William E. Connolly (1938–2026): Theoretiker des Konfliktiven in einer „Welt des Werdens“

Am 25. Februar 2026 ist William E. Connolly gestorben. Er war nicht nur ein brillanter und origineller Denker, sondern vor allem auch ein Demokratietheoretiker, der es wie kein anderer verstanden hat, philosophische Untersuchungen zum „Sein“ des Demokratischen mit einem kritischen diagnostischen Blick auf aktuelle Herausforderungen für Demokratien zu verbinden. Gegenwärtig ist besonders deutlich, wie fragil demokratische Ordnungen und wie gefährdet Formen des politischen Umgangs sind, die eine Offenheit gegenüber Pluralität und Differenz zum Ausdruck bringen. In dieser Situation ist die große Bedeutung von Connollys Werk deutlicher denn je. Eine analytische Sensibilität für die Fragilität von demokratischen Ordnungen und ein Plädoyer dafür, Demokratie als eine stets neu zu belebende Praxis zu verstehen, sind die roten Fäden, die sein Werk durchziehen.

Seit 1985 hat Connolly an der Johns Hopkins Universität in den USA gelehrt und hatte dort die Krieger-Eisenhower Professur für Politikwissenschaft inne. Seine Forschung hat seit den 1970er Jahren ein breites Spektrum an Themen abgedeckt – dazu gehören vor allem Demokratie, Pluralismus, Säkularismus, Kapitalismus, und die Klimakrise sowie die Gefahren des Autoritären. Das vielleicht zentralste Motiv seines Werkes, das in seinen Analysen zu all diesen Themen eine wichtige Rolle spielt, ist der Konflikt. Connollys Werk kann als eine Exploration der Vielschichtigkeit des Konfliktiven gelesen werden, die immer gerahmt ist von einer Sorge um die Wertschätzung von Pluralität. 

In seinem Frühwerk The Terms of Political Discourse (1974) analysiert Connolly das Konfliktive der Sprache. Er argumentiert hier, dass die Arbeit mit und an Begriffen eine konstitutive politische Dimension hat, weil sie sich auf einem Terrain umstrittener Bedeutungen vollzieht und Begriffe zu definieren immer auch bedeutet, sich zugunsten bestimmter normativer Bedeutungsgehalte zu positionieren. Für den Umgang mit diesem Umstand hat Connolly bereits damals vorgeschlagen, was sich später zunehmend als die zentrale ethische Orientierung seiner politischen Theorie insgesamt herauskristallisieren sollte: Bedeutungsvielfalt und Umstrittenheit sollten erkundet und sichtbar gemacht, und nicht zugunsten von vermeintlich objektiven Bedeutungszuschreibungen nivelliert werden. 

Das Konfliktive manifestiert sich für Connolly allerdings keineswegs nur oder primär in der Sprache und im Umgang mit Begriffen. Es ist für ihn auch ein grundlegendes Merkmal von Identität und sozialen Beziehungen – zwei Elemente, die er als Theoretiker des Poststrukturalismus eng miteinander verbunden sieht. In Identity\Difference (1991), Ethos of Pluralization (1995) und Pluralism (2005) entwickelt Connolly die Konzepte und Argumente seiner agonalen Demokratietheorie. Dazu gehört erstens das Verständnis von Identität als etwas, das sich durch das Verhältnis zu anderen Identitäten definiert und deshalb nie abgeschlossen und „ganz“ ist, sondern stets zum Gegenstand konflikthafter Aushandlungsprozesse werden kann. Dazu gehört zweitens das Konzept der Pluralisierung, das Connolly ausgehend von seiner Kritik am Begriff des Pluralismus entwickelt. Pluralismus ist Connolly zufolge auf das jeweils Bestehende fokussiert. Der Begriff beschreibt das Spektrum an unterschiedlichen Identitäten, Ideen und Begrifflichkeiten zu einem bestimmten Zeitpunkt. Damit bleibt aber etwas Wichtiges außerhalb der Analysekapazität des Pluralismus, nämlich die Pluralität, die noch nicht ist – die möglichen Identitäten, Ideen und Begrifflichkeiten, die am Horizont potenzieller gesellschaftlicher Veränderungen stehen. Politische Prozesse zu ermöglichen, mit denen das Bestehende verändert und pluralisiert werden kann, um jene Konflikte zu navigieren, die sich in solchen Prozessen vollziehen, ist für Connolly eine elementare Aufgabe der Demokratie.  

