Lesenotiz zu Hannah Arendts „The Modern Challenge to Tradition“

Lesenotiz zu Hannah Arendt: The Modern Challenge to Tradition: Fragmente eines Buches (= Kritische Gesamtausgabe/Complete Works. Critical Edition, Bd. 6, Göttingen 2018).

 

Der Band The Modern Challenge to Tradition: Fragmente eines Buches markiert den Auftakt für die Publikation der historisch-kritischen Gesamtausgabe des Werkes von Hannah Arendt.Dabei handelt es sich um den sechsten Band einer in siebzehn thematische Komplexe gegliederten Werkschau. Und man kann schon jetzt sagen, dass dem Herausgeber/innen-Team um Barbara Hahn, Thomas Wild, Anne Eusterschulte, Eva Geulen, Hermann Kappelhoff, Patchen Markell und Annette Vowinckel mit diesem Band im Besonderen und der Konzeption der Gesamtausgabe im Allgemeinen ein großer Coup gelungen ist, der in jeder Hinsicht begeistert: die editorische Gründlichkeit ist beeindruckend, die Kommentierung in Tiefe und Länge sehr klug ausbalanciert, die Darstellung der Textfassungen übersichtlich, die Orientierung im Band gestaltet sich für den Leser/die Leserin problemlos und die für 2019 in Aussicht gestellte Digitalausgabe, die computergestützte Analysen der Texte Arendts ermöglichen soll, wirkt auf Arendt-Forscher/innen gleichsam elektrisierend.

 

Die Publikation der Gesamtausgabe nun mit einem Band beginnen zu lassen, der Texte aus der Zeitspanne zwischen 1951 bis 1954 umfasst, ist klug gewählt. Denn in dieser Zeit formiert sich auch die grundlegende programmatische Ausrichtung des Arendtschen Denkens hin zu der Frage, wie philosophisches Denken und politisches Zusammenleben nach Auschwitz überhaupt noch möglich sind. Bekanntermaßen – und im Unterschied zu einigen ihrer philosophischen Zeitgenossen – postuliert Arendt gerade nicht den theoretisch angeleiteten Rückzug aus der Sphäre des Öffentlich-Politischen. Stattdessen arbeitet sie in der ihr eigenen Weise die Geschichte der Institutionalisierung, der Formgebung und Verformung des Politischen auf und analysiert dabei auch und gerade die Vorstellungswelt politisch handelnder Personen (bspw. in Form von biographischen Miniaturen).

Die Neuartigkeit totalitärer Herrschaft auf den Begriff zu bringen und sie kategorial von allen vorhergehenden Herrschaftsformen abzusetzen, insbesondere auch der Tyrannis, ist ein wesentlicher Schritt in diesem Unterfangen. Der erste thematische Block des Bandes, überschrieben mit „Ideologie und Terror/Ideology and Terror“ zeichnet diese Genese samt Aktzentverschiebungen eindrucksvoll nach. Während die Gewalt der Tyrannis noch Mittel zum Zweck der Interessendurchsetzung eines Herrschers war, ist der Terror totalitärer Systeme Selbstzweck. Der Terror ist die konkrete Manifestation der jeweiligen Ideologie, die sich nach Arendt entweder als Gesetz der Geschichte (Stalinismus) oder als Gesetz der Natur (Nationalsozialismus) darstellt. Der Band macht deutlich, wie Arendt im Zeitraum zwischen Juni 1952 und Juli 1953 über den Zusammenhang von Terror und Ideologie nachdenkt und gerade in diesem Zusammenspiel eine neuartige Herrschaftsform ausmacht. (Später, im Zuge ihrer Auseinandersetzung mit Adolf Eichmann wird sie den Stellenwert von Ideologie wieder ein Stück weit relativieren.)

