Lesenotiz: Reicht uns das? Politische Theorie als bloße Begleitung

Was kann und soll politische Theorie? Diese Frage will Oliver Flügel-Martinsen mit „Befragungen des Politischen. Subjektkonstitution – Gesellschaftsordnung – Radikale Demokratie“ beantworten. Sein Ziel ist es, die „Implikationen und Konsequenzen des Denkens des Politischen für zentrale Themen und Aufgaben politischer Theorie zu reflektieren.“ (S. 2). Das Denken des Politischen (in Abgrenzung zu Politik) befindet sich angestoßen von frankophilen Theorieentwicklungen auch in Deutschland in den letzten Jahren in der Diskussion. Nun hat Flügel-Martinsen eine Studie zum Politischen, zu dessen ideengeschichtlicher Grundlage und demokratietheoretischen Implikationen vorgelegt, die sich erstens recht deutlich von Marcharts einschlägiger Monografie „Die politische Differenz. Zum Denken des Politischen bei Nancy, Lefort, Badiou, Laclau und Agamben“ abgrenzt und zweitens eine erstaunliche Antwort auf die Ausgangsfrage gibt: Aufgabe politischer Theorie ist die bloße reflektierende Begleitung der Kämpfe sozialer und politischer Bewegungen.

Mit Jacques Rancière für eine emanzipatorische Gleichheit

Flügel-Martinsens Auseinandersetzung mit Oliver Marcharts Leseart des Politischen ist bemerkenswert. Nachdem er das Politische mit Lefort grundsätzlich als aufbrechende Bewegung versteht, die die institutionelle Ordnung der Politik in Frage stellt, identifiziert er die Deutung der Konfliktdimension als das zentrale Unterscheidungsmerkmal der verschiedenen Diskurse um das Politische. Hier grenzt Flügel-Martinsen sich im Folgenden explizit von Marcharts linksheideggerianischer Leseart ab: Als Folge der Bezugnahme auf Heidegger (und nicht auf Nietzsche oder Hegel) tendiere Marchart zu einer „ontologischen Überhöhung des Konflikts“ (S. 180). Dadurch würde dem politischen Streit eine unwiderlegbare, fundamentale Funktion zugwiesen, was letztendlich dem eigenen Postfundamentalismus widerspreche.

Flügel-Martinsen macht dagegen die Betrachtungen Jacques Rancières stark. Während Marchart Rancières „emanzipatorischen Apriorismus“ verbunden mit dessen Gleichheitskonzeption kritisiert, sieht Flügel-Martinsen die Gleichheitsannahme Rancières gerade nicht als internen Widerspruch mit der Annahme eines nicht existenten letzten Grundes, sondern als Ergebnis des fehlenden letzten Grundes. Konflikt werde dann ebenso eine zentrale Rolle zugewiesen, sei aber nicht tiefenontologisch begründet, sondern schlicht ein Effekt der Partikularität einer jeden Ordnung. Fortdauernder Dissens über die mannigfaltigen Strukturen einer Gesellschaft ist so nicht Konsequenz bestimmter Eigenschaften des Politischen, „sondern schlicht eine Folge daraus, dass sich innerweltlich keine ewige Gerechtigkeit verbürgende Ordnung wird realisieren lassen, so dass jede Ordnung früher oder später zu Kontestationen im Namen der Gleichheit führen muss“ (Flügel-Martinsen 2017: S. 193).

Ein ideengeschichtlich hergeleiteter Entwurf einer angemessenen Gesellschafts-, Subjekt- und Demokratietheorie

Diese theoretische Abgrenzung bildet nun den Auftakt für Flügel-Martinsens eigenen Versuch, eine Gesellschaftstheorie, eine Subjekttheorie und ein Demokratieverständnis im Diskurs des Politischen zu erarbeiten, wobei es ihm hier hervorragend gelingt, auf seine vorherige ideengeschichtliche Analyse und Kritik der modernen politischen Philosophie zurückzugreifen.

So verhafte die moderne politische Philosophie erstens in einem überholten normativen und methodologischen Individualismus, und zweitens sei deren Begründungfixierung, also der Versuch politische Ordnungen zu begründen, „realitätsfern, machtvergessen und affirmativ.“ (S. 61) Aus der Ideengeschichte bedient Flügel-Martinsen sich – wie er selber notiert – bei Autoren mit großen Unterschieden. Er will damit insgesamt eine „Verschiebungsbewegung“ weg vom begründungstheoretischen und individualistischen Denken erzeugen. So findet er bei seinen Referenzautoren die Hinwendung zur Gesellschaftsanalyse und -kritik und die Subjektkonstitution aus sozialen und politischen Prozessen (Hegel und Marx), die skeptische und radikale Befragungsbewegungen sozialer und normativer Ordnung bis hin zur Paralyse derselben (Nietzsche), sowie im 20. Jahrhundert die emanzipative Wendung der skeptischen Befragung und des Abschieds von einer Fundamentsuche (Foucault), der bekanntlich Derrida folge, wenn er die „filigrane“ Dekonstruktion der Fundamente (aufgrund ihrer eigenen Schwächen) zum Ziel der (politischen) Philosophie erkläre.

