Wie feindlich ist die Umgebung, in der wir leben und uns bewegen? Denken wir beispielweise an trans- oder queerfeindliche Übergriffe oder Femizide, deren Ereignung durch bestimmte Atmosphären mit erzeugt wird, ausbeuterische Arbeitsverhältnisse oder an Wohnungslose in Großstädten. Feindlich bedeutet hier in einem symbolischen, aber auch materialistischen Sinne, dass diese Umgebungen bestimmte Lebens- und Subjektivierungsweisen verunmöglichen und Ausschlüsse produzieren, die verschleiert oder unsichtbar gemacht werden. Wie schafft man in diesen unlebbaren Umgebungen lebbare Räume durch (vermeintlich) kleine, alltägliche Überschreitungen, Infragestellungen oder Verweigerungen? Und wie entfalten solche widerständigen Praktiken wiederum Transformationspotenziale, die auch auf diese unlebbaren Umgebungen wirken?
Diesen Fragen wendete sich die am 13. und 14. November veranstaltete internationale Konferenz „Resistance, Refusal, Survival. Contesting Hostile Environments“, organisiert von Christine Abbt, Michaela Bstieler und Leire Urricelqui zu. Die Beiträge reichten von kritischen Theorien (mit kleinem und großem k), materialistischen, feministischen, post- und dekolonialen Ansätzen und Black Theories bis hin zu phänomenologischen Perspektiven.
Uns ist besonders die Frage von (Un)Sichtbarkeiten in diesen unwohnlichen Umgebungen nachgegangen, die in den Vorträgen und Diskussionen auf unterschiedliche Weise, teils explizit, teils implizit thematisiert wurde. (1) Wie hängt politische Handlungsfähigkeit (agency) mit (Un)Sichtbarkeit zusammen und wie kann diese jenseits davon gedacht werden? (2) Und wie machen theoretische Benennungs- und Sprechweisen Bestimmtes sichtbar und Anderes unsichtbar?
Die Frage nach politischer Handlungsfähigkeit ist für die Politische Theorie eine zentrale. Das politische Subjekt muss im Hier-und-Jetzt als handelndes in Erscheinung treten, um politisch zu sein. Damit ist dieses Erscheinen und Gesehen- und Gehörtwerden mit einer gewissen Zielgerichtetheit verbunden und einem Grad von Erfolg. Das politische Subjekt stellt Forderungen, macht auf sich aufmerksam, will überzeugen und laut sein. Deutlich wird hier eine Fokussierung auf ein Ich-Subjekt, was unabhängig, autonom erscheint und seine Forderungen rational, verständlich und klar artikuliert. (Zu denken wäre hier exemplarisch an das Descartsche Subjekt.) Verschiedenste Theoretiker:innen, wie beispielsweise Judith Butler, haben diesen Blick bereits als in einem bestimmten westlichen, weißen und männlichen philosophischen Diskurs entstandenen und damit konstruierten entlarvt. Dennoch scheint die Wichtigkeit der Sichtbarkeit, um ein bestimmtes Handeln als politisch zu markieren, selbst in kritischen Theorien (wie beispielsweise Radikaldemokratischen Theorien) ungebrochen. So operiert Butler mit erscheinenden, verkörperten Subjekten auf der Straße oder Rancière mit einem erscheinenden, infragestellenden Subjekt.
Was ist aber, wenn diese Sichtbarkeit, dieses Erscheinen an bestimmten Orten gefährlich, sogar lebensgefährlich ist?
Politische Handlungsfähigkeit jenseits von (Un)Sichtbarkeiten
Zu beobachten ist, dass wenn dies der Fall ist, sich teils verdeckte Formen der Verweigerung (refusal) finden lassen, die nicht mit einem Konzept von politischer Handlungsfähigkeit als sichtbarer Handlungsfähigkeit erklärt werden können. Verweigerungen sind dann nicht als „einfacher“ oder passiver Rückzug zu bewerten, sondern öffnen kleine Fenster der Handlungsfähigkeit.
Mit den Beiträgen von Samia Mohammed sowie von Michaela Bstieler wurde so über Plantagen als feindliche Umgebungen nachgedacht, in denen durch versklavte Personen Schwarze Praxen des Entzuges wie der Fugitivity oder der Marronage ausgeübt wurden. Dazu zählten beispielsweise heimliche Treffen im Schutze der Nacht bei denen geglückte Fluchtgeschichten erzählt wurden. Diese Geschichten von tatsächlicher, aber auch fiktionalisierter Flucht konnten halb öffentliche Räume des Dazwischens kreieren, in denen experimentelles anderes Leben denkbar und möglich werden konnte.
An diesen unsichtbaren Orten finden somit vermeintlich unvernünftige Weisen des Sprechens und der Artikulation statt, die in Affekten wie Wut oder Trauer Ausdruck finden. So sprach Ana Miranda Mora über die Wut der mexikanisch-feministischen Protestbewegung Black Block, die sie einer affektiven Lesart unterzog. Dabei unterstrich sie die Angemessenheit (aptness) der Wut, um von einem eindimensionalen Fokus auf das Ergebnis von Protestbewegungen wegzukommen. Bestimmte politische Handlungsweisen können demnach gerade nicht rein über ihren sichtbaren Erfolg definiert werden, sondern über ihre Ereignung an sich. Eine Ereignung, die manchmal gerade allen Widerständen zum Trotz geschieht. Iris Därmann sprach in diesem Zusammenhang über Widerstand im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz, der zwar formal gesehen nicht von einem „Erfolg”, sprich beispielsweise der Befreiung des Lagers, gekennzeichnet war, sich aber nichtsdestotrotz ereignete. Wenn also lediglich auf „erfolgreiche“ (Protest- oder Widerstands-)Bewegungen geschaut wird, da nur diese vermeintlich eine politische Handlungsfähigkeit besitzen, geraten verschiedenste Subjektivierungsweisen sowie Widerstandspraktiken aus dem Blick.
Folglich ließe sich nicht nur über eine andere Örtlichkeit des Erscheinens von politischen Handlungsweisen nachdenken, sondern auch über eine andere Zeitlichkeit ihres Erscheinens. Das Schreiben über die Verhältnisse im Lager durch Personen des Sonderkommandos wie Salmen Gradowski, welcher ebenfalls poetische Ausdrucksweisen und Stilmittel wie der Anrufung einer:s Weltbürgers:in nutzte, durfte im Moment des Entstehens nicht sichtbar werden, da dies eine Vernichtung des Schreibens und des Schreibenden bedeutet hätte. Das Geschriebene konnte nur retrospektiv erscheinen und nicht im Hier-und-Jetzt des Ereignisses. Diese Dezentrierung des Ereignisses schließt auch eine Dezentrierung des Ich-Subjekts mit ein, um Wege hin zu einer Relationalität – oder wie Därmann es beschrieb kollektiver Zeug:innenschaft – sucht. Denn so war Gradowski auf Andere angewiesen, von der Papier- und Stiftbeschaffung über das Bett am Fenster mit Mondlicht bis hin zu wasserdichten Behältnissen, die im Lager versteckt werden konnten.
Diese zeitliche Verschiebung wurde schließlich auch im Beitrag von Banu Bargu zu Die-Ins deutlich, da in diesen Protesten das bereits Ereignete (der Tod einer Person) in eine Gegenwart gezogen wird. Zudem erfolgt eine Verschiebung ebenso im Sinne eines an-der-Stelle-von, da die Körper der Verstorbenen nicht selbst am Boden liegen, sondern sich andere Körper an ihrer Stelle Tod stellen. Die Verstorbenen können damit nur noch in einer Übertragung und Verschiebung erscheinen, was wiederum die Relationalität im Erscheinen jenseits eines Ich-Subjektes unterstreicht.
Diese (Un)Sichtbarkeiten machten die Beiträge schließlich nicht nur durch konkrete Inhalte deutlich, sondern auch in einer Reflexion darüber, wie Theorie und Diskurs die Grenzen von Sichtbarkeit formen.
Die (Un)Sichtbarkeit in der Politischen Theorie
Was kommt in den theoretischen Benennungs- und Sprechweisen auf welche Weise zur Geltung, was wird dadurch in den Blick genommen und sichtbar gemacht, was bleibt unsichtbar? Robert Nichols verwies zum Beispiel auf einen Diskurs, der indigene Gemeinschaften davor warnt, die Methoden ihrer Gegner:innen zu imitieren, da sie diesen sonst gleich zu werden drohen und sie damit ihr eigenes Wesen verlieren. Dieser Diskurs verschleiere das Dilemma, dem diese Gemeinschaften ausgesetzt sind, so Nichols: Das Modell der Cherokee Nation – eine Beschreibung des Landes war Teil ihrer Verfassung, sodass das Territorium also klar begrenzt ist, nicht erweitert werden kann und nicht an andere außerhalb der Nation veräußert werden darf – sah sich beispielsweise dem Druck der US-Regierung ausgesetzt. Ihr Modell musste mit einem Modell konkurrieren, das über eine Akkumulation von Land, Kapital und mehr Land auch eine Akkumulation von Macht betreibt. Entgegen dem Wunsch nach offenen Grenzen, musste die Cherokee Nation ausschließen, um sich mittels dieses exclosure (im Gegensatz zu einem enclosure) vor dem Einfluss von US-Amerikaner:innen zu schützen. Dieses Dilemma (zwischen Ideal und dem Einfluss äußerer Mächte) ist den indigenen Gemeinschaften bewusst, so Nichols, schlägt sich aber in Theoriediskursen nicht nieder, die nach der Eigenheit von diesen Gemeinschaften fragen und politische, notwendige Abweichungen als Verrat daran sehen. Nichols trat somit für einen Theoriediskurs ein, der Gegengemeinschaften nicht in Isolation betrachtet, sondern die ihnen feindlichen Umgebungen mit in die Analysen einbezieht und durchsetzungsfähige Alternativen aufzeigt.
Strategische Fragen und Sichtbarmachungen spielten auch in Daniel Loicks Vortrag eine wichtige Rolle. Er ging darin der Bedeutung der „überflüssigen“ Bevölkerung nach, die im Gegensatz zur „Surplus“-Bevölkerung nicht zur Reserve steht, die nicht nur temporär, sondern auf Dauer aus einer kapitalistischen Ausbeutung ausgeschlossen ist: Flüchtende Menschen in Camps sind ein wachsendes Beispiel dieser Bevölkerung. Die Frage ist, wie sich solche Bevölkerungen üblicher Logiken von politischen Kämpfen entziehen. Was bedeuten solche Bevölkerungen etwa für Theorien von Klassen- und Arbeitskämpfen? Sind diese Bevölkerungen peripher, ein spezielles Problem, wenn doch in Arbeitsverhältnissen zu sein für viele Menschen im entsprechenden Alter als Norm gelten kann? Oder muss die überflüssige Bevölkerung ins Zentrum einer kritischen Theorie rücken? Ermöglicht sie einen anderen Blick auf Gegengemeinschaften und die Verbindungen, die geschlagen werden müssen, nicht nur zu ausgebeuteten Gemeinschaften, sondern auch zu Gemeinschaften, die nicht mal mehr ausgebeutet werden?
Wie hier der marxistischen Theorie, so ist auch anderen Theorien eine selektive Sichtbarmachung eigen. Iris Därmann stellte sich etwa gegen Vorstellungen von absoluten Gewalträumen, in denen kein Widerstand mehr möglich sein soll, die somit eine restlos erfolgreiche Gewalt darstellen, wie im Falle von Auschwitz. Auch in solchen Räumen, so Därmann, ist Widerstand noch möglich, wie der Aufstand in Auschwitz vom 07. Oktober 1944 zeigte.
