Debatte

Wer gehört zur Geschichte? Historische Narrative und politische Zugehörigkeit in der Migrationsgesellschaft    

Dieser Beitrag erscheint zeitgleich auf Geschichtstheorie am Werk, da die Beiträge aus einer gemeinsamen Reihe zur Politischen Theorie und Geschichtstheorie hervorgegangen sind.

„Das ist ja auch meine Geschichte!“  

Mitten im Geschichtsunterricht springt eine Schülerin auf und zeigt auf die Karte des Römischen Reiches. Ihr Finger landet auf Syrien. Bis zu diesem Moment hatte sie dem Unterricht kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Nun ruft sie quer durch den Raum: „Syrien war auch dabei! Das ist meine Geschichte – nein, das ist unsere Geschichte!“  

Der Ausruf wirkt zunächst wie eine spontane Entdeckung. Tatsächlich legt er ein grundlegendes Problem historischer Deutung offen: Geschichte wird häufig als gemeinsame Vergangenheit erzählt, doch nicht alle finden sich in diesen Erzählungen gleichermaßen wieder.   …

Buchforen, Debatte

Bewohnbarkeit erhalten und Recht auf das Gemeinsame ausrichten: Replik auf Anna Meine und Philipp Gieg

Da ich „Bodenschätze“ nicht primär für Jurist*innen geschrieben habe, freue ich mich ganz besonders über die konstruktiven Auseinandersetzungen Anna Meines und Philipp Giegs mit meinen Gedanken. Den Impuls gab Verena Frick mit der Veranstaltung eines Buchsymposiums an der Universität Würzburg, der ich herzlich dafür danke. Diese Replik gibt mir die Gelegenheit zu wichtigen in den Kommentaren von Anna Meine und Philipp Gieg aufgeworfenen Fragen Stellung zu nehmen. Erstens begründe ich, warum ich, trotz aller Unterschiede zwischen Stadt und Ozean, die Proteste Indigener Aktivist*innen gegen Tiefseebergbau mit der Initiative „Deutsche Wohnen und Co enteignen“ vergleiche, die als Antwort auf die Assetisierung von Wohnraum dessen Vergesellschaftung fordert. Zweitens erläutere ich den Zusammenhang zwischen lokalen Commons und einer internationalen Verwaltung des Gemeinsamen und was beide mit Bewohnbarkeit zu tun haben. Drittens lege ich dar, wie Genozid und Ökozid Aufmerksamkeit auf die Zerstörung des Gemeinsamen lenken können. 

Der Ozean als besonderer politischer Raum? 

Anna Meine stellt die Frage, inwiefern sich Stadt und Ozean vergleichen lassen; ob sie dafür nicht zu unterschiedliche soziale und politische Räume seien; ob der Meeresboden sich, wegen seiner materiellen und geophysischen Eigenschaften, nicht dem etablierten Verständnis legitimer politischer (Territorial-)Herrschaft entziehe. In „Bodenschätze“ habe ich mich – ungeachtet aller offensichtlicher Unterschiede – auf Parallelen zwischen Stadt und Ozean konzentriert. Zentrale Kriterien, anhand derer sich Stadtboden und Tiefseeboden vergleichen lassen, sind die privatnützige Aneignung und Assetisierung. Arvid Pardo, der mit seiner berühmten Rede vor dem ersten Ausschuss der UN-Generalversammlung im Jahr 1967 den Impuls für die Verhandlungen zu einem neuen völkerrechtlichen Regime für den Ozean im Rahmen der dritten UN-Seerechtskonferenz gab, dachte die rechtliche Ordnung des Ozeans vom Boden her. Wer den Boden kontrollierte, so Pardo, würde auch die Wassersäule darüber kontrollieren können. Pardo selbst nahm also eine „bodenzentrierte Perspektive“ ein. Die Deklarierung des Tiefseebodens jenseits staatlicher Jurisdiktion als gemeinsames Menschheitserbe und eine internationale Verwaltung sollten seine Aneignung und Kontrolle durch einzelne Staaten verhindern. Die internationale Organisation (außerhalb der Vereinten Nationen), zu deren Gründung Pardo aufrief, sollte allerdings nicht allein den Ozeanboden verwalten, wie es die durch das UN-Seerechtsübereinkommen etablierte Internationale Meeresbodenbehörde heute tut. Die unterschiedlichen Rechtsregime für Ozeanboden und Wassersäule, die das UN-Seerechtsübereinkommen enthält, sind zurecht Gegenstand von Kritik und können den marinen Umweltschutz erschweren. Das hat sich deutlich während der Verhandlungen zum UN-Hochseeschutzabkommen gezeigt, das 2026 in Kraft getreten ist. Ich stimme Anna Meine zu, dass eine auf den Tiefseeboden zentrierte Perspektive und ein Rechtsregime für den Tiefseeboden, das die Verwaltung der Tiefseebodenmineralien, nicht jedoch der darüber liegenden Wassersäule regelt, vor allem aus ökologischer Perspektive kritikwürdig ist.  …

