Mbembe liest Castoriadis: Notizen aus der Postkolonie

Rund fünfzig Jahre nach der Publikation von L’Institution imaginaire de la société (1975) erweist sich Cornelius Castoriadis Theorie des sozialen Imaginären als hilfreich: Der Begriff des Imaginären richtet unseren Blick auf Situationen, in denen vorgestellte Formen – soziale imaginäre Bedeutungen – jede einfache Unterscheidung zwischen „wahr“ und „falsch“ in Frage stellen. Anstatt das Imaginäre auf ein bloßes Abbild einer vermeintlich tiefgründigeren, „wahren“ Realität zu reduzieren, erlaubt Castoriadis’ philosophischer Ansatz, gesellschaftliche Institutionen im Lichte unserer lebensweltlichen Erfahrungen zu verstehen und ernst zu nehmen. Mittlerweile gibt es Arbeiten über das städtische, ländliche, religiöse, wissenschaftliche und viele weitere „Imaginäre“, die jeweils einem spezifischen sozialen Kontext angehören; Castoriadis’ Werk hat einen bleibenden Einfluss auf zahlreiche Versuche gehabt, die imaginären und zugleich erlebten Welten lokaler und nationaler Gemeinschaften begrifflich zu erfassen, in allen Ecken des Planeten. Dieser Einfluss könnte gleichwohl noch größer sein, da Castoriadis erst in der jüngsten Forschung wieder ins Blickfeld der philosophischen und sozialwissenschaftlichen Debatten gerückt worden ist. Doch die Entrechtung des „Imaginären“ in der westlichen Philosophie-Tradition bestimmt nach wie vor unsere ererbten Epistemologien. Einer der wichtigsten Beiträge Castoriadis bleibt daher von ungebrochener Aktualität: der „Übergang vom Paradigma der Einbildungskraft als individueller Fakultät zum Paradigma des Imaginären als sozialer Kontext“, oder „vom Subjekt-bezogenen zu einem Kontext-bezogenen Forschungsparadigma“, wie Chiara Bottici es formuliert hat. Diese schwierige theoretische Bewegung kann nach wie vor wichtige Beiträge zu aktuellen Debatten über disziplinäre Grenzen hinweg leisten und sie ist, wie ich beispielhaft zeigen möchte, in verschiedenste Richtungen bereits aufgegriffen worden.

Eine solche Richtung findet sich in Achille Mbembes Schriften zur Instituierung von Gesellschaft durch Kolonialismus und dem Nachleben kolonialer Bedeutungen in jenem Sinnzusammenhang, den er „Postkolonie“ nennt. Mbembe ist dem Denken Castoriadis’ zunächst in seiner „philosophischen Ausbildung in den französischen Traditionen des intellektuellen Lebens der Nachkriegszeit“ begegnet und er benennt Castoriadis als einen Einfluss auf seine Schrift De la Postcolonie, essai sur l’imagination politique dans l’Afrique contemporaine. In dieser Arbeit verwendet Mbembe den Begriff der „soziale imaginären Bedeutungen“ um Afrika als eine Form zu deuten, die keinesfalls von afrikanischen Gesellschaften hervorgebracht worden sei (denn es gab schlichtweg kein „Afrika“ vor der Kolonisierung); Afrika sei eine „Bedeutungswelt“, die Teil jenes „Universums“ sei, welches „der Westen für sich selbst konstituiert hat“. Doch aufbauend auf Castoriadis sieht Mbembe die imaginierte Natur von Formen, die in kolonialen Machtbeziehungen geschaffen und erzwungen worden sind (inklusive der imaginierten Form „Rasse“) als Anhaltspunkt für ihre Falschheit oder ihren Mangel an Wirklichkeit. Natürlich, würde Castoriadis sagen, ist das, was wirklich ist, zunächst vorgestellt und nicht-wirklich gewesen; doch die Institution von Gesellschaft ist zugleich die Institution dessen, was Menschen innerhalb dieser Gesellschaft in ihrem Alltag überhaupt erst als wirklich oder unwirklich erleben, als wahr oder falsch, notwendig oder unmöglich. „Rasse“ und andere koloniale Bedeutungsformen sind keine Irrtümer, die fälschlich für wahr gehalten würden; sie sind wahr gemacht worden für all jene Menschen, die innerhalb des kolonialen sozialen Imaginären gelebt haben und nach wie vor leben. Keine Aufklärungsarbeit war jemals in der Lage, diese imaginären Formen als bloß irrige Repräsentationen zu entlarven: als ein Aberglaube, den die Leute hatten, bevor der „Fortschritt“ irgendwann vorbei kam. Für Mbembe wie für Castoriadis bleiben imaginäre Formen operativ, jenseits von Wahrheit und Illusion.

