Die richtigen Schlüsse – Nachruf auf den kritischen Politikwissenschaftler Kurt Lenk

Eine direkte Reaktion des nun Verstorbenen auf die Zeitenwende vom Frühjahr 2022 ist dem Autor dieses Nachrufs nicht bekannt. Aber ganz sicher ist Kurt Lenk nicht überrascht gewesen, dass ein lupenreiner Faschist wie Wladimir Putin am Ende seine Drohungen wahr machte. Faschismus, als giftige Mischung aus aggressivem Nationalismus, radikal autoritär-antidemokratischer und geschichts-revisionistischer Zielsetzung, so war von diesem hervorragenden Vertreter einer neuen, demokratischen Politikwissenschaft in der Nachkriegs-Bundesrepublik zu lernen, ist in Krisenlagen moderner Gesellschaften immer möglich.

Als Angehöriger des berühmten 1929er Jahrgangs hatte er den Weltuntergang in der Mitte Europas aus eigener Anschauung erlebt, und er hatte genau vor Augen, wer und wie viele ihn zu verantworten hatte. Die Genese und der Erfolg des modernen „Großsyndroms Rechts“ waren damit als Hauptfrage der späteren wissenschaftlichen Laufbahn gesetzt. Seine Sinne hierfür hatte Lenk schon als sehr junger Mann, dessen Familie ein hartes Vertriebenenschicksal erlitten hatte, geschärft. Auf seine Herkunft aus dem Provinznest Kaaden in der westböhmischen tschechoslowakischen Zwischenkriegsrepublik legte er immer Wert; über seine schlimmen Erfahrungen in der unmittelbaren Nachkriegszeit, die seine Familie schließlich ins Hessische verschlug, schwieg er lieber. Gelernt hatte er wohl daraus, dass Geschichte nicht fair ist, und dass diejenigen, die am Ende für ihr Kollektiv haften müssen nicht identisch sind mit denen, die für dessen Versagen verantwortlich waren.

Daraus hieß es, die richtigen Schlüsse ziehen für den jungen Mann, der in der Abklingphase einer jugendlich-enthusiastischen Schopenhauer-Lektüre Anfang der 50er Jahre beim Chef des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, Max Horkheimer, anklopfte. Aus der dort angestrebten Dissertation über den großen Pessimisten wurde zwar am Ende eine über Max Scheler, aber für den jungen Wissenschaftler wurde das Angebot einer über ihre jüdischen, aus dem Exil zurückgekehrten Protagonisten betriebenen radikalen Erneuerung der linkshegelianisch-aufklärerischen Tradition in Verbindung mit Methoden und Fragestellungen moderner Sozialforschung aus dem angloamerikanischen Raum, über dessen Faszination auch Lenks Jahrgangskollege Habermas immer wieder berichtet hat, eine geistig-politische Heimat, die er von da an nie wieder verlassen wollte.

Mit Habermas teilte Lenk dann auch die nächste Wegstrecke, die nach Marburg zu dem marxistischen Staatsrechtler Wolfgang Abendroth führte. Eine grundlegende Erneuerung der Kritischen Theorie, wie sie der neue Star ihrer zweiten Generation aus der Zentralperspektive der Kommunikation wagte, hielt Lenk, der sich wie sein Frankfurter Freund Alfred Schmidt zeitlebens mit Adorno, Marx und Schopenhauer theoretisch gut gerüstet fühlte, für ganz unnötig. Mit seiner brillanten Marburger Habilitationsschrift über „Marx in der Wissenssoziologie“ (in der von heute aus die von Horkheimers Verdikt geprägte vorurteilsvolle Lesart Max Webers auffällt), hatte er sein ideologiekritisches Rüstzeug parat und mit seinem in viele Sprachen übersetzten Luchterhand-Dauerseller „Ideologie“ ein seinen Ruf in der intellektuellen politischen Szene begründendes Standardwerk auf der Publikationsliste.

So ausgerüstet konnte man dann Mitte der 60er Jahre die vom sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Georg-August Zinn geprägte linksliberale Bastion Hessen, die mit Institutionen wie dem Institut für Sozialforschung, der von Fritz Bauer geführten Generalstaatsanwaltschaft und einer fortschrittlichen Berufungspolitik an den Unis in Frankfurt, Gießen, Marburg und Darmstadt eine in der restaurativen Nachkriegswestrepublik besondere Rolle gespielt hatte, verlassen. Sogar in Richtung Bayern, wo Lenk seit 1966 in Erlangen eine Professur innehatte. Dort erlebte er nicht nur die aufregenden (wenngleich provinziell abgeregelten) 68er Jahre, sondern auch handfeste Auseinandersetzungen mit der rechten publizistischen Szene, deren zermürbende juristische Folgen dem engagierten jungen Professor nicht wenig zusetzten. Da kam 1972 ein Ruf an die Technische Hochschule Aachen, wo Lenk in der Nachfolge des Politikpublizisten Klaus Mehnert neue Akzente in der Politischen Theorie und Ideengeschichte setzen konnte, gerade recht.

