Kritik

Service, Veranstaltungen & CfP

CfP: Digitale Unsouveränität

Für eine kommende Ausgabe der Zeitschrift Augenblick zum Thema „Digitale Unsouveränität“ werden Beiträge aus den Medien-, Kultur- und Sozialwissenschaften sowie angrenzenden Disziplinen gesucht, die die Frage nach Praktiken kritischer digitaler Unsouveränität behandeln: nach Kritik, die Beteiligung, Situierung und Betroffenheit als Erkenntnisbedingung präzisiert; nach Praxen, die Abhängigkeit als politische Alltäglichkeit und Privileg als unsouveräne Verantwortung ernst nehmen und daraus Strategien, Verfahren und Formen der (De-)Subjektivierung entwickeln. …

Debatte, ZPTh-Debatte

Crossdressing der Disziplinen? Literaturwissenschaft und die Politik des Bekenntnisses

Im Rahmen der aktuellen ZPTh-Debatte auf dem Theorieblog antwortet heute Astrid Séville auf den Kommentar von Albrecht Koschorke zu ihrem Beitrag „Kitsch und Krise“.

Für Autoren akademischer Texte gilt üblicherweise, was wir als Maxime aus dem britischen Königshaus kennen: never complain, never explain. Sie vermeiden es, irritierenden Besprechungen eine Verteidigung des eigentlich Gemeinten hinterherzuschicken und grübeln stattdessen im Stillen über Interpretationen, Intentionen und womöglich unglückliche Formulierungen, statt sich darüber zu freuen, überhaupt gelesen zu werden. Die weitgehend entintellektualisierte Universität und die Zwänge des Publikationswesen erschweren riskantes und lustvolles Lesen und Schreiben; Kontroversen sind oftmals vorsichtig oder strategisch. Umso erfreulicher ist das Format des Theorieblogs, einen Beitrag aus der Zeitschrift für Politische Theorie nicht nur kommentieren zu lassen, sondern den Autor auch respondieren zu lassen. Dass Albrecht Koschorke meinen Essay „Kitsch und Krise“ kommentiert hat, freut und ehrt mich sehr. Gerne nehme ich daher die Gelegenheit wahr, zu antworten.

Jobs & Stipendien

CfA: PostDoc-Stipendium (3 Jahre, Münster) zu Vulnerabilitätsproduktion in der Geflüchtetenpolitik

In der Münsteraner Philosophie ist ab Anfang Oktober oder November 2026 ein 3-jähriges Postdoktorand:innen-Stipendium zu vergeben. Verortet ist es im Rahmen des von der Gerda Henkel Stiftung bewilligten interdisziplinären Forschungsprojekts „Vulnerabilität und Kritik. Widersprüche demokratischer Praxis“, das an drei Standorten – München, Münster und Frankfurt – angesiedelt ist und eine immanente Kritik des demokratischen Umgangs mit Geflüchteten anstrebt. Das Teilprojekt in Münster widmet sich „Vulnerabilitätsproduktion in der Geflüchtetenpolitik westlicher Demokratien“. Vorausgesetzt ist eine abgeschlossene Promotion im Fach Philosophie oder einer benachbarten Disziplin, gewünscht werden Kenntnisse z.B. der Migrationsethik, kritischer Theorie, der Demokratietheorie, konzeptioneller Debatten über Vulnerabilität und/oder … Bewerbungsschluss ist der 21. Juni 2026. Die kompletten Informationen zu Projekt und Bewerbungsverfahren finden sich auch noch einmal nach dem Klick. …

Debatte

Lefort-Schwerpunkt: Lefort und die Idee einer befragenden Kritik

Ist es Zeit, Schluss mit der Befragung zu machen?

