Entmythologisierung. Zur Neuausgabe der „Deutschen Ideologie“ (MEGA2 I/5)

Im kollektiven Gedächtnis des Marxismus sowie der Marx- und Engelsforschung hat die Deutsche Ideologie – genauer jenes Textkonvolut, das unter dieser Überschrift firmierte – immer einen besonderen Platz eingenommen. Mit der Deutschen Ideologie, wie sie im dritten Band der Marx-Engels-Werke (MEW) lange Zeit wirkmächtig und kanonisch überliefert wurde, assoziierte man vor allem das berühmte Feuerbach-Kapitel, das nicht nur dem Traditionsmarxismus als die Geburtsstunde des sogenannten „historischen Materialismus“ galt. Zwar hatte man schon seit Längerem geahnt, dass Kapitel I. Feuerbach das Ergebnis einer editions- und wissenspolitischen Konstruktion war und man wusste auch, dass möglicherweise nicht so sehr der große Philosoph Feuerbach, sondern stärker noch der gespenstische Stirner die Hand an der „Wiege des Marxismus“ (Wolfgang Eßbach) hatte; gleichwohl wirkte der Mythos von einem abgeschlossenen, kohärenten und ursprünglichen „Werk“ oder Referenztext des „historischen Materialismus“ in weiten Teilen einer akademischen und politischen Öffentlichkeit fort.

Spätestens aber mit der Neuausgabe der Deutschen Ideologie innerhalb der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA2 I/5) ist dieser Mythos als ein solcher offengelegt und sichtbar gemacht. Die HerausgeberInnen, Ulrich Pagel, Gerald Hubmann und Christine Weckwerth, haben daher mit dieser Neuausgabe nicht weniger geleistet als einen weiteren, mächtigen Schritt zur Entmythologisierung des Marxismus wie wir ihn bisher kannten.

Ihre Arbeit ist in einem doppelten Sinne die Arbeit einer Zertrümmerung: Zertrümmert werden zum einen die fingierte Einheitlichkeit und Integrität eines Textkorpus, der nun in insgesamt achtzehn ganz unterschiedlich ausgearbeitete Textzeugen zerfällt, die zwischen Oktober 1845 und April/Mai 1847 von Marx, Engels und – wie im Anhang ausgewiesen – teilweise auch von Moses Heß und Roland Daniels verfasst wurden. In der äußerst lesenswerten Einführung der HerausgeberInnen heißt es dazu:

„Ein integrales oder auch nur fragmentarisches Werk ‚Die deutsche Ideologie‘ aus der Feder von Marx und Engels liegt nicht vor. Die hier edierten Texte sollten vielmehr zunächst in Form einer Vierteljahrsschrift veröffentlich werden […]. Nach dem Scheitern dieses Verlagsprojektes im Sommer 1846 versuchten Marx und Engels, das Material […] als eigenständige, zweibändige, eventuell auch als eingekürzte einbändige Publikation zu veröffentlichen. Spätestens im Dezember 1847 gaben sie dieses Ziel endgültig auf“ (S. 725f.).

Zertrümmert wird zum anderen aber auch die konstruierte lineare Kohärenz auf der Text- und Kapitelebene, so dass beispielsweise das berühmte Feuerbach-Kapitel in nicht weniger als acht Textzeugen verstreut vor uns liegt. Diese wiederum sind ebenfalls nicht aus einem Guss gefertigt und abgeschlossen; die Arbeit an ihnen wurde von Marx und Engels zu unterschiedlichen Zeiten aufgenommen, unterbrochen, wieder weitergeführt oder endgültig liegen gelassen. Ihr Ausarbeitungsgrad ist daher äußerst unterschiedlich: zum Teil handelt es sich nur um Notizen und fragmentarische Niederschriften, zum Teil begegnet man aber auch gut ausgearbeiteten Manuskripten.

Ohne Zweifel mag diese Zertrümmerung bis auf die Textebene den LeserInnen Einiges an Mühe und Anstrengung abverlangen, um hier überhaupt noch einen sinnvollen Text- und vor allem Argumentationszusammenhang zu sehen – doch es lohnt sich. Denn wir werden damit aus dem vormals fein säuberlich sortierten Ausstellungs- und Verkaufsraum eines vermeintlichen „historischen Materialismus“ tief in die Theorie-Werkstatt von Marx und Engels geführt, von wo aus sich den beiden gleichsam beim Arbeitsprozess über die Schulter schauen lässt.

