Über Grenzgänge und -kämpfe an und in der Öffentlichkeit: Tagungsbericht „Politische Öffentlichkeiten Teil II – Akteure und Strategien“

Vom 30.09. bis zum 02.10.2025 fand in Erlangen der zweite Teil der DVPW-Doppeltagung „Politische Öffentlichkeiten“ statt. Widmete sich der erste Teil der Tagung dem Anliegen, „Öffentlichkeit“ vor dem Hintergrund struktureller Transformation(en) begrifflich und theoretisch greifbar zu machen, was beinahe unweigerlich zuvorderst zu einem Rekurs auf habermasiansche Ansätze führen musste (Campbell MacGillivray berichtete für den Theorieblog), trat der zweite Teil mit dem Anspruch an, die um und in der Öffentlichkeit ringenden Akteure, ihre Zielsetzungen und ihr strategisches Handeln genauer zu betrachten. Besondere Aufmerksamkeit sollte dabei jenen „vermachteten Öffentlichkeitszusammenhängen“ gelten, die über die durch den liberal-demokratischen Konsens normierte Sphäre der Öffentlichkeit hinausreichen sei dies der aus normativer, (radikal-)demokratietheoretischer Perspektive problematisierte Ausschluss marginalisierter Gruppen oder das Problem eines (vermeintlichen) Zersetzungsprozesses demokratischer Öffentlichkeit.

Wie im Grußwort der Veranstalter*innen herausgestellt wurde, galt es dabei insbesondere auch, neue methodologische Wege jenseits der für die Politische Theorie und Ideengeschichte üblichen schriftsprachlichen Quellen zu bestreiten. Hiervon wurde sich auch eine Wendung von den abstrakten Höhenflügen der Demokratietheorie zu mehr „hermeneutischem Bottom-up“ (Eva Marlene Hausteiner) erhofft.

Von neuen (methodischen) Pfaden…

Als einen in dieser Hinsicht ersten Aufschlag darf man sicherlich den Vortrag Mareike Gebhardts deuten, in welchem sie anhand eigens gewonnener Eindrücke und Bildmaterials von Orten der Erinnerung ertrunkener Geflüchteter den Prozess der Herstellung von Betrauerbarkeit durch die sogenannte „Deathcare“ beleuchtete. Damit zeigte Gebhardt nicht zuletzt auch die Produktivität ethnographischer Methoden für die Politische Theorie und Ideengeschichte, wenn auch eher en-passant und (noch) nicht methodologisch-systematisierend, auf.

Auch bei Laura Gorriahn ließ sich eine Abkehr von der „bloßen“ Textarbeit ausmachen. Ausgehend von Bildern selbstverletzenden Protesthandlungen Geflüchteter, im Rekurs auf die feministische „Body Politics“, insbesondere aber auf Hannah Arendt und Judith Butler, betrachtete Gorriahn die protestierenden Körper als politisches Medium: In der Erscheinungsweise der Körper selbst, verbürgen sich bereits Aussagen über die politischen Verhältnisse, die durchaus von den im Protest unmittelbar verbalisierten Forderungen (etwa durch Plakate, Parolen etc.) abweichen, ja gar mit diesen im Widerspruch stehen können. Es ginge somit nicht (nur) darum, Proteste gemäß ihrer unmittelbar verbalisieren Forderungen zu bewerten, sondern gleichermaßen die Wirkung der versammelten Körper selbst zu betrachten.

Protestformen waren dann auch Gegenstand von Viktoria Huegels Vortrag, allerdings wurden hier künstlerische Performances in den Mittelpunkt gerückt. Diese befragte Huegel auf potenzielle Visualisierungen alternativer Ordnungsentwürfe.

Als sinnvolle Ergänzung dazu, beziehungsweise als interdisziplinäre Hilfestellung mag auch die von Sebastian Huhnholz moderierte Podiumsdiskussion zu „Neuen Bilderstürmen“ betrachtet werden, die mit Katja Müller-Helle und Marina Martinez Matteo auf Expertise aus Kunst- bzw. Medienwissenschaft zurückgreifen konnte. Während Martinez Matteo erneut das Interventionspotential künstlerischer Aktionsformen in Öffentlichkeitskämpfen betonte, die oftmals vernachlässigte emotive Aspekte aufgreifen können, hob Müller-Helle hervor, dass sich (Bild)Inhalte über digitale Medien zunehmend autonom verbreiten können. Dadurch entzögen sie sich zunehmend gezielter demokratischer Regulierung.

Auch der Vortrag Lea Watzingers zum demokratischen Handeln sogenannter Whistleblower*innen stellte die heutigen, aus normativer Perspektive mindestens ambivalent erscheinenden, digital-technischen Rahmenbedingungen der Erzeugung demokratischer Öffentlichkeit heraus: Zwar vereinfachten neue technische Errungenschaften das Umgehen von Geheimhaltungsschranken, zugleich nähme jedoch durch neue Überwachungsmöglichkeiten auch die Gefährdung von Whistleblower*innen zu und – wichtiger noch – das Wegfallen von klassischen Gatekeeper*innen erschwere die gemeinsame kollektive Orientierung in der Öffentlichkeit. Nicht zuletzt daher könnten mediale „große Enthüllungen“, immer weniger eine politisch mobilisierende Kraft entfalten.

