Jenseits von Identität und Arbeit. Impulse der Kampagne Lohn für Hausarbeit für eine politische Theorie und Praxis der Sorge

Teil 3 unserer Debatte um den Begriff der Sorge widmet sich praktischen Fragen rund um Sorge(tätigkeiten). Der erste von drei Texten wirft einen Blick auf den Zusammenhang von Care-Arbeit und Aktivismus und leitet daraus Möglichkeiten und Fallstricke einer politischen Theorie der Sorge heraus.

 

Mit der Gruppe Hausfriedensbruch, die in Hamburg einen Lesekreis zu materialistischen und queeren Traditionen des Feminismus organisiert, habe ich zum diesjährigen 8. März ein Radiofeature über die Kampagne Lohn für Hausarbeit produziert. Nach der Ausstrahlung erreichte uns eine wohlbekannte, identitätspolitische Kritik: Die cis Männer unserer all-gender Gruppe machten Frauen, Lesben, inter*, nicht-binären, trans* und agender Personen (FLINTA*) den Raum streitig. Cis Männer hätten in Fragen des Feminismus nichts beizutragen und könnten, insbesondere an diesem Tag, allenfalls als allies im Hintergrund Unterstützung leisten. Obwohl ich mich selbst oft für Räume ausgesprochen habe, die frei von cis männlichen Stimmen und Blicken bleiben, erschien mir die Kritik angesichts des Themas unserer Sendung verfehlt. Denn die Kampagne Lohn für Hausarbeit, die in den 1970er-Jahren weltweit die Sorgearbeit auf die politische Agenda setzte, fokussierte gerade nicht auf geschlechtliche Identität, sondern auf vergeschlechtlichte Arbeitsteilung. Sie wollte „ausgehend von den Frauen, aber im Sinne der gesamten Arbeiter_innenklasse“, eine neue politische Perspektive und ein neues politisches Terrain eröffnen: die Sphäre der Reproduktion. Weil sie ausgehend von Sorgearbeit eine politische Perspektive jenseits von Identität anvisiert, hält die Kampagne Impulse für eine politische Theorie und Praxis der Sorge bereit, die ich im Folgenden skizzieren möchte.

Nach der Analyse der materialistischen Feministinnen der 1970er-Jahre (re-)produziert die unbezahlte Sorgearbeit eine der wichtigsten Größen der kapitalistischen Produktionsweise: die menschliche Arbeitskraft. Sorgearbeitende gebären, umsorgen, erziehen und erhalten sie. Haus- und Sorgearbeit stehen so keineswegs außerhalb der gesellschaftlich notwendigen Produktion, wie etwa Engels in Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats meinte. Sie sind im Gegenteil deren Grundlage. Im Zuge der internationalen Kampagne Lohn für Hausarbeit, deren zentrale Thesen in Silvia Federicis Manifest Wages against Housework niedergelegt sind, forderten feministische Gruppen deshalb weltweit, die Hausarbeit solle vom Staat entlohnt werden. Die Theoretikerinnen der Kampagne insistierten darauf, dass Identität nicht vorgesellschaftlich ist, sondern als Ausdruck eines Herrschaftsverhältnisses beständig neu reproduziert werden muss. Die Mechanismen der Unterdrückung von Frauen sind aus dieser Perspektive dieselben, die ihre Identität (de-)formieren. Sie liegen in der „Trennung der Sphären, [in] der naturalisierten Zuweisung bestimmter Tätigkeiten als ‚Frauenarbeit‘ und vor allem [in] deren Nicht-Entlohnung“, wie Silvia Federici und Melinda Cooper herausstellen. Diese performative Perspektive auf Geschlechtsidentität verbindet Lohn für Hausarbeit mit queerfeministischen Positionen, wie auch das Herausgeber:innenkollektiv Kitchen Politics bemerkt. Statt sich positiv auf weibliche Identität zu beziehen, problematisierte die Kampagne deren gewaltvolle Entstehungsgeschichte und wollte über deren Grenzen hinausgelangen. Im Fokus auf Sorgearbeit erkannten die Aktivist:innen das Potenzial, Spaltungen aufgrund von Identität zu überwinden. Dabei ging es ihnen zunächst darum, Frauen unterschiedlicher Klassen und Lebenssituationen zu vereinen: „Wir gehen davon aus, daß alle Frauen Hausfrauen sind; sogar diejenigen, die außerhalb des Hauses arbeiten, bleiben Hausfrauen“, schrieb Mariarosa Dalla Costa 1973 in Die Frauen und der Umsturz der Gesellschaft. „Im Weltmaßstab wird die Lage der Frau, wo immer sie ist und zu welcher Klasse auch immer sie gehört, genau durch das bestimmt, was typisch ist für die Hausarbeit, nämlich nicht nur die Anzahl der Stunden und die Art der Arbeit, sondern die Qualität des Lebens und die Qualität der Beziehungen, die durch die Hausarbeit geschaffen werden.“