Nach dieser ideengeschichtlichen Grundierung wundert es hier nicht, dass es eine Gesellschaftstheorie im Sinne eines fundierten Theoriegebäudes für Flügel-Martinsen nicht geben kann. Er legt statt einer Gesellschaftstheorie eine ent-gründende theoretische Reflexion der Instituierungsprozesse gesellschaftlicher Ordnung(en) nahe. Eine Subjekttheorie vermag sich für ihn dann im Zusammenspiel der „zwei Gesichter der Subjektivierung“ entwickeln. Die Konstituierung des Subjekts geht demnach zum einen auf soziale und politische Unterwerfung durch und unter bestehende Ordnung und zum anderen auf die Möglichkeit der – subversiven, spontanen und seltenen – Emanzipation des Individuums zurück.

Damit eröffnet sich ein vom klassischen formbasierten Verständnis abgrenzendes, alternatives Demokratieverständnis. Demzufolge ist Demokratie kein festgefügtes oder wohlbegründetes Modell, „sondern muss als ein kritisch-subversiver Modus des Befragens begriffen werden.“ (Flügel-Martinsen 2017: S. 239) Konflikt und Dissens spielen dabei eine zentrale Rolle, sollen aber – wie der Autor hier wiederholt – keineswegs ontologisch aufgeladen werden, sondern als unmittelbare Folge der Grundlosigkeit aller Ordnungen begriffen werden.

Muss daraus – fragt er weiter – eine anti-institutionelle oder die institutionelle Dimension auflösende Betrachtung entstehen? Nein, keineswegs. Auch bei Rancière würden Institutionen eine Rolle spielen, aber „es ist nicht die Aufgabe der politischen Theorie, deren Einrichtung zu entwerfen und zu legitimieren; diese besteht vielmehr darin, die Kämpfe politischer und sozialer Bewegungen reflektierend zu begleiten.“ (Flügel-Martinsen 2017: S. 251)

 

Politische Theorie als reflektierende Begleitung

Flügel-Martinsen formuliert so die Aufgabe politischer Theorie als Begleitung im Sinne des Politischen. Wenn man diesem Ansatz folgt, wäre es instruktiv zu erfahren, wie eine solche Befragung aussehen könnte. Was unterscheidet sie etwa von einer Dekonstruktion im Sinne Derridas oder einer Diskursanalyse al la Foucault? Hier wären mögliche Schlussfolgerungen für aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und Institutionen, und sei es auch nur in exemplarischer Absicht, hilfreich gewesen.

Darüber hinaus – und damit wird es grundsätzlich – tut sich die politische Theorie sowohl strategisch als auch theoretisch keinen Gefallen, wenn sie sich auf die „bloße“ reflektierende Begleitung zurückzieht: Kann das Politische (als „Gegensatz“ zu Politik) tatsächlich – auch über den wissenschaftlichen Diskurs hinaus – sichtbar und wirksam werden, wenn die Theorie sich dem Entwurf und der Legitimation politischer Institutionen entsagt? Sowohl für das Subjekt als auch das Objekt des Politischen vollziehen sich die Kämpfe politischer und sozialer Bewegungen nun mal zunächst bezogen auf Politik, d.h. unter anderem in oder gegen Institutionen. Wenn nun aber deren Entwurf und (De-)Legitimation nicht mehr als Aufgabe der politischen Theorie begriffen werden, droht sie selbst realitätsfern und machtvergessen zu werden. Wäre es nicht viel zielführender, im Sinne des Politischen und Demokratischen als Befragung, Institutionen mitzugestalten, und erlaubt nicht gerade die kritisch-subversive Distanz hier andere Wege zu denken? Damit würde die reflektierende Begleitung keineswegs weniger bedeutsam bzw. theoretisch wie praktisch notwendig. Allerdings erschöpft sich die politische Theorie – gerade vielleicht auch aus Perspektive eines emanzipatorischen Projekts – nicht in ihr.

Gleichwohl könnte „Befragungen des Politischen“ den Diskurs über das Politische aus drei Gründen bereichern. Erstens bietet es einen alternativen, sich vom Linksheideggerianismus abwendenden Vorschlag für eine ideengeschichtliche Grundierung. Zweitens versucht Flügel-Martinsen damit die Debatte von seiner konflikttheoretischen Überhöhung zu befreien und strebt damit drittens eine gestärkte Konzeption Rancières an. Es ist nicht alles durchweg innovativ, aber der exzellent geschriebene und gleichzeitig sehr dichte Beitrag wird den Diskurs über das Politische sicherlich mit Leben erfüllen.

Malte Miram, M.A. Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für politische Wissenschaft und Soziologie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

 

Ein Kommentar zu “Lesenotiz: Reicht uns das? Politische Theorie als bloße Begleitung

  1. Lieber Malte, vielen Dank für deinen Beitrag. Ich finde ihn sehr eingängig, hätte aber eine kurze Nachfrage bezüglich deines grundsätzlichen Kritikpunktes am Ende. Du formulierst, dass der Rückzug der politischen Theorie auf das Feld der “reflektierten Begleitung” als eigentlicher Aufgabe zu einer Entsagung im Entwerfen und Legitimieren von Institutionen führe. Aber ist es nicht eine etwas enge Auslegung? Ich habe Flügel-Martinsen so verstanden, dass er sich hier – ganz im Sinne des Anti-Avantgardismus Rancières – gegen die Exklusivität der politischen Theorie wendet, legitime Institutionen zu entwerfen und zu begründen. Er verweigert sich aber nur dieser Exklusivität, nicht der Teilhabe der Politischen Theorie an dieser Aufgabe an sich. Viel eher sieht er doch die Politische Theorie auf der gleichen Ebene agieren wie die sozialen Bewegungen – und wäre doch damit gar nicht so weit weg von deiner Position, oder?

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