Lesenotiz zu Hannah Arendts „Sechs Essays/Die verborgene Tradition“

Lesenotiz zu Hannah Arendt: Sechs Essays/Die verborgene Tradition (= Kritische Gesamtausgabe/Complete Works. Critical Edition, Bd. 3, Göttingen 2019).

Für Politische Theoretiker*innen, die sich für Hannah Arendt interessieren, hatte das lange Warten im Herbst vergangenen Jahres endlich ein Ende: Die Veröffentlichung der Kritischen Arendt-Gesamtausgabe ist angelaufen. Aber hat sich das Warten auch gelohnt? Nach dem fulminanten Auftakt durch Band 6 The Modern Challenge to Tradition: Fragmente eines Buches, gibt der gerade erschienene Band 3 Sechs Essays/Die verborgene Tradition nun weiteren Aufschluss über diese Frage. Er ist Anfang Januar recht zeitnah nach dem Marx-Band als zweites Buch des voluminösen, insgesamt auf 17 Ausgaben angelegten Projekts erschienen. Laut Editionsplan sind die Sechs Essays zugleich der einzige für 2019 geplante Band.

Auch wenn es wahrscheinlich editorischer Pragmatik geschuldet sein dürfte, ist es insofern treffend die Sechs Essays an zweiter Stelle herauszubringen, als es sich tatsächlich um das zweite Buch handelt, das Hannah Arendt veröffentlicht hat. Das Buch erschien 1948 – zunächst nur unter dem ersten der beiden Titel als Sechs Essays –, fast 20 Jahre nach Arendts Dissertation über den Liebesbegriff bei Augustin, aber noch vor ihren großen ‚Hauptwerken‘ Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (1951/55), Vita activa (1958/60) oder Über die Revolution (1963/65). Es handelt sich sowohl konzeptionell-formal, als auch inhaltlich um ein „Buch des Übergangs“ (Barbara Hahn).

„Schreiben ist doch eine Form des Zurückkommens“ – Die Publikationsgeschichte der Sechs Essays

Zum einen ist das Buch schon seiner Entstehungsgeschichte und formalen Komposition nach Produkt und Sinnbild von Arendts persönlichem Übergang (von Deutschland in die USA und wieder zurück; wenn auch letzteres nur im Schreiben) – „eine[r] Autorin, die durch Sprachen und Kulturen wanderte“ (326), wie die Herausgeber*innen es auf eine Formel bringen, die ein wenig unterschlägt, dass es sich bei dieser Wanderung um eine Flucht- und Exilgeschichte handelt.

Die in der Essaysammlung enthaltenen Aufsätze sind alle zwischen 1943 und 1946 in New York entstanden, wo Arendt nach ihrer Flucht aus Deutschland, anschließendem Exil in Paris, erneuter Flucht aus dem Internierungslager Gurs über die Pyrenäen und Lissabon, 1941 schließlich angekommen war. Fünf der sechs Essays – mit Ausnahme des Kafka-Portraits ganz am Ende des Buches – wurden zuerst auf Deutsch verfasst, dann aber ins Englische übersetzt und so in überwiegend jüdischen (Exilanten-)Zeitschriften, wie The Menorah Journal, Jewish Frontier, Partisan Review oder Commentary veröffentlicht, in denen Arendt nach ihrer Ankunft in den USA schnell anfängt sich als Publizistin und politische Kommentatorin einen Namen zu machen. Die Aufsätze stellen also Arendts erste Versuche dar, „eine Stimme in der noch so fremden Sprache zu finden“ (454). Einigen davon hört man das hölzerne der ersten Gehversuche im Englischen noch an. Manche der Essays sind auch noch eher Übersetzungen im herkömmlichen Sinne; was für ihre späteren Texte – die Herausgeber*innen der Gesamtausgabe haben es im Theorieblog-Interview noch einmal ausdrücklich betont– nicht mehr zutrifft. Eher hat Arendt, wie es Ursula Ludz in der Einleitung zum Metzler-Handbuch formuliert hatte, „ein Werk in zwei Sprachen hinterlassen“.

Ab 1946 lässt Arendt ihrem früheren akademischen Lehrer Karl Jaspers und ihrem alten Studienfreund Dolf Sternberger die „deutsche[n] „Originalfassungen“ (449) dieser Aufsätze zur Veröffentlichung zukommen. Zusammen mit dem Romanisten Werner Krauss und dem Soziologen Alfred Weber, hatten die beiden nur ein gutes halbes Jahr nach Kriegsende die Monatszeitschrift Die Wandlung gegründet. Dabei stand Arendt der – wohl vor allem von Jaspers angeregten – Idee, sich an ein deutsches Publikum zu wenden zunächst ambivalent gegenüber. Auf der einen Seite erachtete sie, die anders als viele andere Exilanten, wie bspw. Theodor W. Adorno oder Max Horkheimer, nie wieder fest nach Deutschland zurückgekehrt ist, „die Verführung, seine eigene Sprache wieder schreiben zu dürfen“ als „die einzige Heimkehr aus dem Exil […], die man nie ganz aus den Träumen verbannen kann“ (11). Auf der anderen Seite falle es angesichts des Geschehenen „einem Juden nicht leicht, in Deutschland zu veröffentlichen, und sei er ein Jude deutscher Sprache“ (11). Dass sie sich letztendlich doch dafür entschieden hat, geschah zum einen, wie sie später einräumte, „not out of ‚conviction‘, but out of friendship for Jaspers and an old friend of mine from our students’ days“ (452) und stand zum anderen unter der Bedingung, dass sie nicht als Deutsche oder Assimilierte akzeptiert, sondern „als Jude willkommen“ sein müsse (452).

Als der Verleger der Wandlung, Lambert Schneider, einige der bereits in der Zeitschrift veröffentlichten und einige noch unveröffentlichte Aufsätze schließlich zu einem Buch zusammenfassen will, reagiert Arendt erfreut. Geplant und strukturiert hat sie den Band allerdings nicht. Sowohl die Auswahl der Texte als auch die Anordnung im Buch entstammt „mit großer Wahrscheinlichkeit von Sternberger“ (450), dessen Rolle als organisierender Freund für die Etablierung von Arendts Frühwerk im deutschen Sprachraum kaum zu überschätzen ist. Die wohl von ihm gewählte Reihenfolge entspricht freilich nicht der Chronologie der Erstveröffentlichungen. Das Buch erhält weder Inhaltsverzeichnis noch Einleitung. Stattdessen stellt Arendt ihm eine Zuneigung an Karl Jaspers voran.

