Die Saint-Simonistinnen. Replik auf Karina Korecky

Zunächst möchte ich mich für die umfassende Kritik zu meinem Aufsatz „Die Saint-Simonistinnen“ bei Karina Korecky bedanken. Viele Aspekte, die für mich von Bedeutung waren, werden von ihr hervorgehoben und weiter ausgebaut. Als Antwort möchte ich zwei Punkte noch einmal vertiefen, die mir bei der Ausarbeitung des Aufsatzes zentral erschienen. Erstens ging es mir bei der Darstellung der Saint-Simonistinnen darum, den Bruch innerhalb der politischen Bewegung zu verdeutlichen. Im bewussten Gegensatz zu den bürgerlichen Anhängerinnen, die schließlich auch in der Hierarchie der Saint-Simonisten aufstiegen (und wieder fielen), formulierten einfache Mitglieder, zumeist unverheiratete Hilfsarbeiterinnen, zwischen 1832 und 1834 das Ideal der finanziell und rechtlich unabhängigen Frau. Sie gingen damit weit über das Ideal „der Frau“ als einer gleichen (sexuellen) Partnerin, wie es von den Saint-Simonisten und Saint-Simonistinnen formuliert wurde, hinaus, denn sie forderten die soziale, rechtliche und schließlich auch politische Gleichstellung der Geschlechter. Deutlich wird dies in der frühen Verwerfung eines Ideals von  „Häuslichkeit“, welches die Rolle der Frau als Ehefrau und Mutter und die damit verbundenen sozialen, rechtlichen und politischen Schranken zwischen den Geschlechtern in doppelter Weise zementierte. Das ist auch der Grund, weshalb ich die „auffällige Anbetung der Weiblichkeit“ unter den Saint-Simonisten nicht weiter thematisiert habe. Die politischen Forderungen der im Fokus stehenden Autorinnen und das imaginierte und idealisierte Bild der Geschlechter als gleiche Partner, wie es von männlichen Mitgliedern der Saint-Simonisten formuliert wurde, sind strukturell nicht vergleichbar. (mehr …)

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Theorie ist ein Kampfsport. Lesenotiz zu „Kritik im Handgemenge“

Bohlender, Matthias; Schönfelder, Anna-Sophie; Spekker, Matthias: „Kritik im Handgemenge“. Die Marxʼsche Gesellschaftskritik als politischer Einsatz, transcript, Bielefeld 2018.

Zu Marxʼ zweihundertjährigen Geburtstag erschienen bisher mehr als nur eine Handvoll Biografien. Doch auch die primär akademische Forschung war hierzulande im Vorfeld des Jubiläums nicht untätig. Der nun vorliegende Sammelband „Kritik im Handgemenge“ Die Marxʼsche Gesellschaftskritik als politischer Einsatz untersucht, wie und in welchen dynamischen Beziehungen sich die marxsche Kritik entwickelte. Damit bringt er frischen Wind in die Marxforschung, die bisher selten auf die performativen Dimensionen des marxschen Werkes blickte. Dabei haben sich die HerausgeberInnen Matthias Bohlender, Anna-Sophie Schönfelder und Matthias Spekker auch vorgenommen, insbesondere auf den „politischen Einsatz“ von Marx zu achten. Wie der Band schnell deutlich macht, kann man hierbei nur erste Antworten finden, wenn man die Relationen des Feldes betrachtet, in dem Marx sich bewegte. Es wird folgerichtig darauf geblickt, wie sich Marxʼ Positionen innerhalb verschiedentlicher intellektueller und politischer Auseinandersetzungen entwickelten. Marx sprach hier von einer „Kritik im Handgemenge“ (MEGA2 I/2: 173). Gemeint ist damit vor allem die Marx und Engels nahestehende Denkschule der Junghegelianer und sozialkritische Autoren des Vormärz, von denen sich beide abzusetzen suchten, da sie in deren Wirken eine letztlich herrschaftsstabilisierende Effektlosigkeit erkannten. Zu den Kombattanten des Handgemenges wurden von Marx und Engels etwa Karl Grün und Wilhelm Weitling, Bruno Bauer, Max Stirner, Ferdinand Lasalle und Pierre-Joseph Proudhon auserkoren. Insbesondere im genauen Nachvollzug der Absetzbewegung liegt die Stärke des Bandes. Weitere damit verknüpfte Leitfragen richten sich auf die normativen Annahmen im marxschen Werk sowie dessen ungeklärtes Verhältnis zum Politischen. Entlang dieser Linien sind die hier exemplarisch vorgestellten Beiträge gruppiert.

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„Weltwende 1917 – Russland, Europa und die bolschewistische Revolution“ (Hernhut)

Vom 16. bis zum 18. November 2017 findet in der Akademie Herrnhut für politische und kulturelle Bildung die Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft zur Erforschung des Politischen Denkens statt. Thema ist dieses Jahr „Weltwende 1917 – Russland, Europa und die bolschewistische Revolution”. Um eine Anmeldung bis zum 1. November 2017 an info@komensky.de wird gebeten. Das genaue Tagungsprogramm findet Ihr hier.

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Workshop: Diskursanalyse nach dem Marxismus (Gießen)

Am 3. und 4. April findet in Gießen ein Workshop mit dem Titel „Diskursanalyse nach dem Marxismus. Kritik, Emanzipation und Neuvermessung eines theoretischen Spannungsverhältnisses“ statt. Unter anderem sprechen Johannes Angermuller, Tilman Reitz und Alex Demirovic. Es geht um den normativen Fluchtpunkt diskurstheoretischer und marxistischer Forschung, Materialität als Diskurs, etc. Eine kleine Beschreibung des Workshops und einen Überblick über Programm und Sprecher findet ihr hier im Programmflyer

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CfP: „Diskursanalyse nach dem Marxismus“

Am 3. und 4. April 2017 findet an der Justus-Liebig-Universität Gießen eine Tagung zur Diskursanalyse nach dem Marxismus statt. Sie beleuchtet das theoretische Spannungsverhältnis der beiden Ansätze, indem sie nach ihrer gegenseitigen Kritik, ihren normativ-emanzipatorischen Gehalten und nach den Möglichkeiten einer Neuvermessung fragt. Noch bis zum 01. Dezember 2016 können Abstracts eingereicht werden. Ein ausführlicher Call for Papers findet sich hier.

