Heimat: Identität und Ausgrenzung

Heimat als „ein in keine andere Sprache übersetzbares deutsches Wort“ (Helmut Kohl) ist als politische Parole wie als soziologisches Scheidungskriterium ein bis ins Innerste vergifteter Begriff. Denn der Begriff „Heimat“ hebt als spezifische Sozialkategorie diese von anderen in ihrer historischen Bedeutungsdimension genuin ab und beinhaltet stets eine integrative Verbindung von geografischem Ort und bevölkerungspolitischer Zuschreibung. Insofern inkorporiert der Heimatbegriff eine strukturell völkische Dimension, da Menschen eine nicht-soziale und damit vorpolitische Verbindung mit einem konkreten Raum zugeschrieben wird, der zugleich nicht das subjektive Zugehörigkeitsgefühl betont, sondern eine kollektive Bindung von Menschengruppen an geografische Orte unterstellt.

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Heimat. Ein vorpolitischer Begriff als Antwort auf die politischen Probleme der Zeit?

Das Bedürfnis nach Verortung in der Welt, nach Zugehörigkeit und kulturellen Ankerpunkten ist für moderne Gesellschaften grundlegend. Es geht um Identität in einer Zeit, in der sich die Gesellschaft pluralisiert, Vertrautes sich verändert oder ganz verschwindet und neue Konflikte entstehen. Wir können dieses Bedürfnis als eines nach Heimat auf den Begriff bringen. Dabei handelt es sich um ein legitimes Bedürfnis, das wir politisch ernst nehmen müssen – auch wenn oder gerade weil die populistischen Bewegungen das Gefühl des Heimatverlusts für ihre Zwecke zu instrumentalisieren versuchen.

Der Populismus als politische Bewegung reagiert auf die beiden großen Signaturen unserer Zeit – auf die Globalisierung und die mit ihr einhergehende Erfahrung von Entgrenzung und die Digitalisierung und die mit ihr einhergehende Erfahrung von Beschleunigung – mit dem Ruf nach Schließung von nationalstaatlichen Grenzen, nach autoritärer Herrschaftsausübung und Abwertung von allem, was als fremd wahr­genommen wird sowie mit der Aufwertung von allem, was als das Eigene gilt. Als populistisch werden diese Bewegung und die sie politisch organisierenden Parteien deswegen bezeichnet (Jan-Werner Müller), weil sie reklamieren, die einzig wahren Repräsentanten eines echten Volkswillens zu sein, was mit der Gefahr der Abschaffung der Demokratie einhergeht – im Namen eines vermeintlichen Volkswillens dient die Wahl als plebiszitäre Ermächtigung zur Einrichtung einer in Wahrheit autoritären Herrschaft.

Antworten auf die Repräsentationslücke

Warum hat sich dies so entwickelt? Eine Erklärung liegt in der These der Repräsentations­lücke (Wolfgang Merkel). In den vergangenen Jahrzehnten hat sich eine wachsende Gruppe von Bürgerinnen und Bürger herausgebildet, die sich nicht mehr repräsentiert fühlt durch die etablierten Parteien und Eliten. Diese Bürger verstehen sich nicht als Kosmopoliten und Europäer, sondern in erster Linie als zugehörig zu einer Nation, deren Interessen sie nicht mehr angemessen berücksichtigt sehen. Aus der Wahrnehmung benachteiligt zu sein, dem Stress der dauernden Veränderungszumutung in der globalisierten Wirtschaft und nicht zuletzt durch die Veränderungen, die in der eigenen Gesellschaft durch Migration verursacht werden, entsteht das Gefühl, fremd im eigenen Land zu sein.

Aber müsste dann nicht die angemessene politische Antwort auf eine solche  Repräsentationslücke in einer staatlichen Offensive liegen, die die materiellen Lebensbedingungen verbessert, etwa in einem Programm gegen steigende Mieten, zudem in einer inklusiven Arbeitsmarktpolitik und auch in dem Ausbau statt Rückbau der öffentlichen Infrastruktur gerade im ländlichen Raum? Dieser Einwand aus einer die soziale Verantwortung von Politik betonenden Perspektive ist gewiss auch richtig, zumal nach den Jahrzehnten des Rückzugs des Staates. Aber es geht nicht nur um sozio-ökonomische, sondern auch um kulturelle Antworten – Heimat stellt hier eine dieser Antworten dar.

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Workshop: „The Political Imaginary and New Forms of Collective Subjectivities“ (Berlin)

Das von Paula Diehl geleitete Projekt „The Imaginary and Politics in Modern Democracy“ veranstaltet am 18. und 19. November 2016 an der Humboldt-Universität zu Berlin den Workshop „The Political Imaginary and New Forms of Collective Subjectivities“. Referieren werden Regine Herbrik (Leuphana­-Universität Lüneburg), Paula Diehl (Humboldt Universität zu Berlin),  Martin Saar (Universität Leipzig), Mauricio Domingues (Universität Rio de Janeiro), Emanuel Richter (Technische Universität Aachen), Wolfgang Knöbl (HIS, Hamburg), Olaf Kaltmeier (Universität Bielefeld) und Giorgia Bulli (Universität Florenz). Weitere Informationen zu der Veranstaltung gibt es hier.

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Programm: W(h)ither Identity (Gießen)

Nächste Woche findet am Donnerstag, den 23.01, und Freitag, den 24.01, in Gießen die Konferenz „W(h)ither Identity. Positioning the Self and Transforming the Social“ statt. Soeben wurde für die vom International Graduate Centre for the Study of Culture organisierte Tagung das endgültige Programm veröffentlicht. Unter anderem dürft ihr euch auf Keynotes von Manuela Bojadžijev zu „Identity – Fortress or paradoxical space?“ und von Oliver Marchart zu „The groundless ground of identity. Political implications of social and cultural identity“ freuen. Das gesamte, äußerst interessante Programm (welches auch noch von einer Performance abgerundet wird) findet ihr hier. Die Anmeldung ist kostenlos, registrieren sollte man sich aber vorab.

