Lesenotiz: Zur Person – Günter Gaus

Die Stimmen derer, die meinen, der Rechtsstaat habe, wenn überhaupt, die Demokratie abgelöst, sind in den vergangenen Jahren zu einem Standard in Europa geworden. Ein sich selbst legitimierender Interessenverwaltungsstaat, die postdemokratisch genannte Bürokratie, jener vierte, spezifisch moderne Ergänzungstypus der drei klassischen Verfassungsformen Demokratie, Aristokratie und Monarchie, scheint von vielen der sichtbareren Intellektuellen der BRD mittlerweile als Schicksal akzeptiert. Ganze Bände sind schon mit der bloßen Reformulierung des mittlerweile aufgestauten Abgesangs auf die partizipative Bürgerdemokratie gefüllt worden und auch das gesteigerte Interesse spricht für sich, das seitens der hiesigen Politischen Theorie mittlerweile den vormals für ausgestorben gehaltenen Traditionen des Republikanismus zukommt (ob in Zeitschriften, Tagungen oder Sektionsversammlungen). Dieser Tage nun jährt der zehnte Todestag von Günter Gaus, dem wohl einflussreichsten intellektuellen Journalisten der demokratischen Nachkriegsgeschichte Deutschlands, eines besonnenen Mannes, der sich kurz vor seinem Tod einmal mehr zur Republik bekannte, als er ein kleines Manifest wider die damals aufkommende Postdemokratie mit der provozierenden Überschrift versah, Warum ich kein Demokrat mehr bin.

Gaus, der dem für die spätere BRD besonderen Jahrgang 1929 angehörte, war u.a. Chefredakteur des SPIEGEL, Staatssekretär im Bonner Bundeskanzleramt, erster Ständiger Vertreter der BRD in der DDR, für die politische Öffentlichkeit indes ungleich bekannter durch die Hälfte seines Hinterkopfes, die er dem Publikum in einer über Jahrzehnte unter Titeln wie Zur Person etablierten Sendereihe bedächtig geführter Fernsehinterviews präsentierte.

Gaus’ Stil, Gespräche zu führen, wirkt nicht nur wie aus einer anderen Welt. Gaus stellte klar formulierte, in Schachtelsätzen gediegen aufgebaute, dabei selten präzise und umso mehr zum Mit- statt nur Nachdenken einladende Fragen, hörte den meist langen Antworten ruhig zu, unterbrach kaum, hetzte nicht. Die Antworten seiner Gesprächspartner_innen, auch das ist nicht selbstverständlich, verstand er, fragte andernfalls mit dem charakteristisch scharfen Hamburger S nach: „S-timmt es eigentlich, daß…“. Folglich sah sich niemand genötigt, das eigene Niveau zu unterschreiten, um sich vermeintlich verständlicher zu machen.

Für die Politische Theorie ist Gaus dabei weniger eines verdienstvollen Interviews mit Franz-Josef Strauß wegen berühmt, noch denen mit Adenauer, Dutschke, Schmidt u.v.a., als vielmehr aufgrund seines legendären Gesprächs mit einer verblüffend antiphilosophischen Hannah Arendt, um das kaum umhinkommt, wer den politischen Menschen Arendt noch begreifen will. Wer überdies weiß, was Gaus später in distanzierter Zartheit bekannte, dass er nämlich wie ein Minnesänger verliebt war in die unerreichbare Theoretikerin, blickt noch einmal anders auf den halben Hinterkopf.

Zum Todestag nun widmete Bettina Gaus, Journalistin der taz, ihrem Vater ein sensibles kleines Portrait. Sie überlegt, was ein Mann seines Formats wohl über das neuerliche antikluge Denunziationsklima – Stichwort: „Russlandversteher“ – denken würde und erinnert an einen späten Satz ihres Vaters, der auch von Colin Crouch stammen könnte, aber doch schwerer wiegt, da G. Gaus nicht analysierte, sondern betroffen und beschämt auf die Erstarrung eines Staates blickte, den er selbst mit aufgebaut hatte: „Unter Wahrung der demokratischen Formen“, so G. Gaus, „ist der Inhalt dieses politischen Systems gegen wechselnde Events ausgetauscht worden. […] Selbstverständlich nehme ich nicht mehr an Wahlen teil.“

Der Text Warum ich kein Demokrat mehr bin, ursprünglich 2003 in einer Augustausgabe der SZ erschienen und seither unendliche Male kopiert, zitiert und wiederabgedruckt, ist kein antidemokratisches Pamphlet. Er bekennt sich in einer heute, gut ein Jahrzehnt später, eigentümlich selbstverständlich klingenden Weise zum vornehmlichsten Paradigma der Postdemokratie, dazu, dass das, was die Überschrift reklamiert, „früher“ zwar „undenkbar gewesen“ wäre, denn „[w]ie hätte man kein Demokrat sein können?“ Das Frappierende sei eher, so Gaus, dass er, obwohl „kein Demokrat mehr“, auch „kein Fall für den Verfassungsschutz Otto Schilys“ sei. Denn „[n]atürlich stehe ich weiterhin auf dem Boden der FdGO.“ Die Partei Schilys hatte Gaus nach „9/11“ verlassen. Am 14. Mai 2004 verstarb Günter Gaus in seiner Hamburger Wahlheimat; besuchen lässt sich sein Ehrengrab auf dem Berliner Dorotheenstädtischen Friedhof.

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