Frantz Fanon ist zu einem bedeutenden Referenzautor kritischer Theoriebildung geworden. Ist sein Denken in der deutschsprachigen Debatte lange Zeit vorrangig in der Interpretationslinie des Postkolonialismus verhandelt worden (Kerner 2015; Kerner 2021; Ehrmann 2014; Thompson 2015), lässt sich gegenwärtig eine vertiefte Rezeption in der politischen Philosophie und Theorie feststellen. Zwei Diskurse lassen sich dabei hervorheben: Fanons eindringliche Analysen der kolonialen Kontinuitäten haben sich zum einen als äußerst anschlussfähig an Radikale Demokratietheorien erwiesen, insofern seine antikoloniale Widerstandstheorie an die Forderung einer „Politisierung des Volkes“ (Fanon 1966, 154) geknüpft ist. Zum anderen hat Fanon mit seinen erfahrungsgesättigten Denkfiguren und -motiven die politische Phänomenologie geprägt. (mehr …)
Kolonialismus
Fanon Schwerpunkt: Soziogenese und das Genre des Menschseins. Sylvia Wynter als Leserin Frantz Fanons
Isn’t it such a tragedy, what has been done to Fanon’s name? In the 1980s especially, when Fanon is revisited in academia in the West, it’s a real moment of… ignorant exploitation.
SYLVIA WYNTER:
An ignorant exploitation – to take what he had said into the terms of this Western system of knowledge…
PROUD FLESH:
That’s why they’re only interested in just a few pages of Black Skin, White Masks (1952).
SYLVIA WYNTER:
But they don’t want to go to the fundamental issue. Once he has said ontogeny-and-sociogeny, every discipline you’re practicing ceases to exist.
Frantz Fanons Denken war der Universität seit jeher verdächtig. Seine Qualifikationsarbeit in Medizin, 1951 unter dem Titel „Versuch über die Aufhebung der Entfremdung des Schwarzen“ eingereicht, wurde mit der Begründung abgelehnt, sie genüge wissenschaftlichen Standards nicht. Nachdem Fanon seinen Doktortitel mit einer in nur zwei Wochen abgefassten Arbeit über die Friedreich-Ataxie, eine neurologische Erkrankung mit psychopathologischen Folgen, erlangt hat, erscheint die abgelehnte Arbeit 1952 – Fanon ist gerade 27 Jahre alt – im renommierten Verlag Seuil, mit einem vom Verleger Francis Jeanson vorgeschlagenen Titel. Schwarze Haut, weiße Masken wird in den folgenden Jahrzehnten in die verschiedensten Sprachen übersetzt und erlebt eine globale Wirkungsgeschichte. (mehr …)
Fanon Schwerpunkt: Erkenntnis und Ausschluss: Fanons politische Theorisierung der gelebten Rassismuserfahrung
Frantz Fanon entwickelt im fünften Kapitel, Die erlebte Erfahrung des Schwarzen, des 1952 erschienenen Schwarze Haut, Weiße Masken (SHWM) eine existenzielle Erkenntniskategorie körperlich-sozialer Verfasstheit des rassifizierten Subjekts, die werksübergreifend als Schlüsselmoment seiner Auseinandersetzung mit kolonialem Rassismus zu verstehen ist. Erlebte Erfahrung, so aus der aktellen Übersetzung des französischen Titels L’expérience vécue du Noir – treffender ist gelebte Erfahrung, was verdeutlicht, dass Erfahrung nicht passiv erlebt wird, sondern leiblich durchdrungen ist. Der Körper wird nicht nur als rassifiziertes Objekt adressiert, sondern ist das Medium, durch das die koloniale Gewalt direkt vermittelt wird, worauf er psychisch und physisch reagiert.
