Inszenierung als Beruf – „Guttenbergen“ und „Wulffen“ als neuer Politikstil?

In der Debatte um Fehlverhalten, Krisenmanagement und Wahrheitsbegriff unseres Bundespräsidenten erheben sich bekanntermaßen längst nicht alle Beiträge über das Niveau schaulustiger Empörung: Die Leistung von „Bild“ ist nicht die heroische Verteidigung der Pressefreiheit, sondern die Boulevardisierung auch gehobener deutscher Printmedien nach ihrem eigenen Vorbild. Nach den Gesetzen des Boulevardjournalismus, den in den letzten Wochen auch FAZ, SZ etc. gefolgt sind, musste die investigative Erregung freilich sukzessive abflauen. Was am Ende trotz der oft oberflächlichen Medienempörung bleibt, ist nicht nur Wulff im Amt, sondern im besten Falle auch ein paar grundlegendere Überlegungen und Erkenntnisse zum Verhältnis von Person, Staatsamt und Medienöffentlichkeit, und zur Selbst- und Fremdinszenierung in der Politik. Ganz ähnlich verlief die Guttenberg-Skandaldramaturgie vor nicht einmal einem Jahr.
Glücklicherweise setzte im Jahr 2011 schon zeitig, während der Entfaltung des Skandals und dann der Verschiffung des Freiherrn nach Amerika, die wissenschaftliche Aufarbeitung ein, so etwa durch einen Workshop am Wissenschaftskolleg Berlin, der bereits im Spätsommer in einen kleinen Suhrkamp-Sammelband mündete. Auf dem Cover ist das berühmte Bild des Verteidigungsministers mit Hubschrauber zu sehen; der Buchtitel „Inszenierung als Beruf“  deutet bereits die Antwort auf jene Frage an, die im Laufe der öffentlichen Debatte gelegentlich gestellt wurde: Was ist eigentlich Guttenbergs Profession, und was seine Funktion in der deutschen Politik und Öffentlichkeit?

„Inszenierung als Beruf“ versteht sich aus einem einfachen Grund nicht als dritte systemspezifische Berufsanalyse neben Max Webers Klassikern über Politik und Wissenschaft: Guttenberg ist beziehungsweise war ja Politiker, übte nie einen anderen Beruf als den des Politikers aus; und (Selbst-)Inszenierung ist nun einmal, abseits von Film und Theater, kein klassisches Berufsfeld. Der von Oliver Lepsius herausgegebene Band fragt also eigentlich nach der Verdrängung von Max Webers klassisch formulierten Anforderungen an den Politiker – Leidenschaft, Verantwortungsgefühl, Augenmaß – durch die  Schlüsselkompetenz der medialen Selbstdarstellung. Dass Guttenberg sich auch noch temporär als Wissenschaftler versuchte, aber eben nur dem Anschein nach, macht die Formel von der „Inszenierung als Beruf“ vollends zur Dekadenzthese, die eine Korrosion ehemaliger Wertegerüste diagnostiziert: Wo aus Webers Sicht Politik und Wissenschaft noch nach eigenen Logiken funktionieren und vom Einsteiger gewisse Anpassungsleistungen verlangen, sei die universelle, systemübergreifende Anforderung an Karrieristen jedes Berufsfeldes nun das Blendertum.

Durch drei Themenbereiche verfolgen die vierzehn Beiträge das Phänomen Guttenberg: Überlegungen zu Öffentlichkeit, Wissenschaft und Stilistik sollen Einsicht in das Geschehene bieten, und in der Tat sind viele der Texte konzise und detailgenaue Durchdringungen der rhetorischen und ikonographischen Strategien, des Spiels mit den Medien, und des defizitären Politik- und Moralbegriffs von KTG – wobei noch mehr Einordnung und Vergleich mit anderen Fällen sicher interessant gewesen wäre. Bemerkenswert und genau auf die (im Titel am deutlichsten formulierte) Leitthese des Bandes abzielend ist die Skizze des Frankfurter Soziologen Tilmann Allert. Der „kairos“, den Guttenberg in seinem berühmt gewordenen Vorwort anruft, sei tatsächlich dessen Leitmotiv: Wohlinszenierte „situative Präsenz“ anstatt kontinuierlicher, auch politikinhaltlicher Beständigkeit habe Guttenberg immer verkörpert. Die Inhaltsleere des politischen Handelns zugunsten symbolischer Evokation von Wert- und Worthülsen bestürzt auch andere Autoren des Bandes; besonders gelassen ist dagegen der Archäologe Luca Giuliani, der nüchtern nachweist, dass schon römische Feldherrn aus adligen Senatorenfamilien problemlos mit der bloßen Anrufung republikanischer Sitten durchkamen, ohne irgendwelche weiteren Leistungen zu vollbringen (und das Imperium Romanum daran ja dennoch nicht augenblicklich gescheitert sei).

