Die christlichen Wurzeln der Kritik. Lesenotiz zu Michel Foucaults „Die Geständnisse des Fleisches. Sexualität und Wahrheit 4“

Die Veröffentlichung von Foucaults viertem Band der Geschichte der Sexualität, Die Geständnisse des Fleisches (Berlin: Suhrkamp 2019), wurde von der Foucault-Community und der interessierten Öffentlichkeit gespannt erwartet. Vom lange unter Verschluss gehaltenen Band erhofft sich die Leser_innenschaft neue Erkenntnisse nicht nur zum Thema des Buches – die Reflexionen der Kirchenväter bis Augustinus zu Sexualität und Lebens­führung –, sondern zu Foucaults Werk im Allgemeinen und den großen Fragen nach Macht, Freiheit und Kritik, die dessen Rezeption bestimmen. Und tatsächlich bietet der Band überraschend neue Einsichten, in deren Lichte sich die herrschende Meinung zu Foucaults Freiheits- und Kritikbegriff als falsch herausstellt. Heute ist die These verbreitet, dass Foucaults Arbeiten zur antiken Ethik und parrhesia als Beitrag zu ei­nem normativen Freiheitsbegriff gewertet werden können. Dagegen zeigt Die Geständnisse des Fleisches, dass die für Foucault und unsere Gegenwart relevante Freiheit, die Fähigkeit zur reflexiven Selbst- und Machtkritik, ihren Ursprung in den Subjektivierungen des frühen Christentums hat, das Subjektivität zum ersten Mal an kritische Machtreflexion koppelt.

Die Debatte um Freiheit bei Foucault dreht sich um das Freiheitsproblem, das in seinen archäologischen und genealogischen Arbeiten aufkam, insbesondere in Überwachen und Strafen: einer sozialtheoretischen Beschreibung von Subjektivität, in der Subjektivität von Macht determiniert ist, weshalb es keine Freiheit und keinen Widerstand geben könne. Eine weit verbreitete Behauptung ist, dass die Lösung dieses Problems in Foucaults Spätwerk zu finden sei, der sogenannten ‚ethischen Phase‘, insbesondere in der den Bänden 2 und 3 der Geschichte der Sexualität. Hier würden sich Begriffe finden, die Anlass zur Hoffnung geben, den einseitigen Fokus auf repressive Macht zu überwinden: Selbsttechnolo­gien statt Herrschaftstechnologien, Sorge um sich und Ästhetik der Existenz statt Disziplin und Biomacht, ethische Gestaltung statt moralische Regelunterwerfung. Nach der Veröffentlichung der letzten Vorlesungen Foucaults wurde auch der antike Begriff der parrhesia, das mutige Wahrsprechen gegen die Herrscher, in diese Lösung des Freiheitsproblems durch die Arbeiten zur Antike aufgenommen.

Es ist nicht verwunderlich, dass eine schematische Rezeption der Unterschei­dung zwischen antiker, ethischer und freier Ethik und christlich-moderner, juridischer, institutionell-repressiver Moral vor der Veröffentlichung von Die Geständnisse des Fleisches entstehen konnte. Denn die Geschichte der Sexualität war unvollständig, nur der End- und Ausgangspunkt waren verfügbar: die Beschreibung der modernen Repression zusammen mit der relativen Freiheit in der Antike. Mit dem nun veröffentlichten Zwischenglied, Die Geständnisse des Fleisches, wird die größere historische Kontinuität zwischen anti­ken und christlichen Subjektivierungen sichtbar. Das verdeutlicht, was subjektivierungstheoretisch schon vorher klar war: Auch die freie und ethische Subjek­tivierung ist ein Machtgeschehen, ist von außen auferlegt, obwohl sie eine freie und ästhetische Selbstgestaltung verlangt. Daher kann der eigentlich re­levante Freiheitsbegriff nicht in einer bestimmten Ethik der freien Gestaltung gefunden werden, sondern darin, die Historizität und Vermachtung jeglicher Ethik zu hinterfragen und sich dazu in ein kritisches Verhältnis zu setzen. Ein solcher Freiheitsbegriff, bei dem Freiheit am ehesten als eine Praxis der Macht- und Subjektivierungskritik verstanden werden kann, durch die Subjekte ihre ‚innere Unfreiheit‘ reflektieren und sich dadurch potentiell transformieren können, findet sich in Foucaults späten Überlegungen zum Kritikbegriff und seiner eigenen Methode der Genealogie als historische Macht- und Subjektivierungskritik