Dieses Nachdenken über die Spezifik der totalitären Herrschaftsform markiert gewissermaßen den Ausgangspunkt für Arendts Dekonstruktion der Tradition politischen und philosophischen Denkens. Zum einen geht es darum, den geistesgeschichtlichen Ermöglichungskontext nachzuzeichnen, innerhalb dessen das nationalsozialistische und stalinistische Vernichtungsprogramm habe entstehen können. Zentral hierfür ist das, was Arendt im Übergang von der Neuzeit zur modernen Welt als Traditionsbruchcharakterisiert. Diese moderne Welt ist geprägt von Weltentfremdung, Valorisierung und einer alles überzeichnenden Prozesslogik, die die (schon falsche) neuzeitliche Verabsolutierung des Menschen auflöst und seinen Wert einzig anhand seiner Funktion im historischen und/oder ökonomischen Produktionsprozess bestimmt. Zusammen mit Nietzsche und Kierkegaard kommt Marx, auf den Arendt in dieser Schaffensphase ihr Hauptaugenmerk legt, das fragwürdige wie tragische Verdienst zu, die Neuzeit zu Grabe getragen und den Imperativen der modernen Welt denkerisch zum Durchbruch verholfen zu haben. In ihrer Notiz dazu heißt es:

 

„Present spiritual situation: After the three jumps: The jump into faith by Pascal and Kierkegaard from reason brought doubt (solitude) into faith and destroyed unquestioned religion.

The jump of Marx from theory into Action [sic!]carried the specific political philosophy from Plato to Hegel into action and destroyed action.

The jump of Nietzsche from nihilism into Life [sic!]carried the nihilistic question: Is life worth at all? into living.“ (S. 132)

 

Man wäre irrgeleitet, wenn man Arendts Analyse der „present spiritual situation“ als moralische Kritik verstehen würde. Auch ist Arendt weit davon entfernt, Marx als philosophischen Steigbügelhalter des Stalinismus zu diffamieren. Im Gegenteil, der Band zeigt die zahlreichen Versuche Arendts – in Form von Vorträgen, Vorlesungsreihen, Notizen, Fragmenten – mit der Ambivalenz des Marxschen Denkens zu Rande zu kommen: einerseits ist Marx für Arendt ein Denker, der von neuzeitlichen Normativitätsvorstellungen tief geprägt war (Emanzipation, Selbstentfremdung etc.); der durch die Traditionslinie, in der (der humanistische Strang) dieses Denkens stand, weitaus mehr mit Aristoteles und nichts mit Stalin gemein hatte, und der die Funktionslogik der modernen Welt – Stichwort: Kapitalakkumulation – wie kein zweiter Denker/in vor oder nach ihm herausgearbeitet hat. Andererseits jedoch erklärte er die ökonomischen Gesetzmäßigkeiten zum Motor der Geschichte, denen sich alles unterzuordnen habe, setzte Wahrheit mit der Erkenntnis und Anwendung dieser Gesetzmäßigkeiten gleich und negierte damit den Raum freien menschlichen Handelns und Gestaltens – und prägte die gesamte Denkhaltung und geistesgeschichtliche Lage einer ganzen Epoche (mit).

Die thematische Vielschichtigkeit, die systematischen Pointen und die normative Dimension dieser Auseinandersetzung bekommt Arendt jedoch in keinem Marx-Buch verarbeitet. Ihren Plan, ein Buch über Marx zu schreiben und die Stränge zusammenzuführen, muss sie daher fallen lassen: „Eine Art Buch – a book that can’t be written“ ist der dritte thematische Block des vorliegenden Bandes entsprechend überschrieben. Zentrale Überlegungen zu Marx werden in veränderter Form in die Aufsätze in Between past and future/Zwischen Vergangenheit und Zukunftsowie in The Human Condition/Vita activaeingehen. Arendts Kritik an Marx einmal systematisch und umfassend aufzuarbeiten, dafür liefert der Band nun eine hervorragende Ausgangsposition.

 

Dem Zivilisationsbruch ging also ein Traditionsbruch voraus – und die gesammelten Fragmente, Texte und Vortragsmanuskripte in Band 6 beschäftigen sich vornehmlich mit diesem Traditionsbruch. Nun steht Arendt nicht im Verdacht, mit Hölderlin (oder gar Wagner) dort das Rettende wachsen zu sehen, wo auch die Gefahr droht. Dennoch macht in ihren Augen der Traditionsbruch deutlich, dass es ein „Zurück“ zu den abendländischen Denktraditionen und Begrifflichkeiten nicht mehr geben kann und man sich fortan in dem üben muss, was sie als „Denken ohne Geländer“ bezeichnet hat. Ein wesentlicher Bestandteil dieses Denkens ohne Geländer ist das sogenannte Perlentauchen. Ein neues und erneutes Eintauchen in die geistesgeschichtliche Vergangenheit soll Perlen unter den Trümmern von Gewalt, Herrschaft und Terror bergen, die in Form von sedimentierten und verborgenen Bedeutungen unserem Denken Orientierung geben könnten. Orientierung wofür?

Arendt begibt sich auf die Suche nach Versatzstücken und Gedankensplittern, die helfen könnten, ein Verständnis vom Politischen im Besonderen und menschlicher Existenz im Allgemeinen zu denken, das die Terror- und Gewalterfahrung reflektiert, nicht herrschaftlich-instrumentell verkürzt ist und die Fähigkeit des Menschen zum gemeinschaftlichen Gestalten der Welt durch Sprechen und Handeln artikuliert. Eine dieser Suchbewegungen führt sie immer wieder zurück zu den Erfahrungsberichten Herodots und Thukydides. Im Gegensatz zu Platon und Aristoteles, die die hellenistische Erfahrung philosophisch „verfälschten“ – Platons Höhlengleichnis ist hier der Sündenfall –, schilderten Herodot und Thukydides Politik und politisches Handeln in den hellenistischen Stadtstaaten als eine herrschaftsfreie Tätigkeit unter Gleichen. (Arendts spätere Auseinandersetzung mit Revolutionen und Räten auf der einen und der amerikanischen Gründungserfahrung und einer föderalen Republik auf der anderen Seite liefern ihr Ideen, wie sich diese Art von politischer Erfahrung unter modernen Bedingungen möglicherweise wiederbeleben ließe.)

Eine andere Suchbewegung, auf die der Band ebenfalls verweist, bringt sie zum Denken Montesquieus, von dem sie nicht nur die politische Methodologie übernimmt – das analytische Zusammenspiel zwischen Natur und Prinzip der Regierungsform – sondern auch seine Entsouveränisierung des Rechts und die damit einhergehende Vorstellung vom Recht als Beziehung (und nicht als Befehl o.ä.), wie es sich in „Law and Power. Draft“, einem nicht nur „philologically mysterious“ (S. 635) Text, bereits ankündigt.

 

Man kann dem Herausgeber/innen-Team gar nicht genug danken, diese Mammutaufgabe einer kritischen Gesamtausgabe angegangen zu sein. Denn aus wissenschaftlicher Perspektive ist die Situation rund um die Schriften Hannah Arendts längst nicht mehr hinnehmbar. Das hat sicherlich auch mit dem Fehlen einer „wissenschaftlich zuverlässigen Textgrundlage“ zu tun, wie die Herausgeber/innen im Gespräch mit dem theorieblog richtigerweise hervorheben. Das zentrale Defizit jedoch besteht mit Blick auf die internationale Arendt-Forschung darin, dass die genuine Zweisprachigkeit ihres Werkes lange Zeit überhaupt nicht zur Kenntnis genommen worden ist. Wenn man von einigen kleineren, meist in Arendts früher Schaffensphase verfassten deutschsprachigen Schriften einmal absehe, so die landläufige Annahme, dann handle es sich bei den in englischer Sprache vorliegenden Schriften Arendts um die „Originale“. Und was in diesen „Originalen“ geschrieben stehe (oder nicht), sei Textgrundlage, Referenz und damit Gegenstand der Interpretation und Exegese ihres Denkens.

Vor dem Hintergrund dieser Annahme gilt vielen die deutschsprachige Fassung ihres Werkes lediglich als „Übersetzung“. Die Konsequenz ist nicht nur die scheinbar aus der Sache selbst sich rechtfertigende Marginalisierung deutschsprachiger Arendt-Forschung, sondern auch eine radikale Reduktion ihres Werkes und eine verzerrte Wahrnehmung ihres Schaffens – sowohl in inhaltlich-argumentativer als auch in literarisch-formgebender Hinsicht. (Arendts englischsprachige Schriften bestechen gemeinhin nicht durch ihren literarischen Gehalt und Lesegenuss, sondern gelten als sperrig und umständlich formuliert. Das ist mit Blick auf die deutschsprachigen Schriften gänzlich anders.)

Dass die Annahme vom englischsprachigen Original und der deutschen Übersetzung schlichtweg falsch ist, hat mehrere Gründe. Die 1.200 Seiten von Arendts Denktagebuch dokumentieren eindrucksvoll, wie Arendt – trotz ihrer Verankerung in den USA – konzeptionelle Überlegungen zu ihren dann englischsprachigen Schriften, Vorträgen und Vorlesungen oft in deutscher Sprache anfertigte. Hinzu kommt natürlich noch, dass sie mittels eigener Artikel, Vorträge oder Radiointerviews auch in Deutschland wirkte. In diesen Beiträgen entwirft, variiert und entwickelt Arendt dann ihre Themen in deutscher Sprache weiter -und viele dieser Beiträge liegen entweder nur in deutscher Sprache vor oder sind selbst wiederum ins Englische übersetzt worden.

Der entscheidende Grund aber ist ein anderer: Arendt war aktiv in die „Übersetzung“ (und Rückübersetzung) ihrer Werke eingebunden. Nicht zuletzt durch den Prozess des Übersetzens selbst (die Konfrontation mit einem dann „fremden Text“, die Perspektivübernahme beim Schreiben für das neue Publikum etc.) sind nahezu alle deutschsprachigen Versionen ihrer großen Werke sowohl umfassender und materialreicher als die englischen Fassungen sowie sprachlich-stilistisch eigenständig. Dieser Umstand lässt sich an fast allen zentralen Schriften Arendts explizieren, wie das Hannah Arendt-Handbuch 2011 bereits angedeutet hat. Marie Luise Knott hat dort (S. 68) daher richtigerweise betont, dass es sich bei Arendts „amerikanischsprachigen und bei der deutschsprachigen Fassung ihrer Hauptwerke um jeweils zwei verschiedene, wenngleich nahe beieinanderliegende Originale“ handele.

Indem die kritische Gesamtausgabe wie selbstverständlich englisch- und deutschsprachige Texte und Textbausteine nebeneinanderstellt, mit dem Ziel, den Weg und die Entwicklung von Arendts Denken nachvollziehbar zu machen, wird sie – hoffentlich – einen entscheidenden Beitrag leisten, das Bewusstsein um die genuine Zweisprachigkeit des Arendtschen Werkes fest in der internationalen Arendt-Forschung zu verankern. Gemessen an den Standards wissenschaftlicher Redlichkeit kann die Konsequenz dann nur sein, dass in werkexegetischer Absicht über Arendt nur arbeiten kann, wer auch in der Lage ist, die deutschsprachigen Versionen als eigenständige Schriften, als ‚Originale‘ heranzuziehen und auszuwerten.

 

 

Christian Volk ist Professor des Arbeitsbereichs Politik und Recht am Fachbereich Politik und Sozialwissenschaften der Freien Universität Berlin (Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft). Zuletzt erschien von ihm zum Thema u.a. Hannah Arendt’s Crises, and Ours. The „worldlessness“of our time manifests itself in right-wing populism.

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