CfP für Workshop „Narrative ökonomischer Ungleichheit“ (3. 12. 2019, NRW School of Governance, Universität Duisburg-Essen)

Für die NRW School of Governance an der Universität Duisburg-Essen organisieren zum 3.12.2019 Taylan Yildiz und Christopher Smith Ochoa den Workshop „Narrative ökonomischer Ungleichheit“ und rufen zur Beteiligung auf. Es werden Workshop-Beiträge aus der Politikwissenschaft und aus den benachbarten sozial- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen erbeten. Ferner sind Beiträge aus der politischen Praxis erwünscht.
Abstracts für Workshop-Beiträge zu einem oder mehreren der unten genannten Diskursfelder (max. 500 Wörter) sind bis 30. August 2019 und bei Annahme der Beiträge in ausgearbeiteter Form (max. 7.000 Wörter) bis zum 30. Oktober 2019 an Christopher Smith Ochoa (christopher.smith@uni-due.de) erbeten. Über die Annahme der Vorschläge wird bis zum 15. September informiert. Alle Beiträge werden den Teilnehmer*innen im Vorfeld des Workshops in einem Paperroom zur Verfügung gestellt. Anfallende Reisekosten (Bahn 2. Klasse, PKW) sowie Kosten für Unterkunft im üblichen Umfang werden von den Organisatoren übernommen. Es wird eine Publikation anvisiert.

Die Verteilung materieller Lebenschancen ist für die Legitimität moderner Gesellschaften von elementarer Bedeutung. Es existieren jedoch unterschiedliche Vorstellungen davon, ab wann Ungleichverteilungen illegitim werden und wie sie politisch anzugehen sind. Das macht es überaus schwierig, ein ‚objektives‘ Maß für die Beurteilung von Ungleichheitsfra-gen zu entwickeln und ‚kohärente‘ Maßnahmen auf den Weg zu bringen, die verhindern können, dass die Verteilung materieller Lebenschancen politisch virulent wird. Nicht zuletzt deshalb hat Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Shiller jüngst dafür plädiert, die gegenwär-tigen sozioökonomischen Fragen nicht nur mittels der Analyse von Makrodaten zu beant-worten, sondern sie auch aus der Perspektive der normativen Kontroversen zu betrachten, in die sie eingebettet sind. Ihn interessieren dabei besonders die kollektiven Erzählungen, mit-tels derer über die Legitimität oder Illegitimität ungleicher Verteilungen und ihrer zugrunde-liegenden Ursachen gestritten wird. Denn Menschen, so Shiller, denken und streiten schließ-lich eher in Erzählungen, als dass sie auf der Grundlage objektiver Informationen spieltheo-retisch modellierbare Kosten-Nutzen-Berechnungen durchführen würden und ihre Hand-lungsweisen allein nach solchen Ergebnissen ausrichten könnten. Ein ähnliches Plädoyer hatte zuletzt auch der französische Demokratietheoretiker Pierre Rosanvallon geäußert. An-gesichts ihrer aktuellen Performanzkrisen wären Demokratien gut beraten, eine narrative Form der Repräsentation auszubilden, wenn sie jenseits ihrer institutionellen Pfade der Le-gitimitätserzeugung noch eine soziale Bindungskraft ausstrahlen wollten.

Damit liegen zwei prominente Befürworter einer sozialwissenschaftlichen Narratologie vor, die aus völlig verschiedenen Theorietraditionen heraus die besondere Relevanz des Erzäh-lens betonen. Demnach treibt das Erzählen nicht nur die Wahrnehmung der materiellen Le-bensverhältnisse und damit auch die wirtschaftliche Dynamik eines Landes an. Sie struktu-riert auch die kollektive Suche nach politischen Optionen und wirkt so auf die politische Wirklichkeit. Der Antrieb für diese Hinwendungen zur Erzählung liegt allerdings nicht nur in der Logik akademischer Debatten. Sie beruht auch auf der Ausbreitung einer Krisendiagnose, wie sie unter dem Begriff des ‚postfaktischen Zeitalters’ verhandelt wird. Auch das trägt dazu bei, dass ‚Fakten’ nun als weitaus fragiler betrachtet werden als es bisher angenom-men wurde – nicht nur, weil sie unterschiedlich erzählt werden können, sondern auch, weil es der Wissenschaft offenbar schwer fällt, ein allgemein akzeptiertes Instrumentarium aus-zubilden, das Faktizitäten aufzudecken erlaubt ohne selbst auch auf narrative Formeln zu-rückzugreifen.

Vor diesem Hintergrund soll ein akademischer Workshop organisiert werden, in dem dar-über diskutieret wird, wie die sozioökonomischen Probleme des 21. Jahrhunderts in den ver-schiedenen Diskursfeldern der (deutschen) Politik erzählt werden, welche Erzählgemein-schaften den Diskurs vorantreiben, welche Optionen in diesen Konstellationen verhandelt werden und welche Möglichkeiten damit aus dem Spektrum der Kontroverse fallen. Schließ-lich interessiert uns auch, wie sich die Kontroverse im Kontext solch konkreter Ereignisse wie der Steuer-Leaks (Panama/Paradise Papers), der Veröffentlichung staatlicher Berichte (Armuts- und Reichtumsbericht) oder durch die journalistische Rezeption wissenschaftlicher Werke (Thomas Piketty’s Kapital im 21. Jahrhundert oder Oliver Nachtwey’s Die Abstiegsge-sellschaft) eigentlich gestaltet. Unsere Leitfragen sind dabei folgende:

Diskursfeld Politik:
• Wie wird ökonomische Ungleichheit in der Politik erzählt?
Diskursfeld Wissenschaft:
• Wie werden „Fakten“ erzählt? oder: Was erzählen die Daten?
Diskursfeld Publizistik:
• Welche Erzählungen lassen sich journalistisch gut weitererzählen und welche nicht?
Diskursfeld Politikberatung:
• Wie erzählen Politikberater*innen, wenn es darum geht, der Politik zu sagen, was zu tun ist?

ABLAUF DES WORKSHOPS
Nach einer Keynote sind insgesamt zwei Panels mit jeweils bis zu vier Teilnehmer*innen geplant. Pro Panelist*in stehen 10 Minuten Vortragszeit zur Verfügung. Anschließend wird in eine Diskussion zwischen den Panelist*innen sowie mit dem Publikum übergeleitet.
Der Workshop endet mit einer öffentlichen Podiumsdiskussion ab 18 Uhr mit renommierten Gästen aus Politik, Wissenschaft, Medien und Politikberatung.

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