Kritik als Experiment und Präfiguration. Tagungsbericht „Foucault Revisited“ (Wien)

Anlässlich des neunzigsten Geburtstages Michel Foucaults fand am 4. und 5. November 2016 die Tagung ‚Foucault Revisited‘ in Wien statt. Zu der interdiziplinären Bestandsaufnahme der Foucaultforschung luden Renate Martinsen und Oliver Marchart von den Lehrstühlen für Politische Theorie in Duisburg-Essen und Wien ein. Im Zentrum der Tage standen auf der einen Seite theoretische Fragen nach den Begriffen Freiheit, Widerstand, Macht, Kritik und Selbstverhältnissen im Werk Foucaults. Auf der anderen Seite wurden aktuelle Anwendungen der Theorie Foucaults auf beispielsweise die Asylpolitik oder die digitale Kontrollgesellschaft diskutiert.

Den inhaltlichen Auftakt zur Tagung machte Philip Sarasin (Zürich) mit einem Vortrag, in dem er eine Wende bei Foucault behauptete. Diese Wende, so Sarasin, wurde nach 1978 eingeleitet und bestünde vor allem in einer neuen Möglichkeit zur Freiheit des Subjekts. In der Konfrontation mit der Iranischen Revolution entwickelt Foucault Sarasin zufolge ein neues Subjektverständnis. Dieses Verständnis läge in der Entscheidung der revoltierenden Menschen begründet, lieber zu sterben, als ‚so regiert zu werden‘. In dieser extremen Entscheidung des ‚lieber sterben‘ würden sich die Subjekte als durch ihren eigenen Willen selbstbestimmt konstituieren und könnten sich damit aus der Unterwerfung befreien. Das Subjekt würde so, entgegen den früheren Annahmen Foucaults, radikal frei. In der anschließenden Diskussion wurden dieser Diagnose einer Wende unter anderem die Kontinuitäten in Foucaults Methodik entgegen gehalten sowie normative Unterstellungen kritisiert. Besonders diskutiert wurde der von Sarasin ins Zentrum gerückte Begriff der Freiheit, der in seiner Deutung nicht mehr als Technik des Regierens, sondern als eine normative Voraussetzung erscheint.

Die angerissenen Fragen nach Freiheit, Widerstand, Macht, Kritik und Selbstverhältnissen zogen sich durch verschiedene der folgenden Vorträge und Diskussionen. Besonders hervorzuheben sind hierbei die Perspektiven Frieder Vogelmanns (Bremen) von Kritik als ‚präfigurativer Emanzipation‘ und die abendliche Keynote Thomas Lemkes (Frankfurt) zu erfahrungsgeleiteter oder ‚experimenteller Kritik‘. Vogelmann argumentierte in seinem Vortrag für ein Verständnis von Kritik, das die Existenzbedingungen von Wahrheit offen legen will. Die Untersuchung dieser Bedingungen von Wahrheit erlaubt, so Vogelmann, einen flüchtigen Moment der Entsubjektivierung, einen ‚glimpse‘ darauf, wie es sein könnte. Foucaults Kritik zeichne sich also dadurch aus, dass sie einen kurzen Blick darauf erlaubt, wie das Subjekt außerhalb dieser Wahrheitsbedingungen und Machteffekte, in denen es subjektiviert ist, sein könnte. Damit gibt es in der Praxis der Foucualt’schen Kritik einen flüchtigen Zustand des Freigelassenseins und darin einen ‚präfigurativen‘ Moment: In einem flüchtigen Augenblick gibt es in der Einheit von Mitteln und Zielen den Ausblick in die mögliche Zukunft, in der die bestehenden Wahrheits- und Machtverhältnisse nicht mehr oder noch nicht existieren.

Eine ähnliche Verbindung von Theorie und Praxis in Bezug auf Foucaults Kritik stellte Thomas Lemke in seinem Abendvortrag her. Er konstatierte eine theoretische Verschiebung Foucaults hin zu experimenteller oder erfahrungsgeleiteter Kritik in den 1970er Jahren. Mit dieser Verschiebung Foucaults tritt auch das Subjekt anders in den Fokus. In dem Moment, in dem Foucault Erfahrung als Grundlage von Kritik begreift, entsteht für das Subjekt die Möglichkeit, sich als selbst hergestellt und fiktional zu begreifen. Die kritische Aktivität wird somit zur kritischen Formierung des Selbst innerhalb eines moralisch-ethischen Horizonts, der immer erweitert und neu hergestellt werden kann. Ethische Fragestellungen werden so immer im Kontext gemeinsamer Lebensformen neu formuliert und die am Ethos orientierte Kritik zu experimenteller Kritik.

