Vor bald 200 Jahren unternahm ein französischer Aristokrat eine Reise in die damals noch jungen Vereinigten Staaten von Amerika. Er wollte das dortige Staatswesen studieren. 190 Jahre nach seinem Hauptwerk Über die Demokratie in Amerika sehen wir uns erneut mit Alexis de Tocquevilles zentraler Frage konfrontiert: Wie lässt sich Demokratie vor ihren eigenen, möglichen Exzessen bewahren? Und tatsächlich lassen sich krisenhafte Erscheinungen in Demokratien westlicher Prägung weltweit beobachten, nicht nur an konkreten politischen Entscheidungen wie Wahlen; sondern auch daran, wie der Demos als konstitutives Element Demokratie eigentlich wahrnimmt, also konkret als Krise der Legitimation. In der Umfrage Demokratie in der Vertrauenskrise der Körber-Stiftung sind die Befragten, die der Demokratie Vertrauen entgegenbringen, nur knapp in der Mehrheit. Weltweit können wir nicht erst in den vergangenen Jahren, sondern über Jahrzehnte hinweg beobachten, wie das Vertrauen in die (repräsentative!) Demokratie und in staatliche Institutionen allgemein sinkt. Unter anderem vor dem Hintergrund von Desinformation und Verschwörungsideologien zeigt sich das ganz aktuell in vielen Gesellschaften – nicht nur in demokratischen, doch letztere sind aufgrund ihrer direkten legitimatorischen Rückbindung an das Volk besonders anfällig für solche Legitimationskrisen.
Aktuelle Krisenphänomene waren auch der Aufhänger der Tagung Democracy in Crisis: Tocqueville’s Theory of Democracy and Its Relevance in the Age of (Global) De-Democratization, die Sarah Rebecca Strömel und Eva Helene Odzuck Ende Mai in Regensburg veranstalteten. In der auch in der Politikwissenschaft oft beschworenen Krise der Politik – oder zumindest der liberalen Demokratie – besinnen sich Teile der Politischen Theorie zurück auf Tocqueville: so sehen Levitsky und Ziblatt in den politischen Systemen Ungarns und Venezuelas Tocquevilles Angst vor einer Tyrannei der Mehrheit bestätigt. Wenngleich dieser erste Teil ihrer Analyse auch auf der Tocqueville-Tagung anschlussfähig wäre, bezieht außer einem Paper keiner der Tagungsbeiträge sich auf sie. Vielleicht ist der Grund dafür auch ihre ambivalente Haltung gegenüber den Schlussfolgerungen, die sich aus ihrer Interpretation des Bildes einer Tyrannei der Mehrheit ergeben. Denn sie sehen in der aktuellen US-Politik genau das Gegenteil sich den Weg bahnen: durch viele Schranken und nicht zuletzt die indirekte Präsident*innenwahl stelle sich hier vielmehr das Problem, dass die Wähler*innenmehrheit keine politische Mehrheit mehr erlangen könne. Sie warnen also vor einer Art überschießenden Reaktion des politischen Systems, einer Entdemokratisierung. In der Tradition Tocquevilles lassen sich Levitsky und Ziblatt dennoch lesen, da jener nicht nur eine Einhegung der Demokratie fordert, sondern bei allem immer auch Mäßigung.
Mäßigung und Ausgleich als politische Tugenden
Denn Tocqueville war stets um Ausgleich bemüht und findet sich in ideengeschichtlicher Rezeption oft zwischen den beiden Polen wieder, die wir aus der Liberalismus-Republikanismus-Debatte kennen. Als Verfechter liberaler Prinzipien, der – je nach Interpretation – seine aristokratischen Wurzeln nicht vollends hinter sich lassen kann oder aber gerade auf Basis seiner Betrachtung der amerikanischen Demokratie Instrumente vorschlägt, die ein Übermaß des Liberalismus verhindern wollen. Als „Demokrat, der sich Liberaler nennt“, bezeichnet ihn Skadi Krause so auch im Tocqueville-Handbuch. Daran anknüpfen wollte die Tagung und damit Rettungspotentiale genauer ergründen anstatt – wie Teile der zeitgenössischen Politikwissenschaft – in den Abgesang der liberalen Demokratietheorie einzustimmen.
