Publizieren, aber wie? – Ein Interview mit Rainer Schmalz-Bruns

Publish or perish“ ist eine Losung, mit der Nachwuchswissenschaftler_innen Tag für Tag konfrontiert werden. Aber wo publiziert man eigentlich am besten? Und wie sieht ein aussichtsreicher Beitrag aus? Wir vom Theorieblog haben Rainer Schmalz-Bruns, Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte in Hannover, darum gebeten, zu erörtern, was eine gute Publikationsstrategie ist und wie sich für ihn die Entwicklung am Journalmarkt für Politische Theoretiker_innen darstellt. Was Rainer Schmalz-Bruns für ein solches Interview noch zusätzlich qualifiziert: Er ist geschäftsführender Leiter der Politischen Vierteljahresschrift (PVS), dem zentralen Publikationsorgan der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW).

 

Theorieblog: Wie schätzen Sie die Publikationsmöglichkeiten und die Entwicklung der Publikationsmöglichkeiten für Politische Theoretiker_innen – speziell in Bezug auf den deutschsprachigen Markt – ein?

Rainer Schmalz-Bruns: Nun, zunächst scheint der Markt, nimmt man nur die auf Politische Theorie spezialisierten Zeitschriften wie die Zeitschrift für Politische Theorie (ZPTh) oder den Leviathan, recht übersichtlich. Doch dieses Bild ändert sich sehr schnell, wenn man mindestens dreierlei berücksichtigt: Zum einen sollte die disziplinäre Differenzierung der Theorielandschaft im Blick behalten werden. Zum anderen versuchen die nationalen politikwissenschaftlichen Zeitschriften (also im deutschsprachigen Raum neben der PVS vor allem die Österreichische und die Schweizerische Zeitschrift für Politikwissenschaft) in der Regel, das Fach in seiner ganzen Breite, also unter ausdrücklichem Einschluss der Politischen Theorie und Ideengeschichte, zu repräsentieren. Und schließlich muss man damit rechnen, dass auch teildisziplinär ausgerichtete Journale immer wieder auch zu Theoriedebatten einladen und für entsprechende Beiträge offen sind. Kurz, die Publikationsmöglichkeiten sind eher gut – und die Nachfrage nach Artikeln in vielen Fällen sogar größer als das Angebot. Es gibt ein lebhaftes Interesse – insbesondere auch der PVS – an Einreichungen aus dem Bereich Theorie, nur muss selbstverständlich auch die Qualität stimmen.

Theorieblog: Wie wichtig ist es für die Erfolgschancen eines Theorieaufsatzes, dass er sich auf eine „deutsche“ Diskussion bezieht? Plakativ formuliert, sind Beiträge die sich mit Habermas auseinandersetzen für die PVS interessanter als solche, die sich mit Raz beschäftigen?

Rainer Schmalz-Bruns: Ich würde einfach davon ausgehen, dass keine Redaktion gut beraten wäre, sich programmatisch auf so etwas wie eine Selbstprovinzialisierung festzulegen – einerseits müssen und wollen wir uns etwa mit der PVS also durchaus auf die Diskussionen beziehen, die international geführt werden. Und andererseits würde ich es eher als einen glücklichen Umstand werten, wenn wir ausnahmsweise auch einmal eine „deutsche“ Debatte mit einer gewissen internationalen Ausstrahlungswirkung führen können. Und hier kann man autoren-, aber selbstverständlich auch themenbezogen denken und sich etwa an die Entwicklung der Zeitschrift für Internationale Beziehungen (ZIB) erinnern.

Um eine plakative Antwort auf Ihre plakative Frage zu geben, so scheint sie mir einfach falsch gestellt und eine falsche Spur auszulegen: Letztlich stehen nicht dogmatische, sondern analytische und praktische Fragen im Vordergrund.

Theorieblog: Und was ist mit der Sprache und den Entwicklungen am akademischen Jobmarkt? Sind Nachwuchswissenschaftler_innen Ihrer Meinung nach den überhaupt noch gut beraten, in deutschsprachigen Zeitschriften zu veröffentlichen?

Rainer Schmalz-Bruns: Hier wäre meine Gegenfrage, ob es – bei aller Internationalisierung – wirklich eine gute Idee wäre, Deutsch als Wissenschafts- und speziell als Theoriesprache ganz fallen zu lassen? Und was den karrierestrategischen Einschlag dieser Frage angeht, so handelt es sich denke ich nicht um eine ausschließende Kategorie, sondern die Antwort müsste lauten: Publizieren sollte man sowohl international, ohne sich dabei ausschließlich an Impact-Faktoren zu orientieren (weil nach meiner Erfahrung in Berufungsverfahren z.B. nicht nur bibliometrisch gerechnet, sondern durchaus auch gelesen wird) als auch national, weil man den Umstand nicht unterschätzen sollte, dass Theoretiker_innen in Deutschland in der Regel von Politikwissenschaftler_innen berufen werden, die keine Spezialisierung für Politische Theorie aufweisen.