In den 1960er Jahren möchte der Wagenbach-Verlag den Band in leicht abgewandelter Form neu herausbringen. Nachdem Arendt und der Verleger Klaus Wagenbach länger über eine mögliche veränderte Zusammenstellung, den Titel und vor allem den Status des Buches verhandelt hatten – Arendt, deren Theoriebildung dafür bekannt ist, dass sie in aktuelle Debatten eingreift und schon deshalb immer tentativ ist, war nicht mehr mit allem einverstanden, was sie knapp 20 Jahre zuvor verfasst hatte – wird das Projekt aber aus ungeklärten Gründen nicht weiterverfolgt (vgl. 456ff.). Als 1976 dann doch noch eine Neuauflage – dieses Mal im Suhrkamp-Verlag – erscheint, wird diese um die beiden Essays Aufklärung und Judenfrage und Der Zionismus aus heutiger Sicht ergänzt. Die Neuauflage, bei der es sich streng genommen um ein neues Buch handelt, erscheint jetzt unter dem Titel Die verborgene Tradition und trägt den Untertitel Acht Essays. Arendt hat die Planung des Bandes noch begleitet („Die sechs Essays könnt ihr gerne haben“, 459), verstarb aber bevor er erschien.

Ein „ansehnlicher Band […], der die vielfältige Thematik von Hannah Arendts Denken und Schreiben zeigt“?

Diese Entstehungsgeschichte des Buches erklärt auch etwas die fehlende „innere Konzeption“ (457), die Karl Wagenbach während der Verhandlungen über die erste – nicht zustande gekommene – Neuausgabe anmahnte. Arendt reagierte mit Verständnis auf diesen Einwand. In der Lakonie, für die sie mittlerweile bekannt war, antwortete sie Wagenbach 1965: „Ich schickte Ende 1945, […] willkürlich was immer ich an deutschen Essays rumliegen hatte nach Heidelberg“ (457). Trotzdem leistet der Band meines Erachtens mehr, als einen Überblick über „die vielfältige Thematik von Hannah Arendts Denken und Schreiben“ (Sternberger, 449) zu geben. Ein möglicher Deutungsversuch besteht darin, die Essaysammlung eben nicht nur konzeptionell-formal, sondern auch inhaltlich als ein Buch des Übergangs zu begreifen.

Vor allem die ersten beiden Aufsätze des Bandes Über den Imperialismus und Organisierte Schuld stellen demnach Versuche das Geschehene zu verstehen dar. In Über den Imperialismus arbeitet Arendt anhand einer Auseinandersetzung mit dem ‚scramble for Africa‘ zum ersten Mal diejenigen Elemente des Imperialismus heraus, die sich, wie sie es später nennen wird, im Totalitarismus kristallisieren. In Organisierte Schuld stellt sie sich die Frage, die auch noch Generationen von Historiker*innen nach ihr beschäftigen würde, nämlich wie es möglich war, dass aus ‚ganz normalen Menschen‘ Massenmörder werden. Gegen die Thesen die von einem spezifischen „deutschen Nationalcharakter“ (36) ausgehen, verortet sie die Gründe dafür zum einen in einer allgemeineren Kritischen Theorie der Moderne, zum anderen sei das Nazi-System gerade so aufgebaut gewesen, dass es Komplizenschaft organisiere; eine These von der sie zumindest politisch später etwas abrücken wird (vgl. 457). Bei beiden Texten handelt es sich um Vorstudien für die Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Der dritte Aufsatz des Bandes Was ist Existenzphilosophie? fällt hier ein bisschen aus der Reihe. Er war als Vortrag gedacht, der einem amerikanischen Publikum Kontinentalphilosophie näherbringen sollte. Insofern handelt sich zwar nicht im engeren Sinne um einen Versuch das Geschehene zu verstehen (obwohl Arendt später auch die philosophische Tradition – „an dieser Bescherung nicht ganz unschuldig“ – in ihren Verstehensversuch miteinbeziehen wird), aber ebenfalls um eine Auseinandersetzung mit der philosophischen Tradition aus der sie gekommen ist. Arendt, das sei hier erwähnt, hat sich von diesem Aufsatz später ausdrücklich distanziert (vgl. 357).

Die Texte in der zweiten Hälfte des Buches sind, gemäß dieser Deutung als Übergangsbuch, dann erste Versuche Arendts darüber nachzudenken, wie man nach dem Traditionsbruch – nachdem also die Tradition, aus der man gekommen ist, kein „Geländer“ mehr bietet – weiterdenken kann. Eine Möglichkeit dies zu tun entdeckt Arendt in der verborgenen jüdischen Tradition des Pariatums, jenes selbstbewussten Außenseiters, der seine Andersheit in eine Position der Stärke umwandelt. Vor allem im für die Neuauflage titelgebenden Aufsatz Die verborgene Tradition rekonstruiert sie in Heinrich Heine, Bernard Lazare, Charlie Chaplin und Franz Kafka vier unterschiedliche Spielarten eines solchen selbstbewussten Pariatums. Franz Kafka erhält ganz zum Ende des Bandes noch einmal ein eigenes Portrait. So wie Über den Imperialismus und Organisierte Schuld im späteren Werk der Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft aufgehen, geht Die verborgene Tradition aus einem früherem hervor: Bei den vier Paria-Typen handelt es sich um Weiterentwicklungen der Figur, die in den letzten beiden Kapiteln des Rahel Varnhagen-Buches das erste Mal auftaucht. Bleibt Rahels Pariatum, zu dem diese sich nach etlichen gescheiteren Assimilationsversuchen entscheidet, vor allem auf den sozialen Bereich bezogen, stellt besonders Bernard Lazare in der Verborgenen Tradition den Archetypen eines politischen Parias dar und wird damit zu so etwas wie einer Inkarnation von Arendts politischem Handlungsbegriff.

Eine editorische Herausforderung

An einem Werk, das auf so „eigentümliche Weise zustande gekommen“ (Arendt, 357) und seiner inhaltlichen Komposition nach nicht auf den ersten Blick zu durchdringen ist – Neu-Auflagen, Hinzufügungen und Bedenken der Autorin bezüglich mittlerweile revisionierter Thesen inklusive – können Herausgeber*innen historisch-kritischer Editionen zeigen was sie können. Und die für den Band verantwortliche Herausgeberin Barbara Hahn und ihre beiden Mitarbeiter*innen Barbara Breysach und Christian Pischel, können. Der Band druckt in Teil I zunächst die 6 Essays inklusive der Zuneigung an Jaspers, in der Version, in der sie ursprünglich als Sechs Essays erschienen sind, ab. Teil II enthält die beiden für die Neuversion von 1976 hinzugekommenen Aufsätze. Teil III dann die englischsprachigen Erstveröffentlichungen und Teil IV die Typoskripte (von denen allerdings leider nur 2 überliefert sind). Das eigentliche Prunkstück der Ausgabe bildet aber der fast 200 Seiten lange Anhang. Der gute erste Eindruck, den der Marx-Band hinterlassen hatte, wird hier bestätigt.