Lenk, in dessen dichter Publikationsfolge eine Reihe von sehr zugänglichen Einführungen (in die Theorie und Soziologie der politischen Parteien, in die Politische Wissenschaft, die Politische Soziologie, die Theorie der Politik) auffällt, arbeitete hier weiter am großen Thema „Rechts“, das er in seinen vielfältigen Affiliationen seit der konservativen Staatslehre des 19. Jahrhunderts über die Konservative Revolution mit ihrem Direktanschluss an den Nationalsozialismus bis zur „Neuen Rechten“ ideologiekritisch analysierte. Seine wichtigsten Schriften der Jahre bis zur Aachener Emeritierung 1994 und darüber hinaus, etwa „Deutscher Konservatismus“, „Rechts, wo die Mitte ist“, „Vordenker der neuen Rechten“ erweisen ihn als brillanten Analytiker politischer Metaphorik und ideengeschichtlicher Konstellationen, der die versteckten Hintergrundmotive ihrer Autoren (nennenswerte Autorinnen dieser Art gab es nicht) durch eine von hoher Sprachsensibilität geprägte Methodik aufdeckt: Ideologiekritik als Frucht mimetischer Anverwandlung an den Gegenstand, um dessen innere Widersprüche zum Sprechen (und womöglich im Anschluss daran „die Verhältnisse zum Tanzen“) zu bringen.

Dabei kreiste sein Denken immer wieder um den intelligentesten und attraktivsten aller Rechten, gewissermaßen das ideologiekritische Edelwild unter den Zielpersonen kritischer Ideenkunde, Carl Schmitt. Lenk, dessen politikwissenschaftlicher Lehrer aus der Frankfurter Zeit (und Mitautor des Bonner Grundgesetztes), Carlo Schmid seinen Vornamen, um der Verwechslung mit dem „Kronjuristen des Dritten Reichs“ zu entgehen, um den Buchstaben „o“ erweitert hatte, nahm diesen Autoren besonders ernst, wusste dessen über seine radikale Parlamentarismuskritik und einen eher an Voltaire als an deutsche Tradition erinnernden hinreißenden Stil bis weit ins linke Lager reichende Verführungskraft richtig einzuschätzen. Mission accompli! Wer Lenk gelesen hat, liest in den aktuellen Schriften der neurechten Schmittianer aller Couleur nichts Originelles mehr, alles ist geheimnislos und bis in den letzten Winkel durchschaut. Die völkischen Nationalistischen unserer Tage muss man seitdem zwar politisch noch sehr ernst nehmen, mit Lenk im Gepäck aber nicht mehr theoretisch.

Dass ein breiter Mainstream in den Sozialwissenschaften schon seit den 80er Jahren lautstark das „Ende der Ideologien“ ausgerufen hatte, ließ ihn dabei völlig kalt. Die mit dem Charme normativer Ernüchterung vorgetragenen systemtheoretischen Betrachtungen einer sozialen Welt, in der dem Vorhandenen, bloß weil es vorhanden ist, gegenüber allem Nichtvorhandenem ein evolutionärer Vorteil zugerechnet wird und damit das Bestehende, nur weil es besteht den Charakter einer „Lösung“ annehmen soll, haben ihm, der wie seine Frankfurter Lehrer unverdrossen trotz eines tiefen Pessimismus an der Möglichkeit der Aufklärung selbst im Angesicht ihres Scheiterns festhielt, nur das Elend des Funktionalismus verdeutlicht.

Lenk, der bis zum Schluss an der ursprünglichen Intention seiner formativen Jahre festhielt und tapfer die Petrifizierung der älteren Frankfurter Schule betrieb, wie sie im Prinzip seit den Aufsätzen der Zeitschrift für Sozialforschung aus den 30er Jahren formuliert war, setzte sich in dieser Zeit dem Vorwurf des Anachronismus aus, der den soundsovielten Paradigmenwechsel verschlafen hatte.

Dieser Vorwurf einer angeblich längst obsolet gewordenen Ideologiekritik ertönte interessanterweise umso lauter, je erfolgreicher das größte ideologiepolitische Projekt in der jüngeren Geschichte, nämlich der Siegeszug des weltweiten Neoliberalismus in Szene gesetzt wurde. Dass in dessen Schatten die Drohung eines neuen faschistisch-totalitären Zeitalters gewachsen ist, war schon länger vor dem aktuellen Krieg in Europa absehbar und konnte, so sah es Lenk, nur die über-raschen, die aus dem Vergangenen eben nicht die richtigen Schlüsse gezogen hatten. An dem Gedanken, dass so die Persistenz der Ideologie die Kritiker der Ideologiekritik wieder einholt, hätte er seine Freude gehabt, wie daran, dass man aufbauend auf den Grunderkenntnissen seines vielleicht besten Buchs „Volk und Staat“ von 1974 eine durchaus brauchbare Analyse des aktuellen indischen Hindunationalismus zustande bringen könnte.

Kurt Lenk, dessen Leistung weder in besonders effizienter Drittmittelakquise noch in erfolgreicher Gremienarbeit bestand, bleibt neben seinen wissenschaftlichen Verdiensten vor allem als überzeugender Lehrer in Erinnerung. Er konnte Schülerinnen und Schüler begeistern und motivieren, indem er forderte und Freiheit gab. Sein besonderes Charisma erwies sich in einer immer sicheren, niemals die Grenzen voreiliger Fraternisierung überschreitenden Distanz und seiner zugleich immer vorhandenen, vorsichtigen Fähigkeit zur Empathie. Freundschaft und Treue waren ihm ein Begriff, man konnte mit ihm lachen und bisweilen sogar richtig albern sein, auch wenn er grundsätzlich emotionalen Überschwang und jede Form von sozialer Gemütlichkeit verschmähte und hierin wohl auch die Prägung seiner Herkunft und einer daher in mancher Hinsicht nie ungebrochenen Existenz demonstrierte. Am 11. August 2022 ist er, 93 Jahre alt, in Erlangen gestorben.

Berthold Franke promovierte 1987 bei Kurt Lenk mit der Arbeit „Die Kleinbürger. Begriff, Ideologie, Politik“. Er ist Regionalleiter der südasiatischen Goethe-Institute in New Delhi.

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