Gemeinsamer Arbeitskampf statt Identitätspolitik? Nancy Frasers Benjamin Lectures 2022

Nancy Fraser werde ja schon fast wie ein Popstar gefeiert, so Rahel Jaeggi zur Eröffnung der diesjährigen „Benjamin-Lectures“, was angesichts des mit 1000 Zuhörenden voll besetzten Haus der Kulturen der Welt keine Übertreibung darstellte. Zum dritten Mal hatte das von Rahel Jaeggi und Robin Celikates geleitete „Center for Humanities and Social Change“ an der Humboldt-Universität einen sehr prominenten Gast als Inhaberin des „Benjamin-Chairs“ ausgewählt. In ihrer Vorstellung machte Rahel Jaeggi bereits deutlich, was in den nächsten Tagen zu erwarten wäre. Vorträge, die sich – genau wie die Vortragende selbst – an der Schnittstelle von Theorie und praktischer politischer Intervention verorten lassen würden.

Nancy Fraser sprach an den drei Abenden vom 14. bis zum 16. Juni zum Thema „Three faces of labor“ und entwarf im Laufe der drei Vorträge eine strukturelle und marxistische Analyse gesellschaftlicher Kämpfe anhand eines erweiterten Arbeits- und Kapitalismusbegriffs. Dabei rückte die Frage nach dem Verhältnis von Klassen- und Identitätspolitik trotz der Ankündigung als wichtigem Aufhänger eher in den Hintergrund und eine groß angelegte Lösung zur Verbindung verschiedener emanzipatorischer Politiken blieb zumindest aus theoretischer Perspektive größtenteils aus. Doch der Reihe nach.

Als Ausgangsfrage formulierte Nancy Fraser am ersten Abend eine paradoxe Beobachtung: Es gibt in den westlichen Gesellschaften – im Fokus standen an allen drei Abenden vor allem die USA – eine Vielzahl sozialer Bewegungen, die sich für unterschiedliche progressive Zwecke einsetzen. Umwelt- und Klimabewegung, Black Lives Matter, Pride-Aktivist*innen, eine erstarkende antikapitalistische Linke innerhalb des Demokratischen Lagers, sowie eine neue Welle von Gewerkschaftsgründungen im Plattformkapitalismus. Warum trotz dieses unaufhörlichen Engagements für Emanzipation und eine gerechtere Welt ein fundamentaler Systemumbruch ausbleibt, der die notwendigen Veränderungen angesichts der bevorstehenden Klimakatastrophe und ihrer sozialen Folge wirklich vorantreibt, bleibe eine offene Frage, so Fraser.

 

Drei Gesichter der Arbeit

Vorerst – denn Nancy Fraser legte in ihrem ersten Vortrag „Gender, Race, and Class through the Lens of Labor: A Post-Intersectional Analysis of Capitalist Society“ eine Analyse vor, welche die fehlende Koordination zwischen progressiven Bewegungen systematisch anhand des Arbeitsbegriffs erklärbar machen sollte. Grundlegend definiert Fraser Arbeit als jegliches Handeln, das auf die Existenzgegebenheiten von Gesellschaft bezogen ist. Sie meint damit Tätigkeiten, welche im klassischen Sinne die natürliche Umgebung aneignen, um materielle Güter zu produzieren, aber auch Handlungen, die soziale Strukturen ermöglichen, stärken und formen. Jede Handlung also, die den Selbsterhalt, Fortbestand und die Weiterentwicklung der Gesellschaft betreffen.

Diesen erweiterten Arbeitsbegriff entwickelt Fraser im Rückgriff auf W.E.B. Du Bois‘ Werk „Black Reconstruction“. Du Bois hatte in den späten Dreißigerjahren das Scheitern einer Revolution der vorwiegend männlichen Arbeiterschicht damit erklärt, dass weiße Arbeiter nicht in der Lage gewesen waren, die antirassistischen Kämpfe Schwarzer Menschen als Arbeitskämpfe anzusehen. Ihr Rassismus versperrte den Weg, ein gemeinsames Klassenbewusstsein zu entwickeln und zu verstehen, was durch ein geteiltes Verständnis von Arbeitskampf zu gewinnen wäre. Während die Weißen sich als Arbeiter betrachteten, wurde Schwarzen Menschen diese Identität verwehrt.