So sind es auch die Stichworte Ausgleich und Moderation bzw. Mäßigung, die die gesamte Tagung in Regensburg durchziehen. Aurelian Crăiuţu beschreibt in seiner Keynote Tocqueville als „paradoxen Moderator“ zwischen den Extremen unserer Zeit. Er versuche den Ausgleich, wolle das Übermaß auf der einen Seite – heute liberal gelesen als Individualismus, Privatismus oder Atomismus – durch Werte wie Religion, Institutionen, Selbstregierung und Stärkung der Beteiligung vor Ort – eher republikanische Stichwörter – ausgleichen.
Alan S. Kahan stellte in seinem Vortrag Religion zwar auch als „strongest coping mechanism“ dar. Ausweislich seiner Präsentation möchte er Tocqueville im Hinblick auf seine Einstellung zu Religion einerseits und zu Nationalismus andererseits „korrigieren“. Denn er sieht in Religion und Patriotismus zwei aktuell weltweit virulente Auslöser von Populismus. Ihnen stellt er Kosmopolitismus und Pantheismus gegenüber – zwei Strömungen, gegenüber denen Tocqueville jeweils sehr skeptisch war. Die Auflösung dieses Widerstreits, der sich in westlichen Gesellschaften derzeit ganz offen beobachten lässt, überließ Kahan dem Demos – dem blanken Mehrheitswillen. Die Konferenz durfte über den Schluss seines noch zu veröffentlichenden Papers abstimmen. Dabei zeigte sie sich wenig gemäßigt und stimmte mehrheitlich für die von Kahan vorgeschlagene Lösung écrasez l’infâme, für die gnadenlose Bekämpfung des Populismus und seiner Erscheinungsformen.
„What distinguishes the demos from the demos down the road?“: Das Problem der demokratischen Legitimität
Statt einer Krise der Demokratie als solcher attestierte Thomas Osborne damit übereinstimmend vielmehr eine Krise des Liberalismus. Tocqueville, in seiner Selbstbeschreibung als „liberal of a new kind“, kann hier ein passender Ansprechpartner sein und bietet Anknüpfungspunkte an die – offensichtlich gar nicht so neue – Post-Liberalismus-Debatte. Während der Populismus ekstatisch „We are the people!“ ruft, fragt der Liberalismus verdruckst „Which people?“
Auch hier stellt sich also wie so oft in der Demokratietheorie die Frage nach der Identität des Demos; und damit zusammenhängend auch nach der Selbstidentität des Demos und der eigenen politischen Identität. „My opinion is me“ – beschreibt Osborne die Unmittelbarkeit von Meinung. Meinung als Eigenheit des Subjekts ist direkt und bedarf eigentlich keiner Vermittlung und Deliberation über Institutionen. Das erkennt der Populismus und versucht sich an einer Art Identitätspolitik direkter Repräsentation.
Was sich daran beobachten lässt, ist eine Identitätskrise, eine Krise des Demos. Zentrale Fragen („wessen Rechte?“, „wessen Gleichheit?“) werden offen debattiert. Anstatt diese Fragen jedoch konstruktiv politisch anzugehen, verstecken sich der Trumpismus und seine geistigen Geschwister hinter einer konservativen Identitätspolitik, in der es mehr um Personen (Crooked Hillary, Sleepy Joe) oder deren Kleidung (Selenskyis Auftreten ohne Anzug) geht, wie die Diskussion zu Osbornes Vortrag zeigte.
Tocquevilles Kritik am Privatismus und Aristokratisierung als Rettungsprogramm der Demokratie?
Diese Art der Hyperpolitik wurde auch in der Diskussion zu Sarah Rebecca Strömels Vortrag problematisiert. In ihrer Präsentation erkannte sie nämlich Chancen wie auch Risiken in neuen Medien und den dort genutzten Gefühlen und Leidenschaften, die solche Strukturdefekte der Demokratie verstärken, die aber auch demokratiefördernd genutzt werden können.