Susanne Krasmann (Hamburg) nutzte Foucault am Samstagmorgen dazu, neue Überlegungen über unsere digitale Gegenwart anzustellen. Dazu zog sie eine Parallele zwischen der Disziplinargesellschaft mit ihren Mechanismen der Sichtbarkeit als Überwachungs- und Normierungsinstrument in Überwachen und Strafen und unserer Gegenwart. Wir müssten, so Krasmann, heute von einer Kontrollgesellschaft 2.0 sprechen, die permanente Sichtbarkeit durch ständige Produktion von Daten herstellt. Damit ist die ‚Datengesellschaft‘ einerseits ein neues Sichtbarkeitsregime der Gegenwart, das in Anlehnung an die Sichtbarkeit des Panopticons gedacht werden kann. Zusätzlich aber wies Krasmann darauf hin, dass etwa Algorithmen nicht mehr lediglich als normierende Techniken aufgefasst werden könnten, sondern eine Art Eigenleben führten, das man näher untersuchen müsste. Als Begriff für ein modernes Selbst- und Subjektverhältnis führte sie schließlich das Konzept der visual citizenship ein. Besonders in Bezug auf die Praktiken von Geheimdiensten plädierte Krasmann schließlich dafür, mit der in der Kontrollgesellschaft 2.0 zentralen Rolle der Sichtbarkeit subversiv zu spielen. Ein Beispiel für die Forderung Krasmanns bietet die Praxis des Hackerkollektivs Cryptome, das seit einiger Zeit Fotos und Koordinaten von Geheimdienstgebäuden über Twitter veröffentlicht und so den Spieß der Sichtbarkeit umdreht.

Neben dem Vortrag Susanne Krasmanns fanden sich auch in den Panels weitere aktuelle Anwendungen der Gedanken Foucaults. Beeindruckend war beispielsweise die Parallele zwischen dem von Foucault beschriebenen gesellschaftlichen Umgang mit Pest und Lepra zu unserem gegenwärtigen Umgang und Diskurs über Geflüchtete von Mareike Gebhard (Erlangen-Nürnberg). Auch Christian Haddad (Wien) nutzte Foucaults Konzept der Biopolitik, um die Praxis der regenerativen Medizin in der Stammzellentherapie auf treffende Weise zu analysieren. Ebenso machte Alexander Hirschfeld (Kiel) die Biopolitik für eine eigene und äußerst aufschlussreiche Analyse der Diagnose ‚burnout‘ fruchtbar.

Zum Abschluss der Tagung wurden einige Linien der Diskussion weiter geführt, während viele Fragen naturgemäß offen blieben. So machte Oliver Marchart auf dem Abschlusspanel auf die fehlenden politischen Bezüge der theoretischen Diskussion aufmerksam. Er wies zurecht auf den immer auch gewollt politischen Charakter der Arbeiten Foucaults hin. Foucault habe sich immer auch bewusst in einem linken, subversiven Diskurs bewegt, den er gezielt beeinflussen wollte. Diese Rolle des linken politischen Denkens sei zentral für Foucaults Werk. Marchart deutete schließlich an, dass man Foucaults Kritik in einem größeren historischen Kontext linken Denkens sehen müsse, der 1848 begann und heute vor dem Ende stünde. Die Linke und das linke Denken, so Marchart, seien heute in der Krise. Wir stehen also vor großen Aufgaben. Foucaults Werk wird die zahllosen Fragen, die diese Krise aufwirft, keinesfalls beantworten können. Aber vielleicht liefert Foucaults ‚vagabundierendes Denken‘ erste Hinweise, wie wir diese Krise nutzen und das Politische neu denken können.

 

Inken Behrmann studiert Sozialwissenschaftten (M.A.) an der Humboldt Universität zu Berlin. Ihre Schwerpunkte sind Diskurstheorie und politische Ökologie.

Janosik Herder ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arbeitsgebiet Politische Theorie der Universität Osnabrück und arbeitet zur Politischen Theorie von Technik und neuen Medien.

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