Theorie und Methode – Ein Rückblick auf das Berliner Methodentreffen

Bereits zum siebenten Mal trafen sich im Juli ca. 450 SozialwissenschaftlerInnen zum jährlich an der Freien Universität stattfindenden Berliner Methodentreffen. Die politische Theorie und Ideengeschichte aber stehen in einem schwierigen Verhältnis zur sozialwissenschaftlichen Methodenlehre. Selbst wenn man Statistik nicht als „die mathematische Manipulation der Wirklichkeit“ (Hannah Arendt), sondern als berechtigten Teil sozialwissenschaftlichen Nachdenkens versteht, so sind statistische Sozialwissenschaft und politische Theorie und Ideengeschichte sich eher fremd. Dies mag seine Wurzeln in der eher zahlenaffinen naturwissenschaftlichen Orientierung des einen und der mehr wortaffinen geisteswissenschaftlichen Orientierung des anderen haben. Aber auch jenseits dieses schwierigen Verhältnisses gibt es international zwar Ansätze wie die Cambridge School um Skinner und Pocock oder die interpretativ-hermeneutischen Verfahren Strauss‘, Voegelins oder Arendts, die hinterfragen, wie Ideengeschichte und Theorie zu betreiben seien – wie Herfried Münkler und Grit Straßenberger aber konstatieren, fehlt trotz verstärkter Bemühungen in Deutschland eine kontinuierliche Methodendiskussion und –tradition. Gleiches gilt für eine Diskussion der Frage, wie die Disziplin soziale und politische Strukturen, Prozesse und Handlungen – mithin ‚Wirklichkeit‘ – angemessen erfassen kann, um sie in theoretischer und ideengeschichtlicher Weise analytisch durchdringen zu können. Gerade unter der Annahme der Konstruiertheit der sozialen Welt wird diese Frage virulent, weil der wissenschaftliche Zugang zur ‚Wirklichkeit‘ nicht mehr unmittelbar erfolgen kann, sondern ihr Status als Wirklichkeit prekär geworden ist. Ein Besuch und ein Rückblick auf das Berliner Methodentreffen für qualitative Sozialforschung lohnen sich daher auch, um einen Blick auf das Verhältnis von Theorie und qualitativen Methoden zu werfen.

Das Herzstück der Veranstaltung, die in diesem Jahr am 15. und 16. Juli stattfand, sind die Forschungs­werkstätten und Workshops, in denen einerseits grundlegende Züge qualitativer Methoden erarbeitet und diskutiert werden, andererseits aber auch die Möglichkeit besteht, das eigene Forschungsprojekt mit anderen methodenspezifisch zu diskutieren. Am ersten Tag bot die Veranstaltung 15 parallele Arbeitsgruppen zu einzelnen Methoden wie der Grounded Theory, der hermeneutischen Wissenssoziologie, Inhaltsanalyse oder der Diskursanalyse, wohingegen die 19 parallelen Workshops des zweiten Tages darüber hinaus auch Einführungen in qualitative Analyseinstrumente wie MAXQDA oder Fragen des Samplings bot. Das überaus vielfältige Angebot für die Teilnehmenden wurde dabei aber zum Teil um den Preis schwankender Qualität erkauft: In Einzelfällen kam es vor, dass es den ReferentInnen nicht gelang, Sinn und Mehrwert der Methode gegenüber anderen Methoden zu vermitteln und kritische Fragen produktiv zu wenden. Grundsätzlich aber versammeln sich hier als ReferentInnen auch die SpezialistInnen der qualitativen Methodenforschung wie Uwe Flick, Jo Reichertz, Reiner Keller oder Rainer Diaz-Bone, dessen diesjähriger Workshop zur Foucault‘schen Diskursanalyse eine hervorragende Verbindung von theoretischer Einführung, beispielbezogener Erläuterung und Anwendungsfragen der TeilnehmerInnen bot.

Dabei können gerade an der Diskursanalyse auch zwei komplementäre Verbindungslinien von Theorie und Methode sichtbar gemacht werden, da diese ursprünglich von Foucault als Diskurstheorie entworfen wurde, um dann erst in verschiedenen Ansätze als Analysemethodik fruchtbar gemacht zu werden. Die diskursanalytische Methode kann so zum einen dazu dienen, eine diskurstheoretisch basierte politische oder soziologische Theorie mit empirischem Material zu unterfüttern: Entweder um damit durch die Illustration einen höheren Grad an Plausibilität für eine deduktiv gewonnene Theorie zu erreichen oder um eine allgemeinere Theorie höheren Abstraktionsgrades an einem spezifischen Gegenstand zu demonstrieren, zu irritieren oder zu spezifizieren. Die andere Verbindungslinie ist insofern komplementär dazu, als dass sie die Richtung von Theorie und Empirie umkehrt, und sich so Theorie und qualitative Methode gewissermaßen gegen die quantitative Sozialwissenschaft verbrüdern: Infolge von Karl Poppers Wissenschaftstheorie taucht Theorie dort nämlich stets als deus ex machina auf; sie wird nicht aufgebaut, sondern eher vom Wissenschaftler oder der Wissenschaftlerin aus dem Hut gezaubert. Dagegen ermöglichen es qualitative Methoden, induktiv Theorien zu entwickeln und damit den Prozess der Theoriegenese offenzulegen. Nicht zuletzt ist dies ein grundlegendes Anliegen der qualitativen Methoden, das dem diagnostischen Interesse der politischen Theorie und Ideengeschichte entgegenkommt.

In den Pausen während und zwischen den Workshops des Methodentreffens stand hingegen ein eher forscherpraktisches Moment im Zentrum: Eine kleine Messe von Fachzeitschriften (z.B. sozialersinn oder FQS), Fachverlagen (u.a. dem VS Verlag) und qualitativen Softwareprogrammen ermöglichte es, den Kontakt zu den Herausgebern zu knüpfen, Fragen zu stellen und Rabatte beim Erwerb von Zeitschriften oder Software zu erlangen. Daneben bot sich – insbesondere in einer Poster-Session am Sonntagvormittag, in der einige TeilnehmerInnen ihre Forschungsvorhaben präsentierten, – Gelegenheit zum Austausch mit den Teilnehmenden und ReferentInnen des Methodentreffens. Gerahmt wurde das Programm des diesjährigen Methodentreffens wie üblich von einer Schlussvorlesung, gehalten von Adele Clark zum Thema „Qualitative Research and Postmodernism“, und einer Einführungsvorlesung, die in diesem Jahr Rainer Diaz-Bone zur „Performativität der qualitativen Sozialforschung“ hielt. Dabei hob dieser darauf ab, dass die Theorien und Erkenntnisse der Sozialforschung in mehrdimensionaler Weise performativ wirken, indem beispielsweise Theorien die Konstruktion von Auswertungsinstrumenten wie z.B. Software beeinflussen, Schreibstile Wissenschaftskollektive konstituieren und die Wissenschaft ihren Gegenstandsbereich maßgeblich formt. Er schlug daher vor, eine Soziologie der Sozialforschung in Angriff zu nehmen, die Methodenkulturen auf ihre Kohärenz hin betrachtet und der Frage nachgeht, wie aus dem „Wie“ wissenschaftlicher Praxis deren Ergebnisse entstehen.

Nicht zuletzt ist das eine Perspektive, der sich auch die politische Theorie und Ideengeschichte annehmen kann: Eine Theorie der Politikwissenschaft und ihrer Methoden, die einerseits eine theoretisierende Selbstreflexion des Faches, andererseits eine Theoretisierung seiner performativen Dimensionen sein könnte, ist ein Desiderat. Hierfür ließe sich an den Vortrag Diaz-Bones anschließen, der im Übrigen wie die Abschlussvorlesung und Teile der Workshops in absehbarer Zeit auf den Seiten des Methodentreffens dokumentiert wird.

Vincent Rzepka ist Masterstudent der Sozialwissenschaften an der HU Berlin und studentische Hilfskraft am Sonderforschungsbereich 644 „Transformationen der Antike“ im Teilprojekt „Imperiale Deutungsmuster“.

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