Überlegungen von Freiheit als Kritik findet man in Die Geständnisse des Fleisches nicht ex­plizit. Aber Foucaults Analysen erhalten erstaunliche Einsichten bereit. Seine zentrale These ist, dass das Christentum das Rechtssubjekt konsti­tuiert, dem Autonomie und damit auch Verantwortung für sein Begehren zu­geschrieben wird. Die rechtlichen Reglementierungen und Subjektivierungen, die juridischen Formen und ihre Wissen/Macht-Komplexe, die für unsere Gegenwart von solch enormer Bedeutung sind, haben nach Foucault ihren Ursprung in den Problematisierungen von Ehe und Begehren bei den frühen Kirchenvätern und in den christlichen Geständnis- und Bußritualen. Doch gleichzeitig erläutert Foucault einen anderen Aspekt der entstehenden christli­chen Subjektivität: Im ‚Wahrsprechen über sich selbst‘ des christlichen Buß­rituals entsteht zum ersten Mal eine Praxis einer kritischen Machtreflexion. Das Selbst soll sich reinhalten und dafür ständig fremde, teuflische Mächte in seinem Inneren aufspüren und kritisch überprüfen. Diese Praxis der kriti­schen Überprüfung innerer Fremdbestimmung durch äußere Mächte mit dem Ziel der Autonomie und Transformation weist große systematische Ähnlich­keit mit der kritischen Praxis bei Foucault auf, mit dem zentralen Unter­schied, dass es sich nicht um eine historisch-genealogische Macht- und Sub­jektkritik handelt, sondern um eine theologisch-ethische. Dennoch zeigen Foucaults Analysen, dass in der Erfahrung des Fleisches der Beginn einer kritischen Subjektivität liegt, die sich durch Reflexivität bezüglich des inneren Fremden konstituiert und transformiert:

„[Es geht um] die Konstituierung von sich selbst als Gegenstand der Untersuchung und des Diskurses, die Befreiung, die Reinigung von sich selbst und die Erlösung mittels Operationen, die bis ins Innerste des Selbst Licht bringen und die tiefsten Geheimnisse an das Licht der erlösenden Offenbarung führen. Was damals entstanden ist, ist eine Form der Erfahrung – sowohl verstanden als Modus der Selbstpräsenz wie auch als Schema der Selbsttransformation“ (S. 76).

Ein weiterer Aspekt der modernen Machtkritik, der ebenfalls schon in der christlichen Erfahrung angelegt ist, ist die Erkenntnis, dass die Hinterfragung der innerlich wirkenden Macht des anderen ein endloses Geschäft ist.

„Wenn es eine Subjektivierung gibt, dann impliziert diese eine endlose Objektivierung des Selbst durch das Selbst – endlos in dem Sinne, dass sie niemals ein für alle Mal erreicht wird und von daher in der Zeit kein Ende findet; und in dem Sinne, dass die Prüfung der Bewegungen des Denkens […] immer so weit wie möglich getrieben werden muss. […] [Es geht darum], in sich die Macht des Anderen, des Widersachers zu brechen, der sich unter der Oberfläche des eigenen Selbst verbirgt“ (S. 330).

Das Christentum – und nicht die antike Ethik oder parrhesia – praktiziert Subjektivität zum ersten Mal als kritische Selbstreflexion von fremder und innerlich wirkender Macht und kontinuierliche Selbsttransformation. Hier entstehen also die Grundelemente der modernen Herme­neutik des Verdachts, die das eigen und frei scheinende Denken kritisch auf Fremdbestimmung und Repression hin überprüft. Dabei kann diese Herme­neutik zu keinem Stillstand kommen, weil es keinen freien Kern des Subjekts gibt, an dem angekommen die Kritik ein Ende fände. Denn Subjektivität ist nur mit und durch die anderen denkbar, also durch Macht konstituiert; dies ist und bleibt der Kern von Foucaults Subjektivierungsbegriffs.