Das Kapitel ist ein Plädoyer für eine Phänomenologie des Politischen, die race und das Spektrum von der rassifizierten Alltagserfahrung, so wie dem rassistischen Polizieren oder in sozialen Institutionen, wie der forensischen Psychiatrie, wo schwarze Körper als verdächtig gelesen werden, bis hin zur kolonialen Gewalt der postimperialen big politics, zum Ausgangspunkt nimmt. Fanon entfaltet in seinem Bericht leiblich-existenzieller Rassismuserfahrung, ergänzt durch seine Beobachtungen als Philosoph und Arzt in der kolonialen Psychiatrie, eine Kritik an Konzepten der Subjektivität, Anerkennung und Freiheit, die auch für die normative politischen Theorie zentral sind. Dieser politisch-phänomenologische Theoriezugang bietet an, Rassismus nicht nur als Ideologie oder System zu erforschen, sondern an rassifizierte Realitäten zurückzubinden. (mehr …)
Fanon Schwerpunkt: Der Arzt als Theoretiker: Frantz Fanon und die traumatisierenden Folgen des Kolonialismus
Frantz Fanon war kein Politiktheoretiker im engeren, akademischen Sinne. Dennoch hat er in seinem in Jahren kurzen, an Erfahrungen reichen Leben – er starb bereits im Alter von 36 – eine ganze Reihe von Texten verfasst, die der Politischen Theorie (ebenso wie der Welt) noch heute viel zu sagen haben. Das hat zwei Gründe. Zum einen hat Fanon Themen in den Mittelpunkt seiner theoretischen Auseinandersetzungen gerückt, die in der Politikwissenschaft zu Unrecht noch immer ein Nischendasein fristen: Die Auswirkungen von strukturellem Rassismus etwa und die zentralen Mechanismen und Nachwirkungen kolonialer Regierungsformen. Zum anderen sind seine Texte nicht nur von einer enormen Weitsicht geprägt, sondern zudem von einem kritischen Zugang im besten Sinne. Denn Fanon legte zum einen scharfe Diagnosen der kolonialen Welt vor, in der er lebte. Zugleich sind seine Schriften immer auch von einer selbstreflexiven Haltung geprägt. Dies gilt bezogen auf ihn selbst, wenn er autobiographisch schreibt, und mit Blick auf sein eigenes politisches Lager, wenn er gesellschaftskritisch analysiert und argumentiert. Allein schon die skizzierte Kombination ist ungewöhnlich – zumindest in der akademischen Politischen Theorie. (mehr …)
CfP: Theorien und Politiken der Zeit (Femina Politica)
Für ihr im nächsten Jahr erscheinendes Special Issue zum Thema „Theorien und Politiken der Zeit“ ist die Femina Politica. Zeitschrift für feministische Politikwissenschaft auf der Suche nach Beiträgen. Das Special Issue widmet sich dem Thema Zeit und Politik aus einer feministisch-politikwissenschaftlichen Perspektive im Kontext wachsender sozialer und ökonomischer Ungleichheit und multipler Krisen. Der Fokus liegt auf den theoretischen Grundlagen von Zeit, Politik und Geschlecht sowie auf den Bedingungen und Folgen von Zeitpolitiken aus feministischer Perspektive. Eingeladen sind theoretische, konzeptionelle und empirische Beiträge. Mögliche thematische Schwerpunkte sind feministische zeittheoretische und zeitpolitische Perspektiven auf soziale und/oder ökologische Re_Produktionsprozesse, Sorgeverhältnisse, Partizipation und Demokratie, Kolonialität, Ableismus, Heteronormativität, Zeit und Raum oder widerständige feministische Praktiken.
Der Schwerpunkt wird bereut von Friederike Beier und Hanna Völkle. Sie bitten um die Zusendung von ein- bis zweiseitige Abstracts per Mail. Einsendeschluss ist der 30. November 2025. Weitere Informationen finden sich im ausführlichen Call.