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Workshop: »Radical Perspectives on Exploitation« an der HU

Am 19. und 20. September findet an der Humboldt-Universität zu Berlin ein Workshop zu »Radical Perspectives on Exploitation« statt. Der Workshop will unterschiedliche Perspektiven auf Ausbeutung aufwerfen und diskutiert so z.B. feministische und marxistische Ansätze. Themen und Sprecher/innen findet ihr hier im Programm. Die Teilnahme ist frei, aber um Anmeldung wird gebeten an: Mirjam.mueller.1@hu-berlin.de.

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Podcast: Matthias Bohlender – Marx im Handgemenge, oder: Zur Genealogie moderner Gesellschaftskritik

Leider hatten wir wiedereinmal Probleme mit der Technik, weshalb es nur eine sehr knappe Präsentation ohne Videoaufzeichnung des Vortrags gibt. Dafür werden wir aller Voraussicht nach den Podcast von Julia Schulze Wessel nach dem regulären Abschluss unserer Reihe am 25. Juli veröffentlichen.
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Matthias Bohlender ist Leiter des DFG-Forschungsprojekts: „Marx und die ‚Kritik im Handgemenge’“, das sich aus genealogischer Perspektive den Gründen und Abgründen der Marxschen Gesellschaftskritik widmet. Der Vortrag beginnt mit einer historischen Verortung von Marx Theorie als Antwort auf die Aufklärung und beschreibt in einem zweiten Schritt den „blutigen Geburtsvorgang“ dieser spezifischen Gesellschaftskritik. Gegenüber der Aufklärung besteht der Theoriefortschritt Marxens in einer doppelten Radikalisierung der Kritik, die einerseits die ideologische Verfasstheit der bürgerlichen Gesellschaft selbst in den Blick nimmt und die sich andererseits selber als Teil der revolutionären Praxis zur Überwindung dieser Gesellschaft versteht. Um Teil der revolutionären Praxis zu werden, müssen auch die Theoretiker praktisch werden. Bohlender beschreibt diese Wandlung anhand des Aufeinandertreffens von Karl Marx und Friedrich Engels mit dem Arbeiterführer Wilhelm Weitling im Bund der Gerechten und dem daraus resultierenden Kampf um die Hegemonie innerhalb des frühen Kommunismus. Marx und Engels mussten dort schmerzhaft erfahren, was es heißt Politik zu betreiben – erst recht aus der problematischen Sprechposition des Intellektuellen. Der genealogische Blick Bohlenders ist auf die reflexiven Blindstellen in Marx Theorie gerichtet, die zu diesem Zeitpunkt der Theorieentwicklung vor allem das Verhältnis von Theorie und Praxis, Intellektuellem und Revolutionär betrifft.

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Audio-Stream:

Das Video gibt’s nach dem Sprung:

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CfP: Das Kapital, dritter Band

Die Rosa-Luxemburg-Stiftung lädt zur Auseinandersetzung mit dem dritten, unvollendeten Band des “Kapitals” von Karl Marx ein. Unter dem Luxemburg’schen Motto “Ansporn zum Denken, zur Kritik und zur Selbstkritik” soll ein intensiver Austausch über Geschichte und Gegenwart linker Theoriebildung angeregt werden, der in eine Buchpublikation zu Marx‘ 200. Geburtstag (am 5. Mai 2018!) münden soll. Abstracts können bis zum 15. Juni 2016 in deutscher und englischer Sprache eingereicht werden. Hier geht’s zum ausführlichen Call.

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Ein politischer Wissenschaftler im „Zeitalter der Extreme“. Nachruf auf Reinhard Kühnl (1936-2014)

Reinhard KühnlWenn die Arbeiten von Reinhard Kühnl, der am 10. Februar nach langer schwerer Krankheit verstorben ist, öffentliche Erwähnung fanden, wurde sein Name meist mit einem Zusatz versehen, der heute beinahe anachronistisch klingt. Kühnl war „Faschismusforscher“, ein marxistischer zumal – und darüber hinaus nicht nur im deutschsprachigen Raum über Jahrzehnte hinweg einer der bekanntesten Vertreter seiner Zunft. (mehr …)

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Tagung: „Zur Lage des Marxismus“ (Berlin)

Mit der „Lage des Marxismus“ im deutschsprachigen Raum befasst sich eine Tagung, zu der die Assoziation für kritische Gesellschaftsforschung (AkG)  vom 13. bis 15. Dezember in die Rosa-Luxemburg-Stiftung nach Berlin einlädt. Ziel der Veranstaltung ist es, die lange Tradition des Marxismus im deutschsprachigen Raum zu reflektieren,  auf die vielfältigen neueren Debatten einzugehen, die sich im Marxismus verorten (lassen), und die Pluralität marxistischer  Zusammenhänge kritisch zu diskutieren. Neben den Vorträgen sollen einzelne Themen auch in Arbeitsgruppen erörtert werden. Wer Interesse hat, eine dieser Arbeitsgruppen zu organisieren, ist herzlich gebeten, bis Ende September Themenvorschläge einzureichen. Alle weiteren Details und das Programm der Tagung findet Ihr hier.

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