Vor kurzem wurde die Junius Einführungsreihe durch einen weiteren Band bereichert: „Dekoloniale Theorien“ von Frederik Schulze und Philipp Wolfesberger. Ist der Begriff der postkolonialen Theorien nun schon seit längerer Zeit Bestandteil der Diskussionen in der politischen Theorie – einschlägige Einführungen wurden bereits 2015 durch María do Mar Castro Varela/Nikita Dhawan oder 2021 durch Ina Kerner vorgelegt –, so geistert der Begriff der Dekolonialität wohl erst seit kurzem umher. Einführungsliteratur war zu dem Thema bisher eher dünn gesät. Ausnahmen bilden dabei der Sammelband Kolonialität der Macht (2013), herausgegeben von Pablo Quintero und Sebastian Garbe sowie die Monografie Dekolonialistische Theorie aus Lateinamerika (2022) von Jens Kastner. Mit der Einführung bei Junius liegt nun ein handlicher Überblick vor, der Ausgangspunkt für ein erstes Kennenlernen, aber auch für eine tiefergehende Beschäftigung mit dekolonialen Theorien sein kann. (mehr …)
Dekoloniale Theorie
Fanon Schwerpunkt: Zur Aktualität Fanons in Zeiten faschistischer Konjunkturen
Mit Fanon wird in diesem Jahr einer der bekanntesten und schillerndsten anti-kolonialen Revolutionäre und Theoretiker 100 Jahre alt. Obwohl der Psychiater, der 1956 von seinem Posten als Chefarzt der Klinik Blida-Joinville zurücktrat, um sich der algerischen Befreiungsbewegung gegen die Kolonialmacht Frankreich anzuschließen, aufgrund einer Leukämie-Erkrankung nur 36 Jahre alt wurde, hinterlässt er ein beachtliches Werk: drei Monographien, einen Band mit Texten und Briefen zur Afrikanischen Revolution sowie mehrere Theaterstücke und psychologische Betrachtungen.
Fanons Arbeiten, die sich nur schwer in ein „Früh“- und „Spätwerk“ unterteilen lassen, obwohl sie doch für unterschiedliche Phasen, politische Prozesse und damit auch theoretische Prämissen in Fanons Leben stehen, sind vor allem durch seinen radikal-universalistischen Anspruch, seinen Anti-Kolonialismus, seine affirmativ-kritischen Revisionen des Marxismus, den phänomenologischen Ansatz und eine stete Auseinandersetzung mit den psychologischen Dimensionen kolonialer Ausbeutung, Unterdrückung und Herrschaft charakterisiert.
CfP: Theorien und Politiken der Zeit (Femina Politica)
Für ihr im nächsten Jahr erscheinendes Special Issue zum Thema „Theorien und Politiken der Zeit“ ist die Femina Politica. Zeitschrift für feministische Politikwissenschaft auf der Suche nach Beiträgen. Das Special Issue widmet sich dem Thema Zeit und Politik aus einer feministisch-politikwissenschaftlichen Perspektive im Kontext wachsender sozialer und ökonomischer Ungleichheit und multipler Krisen. Der Fokus liegt auf den theoretischen Grundlagen von Zeit, Politik und Geschlecht sowie auf den Bedingungen und Folgen von Zeitpolitiken aus feministischer Perspektive. Eingeladen sind theoretische, konzeptionelle und empirische Beiträge. Mögliche thematische Schwerpunkte sind feministische zeittheoretische und zeitpolitische Perspektiven auf soziale und/oder ökologische Re_Produktionsprozesse, Sorgeverhältnisse, Partizipation und Demokratie, Kolonialität, Ableismus, Heteronormativität, Zeit und Raum oder widerständige feministische Praktiken.
Der Schwerpunkt wird bereut von Friederike Beier und Hanna Völkle. Sie bitten um die Zusendung von ein- bis zweiseitige Abstracts per Mail. Einsendeschluss ist der 30. November 2025. Weitere Informationen finden sich im ausführlichen Call.
Internationales Symposium: „Fanon heute– Kämpfe der Gegenwart und theoretische Perspektiven“
Zum diesjährigen 100. Geburtstag von Frantz Fanon wird vom 22. bis 23. Juli 2025 in Berlin ein Internationales Symposium zu seinem Denken stattfinden, organisiert von Robin Celikates (FU Berlin), Vanessa E. Thompson (Queen’s University Kingston) und Raul Zelik (Tageszeitung nd), mit dem Titel „Fanon Today. Contemporary Struggles and Theoretical Perspectives“. Es gilt dabei die Aktualität von Fanon zu beleuchten und seine Relevanz, auch für die Arbeit der Politischen Theorie, einzufangen. Thematisch wird es u.a. Beiträge zu Fragen des Post/De/Neo/Anti-Kolonialismus, Marxismus, Gewalt, Migration und (Anti-)Faschismus geben.
Die Veranstaltung findet auf englisch statt und wird ins Deutsche gedolmetscht. Weitere Informationen sind hier und hier zu finden.
Konferenz „After Autonomy: Toward a Decolonial Aesthetics and the Question of Minor Relationalities“ (Wien)
Vom 26.-27.09.2024 findet in der Akademie der bildenden Künste in Wien eine Konferenz zum Thema „After Autonomy: Toward a Decolonial Aesthetics and the Question of Minor Relationalities“ statt. Die von Katja Diefenbach, Çiğdem Inan, Ruth Sonderegger und Pablo Valdivia Orozco organisierte Konferenz widmet sich der Frage, welches soziale und politische Potenzial ästhetischen Praktiken innewohnt, um der vielfältigen Gewalt des racial capitalism zu widerstehen. Die These der Konferenz ist, dass philosophische Reflexionen über Alternativen zur kolonial-kapitalistischen Gesellschaft auch Konzepte des An/Ästhetischen, Un/Sinnlichen und Un/Wahrnehmbaren betrachten müssen. Gleichzeitig gilt es, die höchst ambivalente und gewaltgeschichtliche Rolle zu reflektieren, die der Diskurs der westlichen Ästhetik bei der Konstituierung und Rechtfertigung kolonial-kapitalistischer Nationalstaaten und ihrer Subjektivierungsdynamiken gespielt hat. Das Konferenzprogramm ist hier einsehbar. Wer teilnehmen möchte, soll sich vorab anmelden unter valdivia@europa-uni.de.
Vortrag: „Unpayable Debt“ und „Future Perfect“ mit Denise Ferreira da Silva (Berlin)
Die Theoretikerin und Künstlerin Denise Ferreira da Silva spricht am 25.06. und 30.06. in Berlin über ihr kommendes Buch Unpayable Debt und die darin vertretene „poethische“ Perspektive auf Kolonialität und globales Kapital. Organisiert werden die beiden Veranstaltungen vom Lehrstuhl Theorie der Politik der HU Berlin zusammen mit FG DeKolonial und Savvy Contemporary. Alle weiteren Informationen gibt es hier und hier.
Tagung: Geisteswissenschaften – Eurozentrismus – Kritik (19.-23.07.2022, Berlin)
Unter dem Titel „Geisteswissenschaften – Eurozentrismus – Kritik“ findet vom 19. bis 23. Juli 2022 an der Akademie der Wissenschaften Berlin (Leibniz-Saal, Markgrafenstr. 38), eine vom Reinhart-Koselleck-Projekt „Geschichten der Philosophie in globaler Perspektive“ und dem „Herder-Kolleg – Zentrum für transdisziplinäre Kulturforschung“ der Universität Hildesheim organisierte Tagung statt.
Zentrale Themen der Tagung sind Prozesse, Herausforderungen und Schwierigkeiten der Dekolonisierung der Geisteswissenschaften (wie der Philosophie, der Pädagogik, der Kulturpolitik, der Ästhetik oder auch der feministischen Theorie). Fragen des Umgangs mit den Auswirkungen von Rassismus und Kolonialismus auf die Geisteswissenschaften und Künste werden kritisch reflektiert, um ein Bewusstsein für akademische Marginalisierungspraktiken zu schaffen. Programm und alle weiteren Informationen finden sich hier. Um Anmeldung an koselleck(at)uni-hildesheim.de wird gebeten.