In diesem Zusammenhang kommt nun auch der PVS eine für den Nachwuchs interessante zusätzliche Funktion zu: Die PVS ist für die Deutsche Politikwissenschaft immer noch der Ort, an dem die wechselseitige Wahrnehmung der Teildisziplinen, ihrer Themen und Vertreter_innen organisiert wird, und die Bedeutung dieses Umstandes kann man kaum überschätzen.

Theorieblog: Werden wir etwas konkreter mit Blick auf den Veröffentlichungsprozess: Welche Art von politiktheoretischen Beiträgen sind für die PVS interessant? Wie sehr sollen Artikel sich nur auf die Fachöffentlichkeit richten, wie sehr spielt Relevanz für eine breitere Öffentlichkeit eine Rolle?

Rainer Schmalz-Bruns: Die Aufgabe der PVS ist es, das Fach in seiner teildisziplinären Breite und paradigmatischen Differenzierung darzustellen – und was interessant ist, wird uns von der Diskussion im Fach respektive den Teildisziplinen vorgegeben. Und das gilt selbstverständlich auch für die Politische Theorie und die interne Verzweigung ihrer Fragestellungen in philosophische, rechts- und sozialphilosophische, soziologische, gesellschaftstheoretische und ideenhistorische Richtungen: Die PVS möchte diesen Diskussionen selbstverständlich als Forum dienen. Leider ist die Zahl der letztlich veröffentlichten Theoriebeiträge in den letzten Jahren regelmäßig weit hinter diesem Anspruch zurückgeblieben. Das liegt primär an der sehr geringen Zahl an Einreichungen, was darauf schließen lässt, dass wir ganz offensichtlich immer noch große Schwierigkeiten haben, gerade Theoretiker_innen für die PVS zu interessieren.

Theorieblog: Wie läuft bei der PVS der Review-Prozess ab und wie viele Wochen nimmt dieser im Durchschnitt in Anspruch? Wie hoch ist schließlich die Annahmequote von Beiträgen?

Rainer Schmalz-Bruns: Das Review-Verfahren (u.d.h. unter Einschluss von revise and resubmit) dauert im Regelfall so etwa sechs Monate. Letztlich weist die PVS dann zwar eine durchschnittliche Ablehnungsquote von ca. 70% auf, aber die Chancen eines Beitrags, zur Veröffentlichung angenommen zu werden, steigen in der Regel deutlich, wenn er von der Redaktion wie den Gutachter_innen als grundsätzlich geeignet akzeptiert ist. Aber selbstverständlich gibt es auch im Revise-and-Resubmit-Verfahren keine Garantie, und das Risiko der letztlichen Ablehnung steigt mit Art, Umfang und Gewicht der redaktionsinternen wie gutachterlichen Einwände – aber das wird in aller Regel von den Redaktionen auch entsprechend kommuniziert

Es liegt mir aber daran, darauf hinzuweisen, dass die Gutachterinnen und Gutachter in aller Regel eher wohlwollend und sehr konstruktiv eingestellt sind: Vor diesem Hintergrund könnte man die Veröffentlichungen im Bereich Politische Theorie in der PVS ganz unabhängig von Annahmequoten einfach durch eine Erhöhung der nach wie vor viel zu geringen Zahl an Einreichungen steigern.

Theorieblog: Welche Empfehlungen würden Sie Nachwuchswissenschaftler_innen für die Erarbeitung ihrer Manuskripte mit auf den Weg geben? Was macht einen guten politiktheoretischen Aufsatz aus?

Rainer Schmalz-Bruns: „Irgendwie“ sollte er interessant sein, und es ist bemerkenswert, dass man sich darüber ebenso schnell einig ist wie man in der Regel außerstande ist, ein Rezept zu benennen. Deswegen möchte ich meiner Antwort eine etwas andere Wendung geben: Gerade Nachwuchswissenschaftler_innen würde ich ermutigen, im Gespräch mit Redaktionen und Gutachter_innen herauszufinden, wie diese Frage je konkret beantwortet werden kann. Und dies zumal, da Redaktionen ja heute davon ausgehen können, dass die zu einer Einreichung bei einer Fachzeitschrift bestimmten Manuskripte bereits eine Reihe professioneller Filter (etablierte Forschungs- und Diskussionszusammenhänge, Kolloquien usw.) durchlaufen haben – und auch durchlaufen haben sollten.

Theorieblog: Wir danken für das Gespräch!

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.