Entstehungs-, Übersetzungs- und Veröffentlichungsgeschichten der einzelnen Texte in den englischsprachigen Zeitschriften und in der deutschen Buchveröffentlichung werden in mühevoller Kleinarbeit rekonstruiert, kommentiert, mit Nachweisen versehen und kontextualisiert. Hierfür werden Briefwechsel zwischen Arendt und Herausgeber*innen der jeweiligen Zeitschriften ebenso mitherangezogen wie Briefe zwischen Arendt, Jaspers und Sternberger bzgl. der Wandlung sowie zwischen Arendt und den Verlegern der verschiedenen Buchversionen. Jeder der Aufsätze erhält zusätzlich einen eigenen umfangreichen Anmerkungsapparat in dem u.a. auch die Reaktionen auf die Aufsätze rekonstruiert werden. Die zweite Band der kritischen Gesamtausgabe bestätigen also was der erste bereits erahnen ließ: Für alle, die mit Arendts Schriften wissenschaftlich arbeiten wollen, ist dieses Editionsprojekt ein Segen. Einziger Wermutstropfen ist dementsprechend auch, dass der nächste Band erst für 2020 angekündigt ist. Dann geht es mit einem weiteren Buch des Übergangs weiter: Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik wurde größtenteils von 1929 bis 1933 in Deutschland als Habilitationsschrift verfasst, aber erst 1938 im Pariser Exil vollendet. Erschienen ist sie erst 1957, dann in Großbritannien.

15 Kommentare zu “Lesenotiz zu Hannah Arendts „Sechs Essays/Die verborgene Tradition“

  1. – Man hätte noch erwähnen können, dass Chaplin gar kein Jude war, Arendt ihn aber dafür hielt. Die Gründe hierfür wären Material für interessante Spekulationen gewesen, war doch Chaplin von Goebbels als Jude identifiziert worden und ging Arendt so der Propaganda auf den Leim…

  2. Auch ohne die unkritisch-ungeprüfte Übernahme Goebbelscher Fakes oder Irrtümer geht H. A. sogar nach dem Kollaps den Verbrechern auf den Leim, hält sich selbst am falschen „Geländer“ fest, lässt sich die falsche Aufstellung von den Juden und den Anderen nach wie vor von ihren Feinden aufzwingen, denn:

    In der Tat perpetuiert der Arendtsche Ansatz, angebliche, ‚verborgene‘ Sonderqualitäten des Judentums, z. B. der Pariatie, als Wege des „Weiterdenkens“ nach dem „Traditionsbruch“, nach dem Entfall des „Geländers“ usw. aufzuzeigen, nur die proto-faschistische Idiotie, Denken, Leben, Handeln, Politik usw. fortgesetzt in die Klassen von „jüdisch“, nichtjüdisch, in Ähnlichkeiten und Gegenteile zum Jüdischen etc. zu segregieren, wie es der zumeist unterirdische (Nebenarbeiten,Briefe, Notizen, Gespräche), später immer öfter an die Oberfläche tretende Strom des Antisemitismus in der Aufklärung, im Dt. Idealismus inkl. dessen Kritikern und in der einflußreichen, zeitprägenden Philosophie bis weit ins 20. Jh. (-> Heidegger, dem Arendt ja ihre phil. ‚Initiation‘ verdankt) seit je in Wirklichkeit praktizierte.

  3. Liebe beide Kommentator*innen,

    vielen Dank für die Kommentare und das damit ausgedrückte Interesse an dem Text. Ich würde gerne zwei Dinge dazu sagen:

    Erstens @Johanna: Es ist richtig, dass Chaplin nicht jüdischer Herkunft war. Als zeitgeschichtliche Hintergrundinformation ist in diesem Zusammenhang vllt. interessant, dass er selbst die von der NS-Propaganda verbreitete Falschinformation in den 1930er und 1940er Jahre absichtlich nicht dementiert hat. Als Gründe hierfür hat er – erst sehr viel später – zum einen Solidarität mit den Verfolgten angegeben, zum anderen aber auch eine gewisse Faszination für die jüdische Geistestradition geäußert. Das wird in dem hier besprochenen Buch auch thematisiert, insofern als, dass Arendt dieser Umstand später bewusst wird. Das spielt aber für ihr Argument – dass es sich bei Chaplin und seinen Figuren um selbstbewusste Parias in ihrem Sinne handelt – keine Rolle. Die Gründe dafür sind zugleich meine Antwort auf den Kommentar des Nutzers @dos.

    Zweitens @dos: Zu Ihrem Kommentar ist der der Essaysammlung titelgebende Aufsatz „Die verborgene Tradition“ sehr aufschlussreich. „Verborgen“ ist diese für Arendt nämlich nicht nur deswegen, weil die Figur des Parias auch innerhalb des Judentums eher die Ausnahme darstellt. Sondern auch, weil der Paria auch über die jüdische Tradition hinaus – aus der Arendt die Figur nur ursprünglich herausdestilliert – auf ein Potential hindeutet: Arendt versteht die Figur als eine Art Vorschlag für eine allgemeinere – auch für Nicht-Juden aufschlussreiche – Haltung, um den Anforderungen der Moderne im Allgemeinen und Mehrheitsgesellschaften im Besonderen zu begegnen.

    Darüber hinaus rührt der starke Bezug zum Judentum in meiner Besprechung vor allem auch daher, dass es sich bei dem Buch um eine Sammlung von Essays handelt, die in der Frühphase des Exils größtenteils in jüdischen Emigrantenzeitschriften erschienen sind. Ich wollte keinesfalls suggerieren, dass sich Arendts Vorschläge für ein „Weiterdenken“ nach dem „Traditionsbruch“ in dieser verborgenen jüdischen Tradition erschöpfen. Ihre perlentaucherische Aneignung gilt bekanntermaßen z.B. auch dem griechischen und römischen politischen Denken, der deutschen philosophischen Tradition, dem amerikanischen Republikanismus und nicht zuletzt der Zeitgeschichte und der Literatur.