Die Art und Weise, wie wir mit politischen Theorien interagieren und ihre Bedeutung einordnen, hängt natürlich immer stark davon ab, vor dem Hintergrund welcher Erkenntnisinteressen und im Rahmen welcher Debattenzusammenhänge wir sie lesen. Für mich war die Auseinandersetzung mit Connollys Werk enorm wichtig, um die große mögliche Bandbreite agonalen demokratietheoretischen Denkens zu verstehen. Connollys Theorie hat zwar einige substanzielle Gemeinsamkeiten mit der zumindest in der deutschsprachigen Debatte sehr viel breiter rezipierten agonalen Demokratietheorie von Chantal Mouffe. Diese liegen vor allem im poststrukturalistischen Analyserahmen. Connollys Perspektive auf den politischen Umgang mit dem Konfliktiven unterscheidet sich jedoch stark von Mouffes.  

Der vielleicht wichtigste Unterschied ist, dass ein gezähmter Kampf um Hegemonie für Connolly keine hinreichende Antwort auf politische Konflikte sein kann. Anders als Mouffe sieht Connolly die Aufgabe für politische Akteure darin, im politischen Streit nicht bloß auf Gewalt zu verzichten, sondern den pluralen Charakter der Welt sogar zu affirmieren, Wahrheitsansprüche abzulegen und sich eine Offenheit gegenüber anderen Identitäten und Perspektiven zu erarbeiten, um auf diese Weise Bemühungen um weitere Pluralisierung zu unterstützen. Das ist einerseits eine sehr anspruchsvolle Anforderung an das mikropolitische Agieren von Subjekten. Andererseits mag man sich fragen, ob das Erstarken autoritärer Kräfte und Polarisierungstendenzen in der jüngeren Vergangenheit nicht deutlich machen, dass agonalem Denken in der Tat eine wichtige Komponente funktionierender demokratischer Politik oft aus dem Blick gerät, wenn es die Bedeutung eines pluralistischen Ethos für Demokratie nicht mitreflektiert. 

In seinen späteren Schriften hat sich Connolly vermehrt mit den autoritären Tendenzen und den klimapolitischen Herausforderungen befasst, mit denen sich Demokratie und Menschheit gegenwärtig konfrontiert sehen. In Aspirational Fascism (2017) analysiert er die Rhetorik und die politischen Dynamiken des Trumpismus; in Facing the Planetary (2017) die Klimakrise und die unzureichende Fähigkeit bestehender Formen von Politik, effektiv auf die Klimakrise zu antworten. Was sich in diesen kritischen Gegenwartsdiagnosen wieder einmal eindrucksvoll zeigt, ist die für Connollys Analysen charakteristische Fähigkeit, eine Sensibilität für die „Fragilität der Dinge“ (2013) mit einem hoffnungsvollen Blick auf unausgeschöpfte politische Möglichkeiten zu kombinieren. So ähnlich wie er in der möglichen Einsicht in die Abhängigkeit der eigenen Identität von anderen eine Quelle für die Kultivierung eines pluralistischen Ethos ausmacht, sieht er in der möglichen Einsicht in die Verwobenheit von menschlichen und ökologischen Prozessen einen Ausgangspunkt für eine andere Form der Klimapolitik. Wer die einfordern könnte? In agonal-poststrukturalistischer Manier zeichnet Connolly hier das Bild eines „Schwarms“, das heißt einer heterogenen, sicherlich nicht konfliktfreien Allianz von Akteuren, die mehr durch das Streben nach einer Pluralisierung von Demokratie und Klimapolitik geeint ist als durch eine konkrete gemeinsame Policy-Vision.  

Die politische Theorie verliert mit William E. Connolly einen Theoretiker des Konfliktiven, der Vielfalt und Unvereinbarkeit anerkennt und gleichzeitig Momente der Verbundenheit erkundet, um Möglichkeiten des gemeinsamen Handelns über Differenzen hinweg zu erschließen. In der heutigen Zeit sind Reflektionen der Art, wie Connolly sie über Jahrzehnte seines akademischen Schaffens entwickelt hat, mehr gebraucht denn je. Umso größer ist die Lücke, die er hinterlässt, und umso mehr wird seine Stimme in den zukünftigen Debatten der politischen Theorie fehlen. 

Manon Westphal ist Professorin für Politische Theorie und Philosophie an der Technischen Universität München. Sie forscht unter anderem zu agonaler Demokratietheorie, realistischer politischer Theorie und Möglichkeiten, diese theoretischen Strömungen zu nutzen, um neue Perspektiven auf demokratische Innovationen zu entwickeln. 

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