Service, Veranstaltungen & CfP

Workshop: „Diaspora und Exil aus postmigrantischer Perspektive: philosophisch, sozialkritisch, (queer)feministisch analysiert“ (Berlin)

Am Campus Berlin der FernUniversität Hagen findet am 12. und 13. November 2026 ein Workshop mit dem Titel „Diaspora und Exil aus postmigrantischer Perspektive: philosophisch, sozialkritisch, (queer)feministisch analysiert“ statt. Die Veranstaltung wird von Thomas Bedorf und Olga Shparaga organisiert und widmet sich der Frage, wie sich postmigrantische Beziehungen heute – insbesondere im Exil und in diasporischen Gemeinschaften – herausbilden und welche Bedeutung sie für Integration und Demokratie haben.
Das Programm findet sich hier. Der Workshop ist für Interessierte geöffnet, Anmeldungen sind bis zum 2. November 2026 an folgende Adresse möglich: diaspora.postmigrantisch@fernuni-hagen.de.
Veranstaltungen & CfP

Jan-Werner Müller: Warum und wie greifen Autokraten-in-spe die Wissenschaft an? (Vortrag am Otto-Suhr-Institut, FU Berlin, 12. Oktober 2026, 16-18 Uhr c.t.)

Für Kurzentschlossene: Jan-Werner Müller (Princeton) hält am Montag, 12. Oktober 2026, einen Vortrag zur Frage „Warum und wie greifen Autokraten-in-spe die Wissenschaft an?“ am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. Da Wissenschaftsfreiheit weltweit immer mehr unter Druck steht und wir gleichzeitig seit 2005 eine globale demokratische Rezession erleben, fragt Müller, wie diese Entwicklungen zusammenhängen. Wie sollten wir das Verhältnis von Demokratie und Wissenschaft ganz allgemein verstehen? Stärken sie sich gegenseitig oder gibt es auch Spannungen, gar Gegensätze?

Ort: Ihnestr. 22, Hörsaal G (nahe U-Bahnhof Thielplatz/Freie Universität (U3)).

Zeit: 16-18 Uhr c.t.

Moderation: Sebastian Huhnholz

Der Vortrag wird als Auftakt des Wintersemesters im Rahmen des Colloquium Political and Legal Theory veranstaltet. Gäste sind willkommen!

Service, Veranstaltungen & CfP

Vortrag: „Carl Schmitt’s Critique of Political Compromise – Political Thought and Populist Affinities“ (Berlin)

Im Rahmen der elften Carl Schmitt Lecture hält Sandrine Baume, Professorin für Politische Theorie und Geschichte des politischen Denkens an der Universität Lausanne, am 15. Oktober 2026 einen Vortrag mit dem Titel „Carl Schmitt’s Critique of Political Compromise – Political Thought and Populist Affinities“. Die Veranstaltung beginnt um 18h im Tieranatomischen Theater am Charité-Campus in Berlin, alle Informationen finden sich hier.

Service, Veranstaltungen & CfP

Konferenz: „Demokratischer und autoritärer Kapitalismus im Wettstreit“ (Berlin)

Lange galt als ausgemacht, dass Marktwirtschaft und liberale Demokratie zusammengehören. Der Aufstieg autoritär-kapitalistischer Systeme, wachsende Ungleichheit, die Macht globaler Tech-Konzerne und der tiefgreifende Einfluss digitaler Technologien stellen diese Annahme zunehmend infrage. Wie steht es heute um das Verhältnis von Kapitalismus und Demokratie? Was können wir aus den klassischen liberalen Debatten lernen? Und welche Reformen braucht es, um Marktwirtschaft und Demokratie wieder stärker miteinander zu verbinden?

Diese und weitere Fragen diskutiert die „Rethinking Liberalism“-Konferenz 2026 unter dem Titel „Demokratischer und autoritärer Kapitalismus im Wettstreit, die am 3. November 2026 in Berlin stattfindet. Weitere Informationen zur Veranstaltung und zur Anmeldung findet ihr hier.