  4. Zur zweiten Antwort (auf den Einwand von dos), „die Figur des Parias“ stelle „auch innerhalb des Judentums eher die Ausnahme dar“ und „der Paria“ deute „auch über die jüdische Tradition hinaus – aus der Arendt die Figur nur ursprünglich herausdestilliert – auf ein Potential“ hin: „Arendt versteht die Figur als eine Art Vorschlag für eine allgemeinere – auch für Nicht-Juden aufschlussreiche – Haltung, um den Anforderungen der Moderne im Allgemeinen und Mehrheitsgesellschaften im Besonderen zu begegnen.“ — Dazu ist zu sagen:
    Die Anregung für ihre Konzeption des Parias im Varnhagen-Buch hatte sie von Max Weber, der den Vergleich mit dem indischen Kastenwesen für die zentral aufschließende Hinsicht auf die Stellung der Juden des Altertums hielt und diese daher ein „Pariavolk“ nannte.* Im Varnhagen-Buch folgte Arendt dieser verallgemeinernden Konzeption Webers nur bedingt: Sie bezog den Terminus, den sie wie Anders** im Gegensatz zu Weber positiv fasste, nur auf die wenigen jüdischen Menschen, die ihren Halt nicht in einer antiquarischen Orthodoxie suchen, aber doch der Assimilation als Schnorrer oder Revolutionäre sich verweigern und insofern außerhalb der Gesellschaft leben. Wohlgemerkt: beide Sorten sind jüdische Menschen, von anderen, etwa nichtjüdischen Paria ist nirgends die Rede.
    Ganz ausdrücklich sprach sie 1959,*** wie um die Weber geschuldete rassistische Basis ihrer früheren Konzeption zu revidieren, von den „Paria“ als von einer qua Verfolgung homogenisierten Gruppe von Menschen, denen, als Erniedrigten und Beleidigten, „die Menschlichkeit der Brüderlichkeit“ allein „zusteht“: ihnen „zusteht“ wie eine exklusive Erlaubnis oder ein Recht, das denen n i c h t zustehe, „die nicht zu den Erniedrigten und Beleidigten gehören, und nur durch das Mitleid an ihr Anteil haben können.“ (S.26 [A], 51 [B]) Und damit ja kein universalistisches Missverständnis aufkomme, ganz im völkischen Sinne Webers: „Diese Menschlichkeit ist das große Vorrecht der Pariavölker, sie ist das, was die Parias dieser Welt immer und unter allen Umständen vor allen anderen voraushaben können.“ (A S.21, B 48f.) „Bei dieser gewissermaßen natürlich gewachsenen Menschlichkeit ist es, als ob unter dem Druck der Verfolgung die Verfolgten so enge zusammengerückt sind, daß der Zwischenraum, den wir Welt nannten (und der zwischen ihnen vor der Verfolgung natürlich auch bestand, und sie in Distanz voneinander hielt), einfach verschwunden wäre. Dabei entsteht leicht eine Wärme menschlicher Beziehungen[…]“ [A 22, B 49].**** Die kein Exemplar eines Pariavolkes sind, sind an Stelle von deren exklusiver „Menschlichkeit der Brüderlichkeit“ nur zum „Mitleiden“ fähig, das sie einer pejorativen Analyse unterzog und genau wie die Grausamkeit als „Affekt“ bestimmte, „nämlich eine Perversion, die Lust empfindet, wo natürlicherweise Schmerz empfunden wird, wobei entscheidend ist, dass Lust und Schmerz wie alles natürlich Kreatürliche in die Stummheit drngt und von sich aus wohl zum Ton, aber nicht zur Sprache und zum Gespräch findet.“ (A S.26. B S.51)

    ____
    * Max Weber, Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Band 3: Das antike Judentum, Tübigen 1921, S.2 u.v.a. Kap.II, Die Entstehung des jüdischen Pariavolkes, S.281-400 sowie im Nachtrag über die Pharisäer, S.401ff.
    ** Günther Anders, Die molussische Katakombe, München (Beck) 1992, erweitert 2012 (Hg. G.O.) – Wie Arendt hat Anders die „Paria“ im Gegensatz zu Weber positiv gefasst, aber wo die ihren in einer erkenntnisfördernden, also mehr beobachtenden Distanz zur Mehrheitsgesellschaft verharren und, wie beim rassistisch oder zumindest völkisch denkenden Weber, Juden sind, hat Anders den Rahmen des Rassenwahns effektiv verlassen: Seine Paria sind gleichfalls Außenseiter, aber nun nicht mehr als Juden in einer nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft – Weber schreibt „Gastvolk“ – sondern als Mitglieder des unterdrückten molussischen Staatsvolks, von denen immer wieder einige als Dissidenten, Subversive, Widerstands- und Freiheitskämpfer verhaftet und in die Katakombe geworfen werden. Konstitutionsprinzip der Paria ist keine Volkszugehörigkeit, sondern ihr Pariabewusstsein: <"Wir haben gelernt", versuchte Yegussa zu verdeutlichen, "daß die Wahrheit uns freimachen wird. Daß wir erst wirklich bestünden, wenn wir wüßten, wer wir in Wahrheit seien; erst durch das Pariabewußtsein seien wir nicht nur viele Paria – sondern die Paria; seien wir ein solidarischer und konsolidierter Block; seien wir durch eigene Wahl das, was die Herrschenden aus uns gemacht haben: Paria." (S.114) Eine vergleichbare Bestimmung der Paria als ihrer Lage bewusste, nicht mehr volksgruppenspezifische Klasse habe ich bei Arendt nicht gefunden.
    *** Hannah Arendt [A], Von der Menschlichkeit in finsteren Zeiten. Rede über Lessing [Dankesrede zur Entgegennahme des Lessing-Preises der Freien Hansestadt Hamburg], München (Piper) 1960;
    auch in [B]: Volker F. W. Hasenclever (Hrsg.), Denken als Widerspruch. Reden zum Lessing-Preis. Plädoyers gegen die Irrationalität oder ist Vernunft nicht mehr gefragt? Frankfurt am Main (Eichborn) 1982, S. 39-66.
    **** Mit dem "gewissermaßen" nimmt sie die Naturbestimmtheit in uneigentlicher Rede wieder zurück, ohne eine andere, die eigentliche Bestimmung zu liefern. Statt dessen setzt sie mit einem "als ob" fort, mit dem sie die naheliegende Konsequenz aus der Zurücknahme der Naturbestimmtheit, die völkische Enge zu sprengen, aus dem Blick verliert.

  5. @ Tobias Albrecht, 24. Februar 2019 um 11:27 Uhr
    Haben Sie vielen Dank für Ihre Aufnahme des kleinen Kommentar’stranges‘.

    Natürlich bleibt solch ein Denken/Unterfangen, – Außenseitertum in irgendeiner Kultur als antithetische Wahrheit gegenüber dem Falschen zu destillieren – zunächst ganz immun gegenüber dem Wegfall ursprünglich angenommener Fakten, – hier der Tatsache, das Chaplin gar kein Jude war -, ’s war ja nur ein Beispiel von vielen usw.
    Denn wenn das Herrschende das Falsche ist, wie der AS, dem sich H. A. hier annimmt, ist jede Pariatie darin ja mit allergrößter Wahrscheinlichkeit anscheinend etwas Positives, weil das Falsche Negierende, Infragestellendes, vom Herrschenden Abgesetztes – also faktisch eine Binse, die immer wahr ist, egal was passiert, gleich welche Parameter, Fakten usw. je gegeben sind: einem Diogenes in der Tonne ist bzgl. Herrschaftsverbrechen noch am wenigsten Falsches vorzuwerfen, um mal an die Pariatie-Strömung des Kynismos zu erinnern.

    Aber schon in der Chaplin-Sache zeigt sich die Sinn-Vergiftung durch Instrumentalisierung, in die Chaplin durch die falsche Zuschreibung schon gerät:
    Mit dem Goebbelschen Edikt scheint er gar nicht mehr anders zu können, als sein Handeln/Lassen (der Aufklärung/Zurückweisung kein/“Jude“ zu sein) in einen zweckrationalen „Um-Zu“-Zusammenhang zugunsten von Juden/Jüdischsein stellen zu müssen. (UM NICHT den Anschein der Entsolidarisierung ZU erwecken, belässt er es bei Goebbels Fake.)
    Damit ist die antisemitische Rechnung zum ersten Mal aufgegangen: nicht der Quatsch, Menschen je nach Religion, Ethnie, Nation usw. in moralisch wie funktionell bessere Herrenrassler und inferiore ‚Juden‘, ‚Neger‘ usw. (erstmal gedanklich, später dann … ) zu segregieren wird das Thema, sondern daß die Juden ‚ja gar nicht so schlecht sind, wie immer behauptet‘, siehe doch Chaplin bzw. sogar „seine Figuren“.

    Wenn dann rauskommt, daß er gar kein Jude war, geht die as’e Rechnung zum zweiten Mal auf: das „schützende“ Beispiel wendet sich gegen die zu Schützenden, denn das „Gute“ darin war ja gar nicht „jüdisch“, – und dass das Gute, Bessere usw. nichtjüdisch ist, hat der AS ja schon immer behauptet, und der Goebbelsirrtum/Fake verschwindet als Nebbich im Grau der Geschichte, – zumal der europ. bis globale AS ja viel breiter aufgestellt ist, als in die hochspezifische Spur des dt. Nazismus/europ. Faschismus je zur Gänze hineingepasst hätte.
    Vielmehr gehört der AS, und damit auch seine hist. Spitze in Shoa/Holocaust, ja ganz manifest in die „deutsche philosophische Tradition“, den „amerikanischen Republikanismus“ etc. denen „ihre perlentaucherische Aneignung … bekanntermaßen [gilt]“.

    Und warum nicht nur im Jüdischen (als allseits m. o. w. Verborgenes u. sich selbst Verbergendes) sowie in den von ihr gewählten Beispielen von Pariatrie (und Parvenie!, Pariatrie schon per definitionem, als Aussätziges etc., schon ziemlich ‚verborgen‘ ) sondern auch in einer „Haltung, um den Anforderungen der Moderne im Allgemeinen und Mehrheitsgesellschaften im Besonderen zu begegnen“ etwas Verborgenes oder gar zu Verbergendes liegen soll, erschließt sich mir überhaupt nicht.

    Die von ihr aufgeführten Beispiele sind zumeist zugleich auch Parvenus, und damit kaum noch pariatisch im engeren Sinn. Parias hinterließen nämlich kaum ‚Zeitzeugnisse‘ nach denen H.A. perlentaucht. Allenfalls skrupulöseste Archäologie der Unberührbaren, Ausgesetzten usw. könnte da das eine oder andere noch herausfinden, denn schon soetwas wie das Tagebuch des Hagendorff als Söldner im 30jährigen Krieg setzt schon etwas mehr als reine Pariatrie voraus, z. B. Schreibenkönnen, und so wäre Diogenes unbekannt geblieben, wenn er nicht als ursprünglicher Non-Paria DIE WAHL gehabt hätte, als solcher zu leben und sich redegewandt/geschult dafür zu verteidigen.
    Als ‚Haltung um den Anforderungen der Moderne im Allgemeinen und Mehrheitsgesellschaften im Besonderen zu begegnen‘ erscheinen weder er, noch Varnhagen, Heine, Kafka, Chaplin u. s. Figuren, Lazare oder gar Pariatie im Allgemeinen geeignet. Vielmehr geht H. A. hier erneut den Strategien moderner Herrschaft inkl. der Großkatastrophe auf den Leim, wie sie im Anschluß an den Eichmann-Prozeß der strategischen Banalisierung des Bösen durch die Täter aufsitzt: Letztlich will sie der identitätspolitischen Aufstellung, neben Mensch, Bürger, Rechtssubjekt usw. auch noch Jüdisch, Deutsch, Amerikanisch sein zu dürfen/zu können, weil da je etwas Gutes destillierbar ist, nicht entsagen, was die Diskurse, wo dieses oder jenes Gute/Bessere zu finden wäre, erst legitimiert, und dem AS damit überhaupt die Grundlage liefert, nämlich die Annahme, dass das allg. Ethos, das allgemein-universell Gute, Schlechte/Böse usw. eine Frage der Kultur, der Ethnie, der Religion, ja sogar der „Zivilisation“(sgrade) usw. sei. Doch „Seit je hat Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils.“

  6. @Gerhard Oberschlick
    3. März 2019 um 21:53 Uhr

    bzgl. Weber, der die Pariatrie
    “ … für die zentral aufschließende Hinsicht auf die Stellung der Juden des Altertums hielt und diese daher ein „Pariavolk“ nannte.“

    Soweit ich Weber kenne, bitte berichtigen Sie mich ggfls. – nahm W. aber nicht „die“ Stellung der Juden in „dem“ Altertum in den Blick, sondern vor allem die griech.-römische Perspektiven, evtl. noch persische, beschränkte sich also auf hochherrschaftliche Kulturen, denen nahezu Alles, bei Weitem nicht nur ‚Jüdisches‘ (soweit man davon bis ca. 100 o. 50 VOR C. überhaupt sprechen kann, – heute für das J’tum wesentliche Teile der Schriften sind ja erst um C. ff. in der seither tradierten Form entstanden …) außerhalb ihres je eigenen griech.-röm. bzw. persischen Ursprungs als „Barbarentum“ galt – nur unterbrochen von kurzfristigen Not- u. Opportunitätsbündnissen – , und damit schnell als ‚pariatisch‘, also ‚aussätzig‘ gegenüber der eigenen Hochkultur/Hochherrschaft, als hochgradig inferior, als Kinderfresserei usw., dem/der bestenfalls durch Unterwerfung und – kaum durch ethnische Vorbehalte behinderte – Erziehung/Überformung aufgeholfen werden konnte.