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CfPs: W(h)ither Identity (Gießen) / Anomisches Recht (Hamburg)

Am GCSC (Gießen Graduate Center for the Study of Culture) findet im Januar (genauer: am 23.-24.01) eine Konferenz zum Thema „W(h)iter Identity – Positioning the Self and Transforming the Social“ statt. Der Call legt dar, wie in der Konferenz das Thema Identität und Identitätsforschung angegangen werden soll. Vorschläge für Beiträge müssen bis zum 31. Oktober in Form eines Abstracts an conference.whitheridentity@gcsc.uni-giessen.de geschickt werden (englisch oder deutsch). Alle Infos findet ihr hier.

Außerdem sei darauf hingewiesen, dass der Call für die Konferenz „Auf dem Weg zum anomischen Recht? Rechtsetzung zwischen Republikanismus, Demokratie und Gouvernementalismus„, den die neu eingerichtete Themengruppe „Politik und Recht veröffentlicht hat, bis zum 11. Oktober verlängert wurde. Die Konferenz selbst findet Mitte November in Hamburg statt. Alle Infos hier.

 

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Preisfrage: Was ist und wie entsteht demokratische Identität?

Essayfragen sind eine schöne philosophische Tradition und das Forschungsinstitut für Philosophie in Hannover nimmt diese Tradition auf. Gefragt wird: „Was ist und wie entsteht demokratische Identität?“ und wer darauf eine Antwort weiß und diese in maximal 40.000 Zeichen ansprechend zu formulieren weiß, hat die Chance einen Preis zu gewinnen. Ausgelobt sind 3.000, 2.000 und 1.000, also spitzt die Federn (oder ölt die Tastaturen) und fangt an zu philosophieren (wer lieber erst liest, dann schreibt, findet hier nochmal die Fragestellung und alle Teilnahmebedingungen). Einsendeschluss ist der 15. März 2013, der Rechtsweg ist ganz sicher ausgeschlossen.

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Tagung: Kollektivität nach der Subjektkritik (Berlin)

Vom 28. bis zum 30. Juni veranstaltet das Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien an der HU Berlin eine große internationale Tagung zum Thema „Kollektivität nach der Subjektkritik„. Unter anderem werden Susanne Baer, Linda Alcoff, Linda Zerilli und Adriana Cavarero diskutieren, wie Vergemeinschaftung und die Kritik von Identitätsbildungsprozessen in ein Verhältnis gesetzt werden können. Das vollständige Programm mit allen Vorträgen und der Möglichkeit sich für die Veranstaltung anzumelden, findet ihr hier.

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CfP: Memory, contestation, identity. European politics of remembrance

Der Council for European Studies ruft zur Einreichung von Proposals zur Thematik europäische Erinnerungspolitik und Identität im Kontext der Entstehung einer europäischen Öffentlichkeit auf. Die 19th International Conference of Europeanists wird vom 22.-24. März 2012 in Boston stattfinden. Einzelne Paper sollten möglichst in Zusammenhang mit einem ganzen Panel vorgeschlagen werden – der Call läuft noch bis zum 1. Oktober. Mehr Infos zu der Tagung gibt es hier.

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Jürgen Habermas in Berlin: Vortrag zur EU und zum Völkerrecht (16.6)

Jürgen Habermas spricht – und zwar in Berlin, genauer an der HU, noch genauer: im Audimax, ganz genau: im Audimax der HU Berlin am Donnerstag, den 16.6, um 18 Uhr. Sein Vortrag ist überschrieben: „Die Krise der Europäischen Union im Lichte einer Konstitutionalisierung des Völkerrechts“.

Es steht zu erwarten, dass Habermas hier an jene seiner kleinen politischen Schriften anknüpft, die sich im Detail mit der postnationalen Konstellation und der Konstitutionalisierung des Völkerrechts auseinandergesetzt haben und diese zusammenführt mit jüngeren tagespolitischen Einwürfen, z.B. der viel diskutierten Abrechnung mit Merkels Außenpolitik, einer Debatte über Europa und die neue deutschen Frage, dem emphatischen Aufruf „Wir brauchen Europa“ sowie der Auseinandersetzung mit den Referenden zum Verfassungsvertrag und dem irischen Nein zu Lissabon (in jüngerer Zeit gibt es zudem viele Versuche in der Sekundärliteratur, die europa- und völkerrechtliche Position Habermas‘ in Bezug auf dessen Gesamtwerk zu verorten – beispielsweise von McCormick, Parker, Turner, LacroixGrewal, Fine/Smith). Kommunikatives Handeln darf also erwartet werden -wir wünschen allen eine gute Diskussion.

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Politische Mythen – der Fall des „zweiten Katyn“

In dieser Woche hat die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk in der Süddeutschen Zeitung (leider nicht online verfügbar) einen beunruhigend-dringlichen Artikel zum Umgang Polens mit dem „zweiten Katyn“, wie der Flugzeugabsturz von Smolensk bisweilen genannt wird, geschrieben. Sie beobachtet darin, wie innerhalb von nur einer Woche nach dem Unglück in Windeseile am polnischen Mythos des nationalen Leidens und Opferns weitergeschmiedet wurde: Die Katastrophe, durch die das Land wichtige Teile seiner Führungselite verloren hat, wurde in diesen historisch weit zurückreichenden Opfermythos inkorporiert und als dessen jüngste Episode umgedeutet. (mehr …)

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