Slippery Slopes: Nudging

„Slippery Slopes“ – bekannt als Einwand in philosophischen Debatten ist die Warnung vor der ’schiefen Ebene‘ nun auch der Name eines neuen Blog-Projektes. Seit Anfang des Jahres laden Thomas Hoffmann, Christian Neuhäuser und Arnd Pollmann zur „philosophischen Rutschpartie“. Dabei nehmen sie sich, unterstützt von weiteren Autorinnen und Autoren, verschiedene Themen aus unterschiedlichen Perspektiven vor. Gerade eben startet eine neue „Rutschpartie“ zum Thema „Nudging“. Zur Begrüßung dieses schönen Blog-Projektes veröffentlichen wir den Auftakt-Post von Arnd Pollmann – und wünschen dem Projekt alles Gute!

Arnd Pollmann: Nudging – Früher aufstehen

Im Internet gibt es einen elektronischen Wecker zu kaufen, der das Zeug hat, das auch philosophisch knifflige Problem der “Willensschwäche” zu lösen. Man füttert diesen Wecker mit den eigenen Bankdaten und einer Liste politischer Lobby-Gruppen oder Organisationen, die man hasst (Fördervereinigung legaler Waffenbesitz, Scientology, AfD etc.). Und immer dann, wenn man morgens die Schlummer-Taste drückt, werden über Wifi 10 Euro an eine dieser Organisationen gespendet. Endlich wird wahr, was der anglo-amerikanische Volksmund schon immer wusste: “You snooze, you lose”.

Muttikratie
Diese Selbsttherapie ähnelt dem neuesten heißen Scheiß liberal-demokratischer Regierungspolitik: Nachdem bereits die Regierungen Obama und Cameron entsprechende Kommissionen eingerichtet haben, brütet nun auch in Merkels muttikratisch geführtem Kanzleramt ein sogenanntes “Nudging”-Komitee (engl. für “Stupsen”). Es sollen Strategien entwickelt werden, die uns Bürgerinnen und Bürger, die wir bisweilen zu unökonomischen oder ungesunden Entscheidungen neigen, dazu anhalten, ganz von allein das Richtige zu tun. Dazu müssen nur bereits vorhandene Handlungsoptionen geschickt umarrangiert werden, ohne dass dies aus Sicht der Betroffenen eine Einbuße an Freiheit oder gar eine Manipulation darstellt; wobei hier natürlich alles darauf ankommt, dass die zu treffenden Entscheidungen diese Bedingung auch tatsächlich erfüllen und dann auch als richtig und gut empfunden werden.

Es ist leicht, dieses Stupsen für unaufklärerisch oder gar für gefährlich zu halten. Zumindest das politisch forcierte Nudging riecht nach einer unsympathische Allianz aus Macht, Ökonomie und Verhaltenspsychologie. Doch bevor es hier vorschnell zu einem #Aufschrei kommt: Bereits jetzt werden wir im Alltag unentwegt genudgt. Die Handy-Erinnerung an den morgigen Arzttermin, ein Schild, das vor einem rutschigen Abhang warnt, das Navi im Auto, die Druckervoreinstellungen am Computer, der per Post zugeschickte Vordruck eines Organspendeausweises, der krasse Spruch auf der Zigarettenschachtel, eine schwarze Fliege, die in die Urinale öffentlicher Pissoirs gemalt wird, um männliche Treffsicherheit anzuspornen. Man muss all diese Hinweise nicht beachten, aber man kann. Und wenn man das tut, dann ist das meistens auch gut. Eben das wäre der wichtige Unterschied zwischen Stupsen und Schubsen: Es werden Anreize geschaffen und mithin Gründe geliefert, den eigenen Schweinehund zu überwinden, aber es werden keine Auflagen gemacht. Das preisreduzierte vegetarische Zusatzgericht in der Kantine ist Nudging, der obligatorische Veggie-Day nicht.

Stupsen statt Schubsen
Die Welt unserer Interessen ist plastisch, sie lässt sich modellieren, und manche “Voreinstellungen” sparen ersichtlich eine Menge Sorgen, Zeit, Geld und Energie. Cass Sunstein und Richard Thaler, die wichtigsten Stichwortgeber der Debatte, haben in ihrem gemeinsamen Buch “Nudge” behauptet: Der durch Stupsen bewirkte “libertäre Paternalismus” ist nur scheinbar paradox. Hier soll gelenkt werden, um letztlich ein Mehr an Freiheit zu ermöglichen. Sicher, Nudging wäre eindeutig schlecht, wenn es nicht im unmittelbaren Interesse der Betroffenen liegt, wenn es intransparent bleibt, manipulativ wirkt oder gar schlechte Ziele verfolgt. Die Kalorien-Angabe auf der Tiefkühlpizza ist gutes Nudging, das All-you-can-Eat-Schild an der Restaurant-Tür nicht. Aber sind dies nicht alles bloß empirische Einwände? Warum sollte das Nudging grundsätzlich gegen die Autonomie oder gar die Würde der Menschen verstoßen, wie viele Kritiker behaupten? Natürlich möchte niemand manipuliert werden, aber gerade dies geschieht tagtäglich, und zwar ganz ohne Nudging. Ließe sich das anvisierte Wachrütteln nicht auch demokratisch offen und damit autonom und nicht-manipulativ als kollektive Selbstbindung gestalten? Gelungenes Nudging wäre – bereits begrifflich – gerade kein versteckter Zwang. An einem Wecker ist ja auch nichts auszusetzen.

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