Nachruf

Debatte

Negt, Kluge, Habermas und die politische Öffentlichkeit

Innerhalb kurzer Zeit sind mit Oskar Negt, Jürgen Habermas und Alexander Kluge drei zentrale Vertreter der zweiten Generation der Kritischen Theorie verstorben. Die drei Intellektuellen prägten die theoretischen und politischen Debatten der Bundesrepublik über Jahrzehnte hinweg maßgeblich. Trotz durchaus unterschiedlicher Positionen verband sie die gemeinsame Leitfrage nach der Konstitution und Funktion von Öffentlichkeit: Habermas analysierte die normativen und institutionellen Voraussetzungen demokratischer Öffentlichkeit und verständigungsorientierter Kommunikation und intervenierte zahlreich und strittig in politische Diskurse auf der Suche nach dem „eigentümlich zwanglosen Zwang des besseren Arguments“; Negt entwickelte gemeinsam mit Kluge das Konzept einer proletarischen bzw. gegen-hegemonialen Öffentlichkeit, die die Erfahrungen derjenigen sichtbar machen sollte, die in der bürgerlichen Öffentlichkeit kaum Gehör finden. Kluge wiederum suchte in seinen literarischen, filmischen und tele-visuellen Arbeiten nach Formen, solche Erfahrungen zu erzählen und ihnen einen öffentlichen Ausdruck zu verleihen. So markieren ihre Werke nicht nur unterschiedliche Antworten auf die Herausforderungen moderner Gesellschaften, sondern auch verschiedene Perspektiven auf die Bedingungen demokratischer Öffentlichkeit selbst. 

Debatte

William E. Connolly (1938–2026): Theoretiker des Konfliktiven in einer „Welt des Werdens“

Am 25. Februar 2026 ist William E. Connolly gestorben. Er war nicht nur ein brillanter und origineller Denker, sondern vor allem auch ein Demokratietheoretiker, der es wie kein anderer verstanden hat, philosophische Untersuchungen zum „Sein“ des Demokratischen mit einem kritischen diagnostischen Blick auf aktuelle Herausforderungen für Demokratien zu verbinden. Gegenwärtig ist besonders deutlich, wie fragil demokratische Ordnungen und wie gefährdet Formen des politischen Umgangs sind, die eine Offenheit gegenüber Pluralität und Differenz zum Ausdruck bringen. In dieser Situation ist die große Bedeutung von Connollys Werk deutlicher denn je. Eine analytische Sensibilität für die Fragilität von demokratischen Ordnungen und ein Plädoyer dafür, Demokratie als eine stets neu zu belebende Praxis zu verstehen, sind die roten Fäden, die sein Werk durchziehen.

Debatte, Lesenotiz

Wiedergelesen anlässlich des Todes von Hanna F. Pitkin: The Concept of Representation

Am 6. Mai 2023 ist Hanna Fenichel Pitkin, Autorin des politikwissenschaftlichen Klassikers The Concept of Representation (1967), im Alter von 91 Jahren verstorben. Das Buch gilt bis heute als das „Schlüsselwerk“ zum Repräsentationsbegriff (Buchstein 2007), bei der Beschäftigung mit Fragen der Repräsentation führt daran kein Weg vorbei. Jenseits der anerkannten Bedeutung von The Concept of Representation aber endet der Konsens. Dies ist sowohl eine Folge der dort bereits angelegten Ambiguität als auch eine Konsequenz vereindeutigender Lesarten. Anlässlich des Todes von Hanna Pitkin wirft dieser Beitrag einen Blick zurück auf das Buch und seine Rezeptionsgeschichte. Ich möchte zeigen, dass es sich lohnt, die Ambiguität von The Concept of Representation in neuen Lektüren zu erhalten, damit es weiterhin Quelle der Inspiration für die politikwissenschaftliche Repräsentationstheorie sein kann. …

Debatte, Service

Die richtigen Schlüsse – Nachruf auf den kritischen Politikwissenschaftler Kurt Lenk

Eine direkte Reaktion des nun Verstorbenen auf die Zeitenwende vom Frühjahr 2022 ist dem Autor dieses Nachrufs nicht bekannt. Aber ganz sicher ist Kurt Lenk nicht überrascht gewesen, dass ein lupenreiner Faschist wie Wladimir Putin am Ende seine Drohungen wahr machte. Faschismus, als giftige Mischung aus aggressivem Nationalismus, radikal autoritär-antidemokratischer und geschichts-revisionistischer Zielsetzung, so war von diesem hervorragenden Vertreter einer neuen, demokratischen Politikwissenschaft in der Nachkriegs-Bundesrepublik zu lernen, ist in Krisenlagen moderner Gesellschaften immer möglich. …

