Podcast: Paula Diehl – Politische Repräsentation neu gedacht

Wie versprochen, präsentieren wir heute den verschobenen Vortrag von Paula Diehl. Da sie viel mit Bildern arbeitet um Ihren Vortrag zu illustrieren, empfehle ich heute nachdrücklich das Video. In der Reihe nicht auszutreibende Kinderkrankheiten: Wie schon bei Franziska Martinsen hat das Video leichte Probleme mit der Synchronität von Bild und Ton.

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Paula Diehl arbeitet seit Jahren in verschiedenen Projekten daran, Politische Repräsentation jenseits klassischer Vertretungskonzepte neuzudenken; zuletzt als Leiterin des Projekts „Symbolik der Demokratie. Inszenierung, Repräsentation und die Konstitution des politischen Imaginären“ der VolkswagenStiftung, aus dem auch dieser Vortrag hervorgegangen ist. Diehl beginnt mit einer Kritik von Hanna Pitkins Modell der Repräsentation als Interessensvertretung und verortet sich anschließend in Auseinandersetzung mit Lisa Disch und Michael Saward im „Representative Turn“ (Näsström) der Politikwissenschaft. Der gegenwärtige US-Wahlkampf, so Diehl, zeigt in den Kampagnen von Trump und Sanders, dass es nicht nur um die Auswahl der „besten“ Repräsentanten geht, sondern dass Repräsentation den normativen Horizont einer politischen Gemeinschaft herausfordern oder bestätigen kann. Dafür ist eine Erweiterung des Repräsentationsverständnisses um das Symbolische und Imaginäre nötig. Repräsentation erzeugt einen symbolischen Überschuss, der identitätsbildend wirkt – das ist die performative Seite politischer Repräsentation. Symbolische Repräsentation bleibt dabei auf das Imaginäre angewiesen, das sich als „Resonanzraum“ (Göhler) des Symbolischen verstehen lässt: die kulturellen und gesellschaftlichen Narrative und die Emotionen, die die Symbole erst verständlich machen. Das Symbolische greift aber, wie sich wieder an den populistischen Wahlkämpfen von Trump und Sanders zeigen lässt, selbst in die Strukturierung des Imaginären ein und transformiert die (normativen) Vorstellungen davon was Politik ist oder sein sollte.

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Parteienstaat, Sicherheit, Heimat: Anmerkungen zur österreichischen Präsidentschaftswahl

Das Ergebnis der ersten Runde der österreichischen Präsidentschaftswahl war eine eindeutige Absage an die Große Koalition der ehemaligen Volksparteien SPÖ und ÖVP. Die Präsidentschaftskandidaten von SPÖ und ÖVP erhielten zusammen weniger Stimmen als der Wahlgewinner Norbert Hofer, der von der rechtspopulistischen FPÖ ins Rennen geschickt wurde. Vor dem Hintergrund dieses Wahlergebnisses haben viele Kommentatoren vom “Ende der Zweiten Republik” gesprochen — vom Ende eines politischen Systems, das von der Herrschaft der Volksparteien geprägt war. Wieso fehlt den Wählern heute das Vertrauen in die politische Mitte? Und woher rührt der Erfolg der FPÖ? Diese Fragen möchte ich versuchen im Folgenden zu beantworten.

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Zur (Selbst-)Autorisierung von Pouvoirs Constituants und Politischer Theorie – Replik auf Luise Müller

Luise Müller hat vor zwei Wochen in unserer Reihe “ZPTh-Debatte” einen Kommentar zu dem jüngst im Sonderheft “Internationale Politische Theorie” der Zeitschrift für Politische Theorie erschienen Text “Konstitutierende Autorität. Ein Grundbegriff für die Internationale Politische Theorie“ (bei uns frei als PDF erhältlich) veröffentlicht. Heute replizieren die drei Autoren des Beitrags: Peter Niesen, Svenja Ahlhaus und Markus Patberg. Viel Spaß beim Lesen und Mitdiskutieren. (mehr …)

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Podcast: Holger Zapf – Von Bourguibas Identitätsnarrativ zum postrevolutionären politischen Islam der Ennahda

Der Vortrag von Paula Diehl musste leider auf 17. Mai verschoben werden und Holger Zapf ist dankenswerterweise kurzfristig eingesprungen, was Bismarck seinen Platz im Titel
gekostet hat. Die Kinderkrankheiten hat der Podcast leider immer noch nicht überwunden, weshalb leider die Video-Aufnahme des Referenten fehlt.