Heute mobilisiert die Care Bewegung dasselbe verbindende Potenzial, indem sie „Care“ möglichst breit bestimmt. Care-Arbeit umfasst alle „unbezahlten und bezahlten (re‑)produktiven Tätigkeiten des Sorgens und Sich-Kümmerns“, definiert etwa die Initiative Equal Care Day. Durch diesen breiten Begriff von Sorgearbeit schmiedet die Care Bewegung Allianzen zwischen weiblichen, männlichen und nicht-binären Personen und überbrückt Gräben zwischen unbezahlten und bezahlten Sorgearbeiter:innen. Denn ihr Subjekt sind die Sorgearbeitenden, es bestimmt sich über die Ausübung sorgender Tätigkeiten, nicht über die Zugehörigkeit zu einer geschlechtlich markierten Personengruppe. Darüber hinaus erlaubt ein breiter Begriff von Sorge sogar den Schulterschluss mit Klimaaktivist:innen. So betont etwa Gabriele Winker in ihrem Buch Solidarische Care-Ökonomie: Revolutionäre Realpolitik für Care und Klima, dass „die Überbeanspruchung sowohl der unentlohnten Sorgearbeit als auch der Ökosysteme“ dem Kapitalismus immanent seien, und wirbt für eine gemeinsame Perspektive der Care- und der Klimabewegung. Auch die von der ökologischen Frage ausgehende Kampagne The Green New Deal for Europe stellt den Begriff der Sorge ins Zentrum. Unter „Care“ versteht sie nicht nur Fürsorge für andere Menschen, sondern auch alle Tätigkeiten, die zu einer Regeneration des ökologischen Systems beitragen. Dieses Potenzial, ehemals getrennte politische Fragen zu verbinden, macht den Begriff der Sorge auch für die Politische Theorie interessant. Sie kann mit „Sorge“ einen neuen analytischen Grundbegriff gewinnen, der es erlaubt, so verschiedene Themen wie Familien- und Gleichstellungspolitik, Wirtschaftspolitik und Umweltpolitik gemeinsam in den Blick zu nehmen.

Gleichzeitig birgt ein breiter Begriff von Sorge aber auch die Gefahr, in der politischen Theorie und Praxis wichtige Unterschiede aus dem Blick zu verlieren: Wenn bezahlte und unbezahlte Sorgearbeitende gleichermaßen unter dem Begriff „Care“ verhandelt werden, droht erstens die Analyse der Kampagne Lohn für Hausarbeit an Schärfe zu verlieren. Zweitens könnten Unterschiede in der Lebens- und Erfahrungswelt nicht angemessen berücksichtigt werden, wenn von Identität vollends abgesehen werden soll.