Service, Veranstaltungen & CfP

CfP: „Society in Crisis – Crisis of the Social Sciences?” – Special Issue in „Soziale Welt”

In der Zeitschrift Soziale Welt (SozW) geben Jessica Nuske und Harro Van Lente einen Schwerpunkt zum Thema „Society in Crisis – Crisis of the Social Sciences? Knowledge, Authority, and Relevance under Pressure”. Das Special Issue fragt danach, „whether the crises increasingly diagnosed in contemporary societies simultaneously constitute a crisis for the social sciences themselves. These crises confront the social sciences once more with the task of debating whether and how they can contribute to societal problem-solving and thereby meet demands to become ‚more relevant’”.

Eingeladen sind theoretische, konzeptionelle und empirisch fundierte Beiträge aus der Soziologie und verwandten Bereichen. Beitragsvorschläge können bis zum 31. Januar 2027 an die Gastherausgeber:innen gesendet werden. Weitere Anregungen und Informationen findet ihr im vollständigen CfP.

Jobs & Stipendien, Service

CfA: Senior- und Junior-Fellowships am St. Gallen Collegium zum Thema „Performance“ (verlängert)

Der Call wurde bis zum 18. Oktober 2026 verlängert: Das St.Gallen Collegium der Universität St. Gallen vergibt mehrere Senior- und Junior-Fellowships für das akademische Jahr vom 1. September 2027 bis zum 31. Mai 2028. Das Thema der nächsten Fellow-Kohorte dreht sich um den Begriff der Performance. …

Service, Veranstaltungen & CfP

CfP: „3rd Dortmund Disputes on Economic Justice” (Dortmund)

Am 3. und 4. Juni findet die dritte Konferenz der Reihe „Dortmund Disputes on Economic Justice” – organisiert von Peter Königs und Christian Neuhäuser – an der Universität Dortmund statt. Die Veranstaltungsreihe dient als Diskussionsforum zu Fragen „of economic justice, including the role of markets, the nature of property, the justifiability of taxes, the importance of workplace democracy, the problem of economic inequality, and, more generally, the merits of capitalism and socialism”.

Beitragsvorschläge (ca. 500 Wörter) werden in einem Blind-Review-Verfahren ausgewählt und können bis zum 15. Januar 2027 an Karina Jahnke (karina.jahnke[at]tu-dortmund.de) eingesendet werden. Weitere Anregungen und Informationen findet ihr im vollständigen CfP.

Buchforen, Debatte

Herausforderungen des Ozeans als politischer Raum: Kommentar zu Isabel Feichtners Bodenschätze 

„Bodenschätze“ ist ein Wort, das Assoziationen hervorruft – Bilder von Gold und Edelsteinen, aber auch von Konflikten und Umweltzerstörung. Isabel Feichtner stellt in ihrem Buch Bodenschätze. Über Verwertung und Vergesellschaftung den ‚Schatz‘ des Berliner Stadtbodens als Spekulationsobjekt und die ‚Schätze‘ der Tiefsee, genauer Rohstoffe am Ozeanboden unter der Hohen See, in den Fokus. Gerade letzteres ist kein gängiger Gegenstand politiktheoretischer Auseinandersetzungen – auch wenn es die eine oder andere Ausnahme gibt. Aber es ist ein Gegenstand von unzweifelhafter Aktualität: Aktuell wird im Rahmen der Internationalen Meeresbodenbehörde (ISA) ein Mining Code verhandelt, um den Tiefseebergbau zu regulieren. Parallel wirbt eine steigende Zahl von Staaten und Konzernen für ein Moratorium eben dieses Tiefseebergbaus, während die Administration Trump II zugleich einiges daran setzt, selbst das bestehende völkerrechtliche Regime zu unterlaufen.  

Indem sie Logiken der Verwertung nachzeichnet und die Bedeutung des Rechts, aber auch gesellschaftlicher Vorstellungen und politischer Praxis bei der Konstituierung des Ozeans als rechtlichen und politischen Raums zum Gegenstand macht, verdeutlicht Isabel Feichtner die Grundlagen und die Relevanz dieser Auseinandersetzungen. Es bleiben aber auch Fragen offen, die zur politiktheoretischen Reflexion einladen: Inwiefern ist der Ozean als besonderer politischer Raum zu verstehen und wie kann und soll er regiert werden?   …

Nach oben scrollen