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Als Gründungsmitglieder der DVPW-Themengruppe „Transkulturell vergleichende Politische Theorie“ (der Theorieblog berichtete) beginnt Holger Zapf seinen Vortrag mit den Herausforderungen, mit denen die transkulturelle Theorie konfrontiert ist. Weder ein systematischer noch ein ideengeschichtlicher Zugang, wie sie in der Politischen Theorie sonst üblich sind, ist ohne weiteres gangbar. Der systematische Zugang wird durch die Machtasymmetrie und dem Problem der Identifizierbarkeit intellektueller Leuchttürme erschwert, die in der amero- und eurozentristischen Theorien ganz selbstverständliche Orientierungspunkte bilden – man denke nur an Rawls oder Habermas –, der ideengeschichtliche durch ein mangelndes Verständnis der historischen Kontexte, die sonst meist unhinterfragt vorausgesetzt werden. Transkulturelle Politische Theorie verweist in methodischer Hinsicht in die Zukunft der Disziplin jenseits der andauernden Beschäftigung mit privaten Hausgöttern. Wie transkulturelle Theorie trotz dieser Schwierigkeiten gelingt, zeigt Zapf am Beispiel des Identitätsnarrativs Habib Bourguibas, dem ersten Präsidenten Tunesiens nach der Unabhängigkeit. Bourguiba bricht mit der eurozentrischen Erwartungshaltung, die Offenheit mit Demokratie assoziiert, indem er ein Plädoyer für eine offene und hybride Identität mit Demokratiefeindlichkeit verbindet. Auch im postrevolutionären Tunesien bleibt, so Zapf, diese Ambivalenz erhalten und nur vor diesem Hintergrund lasse sich bspw. die Auseinandersetzung um die Rolle der Religion in der Verfassungsgebung nach dem Arabischen Frühling angemessen verstehen.

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The Nicest Radical in Town. Zur Aktualität John Deweys

Zum 100-jährigen Erscheinen von John Deweys „Demokratie und Erziehung“ (Teil 5)

John Dewey gehört zu den nice guys der politischen Philosophie. Auf den jüngeren Portraits, die von ihm existieren, mutet er an wie der nette Onkel aus dem Bilderbuch, der stets ein Bonbon für die lieben Kleinen in der Tasche hat. Und in seinen Texten dominiert ein moderater Stil, der frei von aufgeregter Rhetorik ist. Aufmerksamkeit heischende Polemik und ein scheinradikaler Gestus lagen Dewey merklich fern. Seine Philosophie lebt vom Geist des Pragmatismus und Meliorismus, sie transportiert die Überzeugung, dass eine Verbesserung der Situation stets möglich ist. Von der Tragik, die politisches Handeln nicht selten an sich hat, erfährt man in seinen Texten nur wenig. All das kann darüber hinwegtäuschen, dass Dewey ein radikaler Denker war. Mit polemischer Übertreibung, aber nicht ohne Grund wetterte Hayek in seinem Weg zur Knechtschaft, Dewey sei „der führende Philosoph des amerikanischen Linksradikalismus“ (Hayek 1944/1982: Der Weg zur Knechtschaft, S. 46). (mehr …)

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Wer Ohren hat, der höre! Zur vermeintlichen Sprachlosigkeit Politischer Theorie

John Rawls stellt am Ende seiner Einleitung zur Taschenbuchausgabe von Politischer Liberalismus (Suhrkamp, 1998, übers. v. Wilfried Hinsch, S. 64) klar: „[Für] den von vielen Lesern empfundenen abstrakten und weltfernen Charakter dieser Texte […] entschuldige ich mich nicht.“ ‚Abstrakt’ und ‚weltfern’ – genau so erscheint Rawls’ Werk jedoch auch den Autor*innen (ausgenommen Nullmeier) des gerade veröffentlichten Sonderhefts „Politische Theorie in der Krise“ der Zeitschrift Mittelweg 36 (Ausgabe 2/2016). Auf dieser Wahrnehmung wurzelt sodann deren zentrale These, dass Rawls’ liberale politische Philosophie schuld daran sei, dass die Politische Theorie zu den gegenwärtigen Krisen in und um Europa schweige – etwa zur Währungskrise, zu den Kriegen in der Ukraine und im Nahen Osten sowie zur sogenannten Flüchtlingskrise. Da Rawls’ Theorie des politischen Liberalismus nicht nur „überhistorisch“ (Schaub, S. 24) sei, sondern auch die Politische Theorie dominiere, erweise sich letztere angesichts aktueller Krisen als sprachlos. Dies wirft die Frage auf, ob sich Rawls nicht doch hätte entschuldigen müssen. Meine Antwort hierauf lautet: Nein! (mehr …)