Die negativen Folgen des Individualismus, die Tocqueville sah, lassen sich nämlich durchaus ausgleichen. Demokratie kann so durch Demokratie eingeschränkt werden. Dabei ist sich Tocqueville schon vor fast 200 Jahren bewusst, dass Demokratie eben mehr bedeutet als nur Mehrheitsdiktatur, dass insbesondere genuin demokratische Werte sich auch widersprechen können. Auch in der zeitgenössischen politischen Theorie ist dieser Gedanke angekommen, etwa im antinomischen Demokratieverständnis, das Oliver Hidalgo aus seiner Tocqueville-Lektüre herleitet, in Pierre Rosanvallons Populismustheorie oder gerade in weiten Teilen der Republikanismus-Debatte der vergangenen Jahrzehnte.
„To love democracy is to love it with… moderation!“, stellte Aurelian Crăiuţu schließlich auch fest. Auch, nein eigentlich vielmehr: gerade demokratische Systeme bedürften demnach (mit Montesqieu) bestimmter hemmender Elemente als Schutz vor Populismus. Diese „mediating institutions“, so Keynote-Speaker Joshua Mitchell, hätten in ihrer Mittlerrolle tatsächlich eine Doppelfunktion: sie sind hierarchisch organisiert, so lernen wir in ihnen sowohl wie es ist, zu herrschen, als auch selbst beherrscht zu werden. Joshua Mitchell, hätten in ihrer Mittlerrolle tatsächlich eine Doppelfunktion: sie sind hierarchisch organisiert, so lernen wir in ihnen sowohl wie es ist, zu herrschen, als auch selbst beherrscht zu werden. Dafür sind gesellschaftliche Institutionen notwendig, ein Buch kann diese Erfahrung nicht ersetzen.
Dieses Bild gesellschaftlicher Zwischeninstitutionen als eine Art Transmissionsriemen der Macht ist anschaulich. Ob sich die Intermediäre in Tocquevilles Vorstellung tatsächlich in diesem Doppelsinn interpretieren lassen, ist aber fraglich. Vielmehr als solche, relativ offenen, Transmissionsriemen sollen es, so zeigen mehrere der Vorträge aristokratische Personen und Institutionen sein, die Werte wie Kultur, Bildung, Nachrichten, Gerechtigkeit vermitteln. Selbsterkenntnis durch die Ausübung eigener Herrschaft bleibt hier für die Massen also eher ein Wunschtraum als tatsächliches Programm in Tocquevilles Vorstellungen.
Parallelen finden wir eher zu Platons Philosophenkönigtum und Rancières Postdemokratie, beides technokratische Gebilde, gegen die die Menschen sich wohl wehren würden – wie Michael Drolet antizipierte – oder es (in der Form des Populismus als Gegenbewegung zur Postdemokratie) bereits tun. Ein aktuellerer, anschlussfähigerer – und Tocqueville auf Basis der Bedeutung der Mäßigung in seiner Theorie eher mit Aristoteles als dessen Lehrer Platon verbindender – Bezug findet sich in Patrick Deneens Konzept des „Aristopopulismus“. Jener zeichnet eine Allianz aus Arbeiterklasse und einer neuen, gemeinwohlorientierten Aristokratie nach.
Tocquevilles Frühwarnsystem für heutige Demokratien
Kann mit Tocqueville ein Autor, dessen Hauptwerk fast 200 Jahre alt ist und der seit weit über 150 Jahren tot ist, uns heute etwas Interessantes zum Zustand unserer Demokratie sagen? Tatsächlich wurde die Frage, inwieweit man historische Autor*innen im Sinne der Cambridge School und Quentin Skinners überhistorisch beanspruchen kann, im Laufe der Tagung zumindest einmal öffentlich gestellt. Doch wendet die Cambridge School sich nicht gegen eine Anwendung historischer Texte auf moderne Phänomene, sondern vor allem gegen die Konzeption überzeitlicher politischer Ideen und eine Kanonisierung dieser um ihrer selbst willen. Die Frage an ein Werk ist also, was es zu seiner Zeit und vor dem Hintergrund der historischen Umstände aussagen konnte und wollte. Das erlaubt auch die Übertragung historischer Ideen auf zeitgenössische Sachverhalte, solange dabei Anachronismen vermieden werden und solange sich diese Übertragung auf die historische Intention des Textes bezieht und aus dieser ihre Schlussfolgerungen zieht.