Mbembe liest Castoriadis: Notizen aus der Postkolonie
Rund fünfzig Jahre nach der Publikation von L’Institution imaginaire de la société (1975) erweist sich Cornelius Castoriadis Theorie des sozialen Imaginären als hilfreich: Der Begriff des Imaginären richtet unseren Blick auf Situationen, in denen vorgestellte Formen – soziale imaginäre Bedeutungen – jede einfache Unterscheidung zwischen „wahr“ und „falsch“ in Frage stellen. Anstatt das Imaginäre auf ein bloßes Abbild einer vermeintlich tiefgründigeren, „wahren“ Realität zu reduzieren, erlaubt Castoriadis’ philosophischer Ansatz, gesellschaftliche Institutionen im Lichte unserer lebensweltlichen Erfahrungen zu verstehen und ernst zu nehmen. Mittlerweile gibt es Arbeiten über das städtische, ländliche, religiöse, wissenschaftliche und viele weitere „Imaginäre“, die jeweils einem spezifischen sozialen Kontext angehören; Castoriadis’ Werk hat einen bleibenden Einfluss auf zahlreiche Versuche gehabt, die imaginären und zugleich erlebten Welten lokaler und nationaler Gemeinschaften begrifflich zu erfassen, in allen Ecken des Planeten. Dieser Einfluss könnte gleichwohl noch größer sein, da Castoriadis erst in der jüngsten Forschung wieder ins Blickfeld der philosophischen und sozialwissenschaftlichen Debatten gerückt worden ist. Doch die Entrechtung des „Imaginären“ in der westlichen Philosophie-Tradition bestimmt nach wie vor unsere ererbten Epistemologien. Einer der wichtigsten Beiträge Castoriadis bleibt daher von ungebrochener Aktualität: der „Übergang vom Paradigma der Einbildungskraft als individueller Fakultät zum Paradigma des Imaginären als sozialer Kontext“, oder „vom Subjekt-bezogenen zu einem Kontext-bezogenen Forschungsparadigma“, wie Chiara Bottici es formuliert hat. Diese schwierige theoretische Bewegung kann nach wie vor wichtige Beiträge zu aktuellen Debatten über disziplinäre Grenzen hinweg leisten und sie ist, wie ich beispielhaft zeigen möchte, in verschiedenste Richtungen bereits aufgegriffen worden.
(mehr …)Tagung: „Decolonizing Epistemic Injustice“ (online)
Am 24. und 25. Februar findet eine vom Lehrstuhl für Politische Theorie der Universität Potsdam veranstaltete internationale Konferenz mit dem Titel „Decolonizing Epistemic Injustice“ statt (online). Die Tagung bringt Theorien epistemischer Ungerechtigkeit und dekoloniale Theorien in einen Dialog und hat das Ziel, die kritischen Perspektiven beider Theoriedebatten zu schärfen. Wer teilnehmen möchte, muss sich vorab registrieren. Weitere Infos zu der Tagung sowie den Link für die Registrierung gibt es auf der Website des Lehrstuhls oder hier im PDF. Für Rückfragen steht Finja Pohl zur Verfügung (fipohl@uni-potsdam.de).
Buchworkshop zu Serene Khaders „Decolonizing Universalism“ (Potsdam, 3./4.12.)
Am 3. und 4. Dezember kommt Serene Khader auf Einladung von Fabian Schuppert und Hilkje Hänel nach Potsdam, um über ihr – im letzten Jahr bei OUP erschienenes und unbedingt lesenswertes – Buch „Decolonizing Universalism: A Transnational Feminist Ethic“ zu diskutieren. Wie praktisch immer unter den aktuellen Bedingungen ist dabei „kommt nach…“ natürlich im Sinne einer digitalen Veranstaltung zu verstehen – was ja aber für einige vielleicht eine Teilnahme sogar einfacher macht. Kritische Inputs zu unterschiedlichen Aspekten des Buchs kommen von Enja Schulz, Kerstin Reibold, Johanna Müller und Fabian Schuppert – jeweils mit einer Replik von Serene Khader und anschließender Diskussion. Interessierte können sich per Mail an Hilkje Hänel anmelden.
Neueste Kommentare