…über Grenzgebiete…

War den bis hierhin präsentierten Beiträgen gemeinsam, vor allem widerständige, protestierende Subjekte in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen gerückt zu haben, so lässt sich Vincent Augusts Input zur Klimapolitik als Konfliktfeld gewissermaßen als akteursperspektivische Umkehrung verstehen. Im Mittelpunkt standen hier vielmehr mächtige Akteure und deren Strategierepertoire, die dafür sorgten, dass eine „große Transformation“ bisher ausblieb. Mit dem Blick auf theorieinnovative Leistungen der Tagung scheint überdies hervorhebenswert, dass August auf die soziologische Konflikttheorie zurückgriff, um ein von ihm identifiziertes konflikt-analytisches Defizit der in der Politischen Theorie ansonsten etablierten agonalen Demokratietheorien zu bewältigen. Weiterhin mahnte August an, die Vermachtung und damit die Regulation von Öffentlichkeitsverhältnissen keinesfalls nur als repressiven Akt, sondern eben auch als Errungenschaft moderner (demokratischer) Herrschaft zu betrachten.

Hatte sich August auf die Betrachtung in Deutschland institutionalisierter Interessensgruppen beschränkt, so verdeutlichte Campbell MacGillivrays Analyse des um sich greifenden Einflusses autokratisch-antikonstitutionellen Denkens, dass insbesondere auch internationale Netzwerke als strategisch agierende Akteur*innen bei der Betrachtung von Kämpfen um und in der Öffentlichkeit zu beachten sind.

Einen Beitrag zum Verständnis des strategischen Handelns radikalkonservativer antidemokratischer Akteure wiederum leistete Christian Schwaabe mit der Einführung des Konzepts der Niedertracht. Niedertracht wollte Schwaabe dabei nicht bloß als affektive moralische Verfehlung verstanden wissen. Vielmehr sei sie als performativ-strategische Überschreitung der moralischen Grenzen und Regeln demokratisch-öffentlicher Kommunikation zu verstehen, die auf das Abtrainieren parlamentarisch-demokratischer Werte ziele und durch klare Feindmarkierung und Ausgrenzungen eigene Emotionsgesellschaften schaffe.

Wie sich hier abzuzeichnen beginnt, zogen sich Fragen nach den Grenzsetzungen der Öffentlichkeit, sprich also solche, die fragen, welche Akteure unter welchen Vorrausetzungen und mit welcher Wirkmacht öffentlich sprechen können, wie ein roter Faden durch beinahe alle Beiträge der Tagung. Darauf hatte auch bereits der chronologisch erste inhaltliche Vortrag der Tagung, von Floris Biskamp und Hannah Hecker, verwiesen. Diese hatten sich an einer systematischen Konzeptionalisierung von Sagbarkeitsgrenzen als komplexes mehrstufiges Filtersystem versucht, das unterschiedliche Grade des Öffentlich-Werdens je nach Akteur*innenstandpunkt und struktureller Einbindung zulässt. Die Grenzen der Öffentlichkeit seien somit stets politisch umkämpft und daher gerade nicht als Regime klar gesetzter statischer Grenzen zu verstehen, das eine schlichte Binarität zwischen innen und außen, zwischen aktiven Teilnehmenden und passiven Ausgeschlossenen konstituiere. Über die grundlegenden Prämissen dieser Konzeptionalisierung schien dabei unter den Teilnehmenden durchaus ein gewisser Konsens zu bestehen. Gleichwohl bot die Frage, ob sich die Filter-Metaphorik zur Beschreibung dieses Grenzsystems eigne, Diskussionspotential.

Auch diese Frage nach den Verschiebungen der Grenzen des Sagbaren durch das widerständige Handeln von Akteur*innen wurde im Tagungsverlauf immer wieder thematisiert. Es war dann insbesondere Mascha Lienings Verdienst, sich dieser Frage noch einmal stärker demokratietheoretisch-systematisierend zuzuwenden. Aufbauend auf Michel Foucault konzeptionalisierte Liening Öffentlichkeit als Dispositiv, das über die kollektive Adressierbarkeit von Erfahrungen entscheide. Daran anschließend, so Liening, ließe sich auch eine Klassifikation von mindestens zwei Modi demokratischen Widerstandes aufmachen: erstens verdeckte Mikropraktiken, in denen Akteur*innen alternative Lebenspraktiken und Wahrheitsbezüge praktisch erprobten, und zweitens sogenannte „parrhesiatische“ Praktiken, in welchen Akteur*innen durch sich selbst exponierende Akte des „Wahr-Sprechens“ bestehende Wahrheits- und Regierungsregime herausforderten und begründete Antworten verlangten. Das „Demokratische“ einer Gesellschaft, so Liening, zeige sich dann an der „Artikulationsschwelle“ – wo es gelinge, verdeckte Praktiken in „öffentlich adressierbare Formen“ zu verwandeln.

