Zum Auftakt der Kritischen Hannah-Arendt-Gesamtausgabe: Ein Interview mit Barbara Hahn & Thomas Wild

Dieser Wochen erscheint mit Modern Challenge to Tradition das erste gedruckte Exemplar einer Kritischen Gesamtausgabe von Hannah Arendts Schriften. Eine Gelegenheit für theorieblog.de, Barbara Hahn und Thomas Wild, zwei Herausgeber*innen der Gesamtausgabe, zum Projekt zu befragen. Die Modern Challenge to Tradition wird für theorieblog.de zugleich von Christian Volk besprochen. In den kommenden Jahren wird theorieblog.de auf weitere Neuerscheinungen der Gesamtausgabe aufmerksam machen und freut sich insbesondere auf die ab 2019 geplante digitale Ausgabe der „Hybrid“-Version.
Zu diesen und weiteren Vorhaben und Merkmalen der Gesamtausgabe nun aber Barbara Hahn, Max Kade Foundation Chair in German Studies an der Vanderbilt University, und Thomas Wild, Chair des German Studies Department und Research Director am Hannah Arendt Centers des Bard College.

 

theorieblog – Warum liegt bislang keine kritische Gesamtausgabe von Hannah Arendts Werken vor?

Barbara Hahn (B.H.) – Ja, das ist ein überraschender Umstand. Heidegger, Benjamin, Adorno, Horkheimer, Kracauer, Jaspers – von allen bedeutenden Zeitgenossen Hannah Arendts gibt es bereits Kritische Ausgaben, zu Recht und zum Glück. Bei Arendt beginnt es jetzt, es ist höchste Zeit!
Was Arendt von der eben genannten Reihe ‚großer Geister‘ unterscheidet: sie ist eine Frau. Waren oder sind Denkerinnen für die Kategorie „Werkausgabe“ bislang nicht vorgesehen? Die Tatsachen legen es nahe. Zudem: Kritische Gesamtausgaben gehören zu einer deutsch(sprachig)en Tradition von Wissenschaft und Philologie. In den USA, wo Arendt seit 1941 über dreißig Jahre lang ihren Lebensmittelpunkt hatte und wo sie alle ihre Texte zuerst auf Englisch publizierte, sind solche kritischen Gesamtausgaben unüblich. Das vergisst man in Deutschland oft: Arendt war auch und vielleicht sogar zunächst eine amerikanische Autorin. Im selben Jahr, 1951, in dem die Erstausgabe ihres großen Buches über den Totalitarismus auf Englisch erschien, nahm sie die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Parallel besuchte sie Deutschland und veröffentlichte ihre Texte hier, aber sie war weit weniger präsent und verankert in der deutschen Öffentlichkeit als die vorhin erwähnten Autoren um Adorno oder Heidegger.

Thomas Wild (T.W.) – Hinzu kommt, dass es gerade im akademischen Feld in Deutschland immer wieder Vorbehalte, wenn nicht sogar Ressentiments gegenüber Arendt gab. Paradoxerweise geht das einher mit dem wachsenden und breit gefächerten Interesse, das Arendt vor allem seit dem post-totalitären Moment von 1989 zukommt. Ihr vielfältiges Werk kann mehreren, aber eben nicht einer einzigen Disziplin klar zugeordnet werden. Institutionell kann das zum Nachteil werden. Intellektuell liegt genau darin der Reiz.

 

theorieblog – Warum soll es eine geben?

T.W. – Es gibt zwei bzw. drei Hauptgründe: Zum einen soll erstmals eine wissenschaftlich zuverlässige Textgrundlage geschaffen werden. Das ist überfällig und unerlässlich für alle künftige Forschung. Zweitens wird die Ausgabe zum ersten Mal die fundamentale Zweisprachigkeit von Arendts Werk zu Bewusstsein bringen – dies ist in der Forschung bislang nicht systematisch berücksichtigt worden ist. Drittens wollen wir mit einem neuen Editionstyp, einer Hybrid-Ausgabe, die Print- und Digitalausgabe kombiniert und somit auch computergestützte Analysen ermöglicht, neue Wege für Interpretation und Forschung eröffnen. Wobei dieses Prinzip ganz allgemein gilt: Die Kritische Gesamtausgabe will Arendts Schriften nicht in ein feststehendes Monument verwandeln, sondern die Grundlage dafür schaffen, neue Lektüren und Fragestellungen zu eröffnen.

 

theorieblog – Können Sie Ihr Vorgehen knapp beschreiben?

B.H. – Die Edition wird im Zusammenspiel von Stiftungen und Universitäten auf beiden Seiten des Atlantiks erarbeitet. Die Hamburger Stiftung für Wissenschaft und Kultur hat uns vor ein paar Jahren eine großzügige Anschubfinanzierung gewährt, ohne die das Ganze nichts geworden wäre. Im Anschluss daran hat uns die Vanderbilt University unterstützt; die Freie Universität (FU) in Berlin wird die digitale Edition veröffentlichen. Zusammen mit der Universitätsbibliothek in Göttingen hat das Centrum für Digitale Systeme der FU bereits eine digitale Infrastruktur für unser Projekt erarbeitet. Das Forscherkolleg Cinepoetics, ebenfalls an der FU, beherbergt Teile des Projekts schon seit zwei Jahren.

 

theorieblog – Welchen Wert soll eine wissenschaftliche Textgrundlage bieten, oder anders: was leisten die allerorts verfügbaren Einzelausgaben von Arendts Werken nicht?

B.H. – Arendts Texte liegen bislang nur in kommerziellen Leseausgaben vor. Die Texte sind in der Regel weder kritisch durchgesehen noch kommentiert. Die Seitenzählung ändert sich oft von Auflage zu Auflage, was das Auffinden von Textstellen und damit wissenschaftliches Arbeiten enorm erschwert, weil es keine gemeinsame Referenzgrundlage gibt. Dies wird sich mit der Gesamtausgabe grundlegend ändern. Sämtliche von Arendt zu Lebzeiten publizierten Bücher und Aufsätze sowie alle Schriften aus dem Nachlass (exklusive der Briefe) werden nun erstmals nach philologisch gesicherten Standards ediert. Besonders das nachgelassene Werk, tausende Typoskriptseiten, darunter unbekannte und unabgeschlossene Buchprojekte, zudem Manuskripte, Notizen, Vorträge, Materialien für die Lehre etc., wird damit erstmals öffentlich zugänglich. Wissenschaftliche Kommentare erläutern zeithistorische und begriffsgeschichtliche Aspekte der Texte sowie die Entstehung und Rezeption der jeweiligen Bücher oder Aufsatzsammlungen. Wobei für die Kommentare ebenfalls der oben erwähnte Grundsatz gilt: Die Herausgeber interpretieren die Texte nicht; strikt sachliche Annotationen sollen neue und unerwartete Lesarten ermöglichen. Neben den Texten, die in den Hannah Arendt Papers der Kongressbibliothek in Washington D.C. aufbewahrt sind, haben wir mehrere tausend Blatt in Archiven gefunden, die der Forschung bislang unbekannt waren.

T.W. – Zum Punkt der Mehrsprachigkeit: Arendt hat seit den 1940er Jahren alle ihre Bücher und Aufsätze auf Deutsch und auf Englisch geschrieben! Das muss man sich überhaupt erst einmal vor Augen führen und überlegen, was es bedeuten könnte. Manche Texte schrieb Arendt zuerst auf Englisch, andere zuerst auf Deutsch. Oft hat sie selbst von der einen in die andere Sprache umgeschrieben. Das sind keine Übersetzungen im herkömmlichen Sinne. Denn Arendt hat diese Umschriften stets gleich überarbeitet, d.h. an dem anstehenden Problem weitergedacht, nur eben in einer anderen Sprache. Wenn ein Verlag tatsächlich eine professionelle Übersetzung beauftragte, redigierte Arendt diese meist intensiv. Der Text musste den richtigen Ton finden.
Arendts Werk liegt fast vollständig in beiden Sprachen vor. So las man sie bisher in Deutschland auf Deutsch und in den USA bzw. international auf Englisch. Die deutschen und englischen Fassungen unterscheiden sich jedoch signifikant! Dies blieb in der Forschung bisher unberücksichtigt. Hier gilt es viel nachzuholen. Und auch ganz allgemein zu überlegen: Was bedeutet es, dass Arendt sich entschied, auf die Erfahrung des Totalitarismus in einer Pluralität der Sprache zu antworten – und zwar als tägliche Praxis über drei Jahrzehnte hinweg! „Gibt es ein Denken, das nicht tyrannisch ist?“, fragt sie sich und uns im Denktagebuch. Pluralität bildet ein Gravitationszentrum ihrer theoretischen Schriften – als Grundbedingung, Politik nach Totalitarismus und Shoah neu zu denken, und im Bereich politischen Urteilens, das eine Pluralität der Perspektiven erfordert, um nicht tyrannisch zu werden, oder gar gedankenlos und mörderisch wie Eichmann.

 

theorieblog – Zum Editionstyp der „Hybrid-Edition“. Was erwarten Sie sich von der digitalen Werk- bzw. Werkerarbeitungsfassung? Welche Vorzüge soll diese gegenüber herkömmlichen Darstellungsarten, synoptischen Textstufendarstellungen beispielsweise, haben?

T.W. – Die Hybrid-Edition schafft erstmals eine Forschungsumgebung für Hannah Arendts Schriften. Alle Texte – seien es publizierte Bücher und Aufsätze, seien es Typoskripte und Notizen aus dem Nachlass – werden digital erfasst. Das heißt, sie werden nach den international kompatiblen Prinzipien der Text Encoding Initiative (TEI) transkribiert und mit Metadaten angereichert: dabei werden alle philologisch relevanten Informationen erfasst (z.B. Streichungen, Überschreibungen, Einfügungen etc.), aber auch Datierungen, Namen und Begriffe (von „Adorno“ und „Aristoteles“ bis „Zwang“ und „Zwischen“). Diese Referenzen machen Arendts Schriften computergestützt durchsuchbar. Das Spannende daran ist, dass zukünftige Forscher*innen die Texte mit Fragestellungen durchsuchen können, die wir heute salopp gesprochen noch gar nicht auf dem Schirm haben.

B.H. – Diese digitale Ausgabe wird über ein Webportal der Freien Universität Berlin Open Access zugänglich sein. Und zwar bereits ein Jahr nachdem die Buchfassung beim Wallstein-Verlag erschienen ist. Unsere digitale Ausgabe geht weit über eine simple Bereitstellung der Texte als PDF-Dokumente oder E-Book hinaus. Vielmehr optimiert die Hybrid-Edition die Potentiale des jeweiligen Mediums, die beiden Ausgabeformate – Buch und Webportal – greifen systematisch ineinander.
Alle Texte, die – sozusagen mit dem Bleistift in der Hand – gelesen werden wollen, erscheinen in Buchform: das heißt alle von Arendt autorisierten Arbeiten sowie publizierte und nachgelassene Textfassungen (distinkte Textstufen mit signifikanten Be- und Umarbeitungen). Das Webportal schließt dort an: Es bietet alle gedruckten Texte und darüber hinaus Faksimiles, diplomatische Transkriptionen und XML/TEI Dokumente sowie Textvarianten (geringfügig voneinander abweichende Textstufen). Im Webportal werden so die Entstehungsstufen eines Textes unmittelbar als diplomatische Auszeichnungen sichtbar und müssen nicht, wie bei traditionellen historisch-kritischen Bucheditionen üblich, aus einem textkritischen Apparat umständlich entschlüsselt werden.
Bei der Hybrid-Edition arbeitet man also parallel mit Buch und Bildschirm, man kombiniert die traditionelle Lektüre mit neuartigen Möglichkeiten: ein Manuskript am Bildschirm zu vergrößern, das Gesamtkorpus mit komplexen Suchanfragen (z.B. zum Begriff der Macht oder zu Ereignissen im Jahr 1968 etc.) zu analysieren, oder sich deutsche und englische Textfassungen mit Farbcodierungen der sprachlichen Unterschiede parallel anzeigen zu lassen.

