichtwählen und die rechte Ablehnung von Migration bei Wähler*innen deswegen so erfolgreich, weil Fragen der Umverteilung hintangestellt wurden. Entscheidend sei aber, dass sich zuerst der Zusammenhang von Bildung und Wahlentscheidung verkehrt hat und danach Themen von Migration und Grenzen von rechten Parteien besetzt wurden. Das Erstarken von Identitätspolitik (egal von welcher Seite) erscheint dann als Ausdruck des neo-proprietären Ungleichheitsregimes: Politiker wie Trump und Macron – gedeckt von „Expert*innen“ – senken überraschend einhellig Steuern für Vermögende und Unternehmen, so dass Fragen der Grenze und der Identität als einzig verbleibende politische Arena erscheinen.

Pikettys Einsatz

Die Auflösung des Zusammenhangs zwischen ökonomischer Klasse und Wahlverhalten, die Piketty für die 1980er Jahre beschreibt, führt vielleicht noch viel weiter zurück: Liegen ihre Anfänge nicht schon in der stärkeren Reformorientierung der SPD seit der Wende zum 20. Jahrhundert, als Eduard Bernstein gegen Rosa Luxemburg und andere darauf drängte, vom Ziel einer Revolution abzulassen und auf schrittweise Reformen zu setzen?

Die Frage „Reform oder Revolution?“ wirft letztlich auch Pikettys politisches Programm des „partizipativen Sozialismus“ auf, das auf hohen und progressiven Einkommens-, Vermögens- und CO2-Steuern beruht. Die daraus entstehenden staatlichen Einnahmen würden in ein egalitäres Bildungssystem investiert und gewährleisteten jeder Bürgerin und jedem Bürger ein Grundvermögen. Unternehmen sollten kooperativ geführt werden. Durch Vermögenssteuern und -grenzen bekäme Eigentum insgesamt einen verstärkt temporären Charakter. Diese Umverteilungspolitiken verknüpft Piketty mit vermehrter transnationaler Kooperation. Für die EU schwebt Piketty eine europäische Versammlung vor, bestehend aus Abgeordneten der nationalen Parlamente und aus durch EU-weite Wahlen legitimierten Abgeordneten mit Befugnissen, Steuern (maximal 4% des BIP) EU-weit zu erheben (auch um schädlichen Steuerwettbewerb zu verhindern). Solche Versammlungen sollen, so Pikettys Vorstellung, nach und nach globaler werden.

Kapital und Ideologie ist selbst zweifellos Teil des Ideologischen in Pikettys Sinne und damit dem Anspruch nach „autonom”, wie der Autor es gegen die marxistische Perspektive postuliert. Darin hat man zurecht ein klassisch-aufklärerisches Selbstverständnis erkannt. Allerdings hat die Studie zugleich – gegen ihren eigenen Strich – gezeigt, dass die Welt der Ideen und politischen Konzeptionen immer auf die Ereignislogik von materiellen Krisen, Revolten und Kämpfen angewiesen war, um überhaupt wirksam zu werden. Für die Realisierbarkeit des partizipativen Sozialismus müsste deshalb eigentlich dasselbe gelten, was im 19. Jahrhundert für Prozesse wie die Abschaffung der Sklaverei gegolten hat: Im richtigen Moment müssen fortschrittliche Intentionen und Konzepte parat sein, aber dieser Moment entsteht immer diesseits der ideologischen Sphäre. So lässt sich Pikettys Einsatz also auch verstehen: nicht nur als Projekt schrittweiser Reformen im Sinne Eduard Bernsteins, sondern auch – wie bei Rosa Luxemburg – als ideologische Vorbereitung auf die nächsten Krisen unseres Ungleichheitsregimes.

 

Felix Kersting promoviert am Institut für Wirtschaftsgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin und arbeitet zu Nationalismus und Sozialismus im 19. Jahrhundert sowie der Rolle ökonomischen Wissens in der Gegenwart.

Till Breyer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Germanistischen Institut der Ruhr-Universität Bochum. Letztes Jahr erschien seine Dissertation Chiffren des Sozialen. Politische Ökonomie und die Literatur des Realismus.

 

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