Die Idee, Institutionenordnungen demokratischer Rechtsstaaten einer befragenden Kritik zu unterwerfen, könnte im gegenwärtigen politischen Kontext geradezu aus der Zeit gefallen wirken. Demokratische Rechtsstaatlichkeit kann in der heutigen Welt leicht als eine zarte Pflanze erscheinen, die des Schutzes und der Stärkung bedarf – aber nicht einer politischen Philosophie, die sich eine befragende und infragestellende Kritik zur Aufgabe macht. Wenn Lefort daher Merleau-Pontys Forderung aus Le visible et l’invisible (Paris 2006), Philosophie als Befragung zu verstehen, folgt, und sein Projekt einer Wiederherstellung der Politischen Philosophie deshalb ins Zeichen von Ungewissheit und Befragung stellt, dann scheint dieses Vorhaben selbst heute in Frage gestellt zu sein. Im Anschluss an Merleau-Pontys These, dass die Philosophie Frage bleibe und als solche die Welt befragt – „elle interroge le monde“ heißt es in Le visible et l’invisible(S. 134) –, ließe sich dann umgekehrt auch davon sprechen, dass die Welt die Philosophie mit Fragen konfrontiert. Als dringlichste Frage für die Politische Philosophie könnte dann die Frage danach erscheinen, wie sich eine demokratische Institutionenordnung schützen und befestigen lässt – nicht, wie sie in Frage gestellt werden kann.

Debatte

Schwerpunkt: 100 Jahre Lefort

In diesem Jahr wäre Claude Lefort 100 Jahre alt geworden. Anlässlich dessen wird es auf dem Theorieblog einen Schwerpunkt rund um sein Denken geben. Als Denker des Politischen ist Lefort, durch seine Auseinandersetzungen mit der Demokratie und dem Totalitarismus, mit seinem geflügelten Wort des “leeren Ortes der Macht”, seiner Kritik an politischen Wissenschaften, aber auch durch seine Machiavelli-Lesart sowie seinem frühen Engagement in der Revue “Socialisme ou Barbarie” bis heute in Erinnerung geblieben und Referenzpunkt aktueller Debatten in der politischen Theorie.  

In dieser und der kommenden Woche werden sich fünf verschiedene Beiträge mit unterschiedlichen Aspekten seines Werkes beschäftigen: Ragna Verhoeven widmet sich in vergleichender Absicht der Rezeption Leforts im deutsch- und französisch-sprachigen Raum. Oliver Flügel-Martinsen erörtert die Rolle der befragenden Kritik im Werk Leforts. Welchen Stellenwert demokratische Institutionen im Denken Leforts einnehmen, arbeiten Sara Gebh und Sergej Seitz in ihrem Beitrag heraus.  Anschließend zeigt Paula Diehl, dass sich mit den Ressourcen von Leforts Theorie das Verhältnis von Populismus und Totalitarismus erhellen lässt. Zum Abschluss behandelt Martin Oppelt in seinem Beitrag die Frage, inwiefern Lefort als ein liberaler Denker gelesen werden kann.  

Wir freuen uns sehr auf die kommenden Wochen und wünschen viel Spaß beim Lesen und Diskutieren!   

Eure Theorieblog-Redaktion 

Alte Veranstaltungen und CfP, Service

CfP: Gibt es eine Philosophie des Rechtsextremismus? (Online-Workshop)

Ausgerichtet vom Institut für Philosophie der TU Darmstadt findet am 28. und 29. November 2024 ein Online-Workshop zur Frage „Gibt es eine Philosophie des Rechtsextremismus?“ statt. Ausdrücklich sind kritische und empirisch informierte konzeptionelle und geistesgeschichtliche Beiträge erwünscht. Die Abstracts für die Beiträge können bis zum 18. September 2024 an Kai Denker (kai.denker(at)tu-darmstadt.de) mittels einer Einreichungsvorlage gerichtet werden. Über die Annahme der Beiträge wird am 06. Oktober 2024 entschieden. Näheres zum Workshop und zur Einreichung der Abstracts ist hier zu finden.

Alte Veranstaltungen und CfP, Service

Workshop: “Human Rights in Times of Insecurity”

Vom 2. bis zum 3. September 2024 findet in Zusammenarbeit mit der Universität Duisburg-Essen und der University of Washington, Seattle,  im Rahmen des Sonderforschungsbereichs „Dynamics of Security“ und der Sektion „Human Rights and Democracy” des Gießener Graduiertenzentrum Sozial-, Wirtschafts- und Rechtswissenschaften (GGS) ein Workshop zu aktuellen Problemen und Möglichkeiten im Menschenrechtsdiskurs statt. Im Mittelpunkt der Vorträge und Diskussionen stehen Themen wie „Universalismus“, „Intersektionalität“, „Grenzen“ und „Kritik“. Anmeldungen für den Workshop können an Hannes Kaufmann (hannes.s.kaufmann(at)sowi.uni-giessen.de) gerichtet werden. Nähere Informationen können der Veranstaltungsseite entnommen werden.

