Der Intellektuelle nach Auschwitz. Über Jean Améry (1912-1978)

Der 100. Jahrestag seines Geburtsdatums gibt Anlass, an den philosophischen und politischen Schriftsteller und Intellektuellen Jean Améry zu erinnern, etwa mit einem Schwerpunkt wie in der letzten Ausgabe der Zeitschrift Mittelweg 36. Ungeachtet der weiteren Beiträge, die diesen Herbst möglicherweise erscheinen, werden Amérys Arbeiten aber vergleichsweise wenig rezipiert. Zu Unrecht, denn er gehört zu jenen nonkonformistischen Intellektuellen, die angesichts der erlebten Barbarei des Nationalsozialismus den Prozess von Aufklärung und Vernunft sowohl radikal in Frage stellten als auch engagiert verteidigten. Ein „Denker im Widerspruch“, dessen kritisch-aufklärerische Theorie und Praxis für eine gegenwärtige kritische Gesellschaftstheorie und Philosophie durchaus interessant sein kann.

Nonkonformistische Intellektualität:

Für ein angemessenes soziologisches Verständnis von Intellektuellen ist es erforderlich, den biografischen und insbesondere den gesellschaftlichen Kontext einzubeziehen, der ihre Arbeit jeweils orientiert. Dies vermeidet, Intellektuelle als unabhängige Einzelfiguren herauszustellen oder gar anhand von charakterlichen Eigenschaften zu bestimmen. Die Analyse des Lebens- und Arbeitskontextes rückt stattdessen die historisch-gesellschaftlichen Voraussetzungen für eine spezifische Form von Intellektualität in den Vordergrund.

Amérys intellektuelles Schaffen ist demgemäß vor allem als eine Verarbeitung seiner Erfahrungen des Nationalsozialismus zu verstehen. Dabei geht es nicht zuletzt um die Frage, wie ein „Denken nach Auschwitz“ möglich sei. Denn die Barbarei der nationalsozialistischen Herrschaft markiert auch für das Selbstverständnis von Intellektuellen eine fundamentale Zäsur. Sie dokumentiert zum einen, dass traditionelle Selbstverständnisse mitsamt dem Prozess der Aufklärung als einem Prozess der Vernunft und menschlichen Emanzipation fragwürdig geworden sind. Sie verlangt zum zweiten, dass das öffentliche Wirken von Intellektuellen fortan eine veränderte Form finden muss. Améry, der selbst der Vertreibung und Folter ausgesetzt und fast zwei Jahre im Konzentrationslager gefangen war, wählt eine Haltung, die als widersprüchlich charakterisiert werden kann: Er reflektiert die erwähnte historische Infragestellung des Intellektuellen, die in Form einer spezifischen Machtlosigkeit bestehen bleibt auch nachdem das NS-Regime besiegt war. Zugleich aber hält er energisch an der öffentlich-aufklärerischen Rolle des Intellektuellen fest und trägt als ebensolcher in hohem Maß zur Kritik und Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit bei. Genau dieses widersprüchliche Selbstverständnis kennzeichnet ihn als nonkonformistischen Intellektuellen der frühen Bundesrepublik, dem ein fragwürdig gewordenes Denken als einzig verbleibender Ausgangspunkt für die intellektuelle Weiterarbeit dient. Jenseits von Schuld und Sühne (1966), seine wohl berühmteste Essaysammlung, veranschaulicht das beispielhaft.

Bewältigungsversuche eines Überwältigten:

Die Arbeit daran beginnt zwanzig Jahre nach der Befreiung von der nationalsozialistischen Diktatur. Nach eigenen Angaben hat Améry sich in dieser Zeit auf der Suche nach einer adäquaten Ausdrucks- und Darstellungsform des Geschehenen befunden. Er wählt schließlich eine Perspektive, die die eigenen Erfahrungen während des Nationalsozialismus zum Ausgangspunkt nimmt. Subjektivität kennzeichnet also den Zugang und bildet die Grundlage der Essays. Dadurch sollen Abstraktionen vermieden und stattdessen die Singularität der nationalsozialistischen Gräuel und das Leid derer, denen sie widerfahren sind, deutlich werden. Amérys Darstellung ist aber alles andere als selbstreferentiell, vielmehr werden die eigenen Erfahrungen einer kritischen Reflexion unterzogen, die verallgemeinerbare Einsichten ermöglicht. Die kritische Reflexion von Erfahrung gerät demnach zum zentralen Erkenntnismittel, welches inmitten von Subjektivität und Singularität das Allgemeine doch noch zu erfassen vermag.

Das Ergebnis ist eine ebenso eindrucksvolle wie schonungslose Analyse des Nationalsozialismus und seiner historisch-gesellschaftlichen Bedeutung. Denn was als inkommensurabel erlebt wurde und fortan bewusst bleiben muss ist doch zugleich weit mehr als ein einmaliges Ereignis, gleichsam der „Betriebsunfall“ der Geschichte. Es dokumentiert stattdessen die herrschaftliche Kehrseite menschlicher Geschichte, die freilich unter den Nationalsozialisten ihren (vorläufig) grausamen Höhepunkt erreicht. Es dokumentiert mit anderen Worten das, was Adorno und Horkheimer als Dialektik der Aufklärung beschrieben haben: den Umschlag des Aufklärungsprozesses in neuerliche und zunehmende Herrschaft.

Améry reformuliert diese These, indem er in seinem ersten Essay An den Grenzen des Geistes den Intellektuellen und dessen aufklärerisch-vernünftiges Selbst- und Weltverständnis mit der Realität von Auschwitz konfrontiert. Im Detail zeigt er die systematische Zerstörung von Vernunft und Intellektualität, die sich angesichts der „Logik der Vernichtung“, die im Konzentrationslager übermächtig vorherrscht, vollzieht. Die aufklärerischen Gewissheiten können im Lager nicht aufrechterhalten werden, vielmehr gelangt Vernunft an ihre Grenzen, wenn nicht an ihr Ende. Diese Zerstörung der Vernunft hat eine übergeordnete Bedeutung. Denn die radikale Einsicht, die Améry ausgehend davon formuliert, lautet, dass Aufklärung insgesamt in Frage zu stellen sei. Schließlich offenbare die Menschheitsgeschichte sich überwiegend nicht als eine des Fortschritts und der Emanzipation, sondern als eine Geschichte von Gewalt und andauerndem Leid. Die Herrschaft des Nationalsozialismus illustriert das auf zugleich beispiellose wie beispielhafte Weise. Deshalb schließt Améry mit einem düsteren Resümee: „So war die Geschichte, und so ist sie.“

Aufklärung ist fortzusetzen:

Komplementär zu diesem Essay können spätere Arbeiten Amérys gelesen werden, in denen er sich emphatisch zu den Versprechen und Zielen der Aufklärung bekennt. Darin hält er, trotz allem, was geschehen war, an der Vernunft und ihrer emanzipatorischen Funktion fest. Mehr noch, er wendet sich entschieden gegen eine aus seiner Sicht allzu harsche Kritik, auch die der Dialektik der Aufklärung, von der er befürchtet, dass sie in ihrer Radikalität auch die Errungenschaften des Aufklärungsprozesses negiert. Demgegenüber fordert er ein differenziertes Verständnis: Selbst wenn die Missstände und Defizite der Aufklärung offenkundig seien, habe sie doch insgesamt zur Humanisierung und Emanzipation des menschlichen Lebens geführt. Sie dürfe daher nicht aufgegeben oder gar gänzlich verworfen werden.

In solchen Betrachtungen rekurriert Améry auf das klassische Aufklärungsverständnis, nimmt Bezug auf die Versprechen der französischen Revolution und die in ihrer Tradition stehenden Denker. Dass dieser Rückbezug aber nicht ungebrochen erfolgt, mag wenig überraschen. Es bleibt dabei: Das Selbstverständnis und die Rolle des aufklärerischen Intellektuellen sind historisch fragwürdig (gemacht) worden und können nur noch widersprüchlich als Bezugspunkt dienen. Daher ist ein „Denken im Widerspruch“ erforderlich, das die Kritik wie die Fortsetzung der Aufklärung gleichermaßen verfolgt. Genau darin, so lässt sich Améry verstehen, besteht die zentrale Aufgabe der Intellektuellen.

Diese Forderung ist unter heute veränderten gesellschaftlichen Bedingungen nicht ohne Weiteres zu erfüllen. Im Gegenteil: In der sogenannten Wissensgesellschaft wird die herrschaftliche Vereinnahmung von intellektueller Arbeit forciert, nicht zuletzt indem kulturindustrielle Kriterien wie Erfolg und Prominenz zum vorrangigen Maßstab geraten. Es wäre daher vereinfacht und sogar nostalgisch, ungeachtet der veränderten gesellschaftlichen Voraussetzungen auf der Form von nonkonformistischer Intellektualität, die Améry repräsentierte, zu bestehen. Denn ein solches emphatisches Selbstverständnis, das schon damals brüchig war, ist gegenwärtig noch einmal komplizierter geworden. Es kann nur äußerst zurückhaltend reformuliert werden als der Versuch bzw. die Anstrengung, die eigene Arbeit nicht umstandslos den herrschenden Vorgaben zu unterwerfen. Folgt man dieser Interpretation, dann ließe sich mit Améry immerhin ein bleibender Anspruch der intellektuellen Arbeit beschreiben und festhalten: den einer kritisch-emanzipatorischen Theorie und Praxis gegen die Dominanz der Kulturindustrie.

 

Susanne Martin, M.A. ist Lehrbeauftragte am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Universität Frankfurt/M. In ihrer Dissertation untersucht sie Jean Améry, Theodor W. Adorno und Günther Anders vergleichend, charakterisiert sie als nonkonformistische Intellektuelle und identifiziert ein „Denken im Widerspruch“ als maßgebliche Dimension dieser (historischen) Intellektuellenfigur. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Kritische Theorie, Kulturindustrie und die Soziologie der Intellektuellen.

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