Diese Pointe weist indes auf die generellere Frage hin, ob es sich bei der Präsenz von Blendern und, neutraler ausgedrückt, vor allem rhetorisch und selbstdarstellerisch Begabten in der Politik tatsächlich um ein Novum handle. Skandale und ihre mediale Darstellung leben stets von der Behauptung, einen neuen Höhepunkt (oder Tiefpunkt) der Korruption, Unredlichkeit etc. zu erweisen; zudem ist es verführerisch, dergleichen schnell auf neue massenmediale Veränderungen oder etwa eine zunehmende Personalisierung („Amerikanisierung“) der Politik zurückzuführen. Doch die Nachfrage nach gut inszenierten politischen Gestalten ist – obgleich in massenmedial geprägten Demokratien sicherlich besonders ausgeprägt – kein sensationell neues Motiv der politischen Arena; verwunderlich wäre es eher, gäbe es plötzlich keine PolitikerInnen mehr, die nicht versuchten, ihr politisches Kapital durch PR-Tricks und Täuschung zu steigern. Nicht umsonst verorten Bildwissenschaftler Guttenbergs Bildsprache (Kampfanzug, Times Square etc.) in der Tradition der großen, also auch unter vormodernen Bedingungen erfolgreichen Herrscherportraits.

Sind die medialen Enthüller, die Wahrheits- und Authentizitätsforderer, die Verfechter eines inhaltlich nicht völlig vakanten Politikstils also Spielverderber? Ist das Profil des Politikers, realistisch gesprochen, weniger das „langsame Bohren von harten Brettern“ (Weber) als gelungene Repräsentation im doppelten Wortsinne? Sollte der Band im Titel besser ein affirmatives Ausrufezeichen tragen – im Sinne: ja, Inszenierung ist ein essentieller Bestandteil der Politik? Diese These vertrat die Professorin für Neuere Geschichte Barbara Stollberg-Rilinger jüngst in der FAZ und postulierte, das transhistorische Bedürfnis nach Inszenierung (nach „Außeralltäglichkeit und Autorität“) würde durch das eher neue, nicht immer einlösbare Verlangen nach permanenter Transparenz gestört; der Karlsruher Philosoph Byung-Chul Han kanzelte unlängst – darin ebenfalls sicher zu weit gehend – Transparenz als überbewertete Mode ab.

Stollberg-Rilinger und Han schreiben freilich nicht über den Neubrüsseler Guttenberg, sondern über Christian Wulff und die Amtsautorität des Präsidenten; und sicherlich sind die Hochglanzporträts des ehemaligen Verteidigungsministers als politische Inszenierung von ganz anderer Art als das Dekor und Dekorum des Insassen von Schloss Bellevue: Die individuelle PR-Strategie als Wähler- und Parteigenossenverführung ist etwas anderes als die verfassungsmäßige Rolle des Integrators und Rückgrats der Bundesrepublik. Doch trotz dieses Unterschieds und trotz der sehr unterschiedlichen Selbstinszenierungen beider Politiker lassen sich zwei verschiedene Konstellationen des Scheiterns politischer Inszenierung, ihres peinlichen Wegbröckelns in Echtzeit beobachten. Die neue Tendenz in der Politik ist vielleicht nicht die Allgegenwart der Inszenierung, sondern deren immer häufigere Dekonstruktion in der Öffentlichkeit – also nicht die Tatsache des  Politikerskandals, sondern dessen Häufigkeit und Absehbarkeit, denn wenige Inszenierungen bleiben unangetastet. Die paradoxe Entwicklung unter den Bedingungen massenmedialer Steuerung bei gleichzeitiger Internetschwarmintelligenz ist die Forderung nach perfekter Inszenierung – nach stets moralischen Präsidenten und angeblichen Lichtgestalten mit blonden, als solche dargestellten „trophy wives“ – , trotz  ihrer immer deutlicher werdenden Unmöglichkeit. Ein Verlust ist die Entlarvung der extremsten Blender sicher nicht, ganz im Gegenteil! Doch die aus den Skandalen und Enthüllungen erwachsenden Reibungsverluste sind beträchtlich: Nicht nur Ämter werden beschädigt und Vertrauensstrukturen zerstört, sondern die Medien lenken, im Sinne der eingangs genannten Boulevardsierung, die öffentliche Aufmerksamkeit von anderen, auch nicht eben unwichtigen Themen ab.

