Alles nur noch auf Englisch?

In der Schweiz wird zurzeit darüber gestritten, ob in Zukunft Gesuche zur Forschungsförderung in der Politikwissenschaft nur noch auf Englisch eingereicht werden dürfen – davon betroffen ist natürlich auch die Politische Theorie. Forscher der Universität Lausanne haben eine Petition gegen entsprechende Pläne des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) in Umlauf gebraucht.

Eine kürzlich bekanntgemachte (inzwischen sistierte und auf Mai vertagte) Entscheidung des Schweizerischen Nationalfonds – nämlich in der Politikwissenschaft in Zukunft nur noch englischsprachige Gesuche zuzulassen – hat in der Schweiz zu einer größeren Debatte geführt. Zwei Westschweizer Parlamentarier haben inzwischen sogar die Regierung aufgefordert, zu diesem Thema Stellung zu beziehen. Der Hintergrund: Bisher konnten in der Politikwissenschaft SNF-Forschungsförderungsgesuche auf Englisch oder in einer Landessprache eingereicht werden. Der Nationalfonds wollte das auf April dieses Jahres hin ändern und nur noch auf Englisch verfasste Gesuche akzeptieren.

Nachdem von PolitikwissenschaftlerInnen der Universität Lausanne eine Petition gegen diesen Entscheid in Umlauf gebracht wurde, verschob der SNF den Entscheid auf Mai und versprach, eine ausführlichere Konsultation durchzuführen. Die Schweizerische Vereinigung für Politische Wissenschaft (SVPW) befragte mittlerweile auch mit einer Online-Umfrage ihre Mitglieder, ob sie die geplante Politikänderung des Nationalfonds bekämpfen solle. Das Ergebnis der Umfrage war ein knappes „Nein“. Die PolitikwissenschaftlerInnen in der Schweiz sind also in dieser Frage gespalten.

Auffallend ist, dass der Nationalfonds bei der Begründung der geplanten Änderung ausschließlich auf Praktikabilitäts- und Effizienzüberlegungen fokussiert, während die Gegner der Änderung dieser eine große symbolische Bedeutung zumessen und eine Grundsatzdebatte über die Rolle der Politikwissenschaft als Disziplin und über unterschiedliche Wissenschaftskulturen in verschiedenen Sprachregionen führen wollen.

Der SNF argumentiert, dass es immer schwieriger werde, externe Gutachter für in den Landessprachen verfasste Gesuche zu finden. Zudem liege der Anteil der englischsprachigen Gesuche bereits heute bei rund 80%. Verwiesen wird weiter auf die Notwendigkeit, Forschungsresultate auf Englisch zu verbreiten, um die Wettbewerbsfähigkeit der schweizerischen Politikwissenschaft zu sichern. Die Petitionäre heben demgegenüber die Wichtigkeit der Sprache in der Politikwissenschaft – gerade in der Politischen Theorie – hervor und machen geltend, dass ein Englischzwang zu einer Verkümmerung der Disziplin und zu einem unverträglichen Einheitsbrei führen würde. Sie verlangen, dass die Wahlfreiheit bei der Sprache erhalten bleibt.

Wenig überzeugend ist sicherlich die Behauptung des SNF, dass 2-4 nicht-englischsprachige Gesuche pro Semester ein Problem darstellen. Es ist schwer denkbar, dass es nicht möglich sein sollte, in Ländern wie der Schweiz, Deutschland, Österreich, Frankreich oder Belgien jeweils 2-4 Gutachter mit den entsprechenden Sprachkenntnissen ausfindig zu machen. Auch die zunehmende inhaltliche Spezialisierung ändert daran wenig. Der Verweis auf den bereits heute hohen Anteil von englischsprachigen Gesuchen reicht ebenfalls nicht aus, um Englisch zur einzigen Antragssprache zu machen – es ist unklar, weshalb man nicht einer Minderheit zugestehen sollte, weiterhin in anderen Sprachen Anträge zu stellen. Dies umso mehr, als ein Wechsel zum Englischen als einziger Gesuchssprache offensichtlich unter den betroffenen WissenschaftlerInnen momentan umstritten ist. Von einer bloßen Anpassung an eine bereits existierende Praxis kann daher nicht die Rede sein.

