Tagungsbericht: Leidenschaft der Kritik (Gießen)

Die „Leidenschaft der Kritik“ zeichnet zweifelsohne das Werk von Alex Demirović aus, der im vergangenen Jahr seinen 60. Geburtstag feierte und zur Zeit als Gastprofessor in Gießen sein Bemühen um eine zeitgemäße Weiterentwicklung kritischer Gesellschaftstheorie fortsetzt. Daher passte es, dass Demirovićs Figur des „nonkonformistischen Intellektuellen“ den zentralen Ankerpunkt der Diskussion darstellte, wie es bereits Regina Kreide in ihren Eröffnungsworten gefordert hatte. Denn nicht zuletzt Demirović selbst könne als zeitgenössische Verkörperung dieses anspruchsvollen und im Wissenschaftsbetrieb allzu selten anzutreffenden Denkertypus angesehen werden. Ganz in diesem Sinne nonkonformistischer Intellektualität zeigte sich die auf der Tagung präsentierte Vielfalt gegenwärtiger Kritischer Theorie als ein wohltuend selbstkritisches Unternehmen der Erfassung komplexer Herrschaftszusammenhänge und möglicher emanzipativer Widerstandsformen.

Doch worin liegt der Mehrwert der_des kritischen Intellektuellen und worin besteht seine_ihre emanzipative Funktion jenseits nostalgischer Verklärung oder messianischer Überhöhung? Alex Demirović erklärte hierzu, dass der_die kritische Intellektuelle zentral für die Reflexion gesellschaftlicher Prozesse sei, um Herrschaftsstrukturen aufzuzeigen und sie zu kritisieren. Auch das eigene Denken und Handeln müsse dahingehend überprüft werden, ob es tatsächlich emanzipatorisch sei oder die bürgerliche Ideologie (verschleiert) reproduziere. Während Lohnarbeiter_innen in Fabriken oder Großraumbüros ein grundsätzliches Vermögen der Reflexion ebenso zukomme wie Lohnempfänger_innen im wissenschaftlichen Kontext, seien erstere durch die bestehenden Arbeitsbedingungen in der Ausübung dieser Fähigkeiten erheblich eingeschränkt. Aufgabe kritischer Intellektueller sei es darum, mittels gesellschaftlicher Theoriebildung und Kapitalismusanalyse die gesellschaftlichen Bedingungen mit ihren Ausschlussmechanismen zu benennen und die materiellen Verhältnisse so zu verändern, dass ein „Recht auf Denken als erste Bürgerpflicht“ etabliert werden könne (siehe auch Demirović 1999).

Die Diskussion um Figuration und Funktion kritischer Intellektualität nahm auch Christine Resch auf. Resch formulierte in ihrem Vortrag die These, dass wir in posthegemonialen Zeiten leben, in denen die Produktion und Repräsentation kritischen Wissens unter Bedingungen eines Autoritarismus erfolgten, der weder Alternativen zuließe, noch Begründungsprobleme aufwerfe. Diesen Zusammenhang skizzierte sie anhand der sich wandelnden Rolle des_der kritischen Intellektuellen in der Öffentlichkeit: Fanden noch Adorno und Habermas in den Feuilletons der großen Tageszeitungen ihren Niederschlag, seien kritische Intellektuelle in den gegenwärtigen öffentlichen Diskussionen kaum präsent. Vergeblich suchte man Resch zufolge im Zuge der Finanzkrise von 2008 in den Tageszeitungen nach Erklärungen, die einen gesamtgesellschaftlichen Blick auf die Ereignisse werfen. Und wenn doch eine kritische Stimme zu Wort komme, gehe es nicht mehr um den Inhalt des Gesagten, sondern alleine um die Darstellung der Persönlichkeit. Während in der Nachkriegszeit kritische Intellektuelle noch die Möglichkeit hatten, gegenhegemoniale Positionen zu vertreten gerade weil sie mit der öffentlichen Repräsentation gesellschaftlicher Konfliktlinien auch zur Legitimierung und Stabilisierung des kritisierten Herrschaftssystems beigetragen hätten, bestünde heute gar nicht mehr der Anspruch, alle Gruppierungen einzubeziehen und entsprechend auch dissidente Positionen öffentlich darzustellen. Innerhalb dieses gegenwärtigen „Ausschließungsregimes“, so die Schlussfolgerung  Reschs, könne das Ziel linker Politik nicht in der Setzung von Gegenhegemonien liegen, sondern müsse zuallererst in der Wiederherstellung der Möglichkeit hegemonialer Kämpfe bestehen, und damit in der Wiederherstellung der Möglichkeit von Politik an sich. Auch wenn (wie in der anschließenden Diskussion deutlich wurde) die von Resch gewählte Begrifflichkeit des „Autoritarismus“ zur Erfassung der fragmentierten Formen und Techniken gegenwärtiger Herrschaftszusammenhänge unterkomplex scheint, kann ihre Beschreibung posthegemonialer Gesellschaftlichkeit somit als bedenkenswerte Vergegenwärtigung postpolitischer Momente und deren Folgen für kritische Wissenschaft angesehen werden.