Befinden wir uns nun also – so wurde die Frage bei der Tagung aufgeworfen – nach 1835 und 1989, heute 2025 in einem dritten tocquevillianischen Moment? Tatsächlich könnte es sich hierbei um eine Überstrapazierung von Tocquevilles Denken oder einen Presentism handeln. Die Rede eines tocquevillianischen Moments scheint sprachlich verdächtig nahe an der Kanonisierung nicht nur von Tocquevilles Werk, sondern auch seiner ‘zeitlosen’ Idee, wie Demokratie (oder ihre Krisenhaftigkeit) auszusehen habe. Und auch bei eingehenderem Blick, ist die These nicht haltbar: Tocqueville selbst hätte mit dem Begriff eines tocquevillianischen Moments wohl wenig anfangen können und hätte die Beschreibung eines solchen Momentes auch nicht intendiert. Anstatt einen wichtigen Moment in der US-amerikanischen Demokratiegeschichte festhalten zu wollen, war sein Bezugspunkt vielmehr die französische Julimonarchie und der wiederaufkeimende Parlamentarismus in Frankreich. Die USA waren sein Referenzobjekt, aber Tocqueville hatte sich nicht bewusst einen Moment des geschichtlichen Umbruchs gewählt, um diesen zu beschreiben.
Tocqueville kann jedoch auch ohne solche Bezüge durchaus über das Jahr 1840, in dem der zweite Bande Über die Demokratie in Amerika erschien, hinaus gelesen werden. Crăiuţu hat gemeinsam mit Jeremy Jennings sogar versucht, einen hypothetischen dritten Band aus Tocquevilles Briefen und Texten nach 1840 zu destillieren.
Was im Laufe der Tagung klarer wurde: die Tocqueville-Interpretation kann auch heute noch Antworten auf wichtige politische und politiktheoretische Fragen unserer Zeit geben. Die Diagnosen, die er der frühen US-Demokratie schon 1835 und 1840 gestellt hat, können auch heute als Frühwarnsystem für Demokratien gelesen werden. Was Tocqueville als großes Problem einer Tyrannei der Mehrheit ausmachte, lässt sich heute in den Auswirkungen von Populismus und affektiver Polarisierung beobachten; seinen sanften Despotismus kann man in Formen der Algorithmic Governance wiederfinden; seine Kritik am Privatismus trifft heute in der Zeit tribalisierter Öffentlichkeiten und Filterblasen noch immer einen Nerv. Heutige Legitimationskrisen sind Erscheinungen, die er in ähnlicher Form bereits beobachtet oder antizipiert hat.
Abseits möglicher prognostischer Kompetenzen in seinem Werk, ist und bleibt Tocqueville auch aus Sicht der normativen Demokratiewissenschaft ein lesenswerter Autor, den nicht zuletzt gerade die Ambivalenz seines Werks auszeichnet. Als überzeugter Demokrat, der gleichzeitig einen Aristokratismus auch in seiner politischen Theorie zum Ausdruck bringt und als positives Korrektiv zum Mehrheitswillen setzt, eckt Tocqueville nicht nur bei liberalen und radikalen Demokratietheoretiker*innen an. Dennoch haben in der Vergangenheit Konservative, Liberale und auch Linke versucht, unterschiedliche Lehren aus seinem Werk zu ziehen. Seine Erkenntnisse zu den selbstzerstörerischen Kräften der Demokratie sind jedenfalls auch heute noch aktuell.
Stefan Christoph wurde 2024 an der Universität Regensburg mit einer Dissertation zum Thema Verschwörungsideologie und Demokratie promoviert. Derzeit ist er Postdoctoral Researcher am Lehrstuhl für Politikwissenschaft (Schwerpunkt Politische Theorie) der Universität Passau und forscht dort u. a. im Horizon-Projekt TaCT-FoRSED zur Bekämpfung von Verschwörungsideologien.
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