Interessant ist, dass manchmal fast vergessen zu gehen scheint, welches Maß an Übersetzungsleistung notwendig ist, um in mehreren Sprachen wissenschaftlich zu arbeiten – und zu letzterem sind beispielsweise die meisten Forschenden in der Politischen Theorie im deutschsprachigen Raum gezwungen. Es ist für eine deutsch- oder französischsprachige Wissenschaftlerin nahezu unmöglich, ihre ganze Forschungsarbeit auf Englisch durchzuführen, selbst wenn sie dies möchte und das Englische perfekt beherrscht. Denn spätestens in der Kommunikation mit Studierenden oder mit der Welt außerhalb der Universität wird sie doch wieder auf die lokale Sprache zurückgreifen müssen. Umgekehrt muss eine Person, die hauptsächlich in ihrer Muttersprache arbeitet, zumindest den einen oder anderen Artikel auf Englisch veröffentlichen können. Man kann den geplanten SNF-Entscheid so sehen, dass er in vielen Fällen zusätzlichen Übersetzungsaufwand generiert (selbst wenn keine professionelle Übersetzung des Forschungsplans stattfindet, wie es der SNF als Lösung vorschlägt): Zu Beginn des Forschungszyklus muss ein Projekt in jedem Fall auf Englisch ausformuliert werden, unabhängig davon, ob die weitere Forschungsarbeit und die Publikation der Resultate auch auf Englisch erfolgen. Damit erbringen nichtenglischsprachige ForscherInnen eine zusätzliche Übersetzungsleistung. (Der SNF verfolgt übrigens nach wie vor eine Politik der Mehrsprachigkeit bei den Publikationen.)

Und natürlich können in der Realität perfekte Englischkenntnisse keinesfalls vorausgesetzt werden. Die Englischkenntnisse vieler Wissenschaftler, deren Muttersprache nicht Englisch ist, sind schlicht nicht ausreichend, um ohne bedeutende Qualitätsverluste in dieser Sprache zu arbeiten. Wie Antoine Chollet, einer der Erstunterzeichner der Petition in der Zeitung „Le Temps“ geltend machte, ist das Englischniveau in der Politikwissenschaft oft nicht sehr hoch. Dies muss nicht unbedingt problematisch sein – irgendwie muss man ja international miteinander kommunizieren – aber es spricht doch dafür, dass das Arbeiten in der Muttersprache auch gewisse Vorteile mit sich bringt. Zwar macht der SNF mit Recht geltend, dass heute sehr gute Englischkenntnisse von SozialwissenschaftlerInnen eingefordert werden können – aber zwischen „sehr guten Kenntnissen“ und der Fähigkeit, in einer anderen Sprache ohne Qualitätsverluste beim Inhalt zu schreiben, besteht immer noch ein großer Unterschied.

Es mag aufgefallen sein, dass der Widerstand gegen die geplante Änderung vor allem aus der französischsprachigen Schweiz kommt. Das Medienecho war in dieser auch bedeutend größer als in der Deutschschweiz (obwohl auch der Zürcher Tages-Anzeiger zweimal berichtete). Patrick Emmenegger, Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Politische Wissenschaft, ist jedoch nicht der Ansicht, dass es sich um ein typisches Röstigrabenphänomen handelt. Auch der politische Theoretiker Antoine Chollet, der an der Petition beteiligt ist, weist auf Nachfrage diese Vermutung zurück. Möglicherweise besteht aber in der Westschweiz ein größeres Medieninteresse an der Bildungspolitik. Dazu kommt, dass sich für Politiker aus der Romandie der geplante Entscheid in das übergeordnete Thema eines so genannten „Sprachenstreits“ einfügt, bei dem es unter anderem auch darum geht, ob in den Deutschschweizer Schulen Französisch oder Englisch die erste „Fremd“sprache sein soll. Für Deutschschweizer ist ein solches Interpretationsschema der Bedrohung natürlich weniger naheliegend. Als durchaus englischfreundliche Deutschschweizerin stimme ich den KollegInnen von der Universität Lausanne und den weiteren Petitionsunterzeichnern dennoch zu, dass eine tiefer gehende Debatte stattfinden sollte, bevor der SNF den entsprechenden Entscheid fällt.

Sabine Hohl ist Universitätsassistentin in Politischer Philosophie an der Karl-Franzens-Universität Graz. Sie ist an der Sprachgrenze zwischen deutsch- und französischsprachiger Schweiz aufgewachsen.

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