Kein Zuhause für die Heimat – Das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat

— Zum Abschluss unserer vierwöchigen Debatte plädiert Tobias Adler-Bartels für einen begriffssensibleren Umgang mit Heimat!?. Er greift dabei Aspekte der vorangegangenen Beiträge auf, widmet sich der Semantik des Heimatbegriffs in der politischen Sprache und analysiert seine völkischen und essentialistischen Bedeutungsgehalte. —

„Heimat ist da, wo man sich nicht erklären muss“ – diese Johann Gottfried Herder zugeschriebene Sentenz deutet Heimat als ein höchst subjektives Phänomen des vermeintlich vorpolitischen Raums, welches gegen gesellschaftliche Kritik immun ist. Die jüngsten politischen Debatten um den Begriff der Heimat und die christsoziale Namenserweiterung der obersten Bundesbehörde zum Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat verdeutlichen jedoch die eminent politische Dimension dieses Begriffes. Wurde die ministerielle Umbenennung bisher vor allem aufgrund ihrer parteistrategischen Motivation und programmatischen Inhaltsleere kritisiert, so sollen im Folgenden grundsätzlichere Probleme dieser quasi-ministeriellen Weihe des Heimat-Begriffes im Fokus stehen.

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Heimat als normativer Anker?

— Nach Cornelius Moriz‘ Argument für Heimat als Gebot der Solidarität, macht Christian Aldenhoff nun die Liberalismus-Kommunitarismus-Debatte für einen skeptischen Blick auf Heimat!? im politischen Bereich fruchtbar. —

Muss Heimat als Begriff in der entsprechenden gegenwärtigen Debatte von den Akteuren der „politischen Mitte“ zurückerobert werden? Der Versuch, die Herkunft einer Person als bedeutsam für die Konstitution von Werten zu statuieren, ist nicht neu. Sowohl auf lokaler, regionaler als auch auf nationaler Ebene dürfte es Anknüpfungspunkte für etwas geben, was viele im jeweiligen Kontext mit Heimat verbinden können. In individueller Hinsicht kann eine solche Vorstellung möglicherweise eine sinnvolle Funktion bei der eigenen Konstruktion von Identität haben. Als politischer Begriff ist Heimat jedoch für die Begründung normativer Werte prinzipiell ungeeignet. Im Folgenden wird argumentiert, dass der Begriff politisch verwendet zwangsläufig zu einer Form der Ausgrenzung führt, die es zu vermeiden gilt. Im Hinblick auf die Verwendung des Begriffs etwa durch Rechtspopulisten erscheint dies evident. Aber auch anspruchsvollere Ansätze wie der von Alasdair MacIntyre entgehen dieser Problematik nicht. In einer pluralen Gesellschaft sollte die vornehmliche Aufgabe der Politik darin bestehen, zwischen unterschiedlichen Auffassungen keine unüberbrückbaren Hürden zu schaffen, sondern zwischen ihnen zu vermitteln. Es ist daher für politische Akteure aller Couleur nicht ratsam, Heimat als Begriff in normativer Hinsicht zu gebrauchen.

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Heimat? Ein Gebot der Solidarität!

Nachdem Stefan Vennmann und Michel Dormal in der zweiten Woche Perspektiven der Kritischen Theorie diskutiert haben, geht unsere „Heimat!?“-Reihe heute mit einem Einwurf zur Notwendigkeit verstärkter empirischer Forschung auch für die theoretische und politische Debatte um Heimat in eine neue Runde. —

Heimat ist wieder gefragt. Während sie vor nicht allzu langer Zeit noch bei vielen unter starkem Konservatismusverdacht stand und so ziemlich alles, was mit ihr verbunden wurde – z. B. Kuckucksuhren, Dirndl, Schwarzwälder Kirschtorte, Volksmusik usw. – mindestens als bieder, angestaubt und auf keinen Fall als „hip“ erschien, kann man seit kurzem beobachten, dass immer neue Heimattage, Heimatfeste, Heimatausstellungen, Heimatmärkte wie Pilze aus dem Boden schießen und teils Zehntausende von Besuchern anzulocken imstande sind, dass traditionelle Trachten ein Revival erleben und beileibe nicht mehr nur von älteren Landbewohnern, sondern auch von jungen Städtern zu Tattoo und Piercing getragen werden und dass bayrische Blaskapellen wie LaBrassBanda sogar jenseits des Weißwurstäquators noch beachtliche Publikumserfolge feiern können. Auch politisch lässt sich offenkundig Kapital aus dieser neuerlichen Heimatliebe schlagen, wie, unter anderem, der Aufstieg der AfD belegt. Doch wie ist das alles zu erklären? Hat sich Heimat in der globalisierten, dynamischen und hochmobilen Gesellschaft von heute denn nicht längst überlebt? Warum sehnen sich die Menschen dann immer noch danach? Und was genau ist das eigentlich, was wir im Deutschen Heimat nennen? (mehr …)

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Heimat als Kritik?

– Nachdem Tine Stein und Samuel Salzborn die Debatte kontrovers eröffnet haben und nachdem Michel Dormal am Dienstag bereits den Blick auf „Heimat!?“ in der Kritischen Theorie gelenkt hat , plädiert Stefan Vennmann heute ebenfalls aus Perspektive der Kritischen Theorie dafür, den Begriff in seiner Ambivalenz zu verstehen. –

Der Begriff ‚Heimat‘ dient gegenwärtig rechtspopulistischen, völkischen und neonazistischen Akteuren. Diese versuchen den politischen Raum mittels rassistischer und ontologischer Kategorien, die vermeintlich unterschiedlichen ‚Ethnien‘ ein wie auch immer geartetes naturgegebenes ‚Sein‘ und somit bestimmte Eigenschaften attestieren, einer Rebiologisierung zu unterziehen. Eine Kritik an diesem Verständnis ist aus emanzipatorischer Perspektive notwendig. Dennoch verkommt diese Kritik häufig zum Beißreflex, der den philosophischen Gehalt des Begriffs Heimat unzureichend reflektiert. Vom Begriff soll sich verabschiedet, stattdessen auf Termini wie Solidarität rekurriert werden und ‚Heimat‘ ‚ganz einfach‘ den Rechten überlassen werden. Die biologisierte Dominanz eines auf Exklusivität und Ausgrenzung konzentrierten Heimatbegriffs ist zwar gegenwärtig wie historisch wirkmächtig, es sollte aber nicht vorschnell geurteilt werden, einem kritisch-philosophischen Begriff von Heimat komme eine solche Komponente sui generis zu. Insbesondere mit Bezug auf Theodor W. Adorno soll im Folgenden dafür plädiert werden, den Begriff in seiner Ambivalenz zu verstehen.

Der Ablehnung des völkischen Verständnisses ist aus politischen Gründen definitiv zuzustimmen, begriffsanalytisch scheint hier aber das philosophisch komplexe Phänomen der Heimat der Pauschalisierung geopfert zu werden. Es muss keine vollständige Etymologie geleistet werden, um festzustellen, dass dem Begriff auch andere Attribute zugeschrieben werden können. Während Oswald Spengler den völkischen „Drang nach Geltung und Macht, der pflanzenhaft und rassenhaft mit der Erde, der ‚Heimat‘, verbunden bleibt“ illustrierte, wird Heimat mit anderer Akzentuierung auch von progressiven Denker*innen verwendet.

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Heimat: Mit Adorno an der Trinkhalle

– Nachdem Tine Stein und Samuel Salzborn die Debatte zu Begriff und Idee der Heimat in der letzten Woche kontrovers eröffnet haben, nimmt Michel Dormal „Heimat!?“ heute aus Perspektive der Kritischen Theorie in den Blick. –

Keineswegs geht es darum, den Heimatbegriff affirmativ zu rehabilitieren. Aber ihn einfach zu verwerfen, wäre ebenso billig. Unausgesprochen weist er auf Brüche und Ambivalenzen unserer Erfahrung hin. Hier sollte Politisches Denken ansetzen. Das Heimweh und die Sehnsucht nach dem vielleicht nur eingebildeten, jedenfalls aber meist verlorenen Glück, das wir mit Heimat und Kindheit verbinden, ist keineswegs politisch bedeutungslos. Es ist auch nicht so, dass Heimat primär eine Sache der radikalen Rechten wäre. Für letztere ist die Welt kein heimeliger Ort, sondern Schauplatz eines Kampfes, in dem man sich behaupten und zum Opfer bereit sein muss. Hingegen können wir bei einem ins Exil geflohenen Antifaschisten wie Jean Améry lesen, dass es „nicht gut ist, keine Heimat zu haben“.

Wie schon Tine Stein im Eröffnungsbeitrag anmerkt, lässt sich der deutsche Begriff Heimat nicht übersetzen. Jean Améry umschreibt ihn in Jenseits von Schuld und Sühne als „Dialektik von Kennen-Erkennen, von Trauen-Vertrauen“. Wir erkennen Heimat, weil wir immer schon mit ihr vertraut sind. Und wir trauen uns zu sprechen und zu handeln, weil wir dieser „Kenntnis-Erkenntnis“ vertrauen. Ich deute das so, dass Heimat da ist, wo eine unmittelbare Passung und glückliche Beziehung zwischen dem Menschen und seiner Umwelt besteht. Darüber wo dieser Ort zu finden ist, gehen die Ansichten auseinander. Stadtviertel, Region und Nation sind nur einige Kandidaten. Für andere mag es der Dialekt oder, wie die WAZ anlässlich des „Tages der Trinkhalle“ im Ruhrgebiet meinte, der Kiosk um die Ecke sein. Manch hartgesottener linker Kritiker des Nationalismus lässt zugleich kein Heimspiel seines seit Jugendtagen geliebten Fußballvereins aus. Was Heimat ist, lässt sich schwer positiv definieren. Jeder verbindet damit andere Erfahrungen. Trotzdem dürfte die Vorstellung von Heimatlosigkeit intuitiv bei den meisten Menschen wohl ähnliche Assoziationen von Verlust, Unbehagen und Orientierungslosigkeit hervorrufen.

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Heimat: Identität und Ausgrenzung

Heimat als „ein in keine andere Sprache übersetzbares deutsches Wort“ (Helmut Kohl) ist als politische Parole wie als soziologisches Scheidungskriterium ein bis ins Innerste vergifteter Begriff. Denn der Begriff „Heimat“ hebt als spezifische Sozialkategorie diese von anderen in ihrer historischen Bedeutungsdimension genuin ab und beinhaltet stets eine integrative Verbindung von geografischem Ort und bevölkerungspolitischer Zuschreibung. Insofern inkorporiert der Heimatbegriff eine strukturell völkische Dimension, da Menschen eine nicht-soziale und damit vorpolitische Verbindung mit einem konkreten Raum zugeschrieben wird, der zugleich nicht das subjektive Zugehörigkeitsgefühl betont, sondern eine kollektive Bindung von Menschengruppen an geografische Orte unterstellt.

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Heimat. Ein vorpolitischer Begriff als Antwort auf die politischen Probleme der Zeit?

Das Bedürfnis nach Verortung in der Welt, nach Zugehörigkeit und kulturellen Ankerpunkten ist für moderne Gesellschaften grundlegend. Es geht um Identität in einer Zeit, in der sich die Gesellschaft pluralisiert, Vertrautes sich verändert oder ganz verschwindet und neue Konflikte entstehen. Wir können dieses Bedürfnis als eines nach Heimat auf den Begriff bringen. Dabei handelt es sich um ein legitimes Bedürfnis, das wir politisch ernst nehmen müssen – auch wenn oder gerade weil die populistischen Bewegungen das Gefühl des Heimatverlusts für ihre Zwecke zu instrumentalisieren versuchen.

Der Populismus als politische Bewegung reagiert auf die beiden großen Signaturen unserer Zeit – auf die Globalisierung und die mit ihr einhergehende Erfahrung von Entgrenzung und die Digitalisierung und die mit ihr einhergehende Erfahrung von Beschleunigung – mit dem Ruf nach Schließung von nationalstaatlichen Grenzen, nach autoritärer Herrschaftsausübung und Abwertung von allem, was als fremd wahr­genommen wird sowie mit der Aufwertung von allem, was als das Eigene gilt. Als populistisch werden diese Bewegung und die sie politisch organisierenden Parteien deswegen bezeichnet (Jan-Werner Müller), weil sie reklamieren, die einzig wahren Repräsentanten eines echten Volkswillens zu sein, was mit der Gefahr der Abschaffung der Demokratie einhergeht – im Namen eines vermeintlichen Volkswillens dient die Wahl als plebiszitäre Ermächtigung zur Einrichtung einer in Wahrheit autoritären Herrschaft.

Antworten auf die Repräsentationslücke

Warum hat sich dies so entwickelt? Eine Erklärung liegt in der These der Repräsentations­lücke (Wolfgang Merkel). In den vergangenen Jahrzehnten hat sich eine wachsende Gruppe von Bürgerinnen und Bürger herausgebildet, die sich nicht mehr repräsentiert fühlt durch die etablierten Parteien und Eliten. Diese Bürger verstehen sich nicht als Kosmopoliten und Europäer, sondern in erster Linie als zugehörig zu einer Nation, deren Interessen sie nicht mehr angemessen berücksichtigt sehen. Aus der Wahrnehmung benachteiligt zu sein, dem Stress der dauernden Veränderungszumutung in der globalisierten Wirtschaft und nicht zuletzt durch die Veränderungen, die in der eigenen Gesellschaft durch Migration verursacht werden, entsteht das Gefühl, fremd im eigenen Land zu sein.

Aber müsste dann nicht die angemessene politische Antwort auf eine solche  Repräsentationslücke in einer staatlichen Offensive liegen, die die materiellen Lebensbedingungen verbessert, etwa in einem Programm gegen steigende Mieten, zudem in einer inklusiven Arbeitsmarktpolitik und auch in dem Ausbau statt Rückbau der öffentlichen Infrastruktur gerade im ländlichen Raum? Dieser Einwand aus einer die soziale Verantwortung von Politik betonenden Perspektive ist gewiss auch richtig, zumal nach den Jahrzehnten des Rückzugs des Staates. Aber es geht nicht nur um sozio-ökonomische, sondern auch um kulturelle Antworten – Heimat stellt hier eine dieser Antworten dar.

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Heimat?!

Liebe Leser*innen!

Der große Rücklauf zu unserem Call for Blogposts hat uns sehr gefreut und wir freuen uns zugleich, in den nächsten vier Wochen eine vielfältige Auswahl kontroverser Beiträge zu veröffentlichen, die Begriff und Idee der Heimat aus ganz unterschiedlichen politiktheoretischen Perspektive beleuchten, wertschätzen oder kritisieren bzw. Potentiale und Grenzen ausleuchten.

Es werden in den folgenden Wochen jeweils zwei Texte erscheinen. Los geht es mit zwei grundlegenden Beiträgen von Tine Stein und Samuel Salzborn. In der Folge werden spezifischere Beiträge ideengeschichtliche und gegenwärtige theoretische Perspektiven auf unterschiedliche Aspekte des Heimatbegriffs eröffnen bzw. politische Dimensionen und Aspekte der Idee der Heimat reflektieren.

Alle Texte werden wir im Laufe der Zeit – nach dem Klick – in diesem Post vermerken, nicht zuletzt um die Navigation zu vereinfachen.

Wir laden euch an dieser Stelle zudem noch einmal besonders ein, aktiv mitzudiskutieren und die Debatte auch über die Texte hinaus weiterzuführen, um die Lebendigkeit und Relevanz der Politischen Theorie weit(er)hin deutlich zu machen.

Über Rückmeldungen zum Format freuen wir uns – nicht zuletzt, weil wir uns aufgrund der bisher positiven Rückmeldungen überlegen, es auch in Zukunft immer einmal wieder zu nutzen und zugleich weiterzuentwickeln.

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Erinnerung: Call for Blogposts „Heimat!?“

Am 14. September endet die Frist für Antworten auf unseren Call for Blogposts zum Thema „Heimat!?“. Wir freuen uns weiterhin über Vorschläge, die Begriff und Idee der Heimat, die derzeit verbreitet und kontrovers diskutiert werden, pointiert aus unterschiedlichen ideengeschichtlichen, politiktheoretischen oder politikphilosophischen Perspektiven beleuchten und erkunden, wertschätzen und erhellen oder fundiert kritisieren.

Beiträge können die Form essayistischer Blogposts von 500 bis 1000 Worten Länge annehmen. Wir freuen uns aber auch über kurze Videos, Karikaturen oder Stellungnahmen in anderen Text- und Bildformen. Bitte schickt Eure Vorschläge an team@theorieblog.de. Über eine Veröffentlichung entscheidet dann die Redaktion.

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Call for Blogposts: Heimat!?

“Heimat!” Der Begriff bzw. die Idee wird in jüngster Zeit in politischen Debatten und Auseinandersetzungen, aber auch in der weiteren Öffentlichkeit verstärkt verwendet und ist zugleich Gegenstand und Mittel heftiger Auseinandersetzungen. Politiker*innen unterschiedlicher Parteien haben den Begriff entdeckt, auch um die Sehnsucht der Bürger*innen “nach Sicherheit, nach Entschleunigung, nach Zusammenhalt und vor allen Dingen Anerkennung … nicht den Nationalisten zu überlassen”, wie es Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ausgedrückt hat. Heimat – der Begriff soll hier guten Patriotismus von schlechtem Nationalismus scheiden, die Gefühle der Bürger*innen ernst nehmen, gesellschaftlicher Vielfalt Ausdruck geben, in die Zukunft weisen, aus der Sackgasse der Leitkultur-Debatte herausführen – und das am besten alles zugleich.

Soviel begriffspolitische Hoffnung macht gleichwohl misstrauisch. Denn der Begriff bleibt ambivalent. Er dient der Identifikation und der Abgrenzung, will Sicherheit vermitteln und ruft zugleich Unbehagen hervor: In einem jüngst zirkulierten offenen Brief mit dem Titel “Solidarität statt Heimat” etwa wandten sich die Unterzeichner*innen – darunter auch eine Reihe von Politiktheoretiker*Innen – gegen “weltfremde Phantasien […] wohligen Privatglücks” und warnten vor einer Diffusion rechten Gedankengutes in die politische Mitte. Vermittelnde Positionen – wie der Versuch den Begriff “Heimat” mit “Vielfalt” und “Weltoffenheit” zu assoziieren, so geschehen in einem Artikel von Ferda Ataman – laufen dagegen ihrerseits Gefahr, missverstanden zu werden: So hat ausgerechnet der neue Heimatminister Horst Seehofer den Artikel zum Anlass genommen, den Integrationsgipfel des Kanzleramtes zu boykottieren.

Haben wir es also mit einem neuen politischen Kampfbegriff zu tun? In begriffshistorischer Perspektive wird deutlich, dass eine gewisse Spannung dem modernen Begriffsverständnis bereits inhärent ist. Der moderne Begriff der Heimat zeichnet sich, so schreiben Edoardo Costadura und Klaus Ries in der Einleitung zu einem interdisziplinären Sammelband über “Heimat gestern und heute”, mindestens durch drei Faktoren aus: Er vereint räumliche, zeitliche, soziale und kulturelle Dimensionen, ist also multidimensional. Er kennzeichnet ein reaktives Phänomen, nämlich die Reaktion auf Modernisierungs- und Transformationsumbrüche und bringt nicht selten eine Verlusterfahrung zum Ausdruck. Und er ist zugleich ein Reflexionsbegriff, der eine kollektive oder individuelle Selbstreflexion markiert.

Vor diesem Hintergrund möchten wir uns im Spätsommer bzw. Herbst aus politiktheoretischer Perspektive mit dem Begriff der Heimat auseinandersetzen und laden deshalb dazu ein, Blogposts einzureichen, die das Thema bzw. die Idee pointiert aus unterschiedlichen ideengeschichtlichen, politiktheoretischen oder politikphilosophischen Perspektiven beleuchten und erkunden, wertschätzen und erhellen oder fundiert kritisieren:

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