Der erwähnte Sammelband ist: Oliver Lepsius & Reinhart Meyer-Kalkus: Inszenierung als Beruf. Der Fall Guttenberg, Suhrkamp 2011.

4 Kommentare zu “Inszenierung als Beruf – „Guttenbergen“ und „Wulffen“ als neuer Politikstil?

  1. Eva wirft die Frage auf, ob das “Profil des Politikers, realistisch gesprochen, weniger das ‚langsame Bohren von harten Brettern‘ (Weber) als gelungene Repräsentation im doppelten Wortsinne” ist.

    Intuitiv mag man die Frage im doppelten Sinne verneinen. Weder kann man bei den genannten Politikern eine gelungene Repräsentation im Sinne einer erfolgreichen Selbstdarstellung und Profilierung erkennen, noch
    verkörpern sie den “Typ” Politiker, der für unsere Demokratie angemessen ist.

    Nun stellt sich natürlich die Frage, was in diesem Zusammenhang “angemessen” bedeutet und wer darüber entscheidet. Vertraut man auf Umfragen, hat das Ansehen von Guttenberg und Wulff in weiten Teilen der Bevölkerung bisher weniger gelitten als einem das die aufgeregte Medienlandschaft weiß machen möchte. Andererseits ist es wohl offensichtlich, dass die moralischen (und teilweise rechtlichen) Verfehlungen die erwähnten Politiker- und wohl zum Teil auch deren Zunft- diskreditieren.

    Allerdings scheint mir in der von mir hier vorgenommenen Gegenüberstellung und der eingängs erwähnten doppelten Verneinung ein grundsätzliches Problem zu liegen: erwarten wir wirklich von unseren Politikern Repräsentation im Sinne eines Abbilds der WählerInnen oder verlangen wir von Ihnen (zu Recht oder Unrecht), eine Vorbildfunktion einzunehmen. Kurz: Abbild-und Vorbildfunktion werden nach meiner Einschätzung oft miteinander vermischt. Und die Skandale und Skandälchen der letzten Wochen und Monate zeigen wohl eines sehr deutlich: beiden Funktionen werden manche Spitzen-Politiker nicht gerecht.

    Was ist mit dieser Trennung gewonnen? Sie legt die (hier plakativ formulierte) Frage offen, was wir wirklich wollen: Politiker, die an unserer Stelle moralischen Idealen gerecht werden, denen wir selbst wohl nicht immer gerecht werden können oder wollen? Oder Politiker, die “nah am Volk” sind und ähnliche Schwächen haben “wie Du und ich”?

    Die Aufregungswelle zeigt nach meiner Meinung in aller Deutlichkeit, dass wir solchen und ähnlichen Fragen gern ausweichen und lieber aus der Distanz beurteilen als uns selbst in Verantwortung zu nehmen. Vielleicht ist es an der Zeit, den schwierigeren Weg zu gehen, der uns allen mehr abverlangen würde: weniger Repräsentation und mehr direkt-demokratische Einbindung, auch und gerade beim höchsten Amt im Staate.

  2. Lieber Jens, da gebe ich Dir ganz recht: Der sehr ambivalenten Spannung zwischen Abbild und Vorbild ist schwer zu entkommen – und gemeinsam ist beiden (schon qua ihrem Suffix „-bild“) die Tendenz oder sogar Notwendigkeit der Inszenierung. Und da Inszenierung stets das Element der Täuschung oder Nicht-Authentizität in sich trägt (sehr schön in besagtem Sammelband die Feststellung von Johannes von Müller, Guttenberg sei – darin den Karriere-Move Ronald Reagans umkehrend – „vom Kreispolitiker zum Laiendarsteller“ avanciert), ist natürlich eine inszenierungsfreie, „authentische“ und damit eben in Deinem Sinne auch verantwortungsvolle Politik reizvoll; und die einzige denkbare Variante wäre da sicherlich direkte(re) Demokratie. Ich bin aber eben nicht sicher, ob sogar unter solchen Bedingungen inszenierungsfreie Politik möglich wäre – oder, provokativ gesagt, besser wäre.

  3. Liebe Eva,

    die Frage, ob in einer direkten Demokratie „inszenierungsfreie“ Politik möglich wäre, stellt sich in der Tat. Vermutlich ist auch diese Frage zu verneinen und vielleicht ist Politik frei von Inszenierung garnicht denkbar, wenn man Rhetorik etwa auch als eine Form der Inszenierung begreift. Nur würden direktdemokratische Elemente uns als BürgerInnen stärker in die Verantwortung nehmen und dann läg es in unseren Händen, den negativen Auswüchsen von Inszenierungswahn mit unseren Entscheidungen entgegen zu wirken.

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