Vielfalt der Kosmopolitismen – Bericht von der Konferenz „Cosmopolitanism and International Relations Theories“

Zu einer internationalen Tagung zum Thema „Cosmopolitanism and International Relations Theories“ hatten Peter Niesen und Jens Steffek am 2. und 3. März 2012 an die TU Darmstadt eingeladen. Die Veranstaltung unter Mitwirkung des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ konnte nicht nur eine Reihe namhafter internationaler Wissenschaftler, sondern auch eine große thematische Bandbreite an Beiträgen vorweisen. Niesen und Steffek, hatten sich explizit keine Synthese der verschiedenen Forschungsansätze zum Thema Kosmopolitismus in der Internationalen Politischen Theorie und den Internationalen Beziehungen zum Ziel gesetzt. Eine solche Synthese wäre angesichts der Mannigfaltigkeit der Beiträge und Schwerpunktsetzungen wohl auch kaum möglich gewesen. Während das Verständnis der Theorien der Internationalen Beziehungen unkontrovers zu sein schien, wurde das Konzept „Kosmopolitismus“ von den TeilnehmerInnen auf äußerst unterschiedliche Weise interpretiert und angewandt. Häufig wurde unter Kosmopolitismus (wie auch unter Internationaler Politischer Theorie) ein rein normativer Ansatz verstanden, welcher von den eher empirisch begriffenen Theorien der Internationalen Beziehungen ergänzt werden sollte, kann oder muss.

Die komplexe Frage, was Kosmopolitismus eigentlich bedeutet, wurde im Laufe der Konferenz immer wieder implizit auf ganz unterschiedliche Weise beantwortet. So wurden Verständnisse eines platonischen, politischen, institutionellen, moralischen, supranationalen oder transnationalen Kosmopolitismus formuliert, die sich nicht zwangsläufig gegenseitig ausschließen müssen. Des Weiteren wurde Kosmopolitismus mit der Überwindungen von Grenzen und der Marginalisierung von Staaten im internationalen System in Verbindung gebracht, ebenso wie mit einer grenzüberschreitenden Solidarität zwischen Menschen oder auch mit einer Vorstellung demokratischer Prozesse auf verschiedenen Ebenen. Weiterhin identifizierten einige Konferenzteilnehmer Kosmopolitismus als kantisches Projekt, das moralischen Verpflichtungen der ganzen Menschheit gegenüber zu entsprechen sucht.

So schlug Miriam Ronzoni (Uni Frankfurt) eine Taxonomie verschiedener Formen des Kosmopolitismus (moralisch, politisch oder institutionell) vor und erläuterte, warum diese einzeln oder in Kombination befürwortet bzw. abgelehnt werden können; eine Unterteilung, auf die auch in vielen der folgenden Beiträge Bezug genommen wurde. Peter Niesen (TU Darmstadt) erweiterte diese Unterteilung noch, indem er am Beispiel der kosmopolitischen Ideen von Jeremy Bentham sein Konzept von transnationalem „Kosmopolitismus in einem Land“ darlegte. Im Gegensatz zu Ansätzen eines supranationalen Kosmopolitismus’ stärkt dieses Konzept die Partizipationsmöglichkeiten von Bürgern über Grenzen hinweg, ohne jedoch die Autorität der einzelnen Staaten zu schwächen.

Den Ursprüngen des Kosmopolitismus-Begriffs ging Nick Rengger (University of St. Andrews) nach. Er führte diese letztlich auf die platonische Tradition zurück, die auch heute noch Einfluss auf das gängige Verständnis der Weltordnung habe. Mariano Barbato (Babes Bolyai Universtiy Cluj-Napoca / Uni Passau) unternahm hingegen den Versuch, die Narration des ‚Pilgers‘ als Gründungsgeschichte eines (durchaus post-säkular verstandenen) Kosmopolitismus und als Quelle einer globalen Solidarität zu nutzen, die Bindungen zwischen Fremden schaffen kann.