Fraser erkennt in dieser Thematik eine paradigmatische Teilung der Arbeit. Ohne die ausbeuterischen Verhältnisse der Sklaverei hätte es die klassische produktive Lohnarbeit nicht geben können. Beide verrichteten Arbeit. Sie sorgten für die Produktion der Lebensbedingungen und Güter, doch nur eine Seite war Teil des Arbeitskampfes. Während die weiße Lohnarbeit im Marx‘schen Sinne „ausgebeutete Arbeit“ darstellt, bezeichnet Fraser die Arbeit der Schwarzen Sklaven als „enteignete“ Arbeit. Doch Du Bois ist nicht genug, so ihre These. Die Idee von sich nicht wechselseitig anerkennenden Arbeiterklassen bildete den Grundstein der Lectures und wurde im Folgenden um die Arbeiterinnen erweitert. Denn auch die soziale Reproduktionsarbeit von Frauen bleibt unbeachtet und wird als „domestizierte“ Arbeit nicht entlohnt. Frauen leisten Sorgearbeit, erziehen Kinder, kümmern sich um den Haushalt und stellen die sozialen Bedingungen her, welche der Kapitalismus braucht, um Mehrwert durch Lohnarbeit zu generieren.

Fraser benannte also drei Gesichter der Arbeit: bezahlte und Mehrwert abschöpfende „ausgebeutete“ Arbeit, erzwungene und rassifizierte „enteignete“ Arbeit und unbezahlte „domestizierte“ Arbeit, die durch die Naturalisierung von emotionalisierter Sorge als aus Liebe verrichtet verstanden wird. Die Fragen, wie diese Arbeitsverhältnisse außerhalb des Kapitalismus aussehen könnten und ob es eine nicht entfremdete oder zumindest nicht problematische Arbeit überhaupt geben kann, blieben offen.

Im inhaltlichen und systematischen Fokus auf die Arbeit ergibt sich laut Fraser eine Möglichkeit zur Überwindung des intersektionalen Paradigmas. Nicht die Intersektion verschiedener Identitäts- und damit auch Diskriminierungsmerkmale zu untersuchen, sondern Class, Race und Gender als Ausdruck einer unterliegenden und geteilten kapitalistischen Arbeitsstruktur zu verstehen bietet den post-intersektionalen Zugang. Rassismus, Sexismus und Klassismus sind die fehlenden Anerkennungsverhältnisse der unterschiedlichen Arbeiter*innengruppen mit ihren jeweiligen spezifischen Ausprägungsformen der Arbeit.

Für Fraser kann der Kapitalismus nur funktionieren, solange alle drei Gesichter der Arbeit existieren, da die Mehrwertproduktion der Lohnarbeit keineswegs ausreicht, um die nötigen Gewinnmargen zu erzeugen. Aneignung durch nicht eingepreiste Leistungen wie Zwangs- und Sorgearbeit sind konstant von Nöten. Damit erteilte Fraser reformistischen Ansätzen und Modernisierungstheorien eine klare Absage. Kapitalismus ist aus ihrer Sicht ohne alle drei Formen der Arbeit nicht zu haben.

 

Geschichte der Arbeitsverhältnisse im globalen Kapitalismus

Der zweite Abend stand unter dem Titel „Labor’s Twisted Histories: Practical Entanglements and Political Fault Lines“. Fraser unternahm dabei durch die Brille der drei Gesichter der Arbeit eine historisch-strukturalistische Analyse des kapitalistischen Systems. Sie ordnete die verschiedenen Arbeitsformen in drei Phasen kapitalistischer Entwicklung ein, sprach über die Intersektionen und relativen Anteile der drei Gesichter und verortete sie in Anlehnung an die Weltsystemtheorie geographisch in Kernländern und Peripherie. Inhaltlich war dieser Vortrag gefüllt mit empirischen Analysen von Strukturveränderungen und historischen Umbrüchen, die die analytische Stärke des drei Gesichter Modells, oder wie Fraser selbst sagte, „DuBois+1“, eindrucksvoll bewiesen.

