Heimat? Ein Gebot der Solidarität!

Nachdem Stefan Vennmann und Michel Dormal in der zweiten Woche Perspektiven der Kritischen Theorie diskutiert haben, geht unsere „Heimat!?“-Reihe heute mit einem Einwurf zur Notwendigkeit verstärkter empirischer Forschung auch für die theoretische und politische Debatte um Heimat in eine neue Runde. —

Heimat ist wieder gefragt. Während sie vor nicht allzu langer Zeit noch bei vielen unter starkem Konservatismusverdacht stand und so ziemlich alles, was mit ihr verbunden wurde – z. B. Kuckucksuhren, Dirndl, Schwarzwälder Kirschtorte, Volksmusik usw. – mindestens als bieder, angestaubt und auf keinen Fall als „hip“ erschien, kann man seit kurzem beobachten, dass immer neue Heimattage, Heimatfeste, Heimatausstellungen, Heimatmärkte wie Pilze aus dem Boden schießen und teils Zehntausende von Besuchern anzulocken imstande sind, dass traditionelle Trachten ein Revival erleben und beileibe nicht mehr nur von älteren Landbewohnern, sondern auch von jungen Städtern zu Tattoo und Piercing getragen werden und dass bayrische Blaskapellen wie LaBrassBanda sogar jenseits des Weißwurstäquators noch beachtliche Publikumserfolge feiern können. Auch politisch lässt sich offenkundig Kapital aus dieser neuerlichen Heimatliebe schlagen, wie, unter anderem, der Aufstieg der AfD belegt. Doch wie ist das alles zu erklären? Hat sich Heimat in der globalisierten, dynamischen und hochmobilen Gesellschaft von heute denn nicht längst überlebt? Warum sehnen sich die Menschen dann immer noch danach? Und was genau ist das eigentlich, was wir im Deutschen Heimat nennen?Blickt man nun auf der Suche nach Antworten zunächst einmal in die einschlägige Literatur, so fällt als erstes auf, dass deren Umfang trotz des jüngst gestiegenen Forschungsinteresses nach wie vor recht überschaubar ist. Während es beispielsweise zu sozialer Integration inzwischen eine sehr breite Forschungs- und Literaturgrundlage gibt, existieren zum damit zwar verwandten, aber eben nicht deckungsgleichen Thema Heimat bislang nur wenige Studien und gesicherte Erkenntnisse. Zudem springen bei der Durchsicht dieser Arbeiten zwei weitere Aspekte unangenehm ins Auge. So ist fast keine von ihnen genuin empirisch in dem Sinne, dass die Vorstellungen, die die Menschen heute mit Heimat tatsächlich verbinden, der Stellenwert, den sie ihr in ihrem alltäglichen Leben wirklich beimessen, oder die realen gesellschaftlichen Wirkungen, die Heimat als soziales Phänomen entfaltet, als empirischer Forschungsgegenstand im Zentrum stünden. Zwar gibt es Ausnahmen, wie z. B. die 2010 erschienene Untersuchung von Olaf Kühne und Annette Spellerberg, in der die beiden auf Basis einer quantitativen Umfrage in Kombination mit qualitativen Interviews empirische Befunde zum gesellschaftlichen Stellenwert und zu den subjektiven Bedeutungsinhalten von Heimat in der saarländischen Bevölkerung präsentieren. Auch Renate Zöller hat für ihr (freilich journalistisches) Buch Was ist eigentlich Heimat? Interviews geführt. Die Masse der Publikationen nähert sich der Heimat jedoch mehr mit theoretisch-abstrakten, philosophisch-spekulativen oder semantisch-diskursiven Herangehensweisen und befasst sich dabei mit Fragen wie z. B. jener, ob es vielleicht ein Recht auf Heimat geben sollte, ob sich ein „guter“, auf die Heimat bezogener Patriotismus von einem „schlechten“ Nationalismus unterscheiden lässt oder welche Bedeutungsverschiebungen des Heimatbegriffs sich in der Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts begriffshistorisch rekonstruieren lassen. Zweifellos sind solche Fragen interessant. Doch wenn wir mehr darüber erfahren wollen, wie die heutige Bevölkerung – und nicht nur einige Intellektuelle – über Heimat tatsächlich denkt und fühlt, welche Bedeutung sie für sie hat und welche gesamtgesellschaftlichen Konsequenzen sich daraus möglicherweise ergeben könnten – beispielsweise mit Blick auf politische Mobilisierungspotentiale, das Verhältnis von sozialer Wir-Identität, Solidarität und Abgrenzung oder den Zusammenhang von (gefühltem) Heimatverlust und Unsicherheit –, dann wären zusätzliche Forschungsanstrengungen, die sich stärker um die empirische Aufklärung gegenwärtiger heimatbezogener Einstellungen, Empfindungen und Handlungsweisen kümmerten, sicherlich hilfreich.

Gerade die politiktheoretische Heimat-Diskussion könnte davon erheblich profitieren. Denn Kontroversen wie z. B. die, ob Heimat angesichts der zunehmenden Beschleunigung und Pluralisierung der modernen Gesellschaft tatsächlich noch als sozialwirksame Quelle von Gemeinschaft und kollektiver Identität dienen und insofern eine halbwegs plausible „Antwort auf die politischen Probleme der Zeit“ darstellen kann (Tine Stein), oder vielmehr umgekehrt als ebenso unzeitgemäße wie gefährliche, weil inhärent auf Ausgrenzung angelegte Fiktion schleunigst verworfen werden sollte (Samuel Salzborn), lassen sich nun einmal nicht rein theoretisch – gleichsam ex cathedra –, sondern letztlich nur auf empirischer Basis entscheiden. Dazu müssten wir aber nicht nur wesentlich mehr darüber wissen, wie wichtig Heimat den Bürgerinnen und Bürgern überhaupt ist, ob der gegenwärtige Hype um sie also mehr ist als bloß ein vergleichsweise oberflächlicher (indes bestens kommerzialisierbarer) Trend. Wir müssten auch wissen, welche konkreten Voraussetzungen das subjektive Gefühl der Beheimatung hat und welche intersubjektiven Gemeinsamkeiten es dabei gibt. Und nicht zuletzt müssten wir für eine halbwegs fundierte Einschätzung der politischen Implikationen von Heimat natürlich vor allem wissen, ob sie aus Sicht der Bevölkerung notwendigerweise auf Invarianz und sozialer Homogenität aufruht, oder mit fortlaufender Veränderung und Heterogenität kompatibel ist. All das sind in erster Linie empirische Fragen, und so lange sie in der politiktheoretischen Heimat-Diskussion nicht systematischer in Rechnung gestellt werden, bleibt diese notgedrungen abgehoben und unnötig spekulativ.

Der zweite Aspekt, der bei der Durchsicht der vorhandenen Literatur zur Heimat unangenehm auffällt, hängt mit der unzureichenden Evidenzbasierung unmittelbar zusammen und besteht darin, dass Heimat zwar nicht in allen, jedoch immer noch in vielen Fällen umstandslos und einseitig als konservativ-reaktionärer, mitunter sogar als „zwanghaft-aggressiver“ Kampfbegriff diskreditiert wird, der von einer mindestens tendenziell rechtslastigen sowie „weltfremden“ Bevölkerungsgruppe entweder dazu verwendet werde, einen fiktiven Rückzugsraum „wohligen Privatglücks“ zu imaginieren, oder um jenes „angestammte Eigene“ zu markieren, das vor fremden Einflüssen zu bewahren sei. Beides jedoch sind anschauliche Beispiele für eben solche mehr oder weniger freihändig aufgestellten Behauptungen, die von der empirischen Forschung so, d. h. in dieser Einseitigkeit, nicht nur nicht gedeckt, sondern vielmehr in Frage gestellt werden. So förderte, um nur ein Beispiel zu nennen, die bereits erwähnte saarländische Heimat-Studie im Gegenteil zutage, dass die Befragten nicht etwa einen ablehnenden, sondern vielmehr einen freundlichen und aufgeschlossenen Umgang auch mit Fremden als typisch für ihre Heimat ansehen und dass soziale, kulturelle oder gar ethnische Homogenität für das Heimatgefühl der meisten Saarländer zudem keine entscheidende Rolle spielt. Zwar wird man diese Befunde angesichts ihrer regionalen Beschränktheit und der insgesamt noch unbefriedigenden Forschungslage nicht sogleich als zweifelsfrei gesichert übernehmen wollen. Sie sollten jedoch Anlass sein, voreilige und empirisch fragwürdige Ressentiments gegenüber Heimat kritisch zu diskutieren, zumal es gute soziologische und psychologische Gründe für die nicht nur von Jean Améry vorgetragene Vermutung gibt, dass kulturelle Aufgeschlossenheit und Weltoffenheit durch eine stabile heimatliche Verwurzelung nicht etwa gefährdet, sondern vielmehr gefördert würden. Träfe dies zu, wäre die gegenwärtig zu beobachtende rechtspopulistische Instrumentalisierbarkeit der Heimat als Bezugspunkt fremdenfeindlicher Stimmungsmache weniger als Ausdruck heimatlicher Vitalität, denn als Indiz für die zunehmende Schwäche der individuellen Einbindung in sozial-räumliche Beziehungsgeflechte und lokale Wir-Identitäten zu deuten. Unterstützung könnte diese Sichtweise im Übrigen durch den ganz ähnlich gelagerten und gut erforschten Zusammenhang von sozialer Prekarität und Rechtspopulismus finden.

Vor dem Hintergrund solcher Überlegungen erweisen sich simplifizierende Parolen wie z. B. „Solidarität statt Heimat“ – der Titel also jenes im Juni 2018 im Netz zirkulierten offenen Briefes gegen Rassismus – als gleichermaßen unnötig, kontraproduktiv und ärgerlich. Denn gerade wenn man den Aufruf gegen rechte Menschenfeindlichkeit und Hetze uneingeschränkt unterstützt, sollte man sich doch fragen, wie man sich mit denen, die ihre Heimat verloren haben – und dies meist bitter beklagen! – solidarisch zeigen und sie deshalb nach Kräften dabei unterstützen könnte, sich in einer für sie neuen und fremdartigen sozial-räumlichen Umgebung – mithin in unserer Heimat! – neu zu verwurzeln. Der 1939 vor den Nationalsozialisten ins Exil geflohene Jean Améry konstatierte noch 27 Jahre nach seiner Flucht lapidar: „Es ist nicht gut, keine Heimat zu haben.“ Ich nehme an, dass die meisten Menschen das ähnlich sehen. Eben darum scheinen mir Solidarität und Heimat keine Gegensätze zu sein. Es wäre vielmehr ein Gebot der Solidarität, sich für eine gemeinsame, menschliche Heimat einzusetzen.

 

Cornelius Moriz ist Oberassistent am Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie der Universität Basel. Seine Forschungsinteressen gelten insbesondere der Soziologie sozialer Ungleichheit, den gesellschaftlichen Mechanismen sozialer In- und Exklusion sowie der Empirie & Theorie sozialer Gerechtigkeit. Gegenwärtig arbeitet er an einer qualitativen Fallstudie über Heimat und Integration.

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