Debatte

„Wahrscheinlich ist Freiheit der wichtigere Wert, der zentrale, der dann ableitet, was man sonst so macht“ – Ein werkspezifischer Nachruf auf Klaus von Beyme

Am 6. Dezember 2021 ist Klaus von Beyme verstorben. Wer das umfangreiche Werk Klaus von Beymes einer der politikwissenschaftlichen Subdisziplinen zuweisen will, zwängt es ins Prokrustesbett. Mit beinahe 50 Monographien und etwa 500 Aufsätzen prägte der Politikprofessor über sechs Dekaden das Fach, immer wieder auch Schnittflächen mit Nachbardisziplinen auslotend. Wenig überraschend verstand sich der in Schlesien geborene Heidelberger als Sozialwissenschaftler, dem Vergleich verschrieben: Seine 1970 publizierte Habilitationsschrift über „Die parlamentarischen Systeme in Europa“, die 1975 für Furore sorgende Monographie „Ökonomie und Politik im Sozialismus“ oder das Werk „Politische Theorien im Zeitalter der Ideologien 1789-1945“ aus dem Jahr 2002 sind einige Beispiele für Studien, die trotz hoher Fallzahl nicht den Blick fürs Detail verlieren.

Pures „Hinwegrechnen“ über die kulturellen und institutionellen Eigenarten seiner Analysegegenstände lag Beyme fern. Internationales Renommee erarbeitete er sich mit der Erforschung politischer Systeme in Ost- und Westeuropa vor und nach dem Fall des Eisernen Vorhangs sowie in der Parteien- und Parteiensystemforschung. Bisweilen in den Schatten dieser Werke gerieten Beymes Schriften in der Politischen Theorie und Ideengeschichte. …

Debatte

Nachruf auf Georg Lohmann (1948-2021)

Der Philosoph Georg Lohmann ist am 4. Dezember 2021 nach langer Krankheit gestorben. Er lehrte und forschte seit 1996 als Professor für Praktische Philosophie an der Otto-von-Guericke Universität in Magdeburg. Vier Jahre lang, von 2000 bis 2004, durfte ich dort als wissenschaftlicher Assistent mit ihm zusammenarbeiten. Einen besseren, faireren, freundlicheren Chef hätte ich mir nicht wünschen können. Er begegnete mir immer auf Augenhöhe, hielt mir den Rücken für meine eigene Forschung frei und nahm mir selbst lautstark ausgetragene Auffassungsunterschiede nicht übel, weil für ihn das Herz der Philosophie im argumentativen Streit schlug. …

Debatte

Über Klaus von Beyme (1934-2021)

Als ich Klaus von Beyme (1934−2021) vor einigen Jahren das letzte Mal auf einer Tagung traf, wirkte er körperlich bereits ein wenig angeschlagen. Geistig aber funkelte er regelrecht. Dabei vermengte er seine intellektuelle (und natürlich politikwissenschaftliche) Beschlagenheit nicht mit einem Habitus der Überlegenheit. Vielmehr war auffällig, mit welchem Maße an persönlicher Zugewandtheit er jedem begegnete, der mit ihm ins Gespräch geriet. Einen Schuss Ironie und Selbstironie mischte er dem Dialog gerne bei. …

Debatte

Charles Mills (1951-2021) – Nachruf auf einen Vordenker

Dass in der Politischen Philosophie und Theorie heute – wenn auch in Deutschland noch immer sehr zögerlich – über strukturellen Rassismus debattiert und dass die Black Radical Tradition – von W.E.B. Du Bois über Fanon und Cedric Robinson bis zum Schwarzen Feminismus – in immer mehr Debatten produktiv aufgegriffen wird, ist einer Pionierarbeit, ja einem unermüdlichen Kampf zu verdanken, der trotz seines wesentlich kollektiven Charakters doch auch mit einzelnen Namen verbunden ist. Charles Mills‘ überraschender Tod am vergangenen Montag in New York hat mit einem Schlag seine überragende Rolle als eine der originellsten und wichtigsten Stimmen der zeitgenössischen Politischen Philosophie und Theorie ins Bewusstsein gerückt. Wie kein Zweiter hat er in den vergangenen Jahrzehnten das Nachdenken über die untrennbar mit Kolonialismus und Rassismus verbundenen Ursprünge und Strukturen des Liberalismus als politische Theorie und als Gesellschaftssystem initiiert, begleitet und immer wieder neu angeregt. Dabei hat Mills den Skandal, dass das Ideal einer Gemeinschaft der Freien und Gleichen und seine rechtliche Umsetzung lange Zeit – und mit gravierenden Folgen bis in die Gegenwart – auf weiße besitzende Männer beschränkt war, mit einer ganz eigenen Mischung aus theoretischer Präzision und politischer Radikalität wachzuhalten vermocht, die ihm inzwischen auch im Mainstream der Disziplin eine späte und gewiss auch ambivalente fachliche und institutionelle Anerkennung eingebracht hat. …