    In den jüd. Diasporen des ‚alten‘ Altertums, namentlich Babylon, wohl auch Ägypten, bildeten Juden wohl eher mittlere bis höhere Funktion(är)skasten, kaum generalisierte Parias. Die Babylonische Geschichte in den jüd.-christlichen Texten ist heute nachweislich keine generelle Befreiung generischer Parias, sondern ein (prä-) jüdisches Schisma, in dem große, und vermutlich bessergestellt-tragende Teile der (prä-)jüdischen Kaste durchaus in Babylon verblieben. Die (Vor-) Zeit der ägypt. Sezession ist nicht so gut erforscht/erforschbar, aber man darf wohl Ähnliches unterstellen.
    Noch zu Zeiten des Nazareners gab es nur zunächst nur „Syrien“, war ‚Judäa‘ darin ein Gebiet unter vielen, in dem spezifisch jüdische Kulte in der Breite allenfalls 10-20% aller vitalen Religionspraktiken ausmachten, wie die Verteilung der entspr. Funde an Paraphernalien etc. belegen. ‚Jüdisch‘ war vor allem der Jerusalemer Zentralkult, der auf der früheren (als andere Völker) Beherrschung von Schriftlichkeit, Mathematik/Rechnen und Astronomie/-metrie fußte und sich a) über die entsprechenden Dienstleistungen, insbes. zur Steuerberechnung, Verwaltung/Überwachung/Schlichtung ziviler Schuldverhältnisse usw. reproduzierte, und b) für die hochherrschaftlichen Römer etc. sich als herrschhaftlich bedeutsame Zentraladresse anbot, deren Einnahme & Mitwirkung/Nutzung anzustreben war, was der sonst üblichen Pariarisierung nun gegenüber dieser Zentralkaste deutlich entgegenstand.

  7. @dos
    Die historische Tragfähigkeit und geografische Tragweite der Darstellung von Max Weber zu beurteilen, bin ich weder fachlich qualifiziert, noch hielt ich es für sachlich erforderlich, um auf Herleitung und Differenz von Arendts Konzeption des Paria von der Weberschen hinzuweisen. Er selbst scheint mir auf Ihre anregende Frage mit seinem ersten Satz in „Die Wirtschaftsethik der Weltreligionen. / Das antike Judentum.“ zu antworten, der unter der Überschrift „I. Die israelitische Eidgenossenschaft und Jahwe.“ steht:

    „Das eigentümliche religionsgeschichtlich-soziologische Problem des Judentums läßt sich weitaus am besten aus der Vergleichung[1] mit der indischen Kastenordnung verstehen. Denn was waren, soziologisch an gesehen, die Juden? E i n P a r i a v o l k .[2]“*

    Er lässt es dabei nicht bewenden, sondern sagt auch, welch historisch folgenreichen soziokulturellen Unterschied er sieht: zwischen der indischen Kaste und dem jüdischen Pariavolk, und es geht ihm in beiden Aspekten seiner Vergleichung, also des Gleichartigen wie des Unterschiedlichen beider, nicht um die Position der einzelnen jüdischen Personen, sondern um die Stellung des religiösen/sozialen Kollektivs „Judentum“; späterhin um dessen verschiedenartiger Aufnahme und Fortwirken in Christentum und Islam.

    ___
    * A.a.O. (in meiner vorigen Wortspende) Sperrung wie im Original, online bei zeno ist sie durch Kursivsatz ersetzt und es fehlt dort die Fußnote zum Verweiszeichen [2], dafür hat es die erste Fußnote spannend in sich — siehe: http://www.zeno.org/Soziologie/M/Weber,+Max/Schriften+zur+Religionssoziologie/Die+Wirtschaftsethik+der+Weltreligionen/Das+antike+Judentum/I.+Die+israelitische+Eidgenossenschaft+und+Jahwe

  8. @oberschlick

    Die angekündigte „Vergleichung“ ist mir schon bei früherer, kursorsischer Lektüre des Webertextes nicht untergekommen. Wenn Sie da einen Hinweis hätten …
    Die hist. bedenkliche, längliche 1:1-Übernahme von Textinhalten des Tanach, die zw. ca. 250 v. C bis ca. 1000 n. C. unter weitgehender Auslassung der Geschichte und Religion der Exiljuden jener fernen Zeiten zusammengefügt wurden, legen jedenfalls keine Idee des Pariatums im Sinne der indischen Unterkasten bis KASTENLOSEN nahe, eigene territorial definierte Königtümer in Kanaan/Judäa/Israel/Palästina usw. waren m. W. nach ganz außerhalb pariatischer Reichweiten. In denen befand/befinden sich die Notdürfte aller anderen Kasten.

  9. @dos — Wenn Sie dem Link in meiner vorigen Fußnote nachgehen und dort zum ersten Absatz des Textkörpers (unter den beiden Inhaltsverzeichnissen) scrollen, lesen Sie ebendiese Vergleichung in kompakter Form:

    „Das eigentümliche religionsgeschichtlich-soziologische Problem des Judentums läßt sich weitaus am besten aus der Vergleichung[1] mit der indischen Kastenordnung verstehen. Denn was waren, soziologisch an gesehen, die Juden? Ein Pariavolk.[2] Das heißt, wie wir aus Indien wissen: ein rituell, formell oder faktisch, von der sozialen Umwelt geschiedenes Gastvolk. Alle wesentlichen[3] Züge seines Verhaltens zur Umwelt, vor allem seine längst vor der Zwangsinternierung bestehende freiwillige Ghettoexistenz[4] und die Art des Dualismus von Binnen- und Außenmoral lassen sich daraus ableiten. Die Unterschiede gegenüber indischen Pariastämmen liegen beim Judentum in folgenden drei wichtigen Umständen: 1. Das Judentum war (oder vielmehr wurde) ein Pariavolk in einer kastenlosen Umwelt. – 2. Die Heilsverheißungen, an welchen die rituelle Besonderung des Judentums verankert war, waren durchaus andere als diejenigen der indischen Kasten. Für die indischen Pariakasten galt, sahen wir, als Prämie rituell korrekten, d.h. kastengerechten, Verhaltens der Aufstieg innerhalb der als ewig und unabänderlich gedachten Kastenordnung der Welt im Wege der Wiedergeburt. Die Erhaltung der Kastenordnung wie sie war und das Verbleiben nicht nur des Einzelnen in der Kaste,[5] sondern der Kaste als solcher in ihrer Stellung zu den anderen Kasten: dieses eminent sozialkonservative Verhalten war Vorbedingung alles Heils; denn die Welt war ewig und hatte keine »Geschichte«. Für den Juden war die Verheißung die gerade entgegengesetzte: die Sozialordnung der Welt war in das Gegenteil dessen verkehrt, was für die Zukunft verheißen war und sollte künftig wieder umgestürzt werden, so, daß dem Judentum seine Stellung als Herrenvolk der Erde wieder zufallen würde. Die Welt war weder ewig noch unabänderlich, sondern sie war erschaffen und ihre gegenwärtigen Ordnungen waren ein Produkt des Tuns der Menschen, vor allem: der Juden, und der Reaktion ihres Gottes darauf: ein geschichtliches Erzeugnis also, bestimmt, dem eigentlich gottgewollten Zustand wieder Platz zu machen. Das ganze Verhalten der antiken Juden zum Leben wurde durch diese Vorstellung einer künftigen gottgeleiteten politischen und Sozialrevolution bestimmt. Und zwar – 3: in einer ganz bestimmten Richtung. Denn die rituelle Korrektheit und die dadurch bedingte Abgesondertheit von der sozialen Umwelt war nur eine Seite der ihnen auferlegten Gebote. Daneben stand eine in hohem Grade rationale, das heißt von Magie sowohl wie von allen Formen irrationaler Heilssuche freie religiöse Ethik des innerweltlichen Handelns, innerlich weltenfern stehend allen Heilswegen der asiatischen Erlösungsreligionen. Diese Ethik liegt in weitgehendem Maße noch der heutigen europäischen und vorderasiatischen religiösen Ethik zugrunde. Und darauf beruht das Interesse der Weltgeschichte am Judentum.“

    Wenn Sie mehr wollen, steht Ihnen dort das ganze Werk zur Verfügung. Wenn Sie darin nur die wenigen Stellen mit „Paria“ aufsuchen, entgehen Ihnen allerdings ebenso wichtige wie kurzweilige Gedankengänge, für die Weber zu Recht einmal so berühmt gewesen ist und es wieder werden sollte. Schöne Grüße!