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Podcast: Franziska Martinsen – Das europäische Subjekt der Menschenrechte

Der zweite Podcast unserer Vorlesungsreihe “Zur Zukunft der Politischen Theorie im 21. Jahrhundert” hat die Kinderkrankheiten fast überwunden und steht nun in guter Soundqualität mit nur gelegentlichem Ruckeln zur Verfügung. Leider musste uns Paula Diehl kurzfristig absagen, weshalb es nächsten Montag den vorgezogenen Vortrag von Holger Zapf geben wird, während wir hoffen Paula Diehl in der folgenden Woche begrüßen zu dürfen.

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Mit den Grenzen der Menschenrechte beschäftigte sich Franziska Martinsen in ihrer Habilitation, aus der der Vortrag „Das europäische Subjekt der Menschenrechte“ hervorgegangen ist. Schon im Titel steck das Paradox, das sich als zentrales Problem durch den gesamten Vortrag zieht: Die Gleichzeitigkeit von universellem Geltungsanspruch der Menschenrechte und der Partikularität ihrer europäischen Genese. Franziska Martinsen richtet deshalb einen genealogischen Blick auf das Menschenrechtssubjekt und zeigt u.a. unter Rückgriff auf postkoloniale Kritik, durch welche Ausschlüsse es gebildet wurde und weiter stabilisiert wird: Das Subjekt der Aufklärung benötigt das Unaufgeklärte und so entpuppen sich die Menschenrechte als die Rechte des weißen (reichen) Mannes. Die mit diesen impliziten anthropologischen Annahmen verbundene Naturalisierung entspricht das in der Philosophie und politischen Theorie weitverbreitete moraltheoretische Verständnis der Menschenrechte. Der moraltheoretischen Lesart, in der die Subalternen nur als leidtragende Objekte von Barmherzigkeit vorkommen, möchte Martinsen – im Anschluss an Hannah Arendts berühmtes Recht Rechte zu haben – eine politische entgegenstellen. Menschenrechte sind in dieser nicht vornehmlich passive Eigenschaften, sondern aktiv zu artikulierende Ansprüche der Selbstermächtigung.

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Coding Populism? Populismus und Soziale Medien


In den Diskussionen um den derzeitigen Aufstieg des Rechtspopulismus in Deutschland, wird auch immer wieder der Einfluss der Sozialen Medien angeführt, etwa als Multiplikator für Verschwörungstheorien, als Durchlauferhitzer für Wut und Empörung oder als Zone verbaler Enthemmung.

Es besteht zudem eine darüber hinausreichende Affinität zwischen prominenten Phänomenen in Sozialen Medien und dem Populismus. Worin besteht diese Affinität? (mehr …)

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Was wir von Dewey für die Demokratie im 21. Jahrhundert lernen können

Zum 100-jährigen Erscheinen von John Deweys „Demokratie und Erziehung“ (Teil 4)

Mit dem 100. Geburtstag von Demokratie und Erziehung wird deutlich, wie sehr Dewey seiner Zeit voraus war und wie zeitgemäß seine Philosophie heute ist. Das gilt ganz besonders für seine Überlegungen zur Demokratie. Zusammen mit Problemen der Erziehung hat Dewey Probleme der Demokratie identifiziert, die den gegenwärtigen Diagnosen einer „Krise“ der Demokratie ähnlich sind, besonders der Krise der politischen Repräsentation. Sicherlich haben sich die Gesellschaften in den vergangenen 100 Jahren wesentlich verändert, aber wenn man Dewey liest wird klar, dass sich die Demokratie nicht entsprechend weiterentwickelt hat. Ihre Probleme sind genauso alt wie ihre Institutionen selbst. (mehr …)

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