Die radikalen Einsichten von Lohn für Hausarbeit drohen durch die Vorrangstellung bezahlter Sorgearbeiter:innen innerhalb der Care Bewegung verloren zu gehen, insofern unbezahlte Sorgearbeit in den Hintergrund gerät. Dass der Kapitalismus systematisch auf die Ausbeutung unbezahlter Sorgearbeit angewiesen ist, war der Kern der Analyse der marxistischen Feministinnen der 1970er-Jahre. Sie verfolgten dementsprechend ein revolutionäres Programm: Die Artikulation von Haus- und Sorgearbeit als Arbeit, die auch als solche bezahlt werden müsse, begriffen sie als Schlüssel zu ihrer langfristigen Abschaffung. „Wir kämpfen darum, dieser Arbeit ein Ende zu bereiten, und der erste Schritt besteht darin, sie mit einem Preisschild zu versehen“, heißt es etwa in Nicole Cox‘ und Silvia Federicis Aufsatz Counter-Planning from the Kitchen von 1974. Die polemische Forderung, Hausarbeit zu bezahlen, projektierte keine Reorganisierung der Sorgearbeit als Lohnarbeit, wie die Kampagne oft missverstanden wurde. Vielmehr sollte durch die Ungeheuerlichkeit der Forderung sichtbar werden, wie unverzichtbar der Beitrag der Sorgearbeit zur gesellschaftlichen Wertschöpfung ist. Lohn für Hausarbeit beabsichtigte nicht, die Lohnarbeit zu verallgemeinern, die Kampagne wollte im Gegenteil alle Arbeit von der Maßgabe der Kapitalverwertung befreien. Die gegenwärtigen Arbeitskämpfe von Krankenhauspersonal, Altenpfleger:innen oder Erzieher:innen zielen hingegen auf eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen, nicht aber auf die Abschaffung der Lohnarbeit. Will die Care Bewegung diesem Ziel treu bleiben, sollte sie die unbezahlte Care-Arbeit wieder stärker ins Zentrum rücken. Neben die konkreten Arbeitskämpfe träte dann der Streit darum, den Umfang, die Form und vor allem die Zwecke aller (Sorge-)Arbeit selbst zu bestimmen. Das Netzwerk Care Revolution setzt sich dafür ein, indem es fordert, die wöchentliche Arbeitszeit zu reduzieren und ein bedingungslosen Grundeinkommens einzuführen. Diese Strategie, die sich als Zurückdrängung der Lohnarbeit beschreiben lässt, ergänzt das Netzwerk um eine Utopie, in deren Zentrum gelingende Sorgebeziehungen stehen. Sorgendes und solidarisches Verhalten treten in dieser Utopie als gestaltende Prinzipien an die Stelle von Konkurrenz, schreiben Matthias Neumann und Gabriele Winker. Die gesellschaftliche Ökonomie ist ihrer Vision einer solidarischen Gesellschaft zufolge an der Befriedigung von Bedürfnissen ausgerichtet, die sowohl für die Produktion als auch für die Gestaltung von Arbeitsprozessen maßgeblich sind. Darüber hinaus wird alle Arbeit, insbesondere die bislang unbezahlte Care-Arbeit, zum Gegenstand radikaldemokratischer und zugleich planungsbasierter Prozesse der gesellschaftlichen Selbstbestimmung.