  10. @Oberschlick

    Ja nun, das hatte ich natürlich gelesen, Sie hatten ja schon zuvor entspr. Hinweis gegeben, – und auch in der der schon einige Jahrzehnte zurückliegenden Lektüre bin ich da mehrmals – ob der Irritationen darin – ja mehrmals drübergegangen.
    Erst statuiert er Juden als Pariavolk ohne weitere Belege für Verwandtschaften, Ähnlichkeiten o. ä. zw. diesen Phänomenen der ind. Parias und der Juden zu bringen. Die eben KASTENLOSEN Parias – da ist er FALSCH, daß diese schon ohne Weiteres im Rahmen des Hinduismus/Kastenwesens am transzendental vermittelten Aufstieg teilnehmen könnten, qua Karmaverbesserung via guter Taten, richtigen, status-angepassten Verhaltens usw., um mal den buddh. Begriff dafür zu nehmen – sind im Wesentlichen die Reste der von den eingedrungenen Herrenvölkern unterworfenen Indigenen des ind. Subkontinents, zumeist deutlich dunklerer Hautfarbe u. mit Ansätzen negroider Gesichtsphänotypie. Sie gehören zunächst mal gar nicht in das sozialreligiöse Herrschaftssystem der Hindu-Stämme u. -Kasten, sind OUTCASTS und UNBERÜHRBARE aus Hindu-Sicht deswegen, weil der Kontakt mit ihnen die Chancen auf bessere Wiedergeburt – mit dem Endziel des Ausscheidens aus diesem „Lebensrad“ – mindert, und eben gerade NICHT der unterste Teil des religiös-rituellen Kasten-Heilsystems des klassischen Hinduismus.
    Dem steht eine jüd. (Entstehungs-) Geschichte völlig anderer Art gegenüber, bis hin zu eig. Königtümern u. Kleinreichen, vielen Exilen/Diasporen als mittlere und höhere Funktionskasten (sooo „kastenfrei“ wie Weber insinuiert waren Ägypter, Mesopotamier/Babylonier/, Perser dann auch wieder nicht), denen die Perser wohl wesentlich den Bau des 70 n. C. dann zerstörten Jerusalemer Tempels spendierten (vergl. entspr. Historiker-Anmerkungen kürzlich beim Antisemitismus-Tag auf Phoenix, – selbst wenn das falsch bzw. umstritten wäre: mit Pariatrie hat ein solches Zentrum eig. Religion & Kultur wenig zu tun, auch wenn das nützliche Einrichtungen im Sinne gerade auch der nachbarlichen bis später überseeischen Übermächte waren). Und im europ. Mittelalter u. der 1. Hälfte der Neuzeit war eine Stellung im Geld- u. Kreditwesen z. B. etwas ganz anderes als die Unrat- u. Exkremententsorgung als Kernaufgabe der Parias aus Sicht der Hindus. Im europ. Mittelalter war es zumeist für Alle schwierig, einen leidlichen Platz zu finden, sofern nicht „hineingeboren“, und diesen dann auch zu HALTEN, auch für je Hineingeborene, – doch nicht nur für Juden. Erleichtert wurden Platzfindungen z. T. lediglich durch die pestbedingten Bevölkerungsdezimierungen um bis zu 2/3tel, – bei relativer Schonung der (Re-)Produktionsmittel, der Wert-Akkumulate usw. -, was den Übergang der Wissenschaftsfackel vom arabisch-islamisch dominierten und nahöstlichen Raum erleichterte und hier in Renaissance & Neuzeit zündete.

    Natürlich kann die jüd. Stellung metaphorisch verdeutlichend-übertreibend als pariatisch bezeichnet werden, so wie „die Opposition gegen das Regierungsvorhaben Sturm läuft“, auch wenn da keine Horden mit ratternden MGs oder Dolchen zwischen den Zähnen auf den BuTag zurennen, das führt aber nicht weiter.

  11. Und wieso Weber in der „Verheißung“ der (Wieder-) Einsetzung als „Herrenvolk“ eine Antithese zum extremen Sozialkonservatismus des Hinduismus sehen kann, bleibt nach meiner Erinnerung auch über das Gesamtwerk Webers gesehen, ziemlich dunkel, aber wie gesagt lasse ich mich da durchaus eines besseren belehren. Bis dahin bleibe ich bei meiner Einschätzung, daß H. A.s sich in genau solchen Versuchen ergeht, aus dem Falschen, seiner Beobachtung, Analyse usw. dann antithetisch das Richtige zu gewinnen: Die Umkehrung der (Herrschafts-)Verhältnisse usw. Doch die Negation des Falschen führt realiter, – anders als in der formalen Zweiwert-Logik! – , mitnichten zum Richtigen, sondern nur zum Negativ-Abdruck (Icon, vergl. U. Eco, unter anderem in „Kant und das Schnabeltier“, oder Adorno i. d. Negativen Dialektik) des Falschen, – ist das Original falsch, so ist es dann auch dessen antithetischer Abdruck.

  12. @dos

    Sehr plausibel, was Sie da schreiben, danke. – Hab´s erst jetzt gesehen, sorry. Was Arendt betrifft, so hat sie von Weber wohl nur das Wort aufgegriffen, ohne sich direkt auf ihn oder seinen Wortgebrauch zu beziehen. So dürfte sie ihren (wie ich´s oben darzustellen versuchte) verfehlten Sprachgebrauch nicht aus der Negation des Weberschen gewonnen haben. Bei ihr stehen ja die Paria, anders als bei Weber, als Juden tatsächlich in gleichsam ontologischer Differenz zur Mehrheitsgesellschaft und stehen zudem im Gegensatz zu den anpasslerischen jüdischen Menschen, die sie Parvenüs nennt. – Ein Unterschied, der bei Weber keine, auch keine negative, Entsprechung findet.