Historisch interagierten die verschiedenen Arbeitsrealitäten miteinander, dort beispielsweise, wo Schwarze Frauen als ausgebeutete Haushaltsmitarbeiterinnen in weißen Familien „enteignete“ und „domestizierte“ Arbeit zugleich verrichteten. Oder wo sich der historische Übergang im Frühkapitalismus als Wechsel von „enteigneter“ Arbeit der Landbevölkerung zur „ausgebeuteten“ Lohnarbeit der Industrialisierung vollzog. Dabei wurde die enteignete Arbeit nicht nur auf rassifizierte Subjekte der Sklavenarbeit, sondern auch geographisch auf die Peripherie abgewälzt. Lohn-, Sorge und Zwangsarbeit verschwommen, hatten unterschiedliche geographische Ausprägungen und schlossen sich über die Geschichte hinweg als unterschiedliche Allianzen zusammen. „Enteignete“ Arbeit wurde aus der Sichtbarkeit des Alltags und aus den Kernländern verbannt, was sie zur „Schattenarbeit“ machte. Domestizierte Arbeit wurde als menschliche Natur normalisiert und als Sorgearbeit aus dem Arbeitskampf enthoben, während Lohnarbeit in ihrer Sichtbarkeit gestärkt wurde.

 

Verpasste Momente der Revolutionen

Im dritten Vortrag mit dem Titel „Class beyond Class: Toward a Counter-Hegemonic Politics“ wollte Fraser anhand des analytischen Instruments „Du Bois +1“ und den historisch-strukturellen Ergebnissen Antworten auf die Ausgangsfrage nach dem Ausbleiben einer gegenhegemonialen Transformation des kapitalistischen Systems bieten. Hier offenbarten sich einige Probleme. Neben einer letzten gegenwartshistorischen Analyse des aktuellen neoliberalen Finanzkapitalismus und seinen Konfigurationen der Arbeit wies Fraser auf zwei verpasste Chancen einer Vereinigung mehrerer Arbeiteridentitäten in den 1930er und 1970er Jahren hin. Die erste, von Du Bois beschriebene, war durch fehlende reziproke Anerkennung zwischen abolitionistischen und weißen Arbeitskämpfen gekennzeichnet. Die zweite Chance boten die neuen sozialen Bewegungen der 60er/70er-Jahre. Für Fraser scheiterten die Bewegungen an der Befürwortung des Vietnamkrieges durch die weiße männliche Mittelschicht und der daraus folgenden Entfremdung zwischen Lohnarbeitern, Schatternarbeitern und Sorgearbeiter*innen.

In der Folge dieser Bewegung hätte sich die gruppenbezogene Identitätspolitik von rassifizierten und domestizierten Arbeiter*innen mit dem neoliberalen Kapitalismus in Form eines progressiven Neoliberalismus eingerichtet. Gleichzeitig hätten sich die durch die neoliberale Globalisierung abgehängten ehemaligen Arbeiter dem autoritären Populismus zugewandt. Beides keine neuen Einsichten von Frasers Seite. Um eine neue antikapitalistische Hegemonie zu erreichen, müssten sie sich gegenseitig als Arbeiter*innen (wieder-)erkennen und einen gemeinsamen Arbeitskampf von „ausgebeuteter“ Lohnarbeit, „enteigneter“ Schattenarbeit und „domestizierter“ Sorgearbeit beginnen.

 

Alles Arbeitskampf!

Wohlwollend könnte man diese Herangehensweise und die vorgestellte Perspektive als politisches Handbuch verstehen. Ganz im Sinne der „Benjamin-Lectures“, die sich als Schnittstelle zwischen Öffentlichkeit und Akademie verstehen, kann man Frasers Analysen als öffentliche Intervention ansehen, die ein neues Verständnis von Solidarität und Emanzipation bereitstellen will. Ein neuer Blickwinkel, der in ihr Verständnis von Kapitalismus als erweiterter Sozial- und Lebensform durch die Linse der Arbeit Begriffe wie Race und Gender integriert. Wer sich im Vergleich dazu eine philosophisch gesättigte Untersuchung der aktuellen Debatten zwischen Klassen- und Identitätspolitik gewünscht hatte, wurde größtenteils enttäuscht.