 

theorieblog – Wer sind die Beteiligten, wie haben Sie sich zusammengefunden?

B.H. – Die Leitung und den Kern des Projekts bildet ein Team aus sieben internationalen Hauptherausgeber*innen verschiedener Disziplinen. Neben mir und Thomas Wild gehören dazu die Philosophin Anne Eusterschulte (FU Berlin), die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Eva Geulen (Direktorin ZfL, Berlin), der Medienwissenschaftler Hermann Kappelhoff (FU Berlin), der politische Theoretiker Patchen Markell (Cornell University, USA) sowie die Historikerin Annette Vowinckel (ZZF, Potsdam). Hinzu kommen Expert*innen aus dem Bereich der Digital Humanities, die in Zusammenarbeit mit Ingo Kieslich an der Freien Universität („front end“: Entwicklung und Pflege des Webportals) sowie an der Universität Göttingen („back end“: von Scannen bis Langzeitarchivierung) die virtuelle Forschungsumgebung und digitale Ausgabe insgesamt entwickeln und betreiben.

T.W. – Darüber hinaus sind über dreißig internationale Arendt-Expert*innen an der Ausgabe beteiligt. Sie geben die Einzelbände der 17 thematischen Komplexe heraus. Meist arbeiten zwei bis drei Wissenschaftler*innen an einem Band zusammen, wobei möglichst ein deutscher sowie ein englischer Muttersprachler vertreten sind – für die mehrsprachigen Textfassungen. Nicht zuletzt wäre ohne die Unterstützung zahlreicher studentischer Mitarbeiter*innen an verschiedenen Universitäten besonders die digitale Encodierungsarbeit nicht zu leisten.

 

theorieblog – Welche besonderen Herausforderungen stellt die Gesamtausgabe?

T.W. – Jede Kritische Ausgabe muss sich selbst und damit auch das Genre neu erfinden, weil man auf die Eigenheiten des jeweiligen Textkorpus und dessen spezifische Überlieferungslage eingehen muss. Darin unterscheiden sich die Herausforderungen nicht von anderen Gesamtausgaben. Konkret sieht sich die Kritische Arendt-Edition zwei Pionieraufgaben gegenüber: Erstens, ein so umfangreiches Werk wie das Hannah Arendts komplett in seiner Mehrsprachigkeit zu dokumentieren und für die Leser aufzubereiten. Das hat in der Editionsphilologie wenige und in der Arendt-Forschung keine Vorbilder. Zweitens betritt unser Projekt mit dem Editionstyp der Hybrid-Ausgabe sowohl technisches wie philologisches und theoretisches Neuland.

B.H. – Der erste Band der Ausgabe, The Modern Challenge to Tradition. Fragmente eines Buchs, der gerade erschienen ist, führte uns mitten hinein in diese Herausforderungen: Hunderte Typoskriptseiten, Fragmente, fast ausschließlich undatiert, wollten in eine lesbare Ordnung gebracht werden. Es ging nicht darum, ein abgebrochenes Buchprojekt nachträglich abzuschließen; wir wollten vielmehr deutlich machen, mit welchen theoretischen Problemen Arendt damals umging, warum diese so tiefgreifend und weitreichend waren, dass sie keine publizierbare Darstellung finden konnte.

 

theorieblog – Welche Bände erwarten uns in den nächsten Jahren?

