Philosophie in Radio und TV – Bringt das was?

Frei Platon folgend, das mündliche Gespräch sei der Schrift vorzuziehen, gibt es immer mehr Formate in Radio und Fernsehen, die sich dem populärwissenschaftlichem Dialog zwischen Philosophen und Nichtphilosophen widmen: „Das philosophische Radio“, „Das philosophische Quartett“, „Sternstunde Philosophie“ und so weiter. Da wird man dann als „Freund der Weisheit“ begrüßt („Guten Abend!“), und wer findet das denn nicht charmant. Ein Lob über den Äther übers Netz in den Kopfhörer ins Ohr – und schon fühlt man sich wie ein Freund der Weisheit.

Ich höre mir so etwas während des Joggens, ein Freund während des Spülens an… Philosophie wird in Häppchen allgemein genießbar gemacht. Der kritische Teil in mir sagt dann: Das sei doch wieder einmal typisch, nun konsumiere man schon die Philosophie so wie vieles andere: rasch und bekömmlich. So fügt sie sich in die heutige Kommunikations- und Multitasking-Kultur ein, der hörende Philosoph oder Nicht-Philosoph schnappt hier und da etwas auf, zieht sich ein philosophisches Interview oder eine Vorlesung wie eine Folge der „Simpsons“ rein, klickt von einem Podcast zum nächsten wie zwischen Homepages – in die Tiefe gehen ist das freilich nicht. Der weniger kritische Teil sagt dagegen, so als würde er sich für die „Gala“ und gegen „Le Monde Diplomatique“ entscheiden: Ach, sei`s drum, das ist doch ein bisschen Bildung im Vorbeigehen – en passant – ausserdem lernt man so die Kolleginnen und Kollegen nicht nur über ihre Schrift, sondern auch über ihre Stimme oder ihr Gesicht kennen.

Aber dies – der subjektive, kritische Teil – ist ja nur eine Seite der Medaille. Der andere betrifft das Selbstverständnis und die Aufgabe der Philosophie selbst. Philosophie soll sich durchaus der Öffentlichkeit und öffentlich wichtigen Themen stellen, tut sie ja auch, sie ist keineswegs nur auf irgendeinem Elfenbeinturm – wo soll der eigentlich sein? – sondern widmet sich auch alltagsnahen, ethischen und politischen Themen. So auch jene philosophischen Formate, die es vermehrt in Radio und Fernsehen gibt: Sie sprechen dort über Gerechtigkeit, Klimawandel, Armut, aber auch Freundschaft, Genuss, Tugend oder Selbstachtung. Schließlich auch über einzelne, schwierige Philosophen wie Derrida, Lacan oder Kant. Dadurch werden einerseits die geladenen zeitgenössischen Philosophen selbst einem breiteren Publikum bekannter (darunter im deutschen Radio zum Beispiel Simone Dietz, Stefan Gosepath, Axel Honneth, Georg Meggle), andererseits zeigt die Philosophie, dass sie sich mit aktuellen, drängenden Fragen befasst und dass sie – idealiter – ihre Themen auch herunterbrechen kann für das allgemeine Verständnis. Nicht immer sind die Formate allerdings von gleicher Qualität oder gleichem Nutzen. Ein paar Beispiele:

Daniel hatte ja kürzlich schon auf Philosophy Bites hingewiesen. Die von BBC produzierte Sendung ist eines der Vorzeigebeispiele: Die Moderatoren Nigel Warburton und David Edmunds, beide auch lehrend in der Philosophie tätig, laden immer einen Philosophen / eine Philosophin ein wie zum Beispiel Susan Neiman, Jerrold Levinson, Alain de Botton, Jeff McMahan, Anne Phillips und Thomas Pogge. Sie sprechen rund 15 Minuten über ein Thema: Moral, globale Gerechtigkeit, Spinoza, die Ästhetik der Architektur, politische Repräsentation… Das geschieht gut vorbereitet, versiert, die beiden haken klug nach, ohne dass es ausfasert. Die Sendungen sind für ein philosophisches Gespräch zu kurz, und trotzdem hat man das Gefühl, dass man ganz gut versteht, womit sich der geladene Philosoph befasst. Es ist eher als ein Impuls zu verstehen oder ein kurzes Kennenlernen.