Mehrere Male kam Fraser beispielsweise auf Kämpfe um Anerkennung zu sprechen: Sie stimmte dabei im Vorbeigehen sogar der These zu, Kämpfe um Anerkennung wären Kämpfen um Umverteilung vorgelagert – eine Position, für welche sie Axel Honneths Anerkennungstheorie in früheren Arbeiten kritisiert hatte – und ging trotzdem nicht auf diese Kämpfe ein. Lediglich am dritten Abend griff sie identitätspolitische Forderungen auf, in dem Versuch, mögliche theoretische Einsprüche zu antizipieren. Sie unternehme nicht den Versuch, diese Kämpfe in den Überbau zu verbannen. Und doch: Queere Identitätspolitik als versteckter Arbeitskampf, Homo- und Transfeindlichkeit als Ideologie, um kostenlose Sorgearbeit in der heterosexuellen Kernfamilie billig und verfügbar zu halten? So bleibt wenig Platz für Schwarze und Queere Identitätspolitik, abseits des Hauptwiderspruchs von Kapital und Arbeit.

Ihre Vorschläge zur Bildung eines neuen hegemonialen Blocks blieben durch diese Reduktion auf die Arbeit hinter Ansätzen zurück, die solche essentialisierenden Kategorien bereits überwunden hatten. So bezog sich Fraser sehr bewusst auf Gramsci und nicht auf Laclau und Mouffe, um am Klassenbegriff, der an Arbeit gekoppelt ist, festhalten zu können. Vorschläge wie eine solche Hegemonie tatsächlich vorangetrieben werden könnte, blieben indes aus. Die Forderung nach Anerkennung der unterschiedlichen Gesichter der Arbeit wurde mit keiner strategischen Vorgehensweise oder konkreten Vorschlägen verbunden. Wie ein politisch Imaginäres zu finden wäre, dass die tiefen, teils epistemischen Gräben von Rassismus, Sexismus und Klassismus zwischen weißen und männlichen Angehörigen der ehemaligen Arbeiterklasse und diversen urbanen progressiven – teilt man ihre Analyse – neoliberalen Milieus überwinden könnte, blieb unbeantwortet.

Trotzdem kam man nach diesen drei Abenden nicht umhin, die Hartnäckigkeit, mit der Nancy Fraser ihre Analyse des Kapitalismus als gesellschaftlicher Struktur vorantreibt, zu bewundern. Die Präzisierung der Ausbeutungsformen bietet für die politische Analyse des globalen Kapitalismus produktive Einsichten und Anknüpfungspunkte, besonders für Gewerkschaften und die neu erstarkte antikapitalistische Linke innerhalb der USA. Eine grundlegende philosophische Synthese zwischen Kapitalismuskritik und identitätspolitischer Anerkennungsforderung ist in diesem Rahmen nicht gelungen, wurde die eine Seite doch zu Gunsten der anderen aufgelöst. Das ist sehr schade, kann aber sicherlich als theoretische Arbeitsteilung zwischen materialistischer Kapitalismuskritik und konstruktivistisch-diskursiver Identitätspolitik aufgefasst werden. Denn nächstes Jahr übernimmt, wie am Ende von Rahel Jaeggi angekündigt, Sally Halslanger den Benjamin-Chair.

 

Jonas Lang studiert Politikwissenschaft in Freiburg und arbeitet am Lehrstuhl für Politische Philosophie, Theorie und Ideengeschichte.

Ein Kommentar zu “Gemeinsamer Arbeitskampf statt Identitätspolitik? Nancy Frasers Benjamin Lectures 2022

  1. Vielen Dank für die Zusammenfassung der Veranstaltung! Mich erstaunt die Selbstverständlichkeit, mit welcher linke Theoretikerinnen und Theoretiker den weißen heterosexuellen Mann für alle Übel der Welt verantwortlich machen. Ein gutes Beispiel bietet der folgende Satz:

    „Für Fraser scheiterten die Bewegungen an der Befürwortung des Vietnamkrieges durch die weiße männliche Mittelschicht und der daraus folgenden Entfremdung zwischen Lohnarbeitern, Schattenarbeitern und Sorgearbeiter*innen.“

    Weil also weiße Männer den Vietnamkrieg befürwortet haben, mochten Erwerbstätige, prekär Beschäftigte und Hausfrauen nicht mehr miteinander reden? Ad hoc wüsste ich nicht, wie man diese Kausalität plausibilisieren sollte. Innerhalb der linken politischen Theorie applaudiert man solchen Argumentationen mit einem Automatismus, der mir Sorgen macht.

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