Bei Leire Urricelqui war die Frage von Theorie und Sichtbarmachung im Weiteren eine Arbeit an Konzepten und wer diesen entsprechen kann und wer nicht. Wenn wir Dehumanisierungen kritisieren, so Urricelquis Argument, dann setzt dies eine bestimmte Konzeption des Menschen und damit meist eine Unterscheidung von Menschen und Nicht-Menschen/Weniger-Menschen bereits voraus. In der Kritik wird somit eine Trennung wiederholt, die zutiefst problematisch ist und Solidarität nur mit denen zulässt, die klar auf der eigenen Seite der Menschlichkeit stehen. Wenn etwa von einer Dehumanisierung von Palästinenser:innen gesprochen wird (durch Medien oder israelische Soldat:innen und Politiker:innen), dann drängt sich eine Humanisierung als Gegenmodell auf. Urricelqui kritisierte, den palästinensischen Autor Mohammed El-Kurd zitierend, den damit einhergehenden Fokus auf die „perfekten Opfer”, denen diejenigen nicht entsprechen, die nur Wut überhaben, die nicht vergeben können, die sich nicht mit Zertifikaten oder einer bestimmten Sprechweise ausweisen können. In Yolanda Jansens Vortrag brachte die palästinensische Dichterin Rafeef Ziadah diese Kritik ebenfalls zur Sprache. In ihrem Gedicht spricht Ziadah davon, ihr Englisch perfektioniert zu haben, ihre/eure UN-Resolutionen zu kennen und doch nicht wirklich sichtbar zu werden, weil in der medialen Berichterstattung nach menschlichen Geschichten – human stories – gefragt wird, die ihre politische Situation ausblendet.
Leyla Sophie Gleissner stellte entsprechend die Gewalt heraus, die der Sichtbarkeit, aber auch dem Zuhören eigen ist. Zuhören ist nicht unschuldig, sondern kann ins Verhören kippen, kann somit auch ein Zwang sein, etwa wenn flüchtende Menschen ihre eigene Geschichte erzählen müssen, um Asyl zu bekommen. Gleissner sah hier eine Gefahr auch mittels einer Theoretisierung, durch die Übersetzung in die scheinbare Neutralität akademischer Sprache, Gewalt anzutun. – Wie mit den von Gewalt geprägten Worten umgehen, wenn diese Teil eines akademischen Vortrags sind, der in einem schicken Gebäude in St. Gallen mit Blick auf die Berge gehalten wird? Gleissner entschied sich deswegen, die Worte von Menschen aus Gaza, die nicht wissen, ob dies ihre letzten Worte sind, unkommentiert und -analysiert zu lassen, als Kontrast zu, statt als Teil ihres Vortrags.
Die Beiträge forderten ein Verständnis von politischer Handlungsfähigkeit in inhaltlichem sowie methodischen Sinne heraus, das von einem unabhängigen, autonomen und im Hier-und-Jetzt erscheinenden Subjekt ausgeht und regten dazu an, (Un)Sichtbarkeiten komplexer und vielschichtiger zu sehen. Dies könnte perspektivisch zu einem differenzierteren Blick auf Politik und Politischem führen, welcher in der Folge weniger stark auf die Ebene der (Un)Sichtbarkeit bezogen wäre. Am Ende wurde damit auch auf die Grenzen akademischer Analysen hingewiesen, in Bezug darauf, mit welchem Material wir wie arbeiten und welche Schreibweisen überhaupt als „wissenschaftlich“ genug angesehen werden. Dass der in St. Gallen geschaffene Raum solche Ambiguitäten halten konnte, zwischen schwierigen Themen, deren Komplexität und Gewalttätigkeit anerkannt und präsent gemacht werden sollte, und der netten Runde, in der man darüber sprach, war ein große Verdienst der Konferenz.
Sebastian Althoff ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Medienwissenschaften, Universität Paderborn. Er ist Autor von Digitale Desökonomie: Unproduktivität, Trägheit und Exzess im digitalen Milieu. Derzeit untersucht er den Diskurs über Hass (im Netz) als Linse, durch die das konfliktbehaftete Verhältnis zwischen Demokratie und struktureller Gewalt sichtbar wird.
Ragna Verhoeven ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Bielefeld Graduate School in History and Sociology (BGHS) und assoziiertes Mitglied des Graduiertenkollegs „Geschlecht als Erfahrung“ an der Universität Bielefeld sowie am Laboratoire des Théories du Politique in Paris. In ihrer Dissertation beschäftigt sie sich mit dem Spannungsverhältnis zwischen Konflikt und Verbindendem in Radikalen Demokratietheorien.