Für die weitere Diskussion, wie sich solche Grenzziehungen des Öffentlichen, wenn sie doch unvermeidbar sind, normativ wünschenswert politisch gestalten ließen, war die Keynote von Cord Schmelzle besonders instruktiv. Dieser plädierte für einen weniger moralisierten, dafür aber einen stärker moralisch informierten politischen Diskurs.

Dass nun der aktive Kampf um die Grenzen der Öffentlichkeit keinesfalls ein nur in demokratischen Staaten anzutreffendes Phänomen ist, verdeutlichte wiederum Valerian Thielke-Witt am Beispiel der Maghreb-Staaten. In diesen scheint die Regulation von Öffentlichkeit dann doch weitaus komplexer und weniger eindeutig „autoritär“ auszufallen, als man geneigt sein mag, auf den ersten Blick zu vermuten.

…hin zu altvertrauten Fahrwassern

Wenn auch der Zugriff auf das Phänomen der „Öffentlichkeit“ durch die Betrachtung nicht-schrifttextueller Wissensressourcen für die Politische Theorie nach wie vor eher eine Neuigkeit darstellt und die Tagung daher mit allerlei produktiven interdisziplinären Wendungen aufwarten konnte, so altbekannt erschien bisweilen das theoretische Gerüst. Es entbehrt dann nicht einer gewissen Ironie, dass, während der erste Teil der Doppeltagung gewissermaßen „im Schatten von Habermas“ (MacGillivray) stattfand, dieser zweite Teil, der ja explizit mit dem Anspruch antrat, Öffentlichkeit über den etablierten demokratietheoretischen Rahmen hinaus zu denken, dann doch bisweilen recht stark auf wohlvertraute Ansätze Michel Foucaults, Judith Butlers und Hannah Arendts rekurrierte, die nun ihrerseits längst zu Doyens einer anderen, gleichwohl eigenen Art demokratietheoretischer Orthodoxie geworden zu sein scheinen.

Nun sollte ein solcher Bezug auf Altbekanntes allerdings keineswegs pauschal als Schwäche missverstanden werden; nicht zuletzt gehört die Anwendung von alten „Archivbeständen“ auf aktuelle Problemstellungen bekannterweise und gut begründet zum Kerngeschäft der Politischen Theorie und Ideengeschichte. Dort, wo sich aber eine übermäßig starke Sedimentierung theoretischer Bestände abzeichnen sollte, kann sich daraus durchaus ein Anlass zur stärker ideengeschichtlich orientierten Reflexion ergeben, nicht zuletzt, um das Sediment wieder aufzulockern und Neues zutage zu fördern. Die Produktivität solcher Ansätze jedenfalls zeigte sich anhand zweier Beiträge der Tagung im Besonderen:

Einerseits am Beitrag von Tobias Adler-Bartels. Dieser widmete sich, ausgehend von einigen „markanten“, auf einen „konservativen Bias“ hindeutenden Auslassungen der gerne und viel zitierten „Geschichtlichen Grundbegriffe“, der Rekonstruktion (radikal-)konservativer Öffentlichkeitsverständnisse und strategischer Verhältnisse aus Perspektive der morphologischen Ideologieforschung.

Und andererseits an der Keynote von Teresa M. Bejan, mit der die Tagung abschloss. Unverkennbar durch den linguistic-contextualism der Cambridge School geprägt, diesen aber doch um eine aktualistische Perspektivierung bereichernd, spürte Bejan der historischen Genese des heutigen Bedeutungsgehalts von „Equality“ nach, die sich als Amalgam teils stark widersprüchlicher ideengeschichtlicher Traditionslinien präsentierte. Diese „Übersättigung“ des Bedeutungsgehalts, so dann Bejans normatives Argument, vermische und verschleiere aber letztlich die hinter den „großen Begriffen“ stehenden Prämissen, kohärenten Argumentationen und politischen Zwecke und verunmögliche damit zunehmend eine produktive demokratische Debatte. Es kommt dann also, folgt man Bejan, auf die sorgfältige Sezierung politischer Begriffe bzw. Argumentationslinien an. Nur so ist zu den dahinterstehenden politisch verhandelbaren Gegensätzen zu gelangen, lässt sich über jene öffentlich „räsonieren” und ist zu bewerten, ob die Verwendung einer (tradierten) theoretischen Argumentationslinie heute noch (normativ) zweckmäßig ist.

 

Philipp Tubbe ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Politische Theorie und Ideengeschichte der Universität Augsburg und arbeitet an seiner Promotion. Derzeit interessieren ihn die politischen Funktionen historiographischer Darstellungen, darunter insbesondere Fortschrittsbilder.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert