Zum 100-jährigen Erscheinen von John Deweys „Demokratie und Erziehung“ (Teil 1: Überblick und Rezeptionsgeschichte)

Am 15. März vor 100 Jahren ist „Demokratie und Erziehung“ erschienen, das wohl bekannteste Buch des amerikanischen Philosophen und Pädagogen John Dewey. Am vergangenen Wochenende fand die Hundertjahrfeier im Rahmen der Konferenz der American Educational Research Association (AERA) in Washington D.C. statt. Eine große europäische Konferenz ist Ende September an der University of Cambridge geplant. Anlässlich dieses Jubiläums haben Justo Serrano Zamora und ich eine Artikelreihe organisiert, in der die Aktualität von Deweys Philosophie für die gegenwärtige Forschung in den Blick genommen wird. In den nächsten Wochen werden dazu jeden Mittwoch Beiträge von Justo Serrano Zamora, Heidi Salaverría, Thamy Pogrebinschi und Veith Selk erscheinen.

Deweys Buch „Demokratie und Erziehung“ zählt, nicht nur im englischsprachigen Raum, zu den Klassikern der Pädagogik, wird aber in der Philosophie und Politikwissenschaft kaum gelesen – auch unter denjenigen, die sich mit Deweys politischer Theorie auseinandersetzen. Möglicherweise wird es aufgrund des Titels stillschweigend der Pädagogik zugeordnet und fällt somit dem disziplinären Schubladendenken zum Opfer. Dabei ist es gerade einer der Vorzüge des Buchs, dass es – inhaltlich und performativ – disziplinäre Trennungen unterläuft und eine äußerst produktive Vereinigung von politischer Theorie, Sozialphilosophie, Erkenntnistheorie, Handlungstheorie und Pädagogik bietet, die ihresgleichen sucht.

Dewey stellte 14 Jahre nach dem Erscheinen fest: „Obgleich viele Jahre lang ein Buch mit dem Titel Demokratie und Erziehung dasjenige war, in dem meine Philosophie, wie sie ist, am vollständigsten dargelegt war, ist mir nicht erinnerlich, dass, im Unterschied zu Lehrern, philosophische Kritiker jemals darauf Bezug genommen hätten. Ich habe mich oft gefragt, ob solche Tatsachen bedeuten, dass Philosophen, die doch selbst gewöhnlich Lehrer sind, Erziehung im Allgemeinen so wenig ernst genommen haben, dass ihnen gar nicht in den Sinn gekommen ist, ein vernünftiger Mensch könnte es wirklich für möglich halten, Philosophieren solle sich auf die Erziehung als das höchste menschliche Interesse konzentrieren, ein Interesse, in dem sich darüber hinaus noch andere, kosmologische, moralische, logische, Probleme zuspitzen. Auf alle Fälle sei mir dieser Hinweis an alle zukünftigen Kritiker gestattet, die davon vielleicht Gebrauch machen wollen.“

In 26 Kapiteln gibt Dewey in „Demokratie und Erziehung“ einen breiten Überblick über seine Philosophie der Erziehung: von den historischen Grundlagen einer gesellschaftlich organisierten, systematischen Bildung über detaillierte Erläuterungen philosophischer Grundbegriffe bis hin zu konkreten Abhandlungen über die Gestaltung des Lehrplans und des Unterrichts.

Die Schule ist für Dewey der gesellschaftliche Ort, an dem politische Grundkompetenzen angelegt und eingeübt werden: die Fähigkeit zum kritischen Denken und argumentativen Diskurs, die gemeinsame, kreative Lösung von Problemen und die Übernahme von Verantwortung. Diese Fähigkeiten lassen sich nicht in einem Schulsystem vermitteln, das auf Autorität, Zentralisierung, Auswendiglernen und Abfragen von schematischen Lerninhalten ausgerichtet ist. Deweys philosophisch fundierte Überlegungen zum Sinn und zur gesellschaftlichen Aufgabe von Erziehung und Bildung bieten in Zeiten von PISA, Bologna & Co., angesichts der neoliberalen Ökonomisierung, zunehmenden Standardisierung und Quantifizierung, ein erfrischendes Kontrastprogramm.

Anstelle der Vermittlung eines konformen Bildungskanons verlangen komplexe moderne Gesellschaften, die in ständiger Veränderung begriffen sind, vielmehr die Befähigung zum eigenständigen Lernen. Das bedeutet für Dewey in erster Linie die Qualifizierung zur kritischen und kreativen Auseinandersetzung mit der eigenen sozialen Umwelt. Er fordert eine erfahrungsbasierte und selbstbestimmte Bildung, die die Entfaltung individueller Fähigkeiten und Potentiale zum Ziel hat. Dies gelingt am besten im Rahmen eines aktiven „learning by doing“, das für Deweys pädagogischen Ansatz derart zentral ist, dass es in der Literatur sogar als „learning by Deweying“ bezeichnet wird. Von Dewey stammt auch das pädagogische Konzept des Projektunterrichts als fachübergreifendes Lernen, in dessen Zentrum das problemorientierte Forschen und das Denken in Zusammenhängen steht, statt in den engen Grenzen von Fächern und Disziplinen.

Deweys demokratische Pädagogik bildet zugleich die praktische Grundlage für seine Demokratietheorie. Im 7. Kapitel von „Demokratie und Erziehung“ findet sich die bekannte Formulierung seines Ideals der Demokratie als Lebensform: „Die Demokratie ist mehr als eine Regierungsform; sie ist in erster Linie eine Form des Zusammenlebens, der gemeinsamen und miteinander geteilten Erfahrung.“

Gesellschaftstheoretisch geht Dewey von einem pluralistisch verfassten, dynamischen Gemeinwesen aus, das durch eine Vielzahl sozialer Gruppen und zivilgesellschaftlicher Vereinigungen strukturiert ist. Jeder Mensch ist dabei gleichzeitig in mehrere soziale Gruppen involviert, die sich somit vielfach überschneiden. Die demokratische Qualität dieser Gruppen bemisst sich jeweils an zwei einfachen Kriterien: Zum einen daran, ob die Mitgliedschaft in der Gruppe frei ist und auf gemeinsamen Interessen beruht; zum anderen an der Wechselwirkung und Zusammenarbeit mit anderen Gruppen. In Abgrenzung zum Modell der Klassengesellschaft greift Dewey damit die zunehmenden Individualisierung und Pluralisierung der Gesellschaft auf, betont aber zugleich die Überschneidungen von Interessen und die Möglichkeiten kollektiven politischen Handelns. Anhand des zweiten Kriteriums entwickelt er seine Kritik an denjenigen Gruppen, die nur ihre eigenen Interessen durchsetzen.

Für seine Philosophie der demokratischen Erziehung war Dewey zu Lebzeiten international bekannt. Er wurde zu ausgedehnten Vortragsreisen nach Japan und China eingeladen und 1924 von Atatürk in die neu gegründete moderne Türkei, um Vorschläge zur Reform des türkischen Schulsystems zu machen.

Auch in der politisch instabilen Weimarer Republik weckte Deweys demokratische Pädagogik große Hoffnungen. Der Berliner Ministerialrat und Schulinspektor Erich Hylla hatte durch einen Forschungsaufenthalt in den USA die Bedeutung von Dewey und dessen Buch früh erkannt. In einem Brief vom 4. April 1928 schrieb er an Dewey: „I was very surprised to find out that no German edition of this significant work is available. I am convinced that this book would have an important influence on the Germans, especially in the present situation.“

Obwohl die deutsche Übersetzung durch Hylla seit 1930 vorlag, verhinderten die politischen Entwicklungen in der Weimarer Republik eine Rezeption von Deweys Philosophie der Demokratie. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg fand Dewey in der akademischen Philosophie und Pädagogik keine Beachtung. Dazu trug auch bei, dass Dewey zur philosophischen Tradition des amerikanischen Pragmatismus gehört, dessen Rezeption in Deutschland von fatalen Missverständnissen und Ablehnung geprägt war. Max Horkheimers einflussreiche Kritik beruht auf einer Gleichsetzung von Pragmatismus und naturwissenschaftlichem Positivismus. Dabei wurde der Pragmatismus selbst an den amerikanischen Universitäten ab der Mitte des 20. Jahrhunderts vom analytischen Neopositivismus verdrängt. Horkheimers Reduzierung des Pragmatismus auf eine Variante der instrumentellen Vernunft hat die zentralen Ideen Deweys völlig verfehlt. Deweys demokratischem Experimentalismus liegt gerade kein ahistorischer Rationalismus und naiver Wissenschaftsglaube zugrunde, sondern eine radikaldemokratische kritische Theorie, die den ganzen Menschen in den Mittelpunkt stellt.

Richard Rorty hat Dewey in den 80er Jahren wieder in die philosophische Diskussion gebracht. Seine etwas eigenwillige Dewey-Interpretation trug wesentlich dazu bei, dass die Primärtexte von Dewey wieder gelesen und übersetzt wurden. Daneben war Dewey für Benjamin Barbers Konzeption der “starken Demokratie” ein zentraler Einfluss. Seit dem Ende der 90er Jahre wird Dewey schließlich auch in der deutschsprachigen Philosophie, Politikwissenschaft und Soziologie zunehmend rezipiert.

Angesichts der gegenwärtigen Herausforderungen für die Demokratie – durch postdemokratische Strukturen, Transnationalisierung der Politik und zunehmenden Populismus – empfielt sich auch heute die Lektüre von Deweys „Demokratie und Erziehung“. Wünschenswert wäre eine Neuübersetzung des Klassikers, da sich auch die aktuelle Auflage noch auf die deutsche Ausgabe von 1930 stützt, die teilweise etwas antiquiert wirkt. Unter den Bedingungen des beschleunigten gesellschaftlichen Wandels durch die Prozesse der Individualisierung, Pluralisierung, Globalisierung und Digitalisierung sind Deweys Überlegungen zu den individuellen und gesellschaftlichen Voraussetzung des demokratischen Zusammenlebens dennoch bestechend aktuell.


Weitere Beiträge in dieser Reihe:

Justo Serrano Zamora, 21.4.2016
Herrschaft, soziale Kämpfe und Lernprozesse bei John Dewey

Heidi Salaverría, 27.4.2016
Im Zweifel unfertig denken: Gegen den Willen zur Gewissheit

Thamy Pogrebinschi, 4.5.2016
Was wir von Dewey für die Demokratie im 21. Jahrhundert lernen können

Veith Selk, 11.5.2016
The Nicest Radical in Town. Zur Aktualität John Deweys

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