Vortrag anlässlich der Ausstellung „Kant & Königsberg“: „Kants Kritik der Urteilskraft im Kontext des Kolonialkapitalismus“ von Ruth Sonderegger (15.05., Frankfurt/Oder)
Anlässlich der Ausstellung „Kant & Königsberg“ an der Europa-Universität Viadrina findet am 15.05.2025 von 13-14 Uhr mit anschließender Diskussion ein Vortrag von Ruth Sonderegger (Akademie der bildenden Künste, Wien) statt, der die viel diskutierte Frage von „Kants Kritik der Urteilskraft im Kontext des Kolonialkapitalismus“ zunächst beleuchtet und dann eine alternative Subjektkonzeption „eines sich entsubjektivierenden Subjekts“ entwirft. Vortrag und Diskussion finden an der Europa-Universität Viadrina, Europaplatz 1, GD 05 statt. Ein Abstract und alle weiteren Informationen finden sich auf der Seite der einladenden Professur für Kulturphilosophie/Philosophie der Kulturen.
„Der lange Weg zum Weltfrieden“ (Vortrag/Lesung, Münster)
Am kommenden Freitag, den 14. Juni 2024, laden das Exzellenzcluster „Religion und Politik“ und das Philosophische Seminar der Uni Münster unter dem Titel „Der lange Weg zum Weltfrieden: Kant >> Völkerbund >> Weltbürgerrecht“ von 18.00 bis 20.00 Uhr zu einer Vortragsveranstaltung mit Lesung und Diskussion. Anlässlich des 300. Geburtstags Immanuel Kants steht Kants Schrift „Zum ewigen Frieden“ (1795) im Mittelpunkt, die die Gründung des Völkerbunds und anderer Staatenbündnisse inspirierte. Da wir vom Weltfrieden allerdings heute dennoch weit entfernt sind, stehen die Fragen zur Debatte: Waren Kants Ideen etwa falsch? Oder wurde er nur nicht genau genug gelesen? Darüber diskutieren Oliver Eberl (Marburg) und Matthias Hoesch (Münster), die Schauspielerin Cornelia Kupferschmid liest aus Kants Texten.
Standesgemäß findet die Veranstaltung statt in der Rüstkammer des Historischen Rathauses Münster, Prinzipalmarkt 6-7. Sie ist Teil der Reihe „Kant get you out of my head“. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung ist nicht erforderlich und alle Fußballfans schaffen es im Anschluss auch noch rechtzeitig zum EM-Auftaktspiel Deutschland gegen Schottland.
Gebündelt gibt es alle Infos auf der Webseite https://www.uni-muenster.de/Kant2024/event/20240614_friedensschrift.html.
Konferenz „Belligerent Accumulation“ (Frankfurt/Oder)
Vom 23.-25.5.2024 findet an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) eine internationale Konferenz zum Thema „Belligerent Accumulation. Natural Right, Valorization, and Aesthetics in Colonial Modernity. Histories – Transformations – Resistances“ statt. Die von Katja Diefenbach, Ruth Sonderegger und Pablo Valdivia organisierte Konferenz untersucht die Konstituierung der kolonialen Moderne durch die Linse ihrer philosophischen Rechtfertigungen. Sie untersucht die epistemische Gewalt der europäischen Philosophie und ihre koloniale Verbreitung zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert, wobei der Schwerpunkt auf den politischen, juristischen, ökonomischen und ästhetischen Diskursen und ihren zahlreichen Verflechtungen liegt. Der Begriff der „belligerent accumulation“ wird als Antwort auf die Notwendigkeit einer kritischen Neubewertung und Dekolonisierung der Konzepte von historischer Zeit, Handlung und Universalität eingeführt, um eine Transformation unserer historiographischen, philosophischen und politischen Praktiken zu ermöglichen. Alle detaillierten Informationen zu Programm, Inhalt und Anmeldung finden sich hier.
