Political Correctness als Privilegienkritik

Dieser Text erscheint zugleich auf Literaturwissenschaft in Berlin.

‚Political Correctness‘ (‚PC‘) ist zu einem zentralen politischen Kampfbegriff geworden. Gegenderte Sprache, übermalte Gedichte und ausgeladene Sprecher_innen erhitzen die Gemüter, insbesondere auf konservativer und rechter Seite. Vor dem Hintergrund der rechten Kritik an ‚politisch korrekten‘ Freiheitseinschränkungen sind die sozialwissenschaftlichen Diskussionen über ‚PC‘ neu entflammt: Einige Kommentator_innen sehen den Grund für die Wahlerfolge der Rechten darin, dass es tatsächlich eine problematische ‚PC‘-Kultur gibt, weshalb die rechte Kritik greife. Andere verteidigen ‚PC‘ als wichtigen Teil des emanzipatorischen Projekts für universelle soziale Gerechtigkeit.

Ich argumentiere für die zweite Position, die Verteidigung von ‚PC‘, aber formuliere sie radikaler: ‚PC‘ ist emanzipative Normsetzung – die Einschränkung von Privilegien ist der vernünftige Kern dieser Politik. Es ist also kein Wunder, dass sich Menschen gegen ‚PC‘ wehren und dagegen protestieren, denn viele, nämlich Privilegierte, verlieren dadurch. Doch dass sie verlieren ist der Gewinn der anderen, heute nicht Privilegierten – und ein ganz normaler und auch unterstützenswerter Teil von emanzipatorischer Politik. Die ‚PC‘-Kritik hingegen ist meist eine Strategie zur Verteidigung von partikularen Privilegien durch die strategische – und bei näherem Hinsehen falsche – Anrufung universaler Prinzipien wie der Meinungsfreiheit. Mit diesem Verständnis kann man den ‚PC‘-Kritiker_innen, die sich nicht nur im explizit rechten Lager finden, sondern auch im konservativen Feuilleton, an der Universität, und auch in linken Kreisen, selbstbewusster entgegentreten und sagen: Ja, wir setzen neue Normen, die euch einschränken – und das ist auch gut so. (mehr …)

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Die christlichen Wurzeln der Kritik. Lesenotiz zu Michel Foucaults „Die Geständnisse des Fleisches. Sexualität und Wahrheit 4“

Die Veröffentlichung von Foucaults viertem Band der Geschichte der Sexualität, Die Geständnisse des Fleisches (Berlin: Suhrkamp 2019), wurde von der Foucault-Community und der interessierten Öffentlichkeit gespannt erwartet. Vom lange unter Verschluss gehaltenen Band erhofft sich die Leser_innenschaft neue Erkenntnisse nicht nur zum Thema des Buches – die Reflexionen der Kirchenväter bis Augustinus zu Sexualität und Lebens­führung –, sondern zu Foucaults Werk im Allgemeinen und den großen Fragen nach Macht, Freiheit und Kritik, die dessen Rezeption bestimmen. Und tatsächlich bietet der Band überraschend neue Einsichten, in deren Lichte sich die herrschende Meinung zu Foucaults Freiheits- und Kritikbegriff als falsch herausstellt. Heute ist die These verbreitet, dass Foucaults Arbeiten zur antiken Ethik und parrhesia als Beitrag zu ei­nem normativen Freiheitsbegriff gewertet werden können. Dagegen zeigt Die Geständnisse des Fleisches, dass die für Foucault und unsere Gegenwart relevante Freiheit, die Fähigkeit zur reflexiven Selbst- und Machtkritik, ihren Ursprung in den Subjektivierungen des frühen Christentums hat, das Subjektivität zum ersten Mal an kritische Machtreflexion koppelt. (mehr …)

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