B.H. – Als nächsten werden wir Sechs Essays. Die verborgene Tradition, herausbringen. Hierbei handelt es sich um das erste Buch, das Arendt nach dem Krieg in Deutschland publizierte. Es gibt kein englisches Pendant; einige der englischen Erstveröffentlichungen der hier gesammelten Texte gingen in die Origins of Totalitarianism ein. 2020 erscheint ein Buch, das Arendt auf Deutsch geschrieben hat, das aber zuerst auf Englisch erschien: Rahel Varnhagen. The Life of a Jewess; Rahel Varnhagen. Das Leben einer deutschen Jüdin aus der Zeit der Romantik (1957/1959). Das Buch war fast fertig, als Arendt 1933 aus Deutschland floh; im Pariser Exil schrieb sie die beiden letzten Kapitel. Die verschiedenen Vorfassungen – alle bisher unbekannt – zeigen sehr genau, wie sich Arendts Blick auf jüdische Assimilation in Deutschland durch die historischen Ereignisse änderte.

T.W. – Ebenfalls in zwei Jahren wird Arendts letztes großes Projekt erscheinen, das sie zu Lebzeiten nicht mehr abschließen konnte: The Life of the Mind. Das Buch, das wir bisher unter diesem Titel kennen, hat Mary McCarthy nach Arendts Tod herausgegeben – mit weitreichenden Eingriffen in die Textgestalt. Die Kritische Edition wird zum ersten Mal Hannah Arendts The Life of the Mind rekonstruieren, d.h. die Fassung, die Arendt tatsächlich hinterlassen hat.

 

theorieblog – Was leistet die Ausgabe insgesamt Neues? Was können Arendt-Leser*innen nun neu oder anders entdecken?

T.W. – Sie ermöglicht ein neues und komplexeres Verständnis von Arendts Denkbewegungen. Die genaue Analyse ihres Arbeits- und Schreibprozesses ermöglicht dies. Der erste Band The Modern Challenge to Tradition: Fragmente eines Buchs ist dafür ein gutes Beispiel. Im Zusammensetzen der Typoskripte hat sich dort gezeigt, wie Arendt im Schreiben ihre Gedanken buchstäblich entfaltet: Ein erster sehr dichter Entwurf wird oft an einer bestimmten Stelle geöffnet und erweitert. Arendt fügt dann etwa zwischen den Seiten 6 und 7 eine Sequenz 6 a,b,c ein. Später öffnet sich womöglich eine weitere Differenzierung und die Seitenfolge lautet in der dritten Variante 6, 6a, 6b, 6ba, 6bb, 6bc, 6bd, 6be, 6c, 7; in einer neuen Reinschrift wird diese Sequenz dann in Seite 6-15 umnummeriert. Die kritische Ausgabe dokumentiert all diese Umschriften und macht damit die Herausbildung von Arendts Überlegungen nachvollziehbar. Dokumente wie diese lassen Arendts Selbststilisierung etwa im Gespräch mit Günter Gaus, sie verfasse immer nur eine Niederschrift ihrer fertigen Gedanken, in einem komplexeren und interessanterem Licht erscheinen. Theoretisch betrachtet, zeichnen sich hier Denkbewegungen Arendts ab, die nicht linear verlaufen, sondern zu bestimmten schwierigen Stellen zurückkehren, dort neue Unterscheidungen einführen und den Gedankengang in Auffaltungen differenzieren, bevor er weiter fortgesetzt wird. Eine solche Erkenntnis erhellt auch die Lektüre von Arendts publizierten Texten, deren Gedankenführung oft unkonventionell erscheint. Gern wird Arendt vorschnell zum Vorwurf gemacht, ihre Texte und Terminologie seien ‚unsystematisch‘. Ich würde umgekehrt sagen, dass es ähnlich wie mit der Mehrsprachigkeit überhaupt erst gilt, Arendts Schreibweise genau lesen zu lernen. In Arendts Schriften koexistieren manifeste Struktur und offener Projektcharakter, die Impulskraft ihrer Fragestellungen und Unterscheidungen hat mit dieser Beweglichkeit zu tun. Das macht gerade die Besonderheit ihrer Schriften aus: Arendts Denkbewegungen widersetzen sich jeder totalisierenden Bestimmung.

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