Der zweite Fallstrick eines breiten Care-Begriffs liegt in der Einebnung unterschiedlicher Erfahrungswelten und Weisen von Betroffenheit. Stuart Halls Unterscheidung von Identität und Positionierung kann jedoch helfen, ihn zu vermeiden. „Identitäten sind konstruiert aus unterschiedlichen, ineinandergreifenden, auch antagonistischen Diskursen, Praktiken und Positionen“, schreibt Hall in Ideologie, Identität, Repräsentation. „Sie sind Gegenstand einer radikalen Historisierung und beständig im Prozess der Veränderung und Transformation begriffen.“ Identität ist nicht wesenhaft, wohl aber in Form von Positionierung wirkmächtig. Die Wirkmächtigkeit der Positionierung von Frauen zeigt sich in Bezug auf Care zum Beispiel darin, dass auch heute noch überproportional viele weibliche Personen Sorgearbeiten übernehmen. In Deutschland beträgt der sogenannte Gender Care Gap aktuell 52,4 %. Das heißt, Frauen arbeiten durchschnittlich etwa eineinhalbmal so lange in Haushalt, Sorge und Pflege wie Männer. Warum das so ist, lässt sich nicht allein aus einer politisch-ökonomischen Perspektive erklären. Denn dass die Zuweisung von Sorgearbeit an Frauen eine bestimmte Funktion für den Kapitalismus erfüllt, erklärt nicht, warum und wie sich diese Zuweisung historisch durchgesetzt hat. Um das zu verstehen, bedarf es einer Theorie des Patriachats. Ebenso gehen rassistische Diskriminierungen und Ausbeutungsverhältnisse, die die gegenwärtige globalisierte Sorgeökonomie strukturieren, wie etwa die Auslagerung von Sorgetätigkeiten auf oft schlecht bezahlte und prekär beschäftigte Migrant:innen, nicht in der Logik der Kapitalverwertung auf. Sie können nur verständlich gemacht werden, wenn man rassistische und postkoloniale Herrschaftspraktiken analysiert. Ergänzt man die Kritik des Kapitalismus, die bei materialistischen Analysen von Sorgearbeit im Zentrum steht, um eine Kritik des Patriachats, eine Kritik des Rassismus, eine Kritik intersektionaler Diskriminierung – kurz: um Kritiken der Gewalt – kann unterschiedlichen Positionierungen Rechnung getragen werden.

„Sorge“ als politischer Grundbegriff bringt so die Herausforderung mit sich, zwischen zwei Polen hindurch zu navigieren: Einerseits bietet „Sorge“ der Politischen Theorie ein Analyseinstrument, das quer zu den Grenzen von Politikfeldern steht, und eröffnet der Care Bewegung eine politische Perspektive, die über die Begrenzungen von spezifischen Lebens- und Erfahrungswelten hinausträgt.  Andererseits droht eine zu breite Bestimmung des Begriffs, der feministischen Kritik der 1970er-Jahre die Spitze abzubrechen und über die Besonderheiten unterschiedlicher Positionierungen hinwegzutäuschen. Für die Politische Theorie ergibt sich daraus die Aufgabe, einen Begriff von Sorge zu entwickeln, der zugleich abstrakt genug ist, um übergreifende Analysen und Initiativen zu erlauben, und konkret genug, um Differenzierungen zu berücksichtigen. Für aktivistischen Zusammenhänge ergibt sich hingegen eine praktische Konsequenz: Solange die Besonderheiten aufgrund von Positionierungen leidvoll Bestand haben, braucht es auch bei Diskussionen um Sorgearbeit manchmal Räume, die Betroffenen vorbehalten sind. Räume also, in denen cis Männer, weiße oder able-bodied Menschen außenvorbleiben oder nur als Zuhörer:innen anwesend sind. Sicherlich braucht es dann, um auf mein persönliches Beispiel vom Anfang zurückzukommen, manchmal auch Radiosendungen, in denen nur FLINTA* über Fragen der Sorgearbeit sprechen. Da stimme ich den Kritiker:innen unserer Sendung zu. Manchmal allerdings und nicht immer, denn sonst verschenkten wir wieder das Potenzial, mithilfe des Begriffs der Sorge zu einer politischen Position jenseits von geschlechtlicher Identität zu gelangen – zu einer Position jenseits von Identität und jenseits von Arbeit.

 

Liza Mattutat ist Philosophin und Mutter eines 2-jährigen Sohnes. Sie arbeitet als Postdoktorandin im Graduiertenkolleg »Kulturen der Kritik« an der Leuphana Universität Lüneburg. Im Frühjahr 2021 hat sie sich im Rahmen des Kollegs mit einer Arbeit zum Verhältnis von philosophischer Rechtskritik und feministischer Rechtspolitik promoviert (erscheint 2022 bei J. B. Metzler). Zuletzt hat sie den Sammelband »What’s legit? Critiques of Law and Strategies of Rights« (Diaphanes, 2020) mitherausgegeben und den Workshop »Corona, Care & Commons« im Berliner Brecht-Haus organisiert. Sie ist Mitglied in der Gruppe ›Hausfriedensbruch‹ aus Hamburg, die mit dem Netzwerk Care Revolution kooperiert.

 

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