  13. ||Was Arendt betrifft, so hat sie von Weber wohl nur das Wort aufgegriffen, ohne sich direkt auf ihn oder seinen Wortgebrauch zu beziehen. So dürfte sie ihren (wie ich´s oben darzustellen versuchte) verfehlten Sprachgebrauch nicht aus der Negation des Weberschen gewonnen haben.||

    Wir kehren auf die Bahn der Wiederholungen ein:
    Ja, ich hatte mit der Anspielung falsches Original vs. antithet. Abdruck, der nahezu notwendig dann auch falsch ist, keineswegs auf je Webers u. H.A.s Pariabegriffe gezielt, – dafür ist der bei Weber viel zu sehr Kraut und Rüben -, sondern auf die Verwendung der Pariatrie, die „Arendt … …. als eine Art Vorschlag für eine allgemeinere – auch für Nicht-Juden aufschlussreiche – Haltung [versteht] , um den Anforderungen der Moderne im Allgemeinen und Mehrheitsgesellschaften im Besonderen zu begegnen“.

    Damit wird nämlich das Falsche, das Opfer- u. ausgegrenzt -Sein bsplw., letztlich wiederholt bzw. fortgesetzt, jetzt nur mit einem gegenteiligen Vorzeichen versehen, wird das angenommen und als valide Wegweisung ausgegeben.

    || Bei ihr stehen ja die Paria, anders als bei Weber, als Juden tatsächlich in gleichsam ontologischer Differenz zur Mehrheitsgesellschaft und stehen zudem im Gegensatz zu den anpasslerischen jüdischen Menschen, die sie Parvenüs nennt. – Ein Unterschied, der bei Weber keine, auch keine negative, Entsprechung findet. ||
    Schön, daß Sie auf die von mir hier oben verwiesene Parvenie bei A. kurz eingehen, ohne die das Paria-Verständnis H.A.’s bzw. dessen Nachvollzug ein Torso bleiben muss. Wie oben v. m. ja angeführt, geht aber H.A.s Gegensatzpaarung Parvenü-Paria sowohl in ihren Beispielen/Kasuistik (s. o.) u. der weiteren Empirie komplett fehl, als auch in der begriffslogischen Aufstellung: Für’s Ausgegrenztsein z. B. bedarf es a priori eines Bezuges, muß man als Paria wie auch als Parvenü sich auf etwas beziehen, dem man schon soweit ähnlich wurde, daß Vergleichbarkeiten/Differenzen überhaupt (be-)greifbar bzw. als solche virulent werden können. A. operiert m. E. weniger mit „ontologischer Differenz“ (was ja nicht wundert: was soll das sein, eine „Mehrheitsgesellschaft“ ? Zumindest in der, auch: post-, modern-westlichen G. ist nahezu jede/r mehr ein Ausgeschlossener als ein/e Inkludierte/r, vergl. Kafka, Chaplin … ) als doch mehr mit normativer Umwertung (Vorzeichenwechsel/Negativabdruck) des Jüdisch-Pariatischen:
    Für Antisemiten ist die relative bis totale Ausschließung und „Opferung“ (als Fehler- bzw. Sündenträger/-bock) des/der Jüdischen eine zumindest zunächst/relativ richtige Sache, mit dem dt. Nazismus wurde in der Folge des Antisemiten Kant(*) gezeigt, dass der AS zu einer Maxime/Grundlage einer „allg. Gesetzgebung“ dienen kann, während das liberale IDEAL die Ausgrenzung u. Opferung des/der Jüd. ablehnt. Dann kommt H. A. daher und bietet die Ausgrenzung und damit implizit auch die Opferrolle in Form der normativ aufgewerteten Pariatrie als einer „richtigen“ Haltung wieder an.

    Zur „Kurzweil“ Weberscher Thesen später nochmal.

    (*) alles „Lügner“, die Juden usw., was die Vernunftkultur, die womöglich zum Ewigen Frieden führen könnte, natürlich komplett untergräbt, da die Vernunft nunmal auf Wahrheit angewiesen ist, um ihr segensreiches Werk vollbringen zu können. Daher auch die eiserne Verteidigung Kants, selbst der Mörderbande den Aufenthaltsort der eig. Schwester verraten zu müssen, die es auf diese abgesehen hat.

  14. p.s.: Anpassung, Assimilation, Einfügung sind – bei aller Ambivalenz die jedem Menschsein/Handeln eigen ist -, zumeist große und unverzichtbare Leistungen von Menschen, vor denen eher der Hut zu ziehen ist, als sie zu pejorisieren.

  15. ff. p.s.:
    Und nicht zuletzt kommt es funktionell wie auch normativ darauf an, AN WAS angepasst wird, und unter welchen Umständen, z. B. der Not, der Repression o. ä. Und da ist H.A. ganz das Kind ihrer Zeit, das überwillig und ohne Not in die vorgeblich „großen“ Fußstapfen tritt, die die aus dem Aufklärungsanspruch – gerade auch der dt. Aufklärung – der Selbsteinsetzung des Menschen als sein „eigener Herr“ resultierende Herrenreiterei bis hin zu Jaspers, Heidegger aber auch die frühe KT/FS usw. hinterlassen hat und die für dt. Geistesakademiker (von „Wissenschaft“ mag man da gar nicht reden) den Königsweg zur höchst erfolgreichen Karriere vorzeichnete.
    Von daher bin ich mal gespannt, was die Mitarbeiter der neuen H.A.-Gesamtedition zur Lesenotiz geben, wenn sie an Stellen wie dieser aus „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ irgendwann vorbeikommen:
    “ … als Europäer in Afrika und Australien zum ersten Male mit Menschen konfrontiert waren, die von sich aus ganz offenbar weder das, was wir menschliche Vernunft, noch was wir menschliche Empfindungen nennen, besaßen, die keinerlei Kultur, auch nicht eine primitive Kultur, hervorgebracht hatte, ja, kaum im Rahmen feststehender Volksgebräuche lebten und deren politische Organisation Formen, die wir auch aus dem tierischen Gemeinschaftsleben kennen, kaum überschritten.“

    Vor solchem Hintergrund ist die empfohlene Pariatrie als emanzipatorisch-kritischer Lebensform wohl eher als die andere Seite jener Medaille zu beleuchten, die als Falschmünze die „Apartheid“ oben trägt und die heute wieder verstärkt in Umlauf gebracht wird, vergl. Israel/Palästina, Parallel-Gesellschaften usw.

    Zum Eingehen auf Webers „Kurzweiligkeit“ bzw. atemraubende „Beleg-„Praxis fehlen mir hinreichend gute Lebensumstände. Woher er die Magie-Ferne des Judentums z. B. nehmen will, bleibt mir jedenfalls schleierhaft angesichts der Kabbala, die als dritte große Sammlung nach Tanach/Thora und Talmud „Judentum“ zumindest geistes- u. ideengeschichtlich deutlicher/prominenter/kanonisierter als in anderen Groß-Religionen auch über das Magische u. die Mystik konstituiert.

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