In Was ist Kritik vertritt Foucault die These, dass sich Kritik als „kritische Haltung“ bzw. „die Kunst, nicht dermaßen regiert zu werden“ [Was ist Kritik, S. 12] im 15. Jahrhundert als Gegenbewegung zur Regierungsintensivierung der christlichen Pastoral entwickelte. Er sieht die Ursprünge der kriti­schen Haltung auch in der Infragestellung der christlichen Lehrmeinung und im Aufbau eines eigenen, neueren, reineren Verhältnisses zur Bibel [Was ist Kritik, S. 13]. Die Geständnisse des Fleisches zeigt, dass die Grundlagen der Kritik noch viel früher liegen, nämlich in der christlichen Erfahrung des Fleisches und ihrer Verbindung von Subjektivität, Wahrheit und Kritik. Erst auf Grundlage dieser Subjektivierungen wird der in Was ist Kritik beschriebene Zusammenhang zwischen Christentum und dem Willen, nicht so regiert zu werden, intelligibel.

Für die gegenwärtige sozialphilosophische Reflexion auf Macht und Freiheit bedeutet dies, dass nicht nur die repressive Macht, die uns normiert und festschreibt, bis in die Antike zurückgeht. Auch die Ursprünge der emanzipativen und rebellischen Seite der Kritik liegen weit zurück. Überraschend ist dabei in Anbetracht der bisherigen Foucault-Rezeption, die die Freiheit tendenziell in der Antike verortete und den Ursprung der Kritik in der parrhe­sia sieht, dass die Struktur der reflexiv-machtkritischen und potentiell wider­ständigen Subjektivität nach der Lektüre von Die Geständnisse des Fleisches spä­ter, erst im Frühchristentum, verortet werden muss.

Diese Lesart hat Konsequenzen für unsere gegenwärtige Diskussion über Freiheit und Politik. Demokratie ist kein Geschäft von parrhesiasten, die sich selbst in ihrer ‚gesellschaftskritischen‘ Wahrheit fundamental sicher sind – die aktuelle Konjunktur von rechtpopulistischen Wahrheitsbehauptungen verdeutlicht dies eindringlich. Freiheit mit Foucault als Kritik zu verstehen ermöglicht hingegen eine neue genealogische und systematische Charakterisierung von Demokratie im Postfundamentalismus: Entscheidend für widerständige Subjektivität ist die selbstkritische Reflexion von fremder Macht, die tief in unserem Inneren wirkt. Subjektivierungskritik ist der Kern von freiheitlicher und demokratischer Politik. Diese Freiheit kann durch die genealogische Selbstverständigung über die christlichen Wurzeln der Kritik, gerade in Anbetracht ihrer Verstrickung mit repressiver christlich-juridischer Normierung, die Foucault in Die Geständnisse des Fleisches beschreibt, besser verstanden und eingefordert werden.

 

Karsten Schubert ist geschäftsführender Assistent/wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Politische Theorie, Philosophie und Ideengeschichte der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Seine Arbeitsgebiete sind zeitgenössische kritische politische Theorie und Philosophie, Demokratietheorie, Rechtsphilosophie, Queer-Theory und Anti-Rassismus. Zurzeit forscht er zur Schnittstelle von kritischer Rechtstheorie und intersektionaler gesellschaftskritischer Ethik. Zuvor promovierte er in Philosophie an der Universität Leipzig zum Thema „Freiheit als Kritik. Sozialphilosophie nach Foucault“ (Bielefeld: transcript 2018).

Dieser Beitrag basiert auf einer umfänglicheren Rezension für die Zeitschrift für philosophische Literatur.

 

 

2 Kommentare zu “Die christlichen Wurzeln der Kritik. Lesenotiz zu Michel Foucaults „Die Geständnisse des Fleisches. Sexualität und Wahrheit 4“

  1. Sehr interessant! Dazu passen ev. auch die Publikationen von Victoria Rationi („Der nichtreligiöse gute Mensch“ – „Das Religionsparadox“).

    MfG Norbert Lesar

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