Schwerpunkt: 100 Jahre Fanon

Am 20. Juli wäre Frantz Fanon 100 Jahre alt geworden. Fanon setzte sich in seinen Werken auf tiefgehende Weise mit dem Kolonialismus und seinen prägenden Nachwirkungen auseinander. Er analysierte Kolonialismus als systemische Gewalt und frühe Form des Faschismus. Seine Arbeiten verbinden psychologische, marxistische und phänomenologische Perspektiven auf koloniale Entfremdung, Herrschaft und Unterdrückung. Das Denken des Theoretikers, Psychoanalytikers und Aktivisten hat damit nichts an seiner Aktualität und Wichtigkeit für die Politische Theorie verloren – sei es in Bezug auf seine Auseinandersetzungen mit Kolonialität, Gewalt, Rassismus oder Subjektivierung. 

Aus diesem Anlass werden wir uns in den nächsten zwei Wochen im Rahmen eines Schwerpunkts mit verschiedenen Facetten seiner Arbeiten befassen. Wie kein anderer Theoretiker hat Frantz Fanon das Nachdenken über Gewalt betrieben – doch wird in der deutschsprachigen politiktheoretischen Rezeption sein politisches Denken auch häufig auf diesen Aspekt reduziert.  Es ist diese Reduzierung, die die Beiträge anleitet, aus verschiedenen Blickwinkeln genauer hinzuschauen und auszuloten, ob dies nicht eine Begrenzung von Fanons Werk darstellt. Mal mehr, mal weniger explizit um den Begriff der Gewalt kreisend, bringen die Autor:innen des Schwerpunkts Fanons Denken so mit gegenwärtigen theoretischen Perspektiven und Denkschulen ins Gespräch und loten die Viel- und Weitsichtigkeit seines Werks aus. 

Den Anfang macht Ina Kerner mit einer einführenden Perspektive, die Fanon als wichtigen Theoretiker der Politischen Theorie vorstellt. Nicki K. Weber wird sich in einem Close Reading mit dem Kapitel “Die erlebte Erfahrung des Schwarzen” aus Schwarze Haut, Weiße Masken beschäftigen. Jeanette Ehrmann liest Fanon mit Sylvia Wynter und stellt die Soziogenese als zentrales Element des Fanonschen Denkens heraus. Michaela Bstieler und Thomas Bedorf werfen einen phänomenologischen Blick auf Fanon. Viktoria Huegel stellt ästhetische Bezüge zwischen Gewalt und Tanz her. Im letzten Beitrag liest Vanessa Thompson Fanon als antifaschistischen Theoretiker.

Wir freuen uns sehr auf die kommenden Wochen und wünschen viel Spaß beim Lesen und Diskutieren!   

Eure Theorieblog-Redaktion 

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Was die Politische Theorie von der Politischen Bildung lernen kann

Der jüngste Schwerpunkt des Theorieblogs war nicht nur deshalb erfreulich, weil er zur Veröffentlichung von vier sehr anregenden Beiträgen führte, sondern auch, weil er in der Ankündigung die Frage stellte, was Politische Theorie und Politische Bildung voneinander lernen können. Diese Frage und die in den Beiträgen gegebenen Antworten verweisen auf ein Problem: Die gegenseitige Lernfähigkeit wird aktuell sehr einseitig gefasst und die „Brücke zwischen Politischer Theorie und Politischer Bildung“ (Gloe und Oeftering 2017, S. 10) bzw. Politischer Theorie und Pädagogik wird vor allem in eine Richtung begangen (Sörensen 2020, S. 17): Pädagog*innen untersuchen Werke der Politischen Theorie und Philosophie auf ihre bildungstheoretischen und -praktischen Implikationen und die Politikdidaktik blickt für eine „fundierte Begründung der Ziele politischer Bildung“ (Oberle 2017, S. 24; vgl. auch Pohl 2019) auf die Politische Theorie. Für die philosophischen und theoretischen Implikationen aus Pädagogik und Schule interessieren sich politische Theoretiker*innen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, hingegen eher wenig (solche Ausnahmen sind international z.B. Amy Gutmann oder Benjamin Barber, in Deutschland z.B. Manon Westphal, Paul Sörensen und zuletzt natürlich auch der Beitrag von Katharina Liesenberg – die einzige Schwerpunktbeitragende, in deren Stellenbeschreibung nicht „Bildung“, „Didaktik“ oder „Erziehungswissenschaft“ vorkommt). (mehr …)

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Schwerpunkt: Cornelius Castoriadis zum 100. Geburtstag

Am heutigen 11. März hätte Cornelius Castoriadis seinen hundertsten Geburtstag gefeiert. Damit ist ein Anlass für den vorliegenden Schwerpunkt gegeben. Das anhaltende und ausdifferenzierte (wenn auch nicht immer weithin sichtbare) Rezeptionsinteresse an Castoriadis‘ Werk und Denken liefern zudem auch einen mehr als überzeugenden Grund dafür, sich mit dessen unterschiedlichen Facetten und Anschlussmöglichkeiten auseinanderzusetzen.

Zweifellos sind Castoriadis‘ umfangreiche Schriften im Vergleich zu anderen Denker:innen, mit denen sich seine Wege etwa im Kontext von Socialisme ou Barbarie (wie Claude Lefort und Jean-François Lyotard, siehe Poirier 2019), seiner Tätigkeit an der EHESS (wie Jacques Derrida) oder im Umfeld der radikalen Demokratietheorie (wie Chantal Mouffe) kreuzten, bislang weniger umfangreich rezipiert worden. In der Tat ist Castoriadis’ Werk, aus einer links-libertären Strömung der französischen Linken kommend, in der deutschen Theorielandschaft nur spät und dann zögerlich zur Kenntnis genommen worden. Am fehlenden Zugang zu englischsprachigen Ausgaben seiner Schriften kann es allerdings nicht gelegen haben: So liegen schon seit 1988 drei umfangreiche Bände seiner Political and Social Writings bei University of Minnesota Press in englischer Übersetzung vor. Die deutsche Übersetzung seines Hauptwerks, Gesellschaft als imaginäre Institution, 1990 bei Suhrkamp erschienen, hat im deutschsprachigen Raum ebenfalls kaum dazu geführt, Castoriadis als jene wichtige Stimme in Debatten um kritische Theorie und radikale Demokratie zu etablieren, als die er auf internationaler Ebene seit mindestens den 70er Jahren weithin bekannt geworden ist.

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Call for Papers für Schwerpunktheft der „Zeitschrift für Politische Theorie“: „Der Naturzustand zwischen Kontext und Konstruktion – methodische Bedingungen politischer Theoriebildung“

Als HerausgeberInnen eines geplanten ZfPT-Schwerpunkthefts erbitten Oliver Eberl und Silviya Lechner Vorschläge zum Thema Der Naturzustand zwischen Kontext und Konstruktion: methodische Bedingungen politischer Theoriebildung.

Abstracts im Umfang von max. 3.000 Zeichen sind bitte bis zum 31. März 2022 an Dr. Oliver Eberl (o.eberl@ipw.uni-hannover.de) und Dr. Silviya Lechner (silviya.lechner@kcl.ac.uk) zu senden. Eine Rückmeldung durch die HerausgeberInnen erfolgt bis Ende April 2022. Die fertigen Beiträge (Länge 60.000 inkl. Leerzeichen) sind bis zum 31. Oktober 2022 einzureichen. Abstracts sowie Beiträge können auch Englisch eingereicht werden, sofern die erste Bildungssprache Englisch ist. Die Auswahl für den Druck unterliegt einem peer-review Verfahren. Richtlinien zur formalen Gestaltung der Beiträge finden sich unter https://zpth.budrich-journals.de, der gesamte Call (dt./engl.) unterm Strich. (mehr …)

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