 

 

Debatte

Kritik und Konstruktion. Betrachtungen zur Intellectual History der Grundgesetzentstehung 

Anlässlich des 75. Jahrestags der Verkündung des Grundgesetzes am 23. Mai 1949 veröffentlicht der Theorieblog heute und morgen zwei Beiträge, die die Debatten um das Grundgesetz ideenhistorisch betrachten. Den Auftakt macht Alexander Gallus aus Perspektive der Intellectual History.

Auch wenn der 23. Mai als der Tag, an dem das Grundgesetz verkündet wurde, weder nationaler Gedenk- noch gesetzlicher Feiertag ist, markiert er doch wie kaum ein zweites Datum den Gründungsmoment der Bundesrepublik. Anlässlich des fünfundsiebzigsten Jubiläums erscheint es umso angebrachter, diesen herausgehobenen Erinnerungsort der neuesten deutschen Geschichte prominent herauszustellen. Dieser Aufgabe hat sich das Bonner Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland mit der Ausstellung „Unser Grundgesetz“ und einer sie begleitenden Veranstaltungsreihe unter der Überschrift „Ein großer Wurf“ gestellt. 

Die Verabschiedung des Grundgesetzes erscheint so besehen wie die Grundsteinlegung für die Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik, jener viel beschworenen „geglückten Demokratie“ (Edgar Wolfrum). Die Geschichte vom Siegeszug einer Verfassung, die anfangs nur als Transitorium gelten sollte und eben deshalb den Titel „Grundgesetz“ erhielt, wird nicht zuletzt damit erklärt, dass es über die institutionellen, prozeduralen und normativen Grundlagen des neuen Staates hinaus bald als Dokument galt, das eine lebendige Demokratie ermöglichte und sogar so etwas wie einen „Verfassungspatriotismus“ hervorzurufen vermochte. 

Intellektuelle Skepsis – oder: kein Zauber des Anfangs 

Wer sich zurückbegibt in die Jahre, als die verfassungsrechtliche Neuordnung (West‑)Deutschlands zur Disposition stand, betritt hingegen ein kontroverses Feld, das neben fachkompetenten Juristen und politisch mandatierten Entscheidungsträgern auch ‚freischwebende‘ Intellektuelle mit bestellen wollten. Die letztgenannte Gruppe soll in exemplarischer Weise in den Blick geraten, um darzulegen, wie wenig Anlass das Grundgesetz von einer entstehungsgeschichtlichen Warte aus gab, in diesem Vorgang einen feierwürdigen Gründungsakt als Beginn der bis heute anhaltenden success story zu erkennen. 

Tagungsberichte

Tagungsbericht: Demokratie als Streitganzes

Viele der heutigen Zeitdiagnosen attestieren unserer Demokratie, dass sie sich in einem prekären Zustand befindet. Als die zwei zentralen Herausforderungen sind ein aufstrebender Populismus und postdemokratische Tendenzen zu nennen, die für angespannte Konfliktlinien entlang divergierender Lebensstile sowie einen schleichenden Prozess der Aushöhlung demokratischer Partizipationsmöglichkeiten stehen. Steffen Herrmann, dessen Habilitationsschrift „Demokratischer Streit: Eine Phänomenologie des Politischen“ am Ende vergangenen Jahres in Gestalt eines Buchforums an der Universität Wien besprochen wurde, vertritt die These, dass durch eine sich gegenwärtig verschärfende gesellschaftliche Spaltung ein genuin politischer Streit um die gemeinsame Lebensgestaltung aus dem Fokus gerät. Mit seinem Buch will Herrmann die Bedeutung des politischen Streits als produktives demokratisches Element betonen. Der Tagungsbericht orientiert sich argumentativ am Hergang des Buchforums. So wird zunächst Herrmanns Konzept von Demokratie als „Streitganzem“ beschrieben, um sodann zu prüfen, inwiefern die Methode einer politischen Phänomenologie in besonderer Weise ermöglicht, jenes Konzept nicht nur zu analysieren, sondern auch praktisch zu erweitern. 

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