Die zweite Geige zum Solo. Ein Bericht über die Wuppertaler Friedrich-Engels-Konferenz

An der Bergischen Universität Wuppertal haben vom 19. bis 21. Februar 2020 Forscher*innen aus fast aller Welt zusammengefunden, um den in Barmen (heute ein Wuppertaler Stadtteil) geborenen Friedrich Engels anlässlich seines 200. Geburtstags mit einer Konferenz unter der Überschrift „Die Aktualität eines Klassikers“ zu würdigen. Galt es im realsozialistischen Osten für sakrosankt, dass Marx und Engels eine identische Lehre vertreten hätten, wurde Engels vom westlichen Marxismus gern als der bad guy auserkoren, der durch seine Popularisierungen Marx verflacht und dem Staatssozialismus die Tür geöffnet habe; ein Verständnis, das heute dominiert. Engels selbst stellte sich als Sidekick von Marx, als „zweite Violine“ vor. Es ist zu begrüßen, dass die Organisatoren der Konferenz danach fragen wollten, worin der eigenständige Beitrag von Engels zu sehen ist und ob er der heutigen Welt noch etwas zu sagen hat. Engels’ Vielseitigkeit ist bereits durch das Konferenzprogramm deutlich geworden. Weil seinem Denken zu Ökonomie, Staat, Nation, Geschlecht, Klasse und Literatur in teilweise vier parallelen Panels nachgegangen wurde, können die folgenden Eindrücke keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben.

In seinem fulminanten Auftaktvortrag ging Wolfgang Streeck auf Engels’ späte Untersuchungen zu Gewalt, Militär und Staat ein. Weit davon entfernt, hier nur ein Hobby auszuleben, habe Engels eine am Ende des 19. Jahrhunderts neuartige Entwicklung zu fassen versucht: die zunehmende Konzentration der Gewaltmittel im Staat und die zunehmende Zerstörungskraft der Waffentechnologien. Neben die kapitalistische Produktionsweise sah Engels eine spezifisch moderne Vernichtungsweise und einen zwischenstaatlichen Wettbewerb sui generis um die gegenseitige Auslöschung treten. Dabei trieb ihn auch das strategische Problem um, wie der Klassenkampf zu führen sei, wenn die „Krieger des Kommunismus“ (Streeck) von einer Staatsmacht militärisch besiegt werden könnten, die vom anderen Ende der Welt kommt. Obwohl Engels vermochte, den Ersten Weltkrieg fast 30 Jahre vor seinem Ausbruch zu antizipieren, hätten seine Analysen von Krieg, Gewalt und Militär kaum zu einer Erweiterung der marxistischen Staatstheorie geführt. Ironischerweise erfährt also eine der bedeutendsten Seiten von Engels bis heute nur geringe Aufmerksamkeit.

Zurecht schloss Streeck, dass eine Weltgewandtheit und die „Bereitschaft zur undogmatischen Beobachtung“ zu Engels’ Stärken zählen. Denn Engels’ impulsgebenden Analysen des Konkreten fiel eine wichtige Funktion in der intellektuellen Arbeitsteilung mit Marx zu. Etwa ließen seine brieflich ausgeführten Konjunkturanalysen Marx oftmals auf Probleme stoßen, die dieser dann in seinen ökonomietheoretischen Schriften näher untersuchte. Kapitalismus bedeutet nicht die Wiederkehr des ewig Gleichen – und Engels hatte ein großes Gespür für die Geschichte und war Pionier auf vielen Gebieten. Streeck übertrieb etwas, als er einen Gegensatz – der mehrmals auf der Konferenz anklang – zwischen Engels als „dem Realen zugeneigt“ und Marx als „spekulativen Denker“ andeutete. Engels’ Publizistik kann kein Kontrapunkt zur vermeintlich abgehobenen Theorie von Marx sein, weil auch Marx nicht nur umfassend journalistisch und empirisch gearbeitet hat, sondern diese Arbeit einen großen Beitrag zur Bildung seiner Theorie leistete.

Dass Engels’ Ausführungen wiederum nicht den Abstraktionsgrad von Marx erreichen, wurde in den Anschlussvorträgen über Engels’ Schrift Der Ursprung des Privateigentums, der Familie und des Staats nahegelegt. Terrell Carver und Carol Gould waren sich einig, dass es der Schrift an analytischer Substanz mangele. Uneinig schienen sich die beiden darüber zu sein, ob Engels das Patriarchat als eine eigenständige Herrschaftsform neben dem Kapitalismus verstanden hat. Carver meinte bei Engels ein Missverhältnis auszumachen zwischen der Vielschichtigkeit, mit der er Geschlecht als Verhältnis beschreibt, und der mangelnden argumentativen Durchdringung seines Materials. Gould hingegen monierte am Ursprung die fehlende Berücksichtigung der reproduktiven Sphäre und die Reduktion von Geschlecht auf Ökonomie. Engels zeige nicht, wie und warum Privateigentum und Patriarchat miteinander zusammenhängen. Die Marx’schen Ausführungen zu diesem Komplex seien subtiler, was zuletzt auch Heather Brown bestätigt hat.

Auch in den positiv hervorstechenden Vorträgen von internationalen Marx-Forschern wie Luca Basso, Peter Hudis, Seongjin Jeong und Jean Quétier zu Engels’ politischen Ideen dominierte die Auffassung, dass Engels’ Beiträge zu einer postkapitalistischen Gesellschaft weniger zu gebrauchen sind als die Marx’schen. Hudis erinnerte daran, dass Engels den Zusammenhang von Warenproduktion und Kapitalismus verkannte und daher die sozialistische als eine warenproduzierende Gesellschaft denkbar werden ließ, in der es weiterhin Geld, Preis und Markt geben würde. Jeong ergänzte, dass es Engels nicht gelang, seine Auffassung von der „Assoziation“ näher zu spezifizieren. Marx suchte nach ökonomischen Formen, denen die Fremdbestimmung nicht inhärent ist, und konzipierte unter der „Assoziation freier Individuen“ eine postkapitalistische Produktionsweise, die nicht auf Ware, Geld, Lohnarbeit und Staat gegründet wäre. Engels hätte unter Assoziation eher das Proletariat als einen kollektiven Akteur verstanden.

Allerdings war Engels, wie Basso darlegte, kein Etatist. Er vertrat eine Mittelposition zwischen Ferdinand Lassalle, für den der Staat schon Befreiung bedeutet, und dem Anarchismus Michael Bakunins, der zuallererst den Staat abschaffen will, aber sich um die Warenproduktion weniger Gedanken macht. Den „ganzen Staatsplunder von sich abzutun“ (Engels) war zwar das Ziel, aber nur auf einem komplexen Weg der Emanzipation zu erreichen. Aber wie in der Genderkritikscheint Engels auch in der Staatskritik weniger deutlich gewesen zu sein. Michael Forman machte die interessante Beobachtung, dass es bei Engels keine Kritik der staatlichen Souveränität und ihrer Grenzen im Kapitalismus gebe. Sobald Nationalstaaten sich einmal gebildet haben, hätte Engels sie als quasi autark unterstellt.

Auf eine weitere Diskrepanz schien Basso hinzuweisen. In der Pariser Commune von 1871 wollte auch Marx die „politische Form, unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen konnte“ (Marx), erkennen, aber Engels scheute eine nähere Konkretisierung nicht und stellte die Commune später als „Diktatur des Proletariats“ vor. Eine merkwürdige „Diktatur“, die, wie Engels selbst bemängelte, vor der Banque de France halt gemacht und es nicht gewagt hatte, die dortigen Goldvorräte und Druckerpressen anzueignen.

 

Engels über Krisen und die Rache der Natur

In zu vielen Vorträgen allerdings wurde den Vorstellungen, Beobachtungen und Analysen von Engels kaum nachgegangen. Gelegentlich war Engels bloßer Stichwortgeber (um z.B. über Michael Vester oder Ernst Bloch zu sprechen), erstaunlich viele Professoren dozierten ohne erkennbare Problemstellung über dieses und jenes und andere Referate boten nicht mehr als einen Überblick über Engels’sche Schriften. So begrüßenswert eine breitere Beschäftigung mit Engels auch ist: Fehlt ein aufrichtiges Interesse, wird eine Jubiläumskonferenz die eingangs erwähnte Aufgabenstellung nicht bewältigen können, sondern vornehmlich die selbstzweckhafte Paperproduktion des akademischen Betriebs am Laufen halten.

Anders als bei den großen Marx-Konferenzen vor zwei Jahren konnte dieses Mal auch die Studierendenschaft vom Tagungsprogramm nicht ergriffen werden. Die Gründe für ihre weitestgehende Abwesenheit sollten nicht voreilig nur bei der jüngeren Generation gesucht werden, denn insbesondere Vorträge zur politischen Ökonomie waren der Aufgabe der Aktualisierung schlichtweg nicht gewachsen. Hier erntete ein fatalistischer Ökonom nicht zuletzt von jugendlichen Zuhörern Kritik, als er das Privateigentum an Produktionsmitteln als „Tatsache“ für gutes Wirtschaften naturalisierte und Engels vorhielt, „nur negativ“ gedacht zu haben, weil doch „negative Folgen“ im Allgemeinen unvermeidlich seien. Wenn man keine Frage an Engels hat, wird man weder seine Besonderheiten entdecken noch ihn interessant oder fruchtbar machen können. Dabei antizipierte Engels nicht nur, wie kaum genug erwähnt werden kann, den Ersten Weltkrieg, sondern nach Marx’ Tod auch mehrmals einen Crash neuartigen Ausmaßes à la 1929. In den ökonomischen Referaten kam dies nicht zur Sprache und es wurde auch überhaupt nicht klar, was Engels zu solchen Einschätzungen befähigt haben mochte. Wenn jemand seine Zeit derart gut durchschaute, wäre indes zu erwarten, dass er zum Krisenproblem einiges zu sagen hätte.

Einige Konferenzteilnehmer bemängelten eine fehlende Kontextualisierung des Engels’schen Werks. Dass Historisierung indes nicht Erledigung bedeuten muss, demonstrierte ein unfreiwilliges Highlight der Konferenz: die Filmvorführung einer Aufzeichnung eines 1970 zu Engels’ 150. Geburtstag ausgetragenen Podiumsstreits zwischen u.a. Wolfgang Abendroth, Johannes Agnoli, Iring Fetscher und Wolfgang Leonhard. Was diese Diskussion so wohltuend abhob, waren nicht zuerst die analytischen und rhetorischen Fähigkeiten der Beteiligten, es waren vor allem die Brisanz der Beiträge und die Leidenschaft, mit der sie vorgebracht wurden. In der damaligen Aufbruchstimmung stachelte die auf dem Tisch liegende Frage, welcher Weg in eine bessere Gesellschaft zu gehen wäre, zur Höchstform an. Kontextualisierung und Aktualisierung von Engels gingen in Agnolis These, dass das Parlament im 20. Jahrhundert einen grundlegenden Bedeutungsverlust innerhalb des Staats erfahren habe und daher Engels’ zeitweilige Befürwortung des parlamentarischen Wegs über sozialistische Parteien zu hinterfragen wäre, wie selbstverständlich zusammen.

Fünfzig Jahre später wurde allzu deutlich, dass der akademischen Linken eine leitende Zielvorstellung abhanden gekommen ist. Sofern eine Verbesserung der Verhältnisse überhaupt im Horizont der Vorträge lag, blitzten hier und da altbekannte Gegensätze wie ‚Gewerkschaft vs. Partei‘ oder ‚Reform vs. Revolution‘ auf, die ohne Bezugnahme auf aktuelle Entwicklungen und Kämpfe unproduktiv sind. Ein Professor wollte einem „emanzipatorischen Projekt“ bescheidenerweise das Zurückerkämpfen von „Spielräumen“ schmackhaft machen, ein anderer forderte auf, das utopische Denken wiederzubeleben und über demokratischen Sozialismus zu reden. Zu den weltweiten Aufstandsbewegungen von 2019, zur Klimakrise und -bewegung fiel kaum ein Wort, obwohl Engels lange Zeit als das ökologische Gewissen des Marxismus galt und nicht erst eine schon die Konferenz betreffende Pandemie – alle Forscher*innen aus China konnten nicht anreisen – von der ‚Rache der Natur‘ (Engels) für jeden menschlichen Sieg über sie zeugt.

Immerhin stellte Mario Keßler in seinem kundigen Vortrag fest, dass Engels dem modernen Antisemitismus, der sich infolge der Gründerkrise von 1873 rasant in Mitteleuropa verbreitete, entschieden entgegentrat. Insgesamt jedoch schien die fundamentale Kritik von Engels an Naturzerstörung, Krisenhaftigkeit und Ausbeutung viele Vortragende (mit Ausnahme etwa von Streecks Analyse der modernen Destruktivkräfte) nicht so recht angesprochen zu haben. Angesichts der politischen Ratlosigkeit ist das verwunderlich. Denn ein ‚Rückzug‘ zur Kritik könnte ein erster Schritt zum Aufbruch sein.

 

Timm Graßmann promoviert zu Marx‘ Krisentheorie und empfiehlt die Pandemie-Analysen von Chuang und Mike Davis.

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