Die Zerlegung eines mythologischen Gründungstextes, der in den 1920er/30er Jahren zum Zweck einer kanonisch-dogmatischen Abschließung des Marxismus-Leninismus kompiliert wurde, ist die eine Sache, die die Neuausgabe für die LeserInnen bereithält. Eine andere Sache ist es, nach der Zertrümmerungsarbeit den Blick wieder frei zu bekommen und eine neue Perspektive auf die vorhandenen Manuskripte der Deutschen Ideologie zu entwickeln. Was bleibt also von den Trümmern? Was lässt sich erkennen, nachdem die Staubwolken verflogen sind?

Da ist zum einen die Frage nach dem Ursprung der sogenannten „materialistischen Geschichtsauffassung“ – ein Terminus übrigens, der von Marx und Engels hier nicht gebraucht wird. Wie in der Einführung von den HerausgeberInnen sachlich klar und anhand der Datierung der Textzeugen dokumentiert, kam der erste theoretische Impuls zur Ausarbeitung einer eigenständigen historisch-materialistischen „Anschauung“ nicht aus einem Willen zur Abrechnung mit Feuerbach, sondern mit Max Stirner. Die Stirner-Kritik, an der Marx und Engels ab November 1845 kontinuierlich arbeiten, steht somit am Anfang der Deutschen Ideologie. Texteinheiten daraus werden später ausgegliedert und in eine von Marx und Engels zu konzipierende Einleitung (I. Feuerbach) des ersten Bandes ihrer projektierten Vierteljahrsschrift eingepasst. Insofern wird hier nun auch editionswissenschaftlich nachholend bestätigt, was Autoren wie Wolfgang Eßbach, Gareth Stedman Jones und Ulrich Pagel schon länger vermuteten.

Vielleicht wichtiger noch als die Klärung der philosophisch-philologischen Frage nach dem Ursprung und Anfang scheint mir jedoch der genealogische Einblick in die – wie Nietzsche sagen würde – Herkunft des „historischen Materialismus“, also der Einblick in seinen langwierigen, mühsamen und mitunter blutigen Geburtsvorgang. Und auch hier hat die Neuausgabe Einiges zu bieten. Es ist gerade die fast detektivisch zu nennende editionswissenschaftliche Arbeit der HerausgeberInnen von MEGA2 I/5, die nicht nur den Mythos einer monolithischen Weltanschauung zerschlägt, sondern nun offenlegt, wie langwierig und komplex der Produktionsprozess der einzelnen Texte sich darstellte und unter welchen theoriepolitischen Verhältnissen (Junghegelianismus, sozialistischer Feuerbachianismus) einerseits und politisch-strategischen Gesichtspunkten andererseits (Kommunistische Korrespondenzkomittees, Bund der Gerechten) die beiden Autoren operierten.

Die Deutsche Ideologie war als eine zweibändige Vierteljahrsschrift geplant und das heißt, als politischer Einsatz inmitten eines relativ unübersichtlichen theoriepolitischen und politisch-organisatorischen Feldes sozialistischer und kommunistischer Strömungen in Europa. Marx und Engels ging es darum, dieses Feld neu zu ordnen und die eigene „historisch-materialistische“ und revolutionäre Perspektivierung des Kommunismus fest in den Organisationen zumindest der deutschen Handwerker- und Arbeiterbewegung (Preußische Rheinprovinzen, Paris, London, Brüssel etc.) zu etablieren. Über mehr als zwei Jahre zieht sich diese hegemoniale Arbeit der sich um Marx in Brüssel versammelten Gruppierung hin. In dieser formativen Periode, in der eben auch die Texte zur Deutschen Ideologie entstanden, wandeln sich Marx und Engels zu Kommunisten mit einem eigenständigen ideologiekritischen Programm und einer politisch-strategischen Bewegungsdoktrin, die sie erstmals prägnant in der Deutschen Ideologie formulieren:

„Der Communismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben [sic]. Wir nennen Communismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt. Die Bedingungen dieser Bewegung ergeben sich aus der jezt [sic] bestehenden Voraussetzung“ (S. 37).

Mit diesem Programm und dieser Bewegungsdoktrin stürzen sich Marx und Engels nun ab dem Frühjahr 1846 ins „Handgemenge“, zunächst gegen Wilhelm Weitlings „Handwerkerkommunismus“ und dann gegen den „wahren Sozialismus“ eines Moses Heß und Karl Grün. Denn warum beispielsweise beschäftigen sich Marx und Engels im projektierten zweiten Band der Vierteljahresschrift so intensiv mit dem „wahren Sozialismus“, mit einer – wie es heißt – bloß „verlumpten Literatenbewegung“, die theoretisch längst erledigt sei? Weil der „wahre Sozialismus“ mit seinen Zeitschriften (Gesellschaftsspiegel, Westfälisches Dampfboot etc.) und Lehren längst in der deutschen Arbeiter- und Handwerkerbewegung in Paris, London, Köln etc. Fuß gefasst hat und somit der Durchsetzung des eigenen sogenannten „kritischen Kommunismus“ innerhalb dieser Bewegung im Wege steht. Das Ziel fast aller Schriften von Marx und Engels zwischen 1845 und 1848 ist die Austreibung konkurrierender Sozialismen und Kommunismen aus der organisierten „proletarischen Bewegung“. Man denke nur etwa an Marx‘ wichtigste Veröffentlichung dieser Periode, Das Elend der Philosophie (1847), die Pierre-Joseph Proudhon und seine sozialistischen Anhänger (darunter auch Karl Grün) treffen sollte.