Demokratietheorie und die methodologischen Herausforderungen postkolonialer Kritik. Eine Antwort auf Floris Biskamp
In seinem inspirierenden Beitrag „Postkolonialität und die Methodologie normativer politischer Theorie“ denkt Floris Biskamp ausgehend von meinem Aufsatz „Zur Kolonialität der liberalen Demokratie“ darüber nach, welche methodologischen Implikationen sich aus der dort präsentierten Zusammenstellung unterschiedlicher postkolonialer Theorieperspektiven auf Demokratie ergeben – und zwar für die normative politische Theorie. Biskamp kommt zu einem zweigliedrigen Programm: zum einen „postkoloniale Ideologiekritik“, eine ideologiekritische Reflexion der Praxisimplikationen politiktheoretisch als legitim ausgewiesener Normen; zum anderen „plurale theoretische Diskurse“ über die gegebene Vielfalt normativer, hier v.a. demokratischer Ordnungen. Die postkoloniale Ideologiekritik ist inspiriert vom Verweis auf zwei Aspekte der Kolonialität, d.h. eingeschriebener kolonialer Machtstrukturen der liberalen Demokratie. Dabei handelt es sich zum einen um strukturellen Rassismus (in meinem Aufsatz argumentiert unter Rekurs auf Arbeiten von Achille Mbembe) und zum anderen um die Stützung von Freihandelsimperialismus (argumentiert mit Bezug auf Texte von James Tully). Ich komme weiter unten auf beide Aspekte zurück. Die vorgeschlagene Strategie der diskursiven Pluralisierung reagiert zum einen auf Iris Marion Youngs Arbeit über die beschwiegenen indigenen Einflüsse auf das US-amerikanische Föderalismusverständnis und zum anderen auf eine politikethnologische Studie von Jean und John Comaroff über die mangelnde Passförmigkeit des Mehrparteiensystems im unabhängigen Botswana. Mangelnde Passförmigkeit verweist hier darauf, dass dieses System nicht gut zur demokratischen politischen Kultur im Land passte, da sich diese im Zusammenhang eines deutlich anders funktionierenden politischen Systems etabliert hatte. In beiden Fällen, beim US-amerikanischen Föderalismus wie auch bei der real existierenden Mehrparteiendemokratie in Botswana, hat man es in gewissem Sinne mit hybriden Demokratieformen zu tun: in den USA verschmolzen indigene und europäische Ideen zu einem Modell (bezeichnenderweise einem Modell, das die indigenen Einflüsse negierte und die indigene Bevölkerung in der Umsetzungspraxis weitgehend ausschloss), in Botswana funktionierte ein europäisches Modell aufgrund lokaler Kontextbedingungen anders als erwartet.
Bis auf fünf Punkte – zwei kleine und drei etwas grundlegendere –, die im Folgenden textchronologisch genannt seien, folge ich Biskamps instruktiven Ausführungen gerne. Danach allerdings werde ich die Frage aufwerfen, wie sinnvoll es ist, die methodologischen Potentiale des Dargestellten auf die normative Demokratietheorie (als den in diesem Zusammenhang relevanten Teilbereich der von Biskamp ins Spiel gebrachten normativen politische Theorie) zu beschränken. Aber zunächst zu den besagten fünf Punkten. (mehr …)
Tagung: Geisteswissenschaften – Eurozentrismus – Kritik (19.-23.07.2022, Berlin)
Unter dem Titel „Geisteswissenschaften – Eurozentrismus – Kritik“ findet vom 19. bis 23. Juli 2022 an der Akademie der Wissenschaften Berlin (Leibniz-Saal, Markgrafenstr. 38), eine vom Reinhart-Koselleck-Projekt „Geschichten der Philosophie in globaler Perspektive“ und dem „Herder-Kolleg – Zentrum für transdisziplinäre Kulturforschung“ der Universität Hildesheim organisierte Tagung statt.
Zentrale Themen der Tagung sind Prozesse, Herausforderungen und Schwierigkeiten der Dekolonisierung der Geisteswissenschaften (wie der Philosophie, der Pädagogik, der Kulturpolitik, der Ästhetik oder auch der feministischen Theorie). Fragen des Umgangs mit den Auswirkungen von Rassismus und Kolonialismus auf die Geisteswissenschaften und Künste werden kritisch reflektiert, um ein Bewusstsein für akademische Marginalisierungspraktiken zu schaffen. Programm und alle weiteren Informationen finden sich hier. Um Anmeldung an koselleck(at)uni-hildesheim.de wird gebeten.
Neueste Kommentare