Debatte

Nachruf auf Clemens Kauffmann

Am Gründonnerstag 2020 verstarb nach längerer Krankheit Prof. Dr. Clemens Kauffmann, der von 2003 bis 2020 Lehrstuhlinhaber für Politische Philosophie, Theorie und Ideengeschichte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg war.

Clemens Kauffmann hat mit seinen Forschungen und mit seinem Engagement in der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses die Landschaft der politischen Theorie und Philosophie in Deutschland geprägt und nachhaltig bereichert. Als Initiator und Mitbegründer des Bayerischen Zentrums für Politische Theorie und des Bayerischen Promotionskollegs Politische Theorie hat er Wesentliches zur Vernetzung und Zusammenarbeit der bayerischen politischen Theorie beigetragen. Für den Theorie-Nachwuchs in Bayern entstand mit dem von den LehrstuhlinhaberInnen in Regensburg, Eichstätt-Ingolstadt, Passau und Erlangen gegründeten Bayerischen Promotionskolleg eine intellektuell anregende Plattform, in der die DoktorandInnen von der Themenvielfalt und Expertise aller am Kolleg beteiligten Professoren und Postdocs profitieren und zudem durch den Austausch auf der Doktorandenebene wichtige Kontakte knüpfen und erste Wege gemeinsamer Forschungszusammenarbeit gehen können – etwa in der gemeinsamen Konzeption und Organisation von Workshops und Tagungen. Kauffmann war Herausgeber des Jahrbuchs Politisches Denken, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft zur Erforschung des Politischen Denkens und aktives Mitglied in der Theorie-Sektion der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft, in deren Rahmen er u.a. die Herbsttagung 2007 zu „Biopolitik im liberalen Staat“ in Erlangen veranstaltet hat. …

Debatte

„Es ging nie darum, zu gewinnen, sondern ums Ganze.“ – Erinnerungen an Rainer Schmalz-Bruns

Am 31. März 2020 ist Rainer Schmalz-Bruns nach schwerer Krankheit in Lüneburg gestorben. Sein Tod hat weit über den Kreis Politischer Theoretikerinnen und Theoretiker hinaus Bestürzung und große Anteilnahme ausgelöst. Schon verschiedene erste Nachrufeauch auf diesem blog – zeugen von großer Bewunderung, Freundschaft und Dankbarkeit für die Persönlichkeit und wissenschaftliche Kraft von Rainer Schmalz-Bruns. Auch weil die aktuelle öffentliche Lage gemeinsame Gedenkveranstaltungen vorerst nicht zulässt, haben viele Freund_innen, Wegbegleiter_innen und Kolleg_innen beschlossen, einige Impressionen und Erinnerungen zunächst hier zu versammeln. Im folgenden Teil erinnern zunächst Oliver Flügel-Martinsen und Daniel Gaus (die dieses Format auch initiierten und organisierten) sowie Regina Kreide, Dirk Jörke, Claudia Landwehr und Mathias Albert an Rainer Schmalz-Bruns (Anm. d. theorieblog.de-Redaktion).

Debatte

Nachruf auf Rainer Schmalz-Bruns

Am 31. März 2020 ist Rainer Schmalz-Bruns nach schwerer Krankheit in Lüneburg gestorben. Mit ihm hat die Politische Theorie in der Bundesrepublik einen ihrer klügsten Köpfe und haben viele Kolleginnen und Kollegen im Fach einen guten Freund verloren. Rainer Schmalz-Bruns hat mit seiner Reflexiven Demokratie (1995), seinen Beiträgen zur Internationalen Politischen Theorie und seinem Einsatz für die Disziplin Politische Theorie prägend gewirkt. …

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