Ähnlich, aber wesentlich länger ist „Das philosophisches Radio“ auf WDR 5, ebenfalls als Podcast erhältlich. Wöchentlich, immer freitags von 20.05 bis 21 Uhr, begrüßt der Moderator Jürgen Wiebicke die bereits erwähnten „Freunde der Weisheit (Guten Abend!“) und befragt gut vorbereitet und kritisch bekannte Philosophinnen und Philosophen aus Deutschland, etwa Stefan Gosepath zum Thema „Globale Gerechtigkeit“ oder Peter Bieri über „Selbstbestimmung“. Anders als bei Philosophy Bites kommen auch Hörer zu Wort (oder geben per E-Mail Kommentare ab), und deren Fragen sind in der Regel ebenfalls philosophisch anspruchsvoll – also gar nicht unbedingt Stammtischgespräche, wie man es im Radio erwarten möchte.

Im Fernsehen hat sich die Philosophie ebenfalls eingerichtet: Sonntags – in nicht zu durchschauenden und viel zu großen Abständen – kommt zu nachtschlafender Stunde (0.00 Uhr, um genau zu sein) „Das philosophische Quartett“ mit Rüdiger Safranski und Peter Sloterdijk im ZDF. Es sind immer zwei Gäste geladen, oft aus anderen Bereichen als der Philosophie. Allerdings: Wenn man bei dieser Sendung einschläft, hat das gar nicht so viel mit der Uhrzeit zu tun…

Besser, aber auch etwas schleppend ist „Sternstunde Philosophie“, ein breiteres Forum für aktuelle gesellschaftliche Fragen. Die Sendung wird jeden Sonntag um 11.00 Uhr auf dem Schweizer Fernsehen ausgestrahlt und auf 3sat wiederholt.

Aber ist all das überhaupt sinnvoll? Das Verhältnis zwischen Philosophie und Medien ist sicherlich eine Gratwanderung: Einerseits hört man überall, unter anderem an den Hochschulen selbst, wie wichtig Vernetzung und Öffentlichkeitsarbeit seien. Und sicherlich ist es gut, wenn die Philosophie zeigt, dass sie sich sehr wohl mit aktuellen Themen befasst und nicht in Nischen gräbt, wie es von mancher Seite kritisch heißt. Andererseits lenkt das ganze Networking und mediale Vermitteln doch auch ziemlich ab von der eigentlichen Arbeit der Forscher, die eingeladen werden. Wer ein Buch zu wichtigen aktuellen Fragen schreibt, wird womöglich dauernd geladen, interviewt, vor die Öffentlichkeit gestellt. Das ist dann irgendwann bloße Repetition, die eigene weitere Forschung bleibt auf der Strecke.

Dennoch: Mischen wir uns ruhig ein, treten wir in die Öffentlichkeit, hören wir, was Kolleginnen und Kollegen ernsthaft zu sagen haben! Sonst machen es andere, und zwar vielleicht schlechter. Solche, die populärwissenschaftliches Talent, aber kein philosophisch tragfähiges Know-How haben und dann aber zum Aushängeschild der Philosophie in Deutschland für die Masse werden, wie Richard David Precht, der seit „Wer bin ich und wenn ja, wieviele?“ zum „Starphilosophen“ ernannt wurde.

Philosophische Häppchen können zur Verdummung führen, so wie alles Herumgehopse im Netz und zwischen Netzwerken sicherlich zur Verdummung beitragen kann. Sie, die philosophischen Formate in den öffentlichen Medien, können aber auch die Verdummung zu bekämpfen helfen, wenn sie Pluralität und das Können der zeitgenössischen Philosophie widerspiegeln. Ein Blog ist dazu ja auch ein Weg…

5 Kommentare zu “Philosophie in Radio und TV – Bringt das was?

  1. Pingback: blognetnews » “Das philosophische Radio” auf Tour in NRW

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