Man muss daher davon Abstand nehmen die Deutsche Ideologie als einen rein (geschichts-)philosophischen, monologischen Text zu lesen, in dem scheinbar zwei kongeniale Autoren versucht haben, die sozialen, politischen und ökonomischen Rätsel der Weltgeschichte zu lösen. Stattdessen – und die hier vorliegende Neuausgabe der Deutschen Ideologie ermutigt uns dazu – sollten wir uns die fragmentarischen Texteinheiten und Manuskripte als Einsatzpunkte innerhalb einer spezifischen Kräftekonstellation denken, in der es darum geht, eine politisch-soziale Bewegung in Gang zu setzen und zu munitionieren, an deren Ende dann diese Bewegung eine revolutionäre Umwälzung der gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse vollziehen wird und geradezu vollziehen muss.

Dass dann die Deutsche Ideologie weder als Vierteljahrsschrift noch als Sammelband veröffentlicht wurde und Marx und Engels gegen Ende 1847 das Projekt mehr oder minder fallen ließen, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass zu diesem Zeitpunkt das wesentlich wichtigere Projekt zur Etablierung eines „kritischen Kommunismus“ in der Arbeiterbewegung fast vollendet war: die Anhänger von Wilhelm Weitling, Moses Hess und Karl Grün waren aus dem Bund der Gerechten ausgeschlossen worden und der Bund selbst – nun dominiert durch die „Partei Marx“ – hatte sich in den Bund der Kommunisten umbenannt. Das Programm des Bundes hatte Engels schon im Sommer 1847 vorbereitet, Marx sollte es nicht ohne massiven Rückgriff auf Textpassagen aus dem Projekt zur Deutschen Ideologie in den ersten Wochen des Jahres 1848 vollenden. Im Februar dann wurde die dreiundzwanzigseitige Broschüre im kleinen Office des Londoner Arbeiterbildungsvereins in der Liverpool Street Nr. 46, Bishopsgate, unter dem Titel Manifest der kommunistischen Partei gedruckt.

 

 

Matthias Bohlender, Professor für Politische Theorie an der Universität Osnabrück. Im Mai erscheint im transcript-Verlag der von ihm mitherausgegebene Band „‚Kritik im Handgemenge‘. Die Marx’sche Gesellschaftskritik als politischer Einsatz“.

2 Kommentare zu “Entmythologisierung. Zur Neuausgabe der „Deutschen Ideologie“ (MEGA2 I/5)

  1. >>> Das Ziel fast aller Schriften von Marx und Engels zwischen 1845 und 1848 ist die Austreibung konkurrierender Sozialismen und Kommunismen aus der organisierten „proletarischen Bewegung“. <<<

    Was ja nichts wirklich Neues ist, – ohne allerdings schon hinreichend in alle Ecken/Couleurs der ME-Rezeption vorgedrungen zu sein. Im Gegenteil zieht dieses "Ziel" und die auch daraus folgenden "Arbeitsweisen" auch heute noch entsprechend intrahegemonial/autoritär "motiviertes" Personal an, das glaubt, um nahezu jeden Preis sich als "Führung", "Kopf" u. ä. gerieren zu dürfen. Das ist sicher nicht exklusiv für die Arbeiter- u. a. linke Bewegungen, aber im Verein mit den exzeptionellen Kräften, die aus den Dringlichkeiten mal der Breite der politischen und wirtschaftlich-sozialen Bedürfnisse erwuchs, reichte es für eine halbe Welt + SD im Westen.

  2. Gewisse Theologen sehen in der Entmythologisierung eine Verkümmerung des Evangeliums. Sie halten Bultmanns Reden von Gott in dieser Form für nicht angemessen. Sie vermissen hier die Tiefgründigkeit des Gedankengangs, es fehlen genaue Wort – und Begriffsbestimmungen. Eine Folge ist, dass Bult – mann vorgeworfen wird, die Theologie in Anthropologie aufzulösen.

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