Friedrich Kratochwil (Central European University) widmete sich in seinem Vortrag den Debatten über internationales Verwaltungsrecht, das fälschlicherweise für sich beansprucht, Teil eines kosmopolitischen Projekts zu sein, sowie der damit einhergehenden De-Nationalisierung von Politik und daraus resultierender Demokratie-Defizite.

Mehrere Beiträge der Konferenz widmeten sich einer möglichen Annäherung zwischen Kosmopolitismus und anderen theoretischen Perspektiven. So versuchte etwa William Scheuerman (Indiana University), die unüberwindbar wirkende Gegenüberstellung von Realismus und Kosmopolitismus abzuschwächen, indem er aufzeigte, inwieweit frühe Theoretiker des Realismus, wie etwa Hans Morgenthau, im Gegensatz zu den späteren Neo-Realisten durchaus auch auf Kant zurückgegriffen haben kosmopolitischen Elemente in ihren Theorien aufweisen.

Richard Beardsworth (American University of Paris) forderte gar einen ‚kosmopolitischen Realismus‘, der Elemente sowohl des Realismus als auch des Kosmopolitismus aufnimmt, indem er Staaten eine zentrale Verantwortlichkeit bei der Umsetzung von kosmopolitischen Verpflichtungen einräumt, die der Menschheit als Ganzer geschuldet werden.

Die Aufhebung oder Abschwächung der Gegenüberstellung zwischen Kosmopolitismus und Kommunitarismus war das Anliegen von Ned Lebow (Dartmouth College). Er argumentierte auf der Basis psychologischer Erkenntnisse, dass Identitäten kein analytisches Konzept sein können, wenn sie auch als Praxis zentral bleiben. Ein neues Verständnis von Identitäten und ihrer Wandelbarkeit könne daher verwendet werden, um den Kreis der in eine Gemeinschaft Inkludierten zu erweitern.

Eine dritte Gegenüberstellung, nämlich die zwischen Funktionalismus und Kosmopolitismus, wurde auf der Konferenz sowohl von Leonie Holthaus als auch von Jens Steffek (beide TU Darmstadt) thematisiert. Während Holthaus das Werk von L.T. Hobhouse untersuchte, befasste sich Steffek mit dessen Schüler, David Mitrany. Beide fanden in den jeweils ideengeschichtlich untersuchten Autoren kosmopolitisch zu verstehende Ansätze, so z. B. dass sowohl Hobhouse als auch Mitrany den Staat und wie auch Staatsgrenzen infrage stellten oder dass beide eine Vorstellung von Gemeinschaften und Solidarität hatten, die nicht mit der Mitgliedschaft in einem Staat einhergehen muss.

Das Paper von Raffaele Marchetti (LUISS / American University of Rome), das das Ende der Konferenz markierte, widmete sich der Frage transnationaler politischer und ökonomischer Exklusion aus der Perspektive der Debatten in den Internationalen Beziehungen einerseits und der Internationalen Politischen Theorie andererseits. Marchetti suchte dabei nach einer möglichen Verbindung zwischen den unterschiedlichen Argumentationssträngen und betonte die Notwendigkeit von empirischen Untersuchungen zur Rezeption vorgeschlagener institutioneller Modelle und von normativer Forschung bezüglich der Legitimität solcher globalen Institutionen.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass es angesichts dieser Vielfalt an Konzeptionen womöglich angebrachter wäre, von verschiedenen Kosmopolitismen anstatt von einem Kosmopolitismus zu sprechen. Die Konferenz kann somit durchaus als Anregung verstanden werden, diese vielfältigen verschiedenen Ausprägungen noch systematischer zu untersuchen.

 

Sabrina Engelmann ist Doktorandin am Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ in Darmstadt. Ihre Dissertation befasst sich mit normativen Fragen des Demokratieschutzes.

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