Kolonisierung ist daher nicht als eine Herrschaft des Scheins über die Wirklichkeit zu verstehen, sondern als eine brutale Transformation des Imaginären und dessen, was in afrikanischen Gesellschaft als wirklich erlebt worden ist. Wie bereits angedeutet ist Castoriadis’ Denkbewegung keineswegs unkontrovers, aber sie erscheint fundamental für jedes ernsthafte Verständnis des Verständnis und dem Hervorbringen von Rasse, selbst wenn wir diese Bewegung in mehr oder weniger stark veränderter Weise vollziehen als Castoriadis es selbst. Ein solches Neudenken der castoriadischen Denkbewegung erscheint umso dringlicher, wenn wir Castoriadis’ eigenes Versagen berücksichtigen, provinzielle Formen der politischen Vorstellungskraft hinter sich zu lassen. Im Fall von Mbembe hängt die Verwendung castoriadischer Begriffe von einer Ausweitung dessen ab, was wir als die „Bühne“ (la scène) von Institution verstehen: Die Lebenswirklichkeit in der Kolonie entspringt ihrer Beziehung zu anderen Gesellschaften, was bedeutet, dass bereits instituierte europäische Gesellschaften „Afrika“ als ihr Anderes instituiert haben und dies innerhalb eines neuen „Systems zur Interpretation der Welt“, welches auf der anderen Seite der Beziehung auf unterschiedliche, d. h. hierarchisierte Weise erlebt wird. Falls, wie Castoriadis behauptet, ein solches System immer auch zugleich irgendeine Form von Selbstrepräsentation beinhaltet, die einer Gesellschaft eine imaginäre Einheit und Geschlossenheit ermöglicht, wer ist das dann Subjekt dieser Selbstrepräsentation? Die Kolonisierten leben in einer Situation extremer Heteronomie, da sie nicht die Autor:innen jener Bilder waren, die ihnen anfänglich verfügbar gemacht worden sind. Es sind die Kolonisator:innen, die gerade dadurch für ihr Selbstbild einen gewissen Zusammenhalt erlangen, indem sie ihm ein radikal Anderes entgegensetzen. Daraus folgt, dass koloniale imaginäre Bedeutungen nicht nur in den Kolonien zu finden wären: Auch und vielleicht besonders „der Westen“ ist ein Produkt der imaginären Institution kolonialer Ordnung.