Einen Versuch zur Erfassung der Komplexität gegenwärtiger Herrschaftszusammenhänge unternahm Sonja Buckel mit der Vorstellung ihres Ansatzes der „Intersektionalen Kapitalismusanalyse“. Diese Analyseform präsentierte Buckel als eine multitheoretische Auseinandersetzung zu Fragen von differierenden aber synergetischen Herrschaftsverhältnissen. Dabei versteht sie „Kapitalismus“ nicht alleine als Kapitalverhältnis, sondern vielmehr als die umfassende Vergesellschaftung über Warentausch und Akkumulationsdynamik, welche als immer schon vergeschlechtlicht, rassialisiert und (post)kolonial konzipiert werden müsse. Mit Adorno gesprochen konstituiere sich Gesellschaft im emphatischen Sinne allererst im Kontext des kapitalistischen Systems, während der so entstandene gesellschaftliche Zusammenhang mit Laclau/Mouffe als notwendigerweise unvollständige Totalität zu begreifen sei. Was Buckel in ihrem Vortrag überzeugend darlegte, ist die Erkenntnis, dass es den einen antagonistischen Bruch nicht gibt, sondern der Kapitalismus von vielen differierenden, dabei systematisch miteinander verknüpften Widersprüchen und Herrschaftsverhältnissen durchzogen ist.  Dementsprechend plädierte Buckel dafür, Intersektionalitätsforschung und Kapitalismusanalyse zu einem gemeinsamen Ansatz zusammenzuführen, der jedoch angesichts der Überkomplexität der zu analysierenden Herrschaftsverhältnisse nur in einem größeren interdisziplinären Forscher_innenteam bearbeitbar sei (siehe auch Buckel 2012).

Einen weiteren Strang gegenwärtiger Herrschaftszusammenhänge – und möglicher emanzipativer Widerstandsformen – führte Joachim Hirsch in seinem Vortrag „Zur Staatsleidenschaft der Linken“ aus. Auch wenn es laut Hirsch nicht die Linke gibt, sei dennoch eine gewisse gemeinsame Stoßrichtung feststellbar. In vielen linken Bewegungen zeige sich der Glaube an eine Emanzipation mittels des Staates als Verkörperung des gesellschaftlichen Allgemeinen, wie man derzeit an der Regierung Hugo Chávez in Venezuela oder der Programmatik der Partei „Die Linke“ sehen könne. Dabei machte Hirsch jedoch deutlich, dass es in der Historie niemals Emanzipation über den Staat gegeben habe. Staat versteht er dabei nicht alleine als Nationalstaat, sondern als „gesellschaftliches Kräfteverhältnis“, welches sich im Kapitalismus ausdrücke. Eine emanzipatorische Praxis müsse demnach eine Politik jenseits des Staates sein, welche die gesellschaftlichen Verhältnisse radikal infrage stelle und jene Struktur transzendiere. Dabei seien die erkämpften Rechte oder emanzipatorischen Schritte sozialer Bewegungen wie z.B. die der Frauenbewegung oder die der Studentenbewegung 1968 aber keineswegs zurückzuweisen. Entscheidend sei nur, von welchem Punkt aus Politik betrieben werde: im Glauben an einen neutralen, emanzipatorischen Staat oder aber aus einer Sicht auf den Staat als beständig zu kritisierendes gesellschaftliches Kräfteverhältnis. Dementsprechend brach Hirsch eine Lanze für den radikalen Reformismus, der sich in Gegenhegemonien ausdrücke, etwa im Aufbrechen von Eigentumsverhältnissen, Lebens- und Wohnformen. Da man aber als Kritiker_in nicht jenseits des Staates stehe, müsse eine emanzipatorische Politik im Staat und gegen den Staat geführt werden (siehe auch Hirsch 2002).

„Perspektiven Kritischer Theorie“ wurden – wie der Untertitel versprach – im Verlauf der Tagung viele aufgezeigt: Rahel Jaeggi sprach über das Verhältnis von Gesellschaftsanalyse, Kritik und Normen, Andreas Niederberger setzte sich mit Fragen des Rechts auseinander, Uwe Bittlingmayer kritisierte die Wissensgesellschaft und Manuela Bojadžijev entwarf eine Phänomenologie des Rassismus. Wobei die präsentierte Vielfalt immer durch das wohltuend selbstkritische Bestreben der Diskutant_innen begleitet war, den bestehenden Gesellschaftszusammenhang als komplexes Ganzes zu betrachten und die unvermeidlichen Leerstellen des eigenen Ansatzes nicht zu verschleiern, sondern als mögliche Anschlussstellen offen zu legen. „Was können wir also machen mit der Kritik über die Kritik hinaus?“ Diese Frage stellte Alex Demirović an das Ende der Tagung und gemahnte daran, in der Entwicklung emanzipatorischer Lebensformen nicht den (Alb-)Traum einer konfliktfreien Gesellschaft zu verfolgen, sondern aus einer Haltung des ‚Sich-Erschüttern-Lassen-Wollens‘ ein ’neues Denken‘ im Sinne Adorno/Horkheimers anzustreben. Kritische Intellektuelle in diesem Sinne mögen im Zeitalter der Neoliberalisierung des Hochschulsystems immer weniger werden, doch am Wochenende in Gießen konnte man sich vergewissern: es gibt sie noch und es gibt eine nicht kleine akademische Öffentlichkeit, die sich für ihr Denken begeistern kann. Wir wünschen uns mehr solcher Veranstaltungen und eine weitere Revitalisierung der Kritischen Theorie.

 

Stefan Wedermann setzt sich mit Kritischer Theorie, Feministischer Theorie (insbesondere Queer Theory), sowie Poststrukturalismus und postkolonialer Theorie auseinander. Er wird ab Sommersemester 2013 bei Regina Kreide  zum Verhältnis von Widerstand und Demokratie promovieren. Andrea Härtel ist Doktorandin am International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC) der Justus-Liebig-Universität Gießen und promoviert bei Regina Kreide zur Theorie und Praxis von Anerkennung im politischen Postfundationalismus, am Beispiel des Diskurses zur Integration von Muslimen in westlichen Migrationsgesellschaften.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.