Aber damit ist die Geschichte noch nicht am Ende. Die Kolonisierung von Afrikaner:innen erzeugt ethische und politische Dilemmata, die im Kampf der Kolonisierten um Autonomie ausgehandelt werden. Dies betrifft nicht nur die fremde Herkunft kolonialer Bedeutungen, sondern auch die Tatsache, dass die Herrschaft über koloniale Subjekte gerade dadurch stabilisiert worden ist, indem sie diese Bedeutungen dem Alltagsleben als normal und sogar wünschenswert einschreiben konnte. Mbembe versteht diese Subjektivierung der kolonisierten „Eingeborenen“ durch ihr eigenes Begehren als das wahre Geheimnis des kolonialen Erfolgs: als ihr „assujettissement“ im doppelten Sinne ihrer negativen Unterwerfung (subjection) und der positiven Hervorbringen kolonisierter Subjekte (subjectivation). In dieser Hinsicht können De la Postcolonie genauso wie spätere Werke – Nécropolitique, Sortir de la grand nuit, Critique de la raison nègre, Politiques de l’inimitié und Brutalisme – im Lichte von Mbembes Bemühungen gelesen werden, die bleibenden Effekte einer Familiarisierung kolonialer Herrschaft „in der Folge des Kolonialismus im engeren Sinn“ zu verstehen. Diese Familiarisierung zeigt sich u.a. darin, dass die Postkolonie einen „Kampf zwischen Vater und Sohn“ (dem Siedler und dem Eingeborenen) in eine „Gewalt zwischen ‚Brüdern‘“überführt hat und zugleich Gesellschaften der Feindschaft erzeugt worden sind, die eine vormals koloniale Gewalt gegen schwarze Menschen auf Nicht-Schwarze und Nicht-Afrikaner:innen ausweitet: Ein Prozess, den Mbembe als das „Schwarzwerden der Welt“ deutet. Obgleich Castoriadis in diesen jüngeren Arbeiten nicht mehr explizit genannt wird, so werden Leser:innen von L’Institution imaginaire de la société den Einfluss seines theoretischen Vokabulars in Mbembes Auseinandersetzung mit dem Imaginären unschwer wiedererkennen.

Mbembe ermöglicht uns eine neue Perspektive auf die Bewegung von Sinngebung, die in der Instituierung von Gesellschaft besteht: auf die Quellen ihrer zahlreichen Bedeutungsformen und die Art und Weise, wie sie – in Umlauf gebracht, auferlegt und mit lokalen Bedeutungen verwoben – nach und nach ihre Sonderbarkeit verlieren und schließlich zur Norm gerinnen. So wird sichtbar, wie bereits in Europa gefertigte und kristallisierte Formen auf anderen Kontinenten gewaltsam hervorgebracht worden sind. Koloniale Unternehmungen und Kriege haben die Bedeutungen von Grenzen, Nationen, Kollektiven, Beziehungen und zahlreiche nicht-physische Entitäten radikalen Veränderungen unterzogen. Dabei sind es gerade solche imaginäre Bedeutungen, die die Wirklichkeit, so wie wir sie erleben, überhaupt erst hervorbringen. Castoriadis wichtige Intervention liegt darin, die philosophische Entrechtung des Imaginären (ihrerseits eine Erbschaft frühmoderner Epistemologien) zu überwinden, um der zentralen Stellung imaginärer Bedeutungen für unser Leben gerecht werden zu können. Wie Mbembes Werk zeigt, eröffnet Castoriadis neue Wege zu einem produktiven Verständnis von Schöpfung und Institution, die wiederum für die Analyse der sozial-historischen Dynamiken des Kolonialismus fruchtbar gemacht und angepasst werden können. Das Nachleben einer vergangen geglaubten kolonialen Herrschaft erweist sich damit als ein organisiertes Wechselspiel des Vorkolonialen, Kolonialen und Postkolonialen im Imaginären zeitgenössischer Gesellschaften.

Victor Galdino ist Lehrbeauftragter in Philosophie an der Universidade Federal do Rio de Janeiro (UFRJ), Brasilien. Er hat in Philosophie an der UFRJ zum politischen Imaginären bei Castoriadis und Jacques Rancière im Spiegel dekolonialer/postkolonialer Theorie promoviert und ist ausgebildeter Psychoanalytiker (Corpo Freudiano). Seine Forschung beschäftigt sich mit dem sozialen Imaginären und politischer Vorstellungskraft, Fragen von Identität und Subjektivität, dem Erbe des Kolonialismus und der Phänomenologie von Rasse, Marronage und widerständigen Politik -Formen sowie meta-philosophischen Fragen bezüglich des Gebrauchs von Sprache. Er ist Mitglied des Forschungslabors Filosofias do Tempo do Agora (Lafita/